Fehlgeleiteter Altruismus

On 20. Juli 2011, in Gesellschaft, Menschen, by Ingo

Vorhin klingelte mein Telefon und eine alte Bekannte – eine ehemalige Mitschülerin – meldete sich. Ich war zunächst erstaunt, als ich den Namen auf dem Display las, denn für gewöhnlich meldet sich die junge Dame nur dann, wenn sie etwas braucht oder haben will. Meine Vermutung bestätigte sich umgehend. Nach einer hastig heruntergebeteten Partitur des Leids fragte sie dann, ob ich ihr nicht ein wenig Geld leihen könnte. Mir fehlten für einen kurzen Moment die Worte.

Nun, die gute Dame habe ich zuletzt vor etwa einem Jahr gesehen. Da brauchte sie Hilfe für den Umzug einer Freundin. Also im Grunde Leute, die anpacken und Schleppen. Etwa zwei bis drei Monate vorher waren wir uns rein zufällig in der Innenstadt über den Weg gelaufen – nachdem wir uns über 5 Jahre lang nicht gesehen (und vermutlich auch nicht im mindesten vermisst) hatten. Damals war man noch der Ansicht, man müsste sich mal bei Zeiten zusammen setzen – immerhin ist ja viel passiert in der Zwischenzeit. Dazu kam es nie. Stattdessen wurde ich zur Hilfe bei besagtem Umzug angefordert – und da ich ja Hilfegesuche grundsätzlich nicht ablehne, schleppte ich diverse Möbel.

Dann wechselte man noch das ein oder andere mehr oder weniger interessante Wort via Facebook – bis dann eine große Schweigsamkeit eintrat und nur noch Spielbenachrichtigungen den Stream vollspamten. Und nach etwa 2-3 weiteren Monaten sortierte ich dann meine Kontaktliste mal wieder aus und löschte all diejenigen, die sich ohnehin nie melden oder nie etwas sagen.

Vor etwa einem halben Jahr dann lief mir die junge Dame wieder über den Weg – wunderte sich ein wenig, dass man bei Facebook ja nichts mehr von mir sehen würde, was ich nur damit kommentierte, dass das auch nicht ginge, denn ich hätte sie ja entfernt. Schade wäre das, sie wollte sich mal wieder melden, müsste mir mal wieder eine Einladung schicken. Es passierte erwartungsgemäß nichts. 🙂

Heute dann, wieder ein halbes, völlig kontaktloses, Jahr später, schien sie von der Not getrieben wieder mal an mich denken zu müssen. Immerhin schlage ich Hilfegesuche so gut wie nie in den Wind. Aber nein, ich habe mit Sicherheit kein Geld übrig, log ich, dass ich verleihen könnte (denn es wäre mit Sicherheit verschenkt gewesen). Ich müsste selbst sehen, wie ich irgendwie über die Runden komme, log ich weiter. So leid mir das nun auch tut, aber ich habe nichts, was ich da teilen könnte.

Es ist sicherlich nicht die feine englische Art zu lügen. Aber es ist ebenfalls keine sonderlich nette Art und Weise jemanden nur als Mittel zum Zweck zu benutzen und ansonsten völlig zu ignorieren. Möglicherweise war meine Aussage, ich hätte die junge Dame aus sämtlichen Kontaktlisten entfernt, weil sie sich ohnehin nie melden würde, nicht deutlich genug.

Nun, bei der nächsten Gelegenheit werde ich eine Grundsatzdiskussion darüber anstimmen, welche Art von respektvollem Umgang man mit einem möglichen, wenn auch völlig vernachlässigten, sozialen Umfeld zu pflegen hat. Denn wenn man schon eine Leistung (und sei es auch nur eine Notleistung) erbittet, dann sollte man den Helfenden zumindest einen minimalen Respekt gegenüber bringen.
Vorzugeben, in irgendeiner Form einen Sozialkontakt dazustellen, sich dann aber eher wie ein Sozialparasit zu verhalten, ist nicht im Ansatz respektvoll.

Es stellt sich die Frage, was hier schief gelaufen ist. Ist es eine von der Gesellschaft verursachte Sozialisation? Gehört es zum Leben dazu, dass man Menschen in seinem entfernten Umfeld ignoriert und sobald man ihrer bedarf ausnutzt? Oder ist es eine Frage der Erziehung? Mir zumindest ist beigebracht worden, dass man Menschen respektvoll behandelt und Kontakte, an denen einem liegt, auch pflegt.

Viel grundsätzlicher frage ich mich, ob es richtig ist, ein Hilfegesuch zurückzuweisen, wenn es von jemandem ausgeht, mit dem man eigentlich nichts zu tu hat. Unter karitativen Gesichtspunkten wäre es sicherlich falsch. Würde es allgemeines Gesetz werden, dass Hilfegesuche von Fremden zurückgewiesen werden dürften, so würden zum Beispiel Rettungsdienste es sich aussuchen können, ob sie einen Patienten retten oder nicht. Abseits davon ist die Frage, ob es Gründe geben kann, aus denen man Hilfsgesuche von Fremden zurückweisen darf. Ich gehe davon aus, dass es durchaus zulässig ist, eine derartige Anfrage zurück zu weisen, wenn aus der Person des Fragenden, den allgemeinen Umständen und der speziellen Situation klar wird, dass ein Zustand vorgetäuscht werden soll, der de facto nicht gegeben ist. In diesem Fall sollte ein Zustand der sozialen Nähe dargestellt werden, obwohl es einen solchen nie gegeben hat und auch nie geben wird. Ich sehe keinen Grund, aus dem ein derartiges Hilfegesuch, das offensichtlich auf einem rein einseitigen Nutzen basiert und zudem auf dem Vortäuschen von Verbundenheit basiert, angenommen werden sollte.

Nun, ich rechne stark damit, dass ich etwa ein halbes bis ganzes Jahr nichts von der jungen Dame hören werde. Ich gehe ebenfalls stark davon aus, dass wenn ich etwas von ihr hören werde, es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein Hilfsgesuch handeln wird. Nun, ich denke ich werde ihr dann wohl oder übel, so freundlich es mir möglich ist, die Aufforderung Götz von Berlichingens rezitieren. Dennoch werde ich noch eine Weile darüber nachdenken müssen, wie es sein kann, dass manche Menschen einander tatsächlich lediglich als Mittel und nicht als Zweck ihrer selbst betrachten.

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