Derzeit arbeite ich an einer Hausarbeit zum Thema „Moralische Kompromisse“. Gar keine so leichte Aufgabe. Ich gehe nämlich davon aus, dass man von einem moralischen Kompromiss überhaupt nicht wirklich reden kann. Vielmehr müsste es „Kompromiss mit moralisch interessantem Kontext“ heißen, denn man schließt ja über alles mögliche Kompromisse – außer über die eigenen Moralvorstellungen. Überhaupt können es kaum die eigenen sein, denn dann wäre es ja schon keine Moral mehr. Das macht da Ganze um so problematischer.

Ein paar recht hilfreiche Gedanken finden sich bei Martin Benajmin. Der geht ebenfalls davon aus, dass man kaum über eine Moralvorstellung einen Kompromiss schließen kann, denn das würde ja bedeuten, dass man sich selbst verriete. Mehr noch: Jemand, der seine Moral zur Basis eine Kompromisses macht, wird kaum als konsistente Person wahrgenommen. Man würde so jemanden, zu Recht, als opportunistisch ansehen, wenn nicht schlimmeres. Denn immerhin ändert er ja nicht nur seine Alltagsmeinung, sondern seine moralischen Einstellungen. Wichtig daran ist, dass man über alles mögliche Kompromisse schließen kann, auch dann wenn die Sache selbst auf unterschiedlichen Moralvorstellungen basiert, nur eben nicht über die Moral selbst. Hier muss ich mal genauer hinschauen.

Ebenfalls interessant, und für die Arbeit wichtig, ist die Frage, was genau wir denn unter einem Kompromiss verstehen wollen? Muss er strikt von einem Konsens, wie John Rawls ihn im Sinn hat, abgegrenzt sein? Handelt es sich wohlmöglich bei den Kompromissen, die wir kennen, auch hauptsächlich um eine Art Rawls’schen modus vivendi? Etwas, dass sich einfach so entwickelt hat und eher auf strategischen Überlegungen basiert, als auf der Basis einer Kompromissfindung? Und was ist überhaupt eine Kompromissfindung? Nun – ich versuche es einfach mal Schrittweise.

Wenn ich einen Kompromiss schließe, dann erreiche ich mein Ziel nicht zu 100%. Mein Gegenüber, mit dem ich den Kompromiss eingehe, ebenfalls nicht. Vielmehr einigen wir uns auf eine gemeinsame Sache, ein Ziel, einen Umstand, der für beide lediglich die zweitbeste Lösung ist. Dabei ist allerdings wichtig, dass es sich um ein und dieselbe Sache handeln muss, nicht etwa ein Drittes, dass eingefügt wurde, um eine Möglichkeit zwischen beiden Positionen zu schaffen. Das wiederum würde wohl oder übel auf das hinauslaufen, was Bejamin als „middle of the road“-Lösung bezeichnet. Also eher ein Konsens – aber dazu komme ich noch. Wichtig ist auch, dass zwei konträre Zielsetzungen im Spiel sind, wobei es aber nicht darauf ankommt, dass tatsächlich zwei verschiedene Personen beteiligt sind, denn immerhin kann ich auch Kompromisse allein mit mir selbst schließen. Hierzu braucht es noch ein Beispiel, um das ganze zu illustrieren. Ich hatte kürzlich zum Beispiel vor einen neuen Computer zu kaufen. Im Blick hatte ich einen MacPro 1,1, mit aktualisierter Grafikkarte, 4GB RAM und 1 TB Festplattenkapazität. Klar – eine geniale Rechenmaschine und ich könnte durchaus mal wieder ein wenig mehr Leistung brauchen. Schlussendlich kam dann aber eine Freundin daher und sagte „Der ist von 2006 und soll 1200 Euro kosten? Das ist ja verrückt!“ Nun hatte ich das Problem, zwei verschiedene Meinungen zu haben – denn sie hatte durchaus recht: Fünf Jahre alte Computer für einen Preis zu verkaufen, für den man etwas aktuelles, schnelleres und leistungsfähigeres bekommen kann, ist völlig außerhalb jedes Verhältnisses. Explizit sind die Meinungen, die hier im Spiel sind: So viel Geld kann man durchaus sparen und für etwas besseres verwenden, und, einen neuen Computer mit mehr Leistung als du aktuell hast kaufen, ist gar keine so schlechte Idee, denn immerhin geht dann alles schneller und flüssiger von der Hand.
Der Kompromiss, der darauf folgte, wurde auch nur mit mir selbst geschlossen: Lieber noch eine Weile lang sparen, aber dafür dann später aktuelle, schnelle und vor allem neue Hardware kaufen. Damit ist die Spar-Meinung nicht zu 100% befriedigt, denn immerhin wird das Geld ja eines schönen Tages doch investiert und die Hardware-Meinung ebenfalls nicht zu 100%, denn schließlich bekommt sie ja nicht sofort, was sie will. Beide Seiten müssen also Einschnitte hinnehmen – und genau das ist, was einen Kompromiss ausmacht.
Möglicherweise ist das Beispiel auch gar nicht so perfekt – aber ich werde es ohnehin nicht in der Arbeit verwenden. Dazu bedarf es schon noch einer besseren Idee, die zunächst einmal moralisch unbelastet ist.

