Schau mir in die Augen Kleines…

On 29. September 2010, in Menschen, Philosophie, Technik, by Ingo


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© Giesla Peter / PIXELIO

Die Welt ist voller Ablenkung. Jeden Tag strömen E-Mails in unser Postfach, gibt es Kurznachrichten über ICQ, das Handy reißt uns mit einer SMS aus dem Rhythmus. All das gehört zum täglichen Wahnsinn. Aber wir können immerhin noch wegschauen. Einfach umdrehen, den Monitor abschalten und zu einem guten Buch greifen.

Mit der neusten Erfindung von Forschern der Universität Washington geht das nicht mehr. Die haben nämlich vor, Kontaktlinsen mit Micro-LEDs auszustatten, sodass es möglich wird, über die Sehhilfe Einblendungen direkt auf die Netzhaut zu projizieren.

Augmented Reality für’s Auge. Der Praktische Nutzen daran wäre sicherlich, Umgebungsinformationen in Echtzeit über die Welt gelegt zu bekommen. Man befindet sich in einer fremden Stadt und erkennt die berühmten Gebäude nicht? Kein Problem, die Daten werden direkt geliefert – quasi auf’s Auge gedrückt. Aktuell existieren kleine, vor das Auge gehaltene Monitore, über die ein augmented reality System Daten anzeigen kann. Diese dienen dann dazu, Technikern das Zusammenbauen von Maschinen zu erleichtern oder zeigen Soldaten Schlachtfeldinformationen an. Eins der ersten dieser Systeme fand übrigens militärischen Einsatz: Kampfhubschrauberpiloten bekommen über ein solches System (Bull’s Eye) Informationen der Geschützkamera eingeblendet und können so die Waffensysteme steuern.

Den Forschern aus Washington schwebt allerdings noch ein ganz anderer Einsatz vor. Apps! Statt auf dem iPhone direkt auf der Netzhaut. Wetterinformationen, Städteführer, Minispiele… das Auge isst mit. Wenn dann eine E-Mail kommt, kann man sie nicht mehr ignorieren oder einfach weg sehen. Sie ist quasi immer direkt vor uns.

Aber es wäre nun grundlegend falsch, das als rein positiv zu sehen. Immerhin: Wenn ich Informationen direkt eingeblendet bekomme, muss ich nichts mehr über meine Umgebung wissen. Es ist gar nicht nötig, mein Allgemeinwissen zu erweitern, um mich in einer fremden Stadt auszukennen und zu wissen, welches die berühmtesten Bauwerke sind. Sie werden mir ja direkt gezeigt.

Gut, das ist praktisch für alle, die sich nicht mit „überflüssigem Allgemeinwissen“ belasten möchten. Allerdings könnte hier ein großer Teil Wissen einfach verloren gehen, weil niemand mehr etwas darüber lernen muss, was um ihn herum so ist, sollte diese Technologie wirklich reif für den Massenmarkt werden. Es zeichnet sich also eine zusätzliche Belastung mit überflüssigen Informationen ab und ein Verlust an Allgemeinwissen.

Das der Verlust an Allgemeinwissen durch computergestützte Informationsverbreitung schon weit genug gekommen ist, habe ich kürzlich erst bei einem Besuch in Berlin am eigenen Leib erfahren dürfen.

Steffi: „Das ist übrigens das Theater des Westens.“
Ich: „Oh… ach echt? Cool, ich steh direkt vor berühmten Gebäuden und erkenn‘ sie nicht. Epic fail…“

Quelle: pressetext

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