Medien, Moral und Wikileaks

On 3. Dezember 2010, in Gesellschaft, Technik, by Ingo

Ein Aufschrei des Entsetzens rollte durch die on- und offline Medien, als die Enthüllungsplattform Wikileaks diplomatische Depeschen von amerikanischen Botschaftern veröffentlichte.

Die einen brandmarkten maßgebliche Informanten als Verräter, die nächsten wetterten, dass man so ein Portal verbieten müsste, weil es der Gesellschaft schaden würde, wieder andere hielten es für gut und richtig, dass die Dokumente veröffentlicht worden sind. Aber was stimmt nun?

Internationale Politik, Völkerrecht und Sicherheitsfragen sind ein so weites Feld, mit so vielseitigen Informationen, dass es wohl kaum möglich sein wird, eine vollständige Klärung der Frage anzubieten, ob die Veröffentlichung nun richtig war oder nicht.

Ein Bruch der Vertraulichkeit der Kommunikation ist in der Tat ein starkes Stück, ist gegenseitiges Vertrauen doch der Klebstoff, der die Gesellschaft zusammenhält. Wie wäre die Welt, wenn wir nicht darauf vertrauen könnten, dass uns der Nächste, dem wir auf der Straße begegnen, am Leben lässt? Man würde, verständlicherweise, vorsichtiger. Auch wenn ein Fehlen von Vertrauen noch nicht bedeutet, dass arges Misstrauen herrschen muss.

Im Falle der veröffentlichten Depeschen dürfte deutlich geworden sein, dass man allerdings auch nur in jene Dinge vertraut, die man gezeigt bekommt. Dass die Dinge hinterher gänzlich anders aussehen, ist nicht erstaunlich, schockiert aber trotzdem. Das Verhältnis zwischen Staaten ist an dieser Stelle vergleichbar mit dem Verhältnis zwischen ganz gewöhnlichen Menschen – die Sozialform ist lediglich deutlich größer und Komplexer angelegt. Ein Beispiel: Wer würde seinem Nachbarn, seiner Schwiegermutter oder einem Freund schon gern ins Gesicht sagen, was er von ihm hält? Sicherlich würden das einige gern, unterlassen es aber, denn die Konsequenz daraus wäre ein Bruch der Freundschaft oder ein sehr angespanntes nachbarschaftliches Verhältnis.

Zwischen Staaten ist es ähnlich. Man mag dem Nachbarn nicht sagen, was man von ihm hält, schließlich möchte man sich das Verhältnis ja nicht verscherzen oder gar einen Krieg riskieren. Ein Bruch dieses Vertrauensverhältnisses ist nun, als würden wir uns bei einem guten Freund über unseren Nachbarn beschweren und besagter guter Freund hätte nun nicht viel Besseres zu tun, als direkt zu unserem Freund zu laufen und dem brühwarm zu erzählen, was wir da nun gesagt haben.

Schön. Aber ist das ehrlich? Ich sehe hier nicht das Problem, dass Wikileaks Informationen veröffentlicht hat. Ganz im Gegenteil. Das Problem ist vielmehr die mangelnde Aufrichtigkeit – unter den Menschen im Kleinen und unter den Staaten im Großen. Würde man von Anfang an ehrlich und aufrichtig miteinander umgehen, so bräuchte es keinerlei Geheimniskrämerei und keine Einschätzungen, von denen derjenige, der eingeschätzt wird, hinterher beleidigt ist. Das Verschleiern der eigenen Meinung dient in diesem Fall lediglich dazu, sich selbst einen Vorteil gegenüber dem anderen zu verschaffen. Und da das jeder so macht und jeder davon weiß, dass der andere es macht, sollte es eigentlich gar nicht verwundern, dass hinterher einer (oder alle) beleidigt sind, wenn das Vorgehen dann im Detail bekannt wird.

Ist das Problem lösbar? Ich denke schon. Was fehlt, ist Aufrichtigkeit. Wenn ich meinen Nachbarn nicht mag, dann meide ich ihn. Wenn ich meinen Nachbarn nicht mag, aber trotzdem einen Vorteil von ihm erlangen und mit ihm Geschäfte machen will, dann muss ich mich notwendigerweise mit ihm arrangieren. Für Staaten gilt nichts anderes – die Organisationsform ist nur komplexer.

Von einer „Gefahr der Weltsicherheit“ ist hier, wie in manchen Medien lauthals herausgeschrien, auch nicht auszugehen. Wegen diplomatischen Einschätzungen wird nun sicher kein Krieg ausbrechen. Internationale Beziehungen könnten zunächst einmal schwieriger werden, aber derartiges ist noch lange kein ernsthafter Grund um einen Krieg anzuzetteln oder auch nur Kampfhandlungen zur rechtfertigen.

Bleibt noch die Frage, ob es richtig war, Informationen zu veröffentlichen, die nicht dazu bestimmt waren. Eine Frage, die direkt mit dem Wert der Vertraulichkeit und dem Wert der Freiheit zusammenhängt. Ich möchte nicht, dass meine private Kommunikation von einem Staat überwacht, gelesen und ausgewertet wird. Ich empfinde das als Eingriff in meine persönliche Freiheit und einen direkten Vertrauensbruch. Aber: Warum sollte dieses Recht auf Freiheit und Vertraulichkeit einem Staat nicht auch zukommen? Für Staaten, wie wir sie idealerweise kennen, gilt, dass sie ein Zusammenschluss aus Menschen auf einem bestimmten Territorium sind. Wir alle sind ein großer Organisationsverbund. Untereinander haben wir dann einen großen, vernetzten, Organisationsverbund – wenn auch mit völlig unterschiedlichen Interessen (aber auch schon Menschen innerhalb eines Staates haben unterschiedliche Interessen). Wenn ich als Einzelner also das Recht auf Vertraulichkeit und Freiheit habe, dann hat es der Staat erst Recht – bzw. er hat als größere Organisationsstruktur dafür zu sorgen, dass ich dieses Recht genießen kann.

So gesehen, dürften wir uns nicht wundern, wenn staatliche Strukturen dann fordern, dass Seiten wie Wikileaks verboten werden. Immerhin wird dort dem Staat sein Recht auf Freiheit und Vertraulichkeit genommen. Einfach ausgedrückt: Will man uns überwachen, protestieren wir gegen Vorratsdatenspeicherung und Telekommunikationsüberwachung. Veröffentlicht man geheime Dokumente, protestiert ein Staat dagegen und fordert die Abschaltung der Seite, auf der es veröffentlicht wurde.

Die, vorläufige, Antwort auf die Frage, ob die Veröffentlichung der Depeschen richt war oder nicht, muss also lauten: Nein. War sie nicht. Aber es ist trotzdem schön zu wissen, was hinter den Kulissen so gespielt wird.

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