Heute Mittag im Fitnessstudio nervte mich mal wieder eines der älteren Mitglieder. Er ist 77 Jahre alt, durchaus nicht unsportlich, hat aber die absolut nervtötende Angewohnheit sich mit jedem sofort „gut Freund“ sein zu wollen. Kommunikation wäre ja so wichtig, Sport wäre ja eine Gemeinschaftssache, man müsste ja alles mehr als Miteinander betrachten. Solcherlei Dinge.

Nun, es ist nicht meine primäre Intention Sport zu treiben um neue Freunde zu finden. Genauso wenig will ich mich mit den Leuten dort unterhalten oder etwas gemeinsam haben. Ich will lediglich meine Energiebilanz ausgleichen – und dazu brauche ich die Maschinen, nicht die Menschen.

Wie auch immer, ich ignoriere diesen armen, alten Mann einfach – und habe durchaus überdeutlich gemacht, dass ich weder an Gesprächen mit ihm interessiert bin, noch daran, mich irgendwie mit ihm anzufreunden. Das scheint allerdings wenig erfolgreich gewesen zu sein, denn erst vorhin nötigte er mir wieder ein Gespräch darüber auf, dass man ja wenigstens grüßen müsste.

Ich hätte keinen Anstand und man müsste sich ja anpassen und es wäre meine verdammte Pflicht, die Leute in meiner Umgebung zu beachten. Abgesehen davon, dass mich der alte Mann wieder einmal ziemlich aufgeregt hat (und im Grunde jeden anderen im Studio auch nervt, sich nur niemand wirklich traut, ihm das zu sagen), fühle ich mich veranlasst, über Pflichten nachzudenken.

Ist es also meine Pflicht, jemanden zu grüßen und zu beachten, den ich nicht mag? Ja, dessen gesamte Art mich im Grunde abstößt? Und wenn es eine solche Pflicht gäbe, wie würde dann ein Verstoß dagegen sanktioniert?

Ein kurzer, und nich unbedingt genauer, Blick in das Historische Wörterbuch der Philosophie bescheinigt, dass Pflichten etwas mit Gemeinschaft zu tun habe. Man muss also schon etwas mit jemandem gemeinsam haben, damit man verpflichtet sein kann. Und Pflichten beziehen sich damit auf einen sozialen Kontext. Da ich nun überhaupt nichts mit dem guten Mann gemeinsam habe und das auch gar nicht will, fehlt hier schon die Basis für eine Verpflichtung.

Ließe sich dann aber eine soziale Pflicht konstruieren? Ist man verpflichtet, Menschen zu begrüßen, auch wenn man sie nicht mag, weil es der soziale Druck gebietet? Ja und nein. Einerseits sind Exklusionseffekte wohl oder übel die Sanktion für das Unterlassen eines Grußes. Andererseits lässt sich aber auch keine „starke“ Pflicht ableiten, weil sonst jeder jeden anderen zu jeder Zeit grüßen und beachten müsste. Das ist im gewöhnlichen Rahmen des menschlichen Zusammenlebens geradezu unmöglich. Man bedenke, wie es sich auswirken würde, wenn in einer vollen Innenstadt am Samstagnachmittag jeder erst einmal jeden anderen begrüßen müsste. Man würde nicht mehr dazu kommen, die eigentlichen Erledigungen zu machen.

Also kann die, vorläufige, Antwort nur lauten, dass ich keinerlei Pflicht sehe, mich mit dem nervigen alten Mann näher zu beschäftigen. Es wäre vermutlich lediglich „nett“ von mir. In Anbetracht der Tatsache, dass ich mich dabei allerdings durchaus nicht wohl fühlen würde und es keinen Zwang dazu gibt, mich unwohl fühlen zu müssen, werde ich also auch weiterhin darauf verzichten. 🙂

 

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