76 Menschen sterben durch einen Terroranschlag – Drama! Wir brauchen Internet-Vollüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, Killerspielverbote und am besten noch Gedankenkontrollen.

Jährlich sterben tausende Zivilisten auf allerlei Kriegsschauplätzen weltweit – kein Drama, sondern ein statistisch erfassbarer Kollateralschaden, denn immerhin verteidigt man die Freiheit der zivilisierten Welt.

Bedenkt man jetzt, dass der als recht freundlich, zurückhaltend, ja geradezu sympathisch beschriebenen Attentäter all diese Medienaufmerksamkeit geradezu minutiös geplant hat (was man erfahren kann, wenn man andere Medien als RTL II und die BILD konsumiert), dann ist die Errichtung einer „virtuellen Menschenkette“ nicht nur vom Sinngehalt her völliger Schwachsinn, sondern genau das i-Tüpfelchen an Aufmerksamkeit, das jedem Nachahmungstäter ein Tröpfchen in der Hose beschert, denn man weiß ja, dass man in sekundenschnelle weltberühmt sein kann.

Allein schon anhand meiner ungewohnt drastischen Reaktion dürfte deutlich werden, dass ich es für völlig verfehlt halte, einem derartigen Ereignis – einem derartigen Täter – so viel mediale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Die Reaktion der Politik kann als übertrieben beschrieben werden; es ist nur wieder ein Ereignis, das Wasser auf die Mühlen der Überwachungsfetischisten ist. Das schöne ist: Der freundliche junge Mann von Nebenan wurde ja schon seit längerer Zeit beobachtet – man hat nur einfach nichts getan und konnte damit auch nichts verhindern. Überwachung hat also keine Toten verhindern können. Ja, schade.

Und nun spammen virtuelle Menschenketten für Oslo über die Facebook-Timeline. Man will sich solidarisch zeigen. Oh, ja – natürlich hilft das besonders. Sicherlich ist es schwer, irgendeine Form der Anteilnahme auszudrücken. Aber nun über soziale Netzwerke zu versuchen eine solche Anteilnahme zu verbreiten, hilft genau niemandem. Vielmehr ist es eine bessere Marketingkampagne für Terroranschläge, denn jeder potenzielle Terrorist weiß jetzt, dass seine Handlung genau den Erfolg hat, den sie haben soll: Angst und Schrecken verbreiten. Und das nicht nur lokal begrenzt sondern dank der massiven Verbreitung weltweit.

Was ich damit sagen will ist einfach: Solidarität ist in Ordnung. Aber nun ein weltweites Medienecho und völlig übertriebene, politische Reaktionen an den Tag legen ist falsch. Falsch, weil es „dem Terrorismus“ (ganz gleich welchem) den gewünschten Erfolg schenkt. Falsch, weil jeder Geisteskranke mit Aufmerksamkeitsbedürfnis wieder einmal bestätigt bekommt, dass er mit möglichst viel brutaler Gewalt unglaublich schnell weltberühmt werden kann. Falsch, weil es Menschen und Taten gibt, denen man kein derartiges Forum bieten darf.

Und darum: Vergesst diese virtuelle Menschenkette. Es hilft niemandem. Es schadet nur, in dem es mehr Aufmerksamkeit erzeugt, als gut ist. Wenn ihr Freunde und Verwandte in Oslo habt, zeigt euch solidarisch, indem ihr hinfahrt oder anruft. Als reale Menschen. Nicht nur als virtueller Verbund, der außer vielleicht einem symbolischen (und damit stark zuschreibungsabhängigen), gar keinen Wert hat. Seid als reale Menschen für andere reale Menschen da – wenn ihr könnt und wollt. Ein einfacher Klick auf einen Button, der Bildchen von schlafenden Katzen, Engeln und derlei Kitsch im Profil postet ist nicht viel mehr als genau das: Ein Klick auf einen Button, der Kitsch im Profil postet.

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