Den Konsens davon abzugrenzen ist leicht: Schließt man einen Konsens, ist entweder eine Seite vollständig unterlegen oder aber beide Seiten sind glücklich. Bei einer Wahl z. B. wird demokratisch darüber abgestimmt, wie sich das Mächtegleichgewicht verteilen wird. Dabei kommt es durchaus vor, dass eine Minderheit unterdrückt wird (zumal wir in unserem westlichen Kulturkreis in einer Mehrheitsdemokratie leben). Damit ist also immer eine Seite voll zufrieden und die andere nur ein kleines bisschen, wenn überhaupt. Aber man ha sich auf dieses Vorgehen geeinigt, sodass hier nicht das Bedürfnis besteht, etwas an dem vorhandenen System zu ändern. Auch Benjamins „middle of the road“-Vorgehen lässt sich als Konsens (er nennt es „compromise in the loose sense“, was aber meiner Ansicht nach auf einen Konsens hinausläuft) beschreiben. Ein fiktives Beispiel dafür wäre, wenn in einer Stadt nun ein Streit darüber ausbricht, ob man die Straßen verbreitern sollte, damit mehr Autos fahren können oder aber ein Straßenbahnnetz gebaut würde. Die einen wollen viel lieber breitere Straßen, denn sie wollen mit dem Auto überall hinfahren, die anderen bevorzugen Straßenbahnen, denn das wäre ohnehin viel schneller und effektiver. Beides verschlingt Millionen und beides würde dazu führen, dass auf der einen Seite die Autofahrer auf die Bahnen warten müssen, da ja nun ein zusätzlicher Verkehrsteilnehmer eingefügt würde und die Bahnfahrer wären durch die hohen Kosten, die das System zunächst verursachen würde wohlmöglich beeinträchtigt. Einigt man sich aber nun auf eine dritte Lösung, z. B. Busse anzuschaffen, die dann die Fahrgäste beider Fraktionen schnell und effektiv transportieren könnten, ohne dass man an der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur etwas ändert, hätte man das Problem gelöst und beide Seiten wären gleichermaßen glücklich.
Aber auch hier ist das Beispiel keineswegs perfekt. Da wird sich sicherlich noch etwas besseres finden.

Beide Fälle haben nun aber nichts mit Moral zu tun. Bringen wir diese in Spiel, wird die Lage problematisch. Moralische Probleme werden grundsätzlich höchst emotional diskutiert – und selbst wenn man sie auf eine rationale Basis hebt, fällt es schwer eine einheitliche Lösung zu finden. Das Finden von Lösungen ist aber auch weniger das Problem der Philosophie. Vielmehr geht es erst einmal darum, Fragen besser zu verstehen. Also: Schauen wir uns mal das Problem an, wenn Moral ins Spiel kommt.

Nehmen wir an, dass moralische Einstellungen konstituieren für Personen sind. Sie sind eng mit unserer Persönlichkeit verknüpft und dienen dazu, ein gewisses Selbst- und Fremdbild zu vermitteln. Es sind grundlegende Stützpfeiler der Gesellschaft, an die man sich allein schon hält, um den intrakulturellen Frieden zu wahren. Niemanden töten ist z. B. ein solcher moralischer Wert. Würde dieser ignoriert werden, könnte jeder den anderen einfach umbringen – und in so einer Gesellschaft wollte niemand leben, das wird schon bei Thomas Hobbes klar. Ein anderer Wert, auch von Hobbes als Naturrecht deutlich gemacht, ist die Unversehrtheit des Körpers – einhergehend mit der freiheitlichen Selbstbestimmung über eben jenen.
Bei der Abtreibungsdebatte treffen diese beiden, durchaus starken, moralischen Werte aufeinander. Hier besteht der Kompromiss in der 3-Monate-Lösung, also der Erlaubnis nach vorhergehender Beratung innerhalb der ersten drei Monate abzutreiben. Dennoch behalten sowohl Beführworter als auch Gegner ihren Standpunkt und ihre moralische Wertung der Frage. Niemand von ihnen gibt etwas auf oder verrät seine Werte.

Es scheint besonders wichtig daran zu sein, einen Kompromiss zu schließen, dass man die Position des anderen sowohl versteht als auch zum Teil nachvollziehen kan. Ohne diese minimale Empathie ist es nicht möglich einen Kompromiss zu schließen. Genauso erscheint es nicht möglich oder gar nicht notwendig zu sein, wenn man sich für eine der beiden Positionen einfach entscheiden kann, ohne auf die Meinung anderer (oder eine andere Meinung seiner selbst) angewiesen zu sein.

Wenn es nun aber so ist, dass die Gründe, auf denen der Kompromiss fußt, moralische Werte betreffen, aber sich der Kompromiss selbst auf Handlungen oder politische Themen bezieht, ist das dann schon genug, um ihn als „moralischen Kompromiss“ zu bezeichnen? Das könnte zu der irrigen Annahme führen, dass man über die moralischen Werte Kompromisse schließt und nicht über die Handlungen, auf die sich diese Werte beziehen. Würde man nämlich über die Werte Kompromisse schließen, verliert man, wie oben schon erwähnt, deutlich an Ansehen. Man ist „kompromittiert“. Kompromiss und kompromittiert sein sind übrigens nur scheinbar verwandte Begriffe. „compromitto“ bedeutet im Lateinischen soviel wie „übereinkommen“ oder auch „einen Richterspruch anerkennen“ – es handelt sich also um eine Form der Einigung. Wird man kompromittiert, dann gibt man viel eher einen Teil der eigenen Einstellung zu Gunsten einer anderen auf. Ein Vorgang, der selten positiv gesehen wird, da „kompromittiert werden“ mit „von einer anderen Sache eingenommen werden“ gleichgesetzt wird. Man kommt also nicht überein – man wird vielmehr überzeugt, überredet oder in den Bann gezogen und das meist auf recht negative Art und Weise.

Nun – auf jeden Fall erscheint es mir nicht richtig zu sein, von „moralischen Kompromissen“ zu reden, wenn nur das, womit sich die Handlung, über die der Kompromiss geschlossen wird, tatsächlich etwas kompromisshaftes an sich hat. In jedem Fall lohnt es sich, intensiver darüber nachzudenken. 🙂

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