Raubkopie?

On 27. Juni 2011, in Philosophie, Technik, by Ingo

In der Spieleindustrie wird heiß darüber diskutiert, was man bloß mit dem Gebrauchtspielemarkt machen soll. Die einen tolerieren es, die anderen wollen ihn am liebsten zerschlagen. Electronic Arts führte den Online-Pass ein, damit man für die Multiplayer-Funktionen in den Spielen zusätzlich 10 Dollar bezahlen muss. Damit soll zwar nicht verhindert weren, dass Spiele gebraucht gekauft werden, aber es soll deutlich unattraktiver gemacht werden. Einige Entwickler messen dem Gebrauchtspielemarkt sogar ein größeres Schadpotenzial zu, als es Raubkopien hätten. Und Capcom zwingt die Spieler nun dazu, Spielstände nicht mehr löschen zu können. Das alles veranlasst mich dazu, einmal darüber nachzudenken, ob der Vergleich mit Raubkopien überhaupt möglich ist – und was an dem Begriff Raubkopie dran ist.

Wenn von einer Raubkopie die Rede ist, dann meint man damit das entgeltlose Kopieren und nutzen von Software, die eigentlich für einen gewissen Preis verkauft wird. Hier in Deutschland wird derartiges über das Urheberrecht sanktioniert, denn Software fällt in den Bereich des geistigen Eigentums. Einfacher ausgedrückt, nutzt man etwas, ohne dafür den Preis zu bezahlen, den der Macher des Werkes dafür verlangt.

Verkauft man nun ein Spiel, das man durchgespielt hat, dann hat man dafür bezahlt. Man entrichtet also den Preis, den der Hersteller verlangt hat, nutzt es auf die vorgesehene Art und Weise und verkauft es dann wieder. Mit Diebstahl oder einem Verstoß gegen Urheberrechte hat das nicht viel zu tun. Auf dieser Ebene ist der Vergleich also schlicht falsch. Nun verdient der Hersteller einer Software, die gebraucht weiterverkauft wird, aber nur einmal an dem Produkt. Der zweite Käufer bezahlt den Preis ja nicht an den Hersteller, sondern an den Zwischenhändler. Somit wird für den Hersteller das Spiel nur einmal verkauft und beim zweiten Handel verdient ein Dritter.

Entsteht dadurch ein Schaden? Der Fairness halber müsste man beide Seiten betrachten.
Zum einen entsteht zwar kein Schaden im strengen Sinne (also etwas, dass sich in gutem Zustand befindet, wird in einen deutlich schlechteren Zustand versetzt), sondern dem Hersteller entgeht Gewinn. Dieser Gewinn wird von dem zweiten Händler gemacht. Auf Herstellerseiten lässt sich nun die folgende Aussage vermuten: „Aha! Da verdient jemand Geld mit meinen Produkten! Aber ich will doch selbst welche verkaufen… das geht so nun wirklich nicht!“ Die Lösung des Problems scheint aktuell darin zu bestehen, einen Versuch zu unternehmen, den Gebrauchtspielehandel möglichst zu erschweren. Möglicherweise wäre es eine viel effektivere Möglichkeit, wenn die Hersteller ihre Spiele selbst ankaufen und gebraucht verkaufen würden. Das würde dann allerdings die Zwischenhändler übergehen und einen kompletten Geschäftszweig vernichten. Das ist also keine Idee, die all zu positiv ist.

Der andere Gedanke in dem Zuammenhang: Was hat es eigentlich mit dem Begriff der Raubkopie auf sich? Wenn etwas geraubt wird, dann wird es gewaltsam entwendet. Kopiert man etwas, dann wird es (meist gewaltlos) verdoppelt. Setzt man beides zusammen, so würde das bedeuten, dass etwas gewaltsam entwendet und verdoppelt wird. Das erscheint wie ein Widerspruch in sich. Kopiert man ein Stück Software, ohne dafür zu bezahlen, dann entgeht dem Hersteller der Gewinn dafür. Aber kann man bei Software überhaupt der Sache nach von Raub oder Diebstahl reden? Im Begriff des Raubs oder des Diebstahls enthalten ist die Tatsache, dass die Sache jemandem gehört und sie ihm weggenommen wird, er also nicht mehr darüber verfügen kann. Wenn man nun hergeht und einen Datenträger aus dem Regal eines Ladens stiehlt, so ist das sicherlich der Fall. Wenn man aber den Datenträger nicht stiehlt, sondern verdoppelt… nun, dann existiert das Stück Software zwei Mal. Das ursprüngliche Dingg exisiert schließlich noch (und wird auch nicht beim Kopiervorgang zerstört). Nun, so lässt sich also schon einmal nicht von Raub reden, denn es wird niemandem Gewalt angetan. Von Diebstahl auch nicht, denn die Sache wird verdoppelt und nicht entwendet. Begrifflich korrekter wäre vermutlich die Rede von einer „unsachgemäßen Benutzung“, denn es ist nicht in der Sache inherent, dass man sie kopieren und kostenlos nutzen soll. Rein begrifflich kann es also gar keine Raubkopien geben. Der Begriff ist nicht nur falsch, er ist zudem sinnlos, denn es werden zwei völlig verschiedene Eigenschaften zusammengebracht, die sich gegenseitig logisch ausschließen und somit zum Widerspruch führen.

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