Wenn man Twitter gestern so verfolgt hat, dann hätte man meinen können, dass nach der Verhaftung von Julian Assange ein virtueller Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Viele sprachen schon vom Cyber War, die Welt geriet für einen Moment aus dem Gleichgewicht und man konnte erahnen, das es den globalen Finanzdienstleistern, die Wikileaks auf Druck der US-Regierung den Geldhahn zugedreht haben, nicht all zu gut gehen würde

Allerdings ist es hier nicht ganz richtig, hier einen virtuellen Bürgerkrieg anzunehmen. Bei einem Bürgerkrieg rebellieren die Bürger eines Staates gegen eben jenen. Es werden zivile Informationsquellen wie Zeitungsagenturen besetzt und staatliche Institutionen wie Polizeistationen angegriffen.

Was hier nun gestern passiert ist, ist meines Erachtens schlicht virtueller Vandalismus. Sicherlich handelt es sich um kriegsähnliche Zustände. Aber viel mehr um einen Netwar, da er von einer zivilen, netzartig organisierten Gruppe geführt wurde. Angegriffen wurden auch lediglich zivile Einrichtung – Banken und Finanzdienstleister.

Betrachtet man die Reihenfolge, mit der sich die Gewalt (und nichts anderes ist ein Angriff auf einen Server) ausgebreitet hat, so wurde zunächst Wikileaks angegriffen. Nachdem der Server vom Netz genommen wurde, bzw. der Registrar die Weiterleitung abschaltete, gingen weltweit hunderte Ausweichadressen online. Nicht lang danach, kündigten die Finanzdienstleister PayPal, Mastercard, Visa und die Schweizer Postbank die Konten des Enthüllungsportals. Anonyme Netzaktivisten protestierten daraufhin nicht nur offline mit Guy-Fawkes-Masken in London, sondern griffen in der letzten Nacht die Internetadressen der Finanzdienstleister Mastercard und Visa an und brachten die Seiten zum Erliegen.

Dass es sich dabei um einen Kampf handelt, ist insofern klar, als dass Computer als Waffen benutzt (und auch so genannt) wurden. Dass es sich aber nicht um einen Bürgerkrieg handelt, ist insofern klar, als dass keine staatlichen Stellen direkt angegriffen wurden. Vielmehr ist es eine Form von emotional aufgeladenem Vandalismus als Reaktion auf die Hackerattacken gegen die Wikileaks-Seiten.

Allerdings muss man hier sagen, dass die Gegner falsch gewählt waren. Es hat sicherlich den Nachteil, dass man nicht sagen kann, wer die Angreifer waren, sodass man diese nicht gezielt mit einem Gegenangriff überziehen kann. Dafür dann aber Institutionen angreifen, die lediglich unter staatlichem Druck gehandelt haben, ist falsch.
Sicherlich gibt es genügend Gründe für Protest. Aber er sollte an der richtigen Adresse landen.

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