Nietzsche-Aphorismen

On 1. Juli 2011, in Philosophie, by Ingo

Kurzlich wurde ich in einer Community gefragt, was ich zu drei verschiedenen Nietzsche-Aphorismen denke. Nun ja, ich kenne mich mit Nietzsches Philosophie zwar zu wenig aus, als dass ich viel dazu beitragen könnte, ihn auf dieser Ebene zu durchdenken – aber mir ist dazu durchaus einiges durch den Kopf gegangen. So ein Aphorismus stellt ja selten ein Argument dar, sondern ist mehr ein metaphorischer Denkanstoß, wenn man so will. Aber – hier dannn meine Gedanken dazu:

„Eins muss man haben:entweder einen von Natur leichten Sinn oder einen durch Kunst und Wissen “erleichterten Sinn“.

Wenn man entweder das eine oder das andere haben muss, dann riecht das verdächtig nach falscher Dichotomie. Es gibt nur sehr wenige Dinge, die auf exakt zwei verschiedene Zustände/Lösungsmöglichkeiten hinauslaufen. Im Grunde läuft jedes „entweder/oder“-Prinzip vor die Wand, sobald man sagt: „weder/noch“. Hier lohnt es sich dann jeweils zu prüfen, ob das durchginge und falls ja, ob es allgemein anwendbar ist. Aber das nur zur Struktur. Inhaltlich frage ich mich, was ein „leicher Sinn“ ist? Aphorismen arbeiten mit Metaphern, sodass hier die Deutung des Gesagten oft nicht leicht fällt, wenn man nicht weiß, in welchem Kontext es gesagt wurde. Ist „einen leichten Sinn haben“ etwa mit „leichtsinnig sein“ gleichzusetzen? Dann wäre es fatal, wenn man es haben müsste. Wissen und Kunst lassen die Menschen nun eher selten leichtsinnig werden, sodass womöglich eher „unbeschwert“ oder „sorglos“ gemeint ist. In der Tat können die schönen Künste einen kurzfristig von Sorgen befreienden Effekt haben – aber das ist auch nur relativ. Jeder, der schon einmal aus einem Theaterstück, einer Museumsausstellung oder ähnlichem mit mehr Gedanken herausgekommen ist, als er hineinging, wird verstehen können, was ich meine. 😉 Wissen erleichtert den Sinn ebenfalls keineswegs – das ist ein Widerspruch. Wüsste ich nicht so viel, würde ich mir viel weniger Gedanken machen. Ich hätte viel weniger moralische Probleme im Umgang mit meinen Mitmenschen und würde mich kaum darum sorgen, welche Handlungsweise angemessen wäre und welche nicht.

„Man nimmt die unerklärte dunkle Sache wichtiger als die erklärte helle.“

Die Aussage weckt Zweifel. Nicht jeder nimmt unerklärte (dunkle?) Sachen wichtiger als erklärte (helle?). All zu vielen sind die unerklärten Zusammenhänge der Welt schlicht egal. Sie brauchen keine Erklärung dafür, um ihr Leben zu leben. Ein Beispiel: Mich würde schon durchaus interessieren, ob das Hicks-Boson gefunden wird und welche Auswirkungen das auf die Wissenschaft hat. Ein Teilchen für die schwache Wechselwirkung zu haben – möglicherweise eine zentrale Kraft im Bild der Physik, die wir noch nicht kennen – spannend! Man würde völlig neue Gesetzmäßigkeiten entdecken und könnte völlig neue Zusammenhänge erklären. Nun – dem gemeinen Menschen da draußen ist das aber völlig egal. Der kümmert sich darum, morgens zur Arbeit zu kommen/zur Arge zu laufen, seinen Kühlschrank voll zu bekommen, setzt sich abends vor den Fernseher, weil er völlig erschöpft von seinem Tag ist und hat hat vor Hicks-Bosonen höchstens Angst, weil die BILD getitelt hat, dass im LHC ein schwarzes Loch entstehen könnte, welches die Erde vernichtet. 😉
Wenn Nietzsche von „Sachen“ spricht, wird er vermutlich „Entitäten“ meinen. Wir Philosophen haben ja keinen bestimmten wissenschaftlichen Gegenstand – wir kümmern uns um „seiendes“. Irgendein antiker Denker sagte da mal so schön, dass man sich als Philosoph um das kümmert, was ist. Also im Grunde nehmen wir, was wir in der Welt vorfinden und begründen es. Hoehnen hat das in einer seiner Vorlesungen „Was ist Philosophie?“ (über iTunes U zu finden) mal schön dargelegt: Der Bauer geht auf sein Feld, spannt seine Pferde vor den Pflug und beackert sein Land in einer bestimmten Reihenfolge. Fragt man ihn, warum er das macht, dann antwortet er: „Mein Vater hat das so gemacht, sein Vater vor ihm und dessen Vater auch. Ich habe es so gelernt. Wir haben das immer schon so gemacht.“ Der Philosoph geht daher und fragt sich: „Warum spannt er die Pferde vor den Pflug und bringt nicht etwa den Pflug zu den Pferden? Ah… weil das zu schwer wäre… verstehe. Also muss man das in einer bestimmten Reihenfolge machen, damit es erfolgreich ist! Und warum pflügt er das Feld immer links herum im Kreis? Ah.. man könnte auch hin und her fahren, aber dann wirft man sich die eigenen Rinnen wieder zu… und warum pflanzt er da verschiedene Pflanzen immer abwechselnd? Ach so… weil verschiedene Pflanzen unterschiedliichen Nährstoffbedarf über die Jahre hinweg haben… verstehe. Darum ist das also so…“
Wenn die Sachen nun „hell“ und „dunkel“ sind – nun, dann war er entweder Synesthetiker, oder es handelt sich vielmehr um eine metaphorische Übertragung – so wie man alltagssprachlich zu unerklärten Dingen halt sagt, dass sie „im Dunkeln liegen“. Ansonsten tendiere ich dazu, die Zuschreibung eher zu ignorieren. 🙂

„Der Vorteil eines schlechten Gedächnisses ist, dass man dieselben guten Dinge mehrere Male zu ersten Mal genießt.“

Da müsste ich hinterfragen, welchen affektiven Gehalt ein Erleben haben kann, im Vergleich zum Erinnern. Immerhin erleben wir meist nur sehr kurz und das Besondere, was in dem Erlebnis steckt, ist nicht etwa das erleben zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern vielmehr das sich erinnern nach einer langen Weile. Ein schönes Erlebnis bekommt also seinen Wert nicht zwingend dadurch, dass der Moment, in dem es aufgetreten ist, besonders schön war, sondern vielmehr dadurch, dass man sich noch eine sehr lange Zeit daran erinnern kann. Würde man es immer wieder vergessen und wäre es damit auf das Erleben reduziert, so würde das „gute Leben“ wohl oder übel auf eine Aneinanderreihung von Affektschnipseln reduziert. Quasi ein immer fortwährendes aber nur kurzzeitiges Erleben von Hochgefühlen? Nein, ich denke, ein schlechtes Gedächtnis ist nicht sonderlich gut.
Außerdem: Erinnerungen sind konstituierend für unser Personsein. Wir haben nicht nur eine narrative Identität, die wir anderen erzählen können, sondern auch eine Geschichte, die wir für uns selbst (re)konstruieren. Ich bin mit Ereignissen der Vergangenheit verbunden und meine Erfahrungen und Erlebnisse waren konstuierend für meine Person (Persönlichkeit inbegriffen – aber da muss man Person und Persönlichkeit trennen. Letzteres ist nämlich eher ein Bestandteil von ersterem). Würde ich also immer wieder vergessen, was ich erlebt habe (sei es nun gut oder schlecht), hätte ich keinerlei Verbindung mehr zu „mir selbst“. Damit wäre schon mal Parfits Kriterium für das Personsein gebrochen. Und ich denke, mit Dennett geht das auch nicht überein. Unter dem Gesichtspunkt betrachtet, dass man im Grunde nie weiß, wer oder was man ist, fällt es schwer, dem schlechten Gedächtnis etwas Gutes abzugewinnen. 🙂
Weiterhin ist fraglich, ob es wirklich schlimm wäre, wenn wir das gute Ding vergessen müssen, um es noch einmal zu genießen. Schließlich könnte man auch sagen, dass wir wissen, was ein gutes Ding ist und uns um so mehr darauf freuen, es noch einmal genießen zu dürfen. Vorfreude auf ein tolles Erlebnis kann durchaus einen intrinsischen Wert für das Erleben selbst haben.
Ich würde auch stark anzweifeln, dass es sich um „das selbe Ding“ handelt.“ Immerhin ist zwischen Erleben1 und Erleben2 eine bestimmte Zeit vergangen. Während dieser Zeit haben sich die Sache und die Umstände verändert, sodass es wohl das gleiche Ding sein kann, keineswegs aber das selbe. Andernfalls würde das bedeuten, dass alle Erlebniszustände bishin zum kleinsten Teilchen exakt identisch mit dem ersten Erleben sein müssten. Allein die Tatsache, dass Teilchen über die Zeit hinweg zerfallen, zeigt, dass das kaum möglich sein kann.

Tagged with:  

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: