Es ist ein klarer Septembermorgen, die Sonne scheint mild durch die dünnen Wolken am Himmel, die letzten Ausläufer des frühmorgendlichen Berufsverkehrs ziehen am Fenster vorbei. Das Frühstück war relativ gut – es gab Brot, Käse, Nuskati und Linessa Kräuterfrischkäse. Der Kaffee war wie üblich aus 3 1/2 gehäuften Kaffeelöffeln und 350 ml Wasser gebraut. Eben noch unter der Dusche hatte ich wie üblich Probleme damit, die richtige Temperatur zu finden – es ist fast so, als hätte meine Dusche nur zwei Temperaturstufen: Kalt und kochen. Auf der Waage stellte ich fest, dass mein aktuelles Gewicht bei 76,4 kg liegt – abzüglich des einen Kilos Differenz, das meine Waage zu allen anderne aufweist, macht das etwa 75,4 kg bei einer Größe von 1,73 m. Den Messungen zufolge liegt der Körperfettanteil 2% unter dem Durchschnitt, der Anteil der Muskelmasse etwa 5% darüber – über Übergewicht muss ich mir also wenig Sorgen machen.

Sorgen macht mir dagegen der Alleinherrschaftsanspruch von Facebook über mein digitales Leben.

Warum schreibe ich so eine detaillierte Einleitung? Nun, das hat sebstverständlich seinen Sinn. Geht es nach diesem Artikel auf Spiegel-Online, dann ist meine Einleitung in etwa das, was Facebook in Zukunft über jeden von uns wissen will. Wann, was, mit wem gegessen. Wie lang und mit welchen Leuten wo gewesen. Welche Lieder gehört, welche Serien gesehen, welches Buch gelesen. Nimmt man den Artikel ernst, und ich tendiere dazu, genau das zu tun, dann führt das zu einer vollständigen Digitalisierung des Lebens und einer damit einhergehenden Maschinenlesbarkeit der Menschen.

„Was ist daran denn so schlimm, wenn jemand automatisiert den Browserverlauf auswertet und dir perfekt zugeschnittene Werbung anbietet?“

Schlimm daran ist, dass es gar nicht um den Browserverlauf geht (was ja allein schon schlimm genug wäre, denn wen geht was an, wieviel ich wie oft auf welchen Seiten surfe, was ich zuletzt bei Amazon und eBay gekauft habe und was ich sonst noch so mache?). Es geht um die Digitalisierung und Verfügbarmachung des Alltags. Wissen ist Macht – und Facebook möchte alles über uns wissen. Lückenlos und bis in alle Ewigkeit verfügbar. Klar möchte das Unternehmen damit Geld verdienen. Und ebenso klar ist Datenmissbrauch kein all zu lukratives Geschäftsmodell, denn jemandem, der die Daten missbraucht, stellt man sie ja nicht mehr zur Verfügung und kann damit kein Geld mehr mit Werbung verdienen.

Nein, richtig gut läuft das Geschäft nur, wenn die Nutzer ihre Informationen brav freiwillig übergeben. Dann kann man damit arbeiten und Geld verdienen. Jeder, der das Geschäftsmodell unterstütz, kann sagen „Aber du hast deine Daten doch freiwillig veröffentlicht! Selbst Schuld!“
Das ist dann aber nur die halbe Wahrheit. Die Frage ist: Warum posten Menschen etwas in soziale Netzwerke? Sie haben das Bedürfnis, Informationen, Fotos, Videos, Erlebnisse und Erinnerungen anderen Menschen mitzuteilen. Freundeskreise verteilen sich im Laufe der Zeit über das Land, wenn nicht sogar über die ganze Welt. Man teilt also Informationen mit Menschen, die einen besonderen Stellenwert im eigenen Leben einnehmen – mit seinem sozialen Netz, das auch dann bestehen würde, wenn es nicht über eine Software manifestiert, sondern über Telefon, Brief oder (ja, so etwas soll es auch noch geben) persönlichen Kontakt aufrecht erhalten wird.

Daran ist nichts schlimmes. Im Gegenteil: Dinge mit Menschen online zu teilen, die man mag und die man nicht mehr all zu oft sehen kann, ist sogar unglaublich praktisch. Was dann aber außerdem mit den geteilten Informationen geschieht, ist etwas völlig anderes. Denn man teilt die Dinge ja nicht nur mit seinen Bekannten, sondern auch mit demjenigen, der die Plattform zum Teilen bereitstellt – und das mit keinem anderen Hintergrund, als dass er damit eine Gewinnabsicht hat. Formulieren wir es noch einmal schärfer:

Ich teile Dinge mit Menschen, die ich kenne und mit jemandem, der mir die Möglichkeit dazu bietet, diese Informationen zu teilen. Meine Informationen werden vom Anbieter dieser Möglichkeit verkauft. Ich weiß von diesem Geschäft lediglich mittelbar und erhalte keinerlei Beteiligung an den Einnahmen, sondern lediglich weiterhin die Möglichkeit Informationen zu teilen. Außerdem bekomme ich Werbung für Produkte und Dienstleistungen, die genau auf mich zugeschnitten sind, weil sie auf den Informationen basieren, die ich direkt mit meinen Bekannten und indirekt mit dem Anbieter geteilt habe, denn genau das ist es, womit der Anbieter sein Geld verdient. Darüber hinaus kennt der Anbieter dadurch, dass er all meine, mit meinen Bekannten geteilten Informationen, auswertet meine Bedürfnisse, Vorlieben und Abneigungen. Da ich verschiedene Dinge mit verschiedenen Menschen teile kann er sich ein Gesamtbild über mich machen und weiß über mich genauso viel, wie ich selbst und über die Erstellung von psychologischen Profilen (die ja in der Werbeindustrie gar nicht mal so unüblich sind), womöglich sogar noch mehr.

„Aber du hast es doch selbst veröffentlicht! Dir muss doch klar sein, dass und vor allem auf welche Weise damit Geld verdient wird!“

So? Nun, veröffentlicht habe ich ganz sicher nichts. Dieser Blog und die hier befindlichen Gedankengänge sind öffentlich und für jeden,der sie findet lesbar. Überall auf der Welt und zu jeder Zeit. Was ich bei Facebook poste ist nicht öffentlich. Im Gegenteil: Es befindet sich im geschlossenen Raum des sozialen Netzwerkes und ist von Außen nicht zugänglich. Man kann hier also keineswegs sagen, dass es „öffentlich“ wäre und damit „der Allgemeinheit zugänglich“. Eine viel treffendere Analogie wäre die einer Kneipe oder eines Cafés.

Man stelle sich für einen Moment vor, man trifft sich mit einer gewissen Anzahl guter Bekannter in einer Bar und unterhält sich über allerlei, durchaus auch private, Dinge. Das ist OK – man könnte das als völlig normales Sozialverhalten beschreiben. Während man sich aber austauscht, sich gegenseitig Fotos von den letzten Parties oder dem Malediven-Urlaub zeigt und darüber berichtet, wie man die aktuelle Staatspolitik so findet, steht der Schankwirt ständig im Hintergrund und zeichnet all das auf. Zwischendurch wundert man sich, dass man eine Karte vorgelegt bekommt, auf der das Lieblingsgericht besonders günstig angeboten wird, wenn man dazu auch noch das Lieblingsgetränk bestellt (denn überraschenderweise hat man ja nie wirklich explizit bei der Bestellung erwähnt, was man mag und was nicht). Man hat so eine grobe Ahnung davon, dass es da so grundsätzliche Dinge gibt, die der Wirt dazu nutzt, um einem individuelle Angebote zu unterbreiten, schließlich musste man vor Betreten des Lokals erst einmal seinen Ausweis vorlegen. Wieviel aber wirklich davon ausgewertet und in Geld verwandelt wird, kann man nur dadurch abschätzen, wenn man sieht, wie der Schankwirt nach Geschäftsschluss von seinem Fahrer mit einem Maybach abgeholt wird – nachdem er vorher noch freundlich verkündet hat, dass er demnächst allen Gästen eine neue Innenausstattung, Sessel mit Plüschüberzug, Klimaautomatik und individuell anpassbaren Tischen mit persönlicher Fotodekoration schenken will.

Ok. Es werden unglaubliche Summen mit unseren privaten Informationen verdient. Aber wollen wir das wirklich? Können wir es wollen, dass jemand unglaublich reich damit wird, unsere Informationen, ja unsere Persönlichkeit zu nutzen und wir bekommen dafür nicht viel mehr als die Möglichkeit eben immer mehr Informationen zu teilen und den Anbieter dieser Möglichkeit damit immer mehr zu bereichern? Mal ernsthaft: Wollen wir das wirklich?

Ein interessanter Nebenaspekt: Immer mal wieder unterläuft unserem Anbieter eine Panne und eine ganze Menge der gesammelten Informationen geht verloren oder gelangt an Stellen, an die sie gar nicht hätten kommen dürfen. Es kommt also immer mal wieder vor, dass der Gastwirt sein Lokal nicht sicher genug abschließt – oder gar nicht – und mal jemand vorbeikommt und sich all unsere persönlichen Dinge nimmt, die wir ja nur mit ein paar Bekannten teilen wollten, und sie für seine eigene Zwecke ge- und missbraucht. Oh – und wer sagt, dass unser Gastwirt nicht auch hergehen könnte und die Informationen, die er hat, einem politischen Zweck zuweist, mit dem sich die ursprünglichen Inhaber der Daten nun so gar nicht identifizieren wollen? Immerhin geht es nur um’s Geschäft – und Geld ist Geld. Mal ganz davon abgesehen, dass unser Gastwirt mit unzähligen Firmen zusammenarbeitet, die all die gesammelten Informationen auswerten, speichern und aufbereiten müssen – da gibt es mit Sicherheit einige Lücken mehr, von denen niemand von uns etwas wissen will, um noch ruhig schlafen zu können.

Denn wir wollen ja eigentlich nur eins: Erlebnisse mit unseren Freunden teilen und uns sonst keine Sorgen machen.

Es ist also gar nicht so schlimm, dass Facebook zum Dreh- und Angelpunkt unseres digitalen Lebens werden will? Das Herr Zuckerberg das Monopol über das soziale Leben von (in Zukunft) vermutlich einer Milliarde Menschen haben möchte? Ist die Privatsphäre eh schon tot und wir alle haben sie, mehr oder weniger bewusst zu Grabe getragen, weil wir einfach nicht gut genug darüber nachdenken, was wir so tun?

In letzter Konsequenz bedarf es keinerlei Internetplattformen, um sich mit Bekannten auszutauschen. Dazu lässt sich beispielsweise die gute, alte E-Mail verwenden (sogar verschlüsselt, denn es geht ja sonst niemanden was an, was man mit seinen Bekannten austauscht). Wir sollten vielleicht alle noch mal in uns gehen und in aller Ruhe und mit Bedacht darüber nachdenken, welche Informationen wir mit wem wirklich teilen wollen und ob wir wirklich wollen, dass diese Informationen zur Bereicherung desjenigen genutzt werden, der uns die Austauschplattform anbietet, ohne dass wir einen wirklich spürbaren Mehrwert daraus ziehen.

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One Response to Nachgedacht: Facebook und die Archivierung des digitalen Lebens

  1. Jörch sagt:

    Hi,

    Nur ein Gedankenanriss:

    Der Mensch als Sozialtier hat bis ins Zeitalter der Industrialisierung immer in kleinen Herden gelebt – Sozialverbände, in denen man meist sehr genau über den anderen Bescheid wusste. Ich selber bin auf dem Dorf aufgewachsen und noch heute erzählt meine Mutter mir Klatsch und Tratsch über Nachbarn, die ich seit fast 15 Jahren nicht mehr gesehen habe. – Das Bedürfnis nach solchen Mitteln zum Austausch ist also da. Und klar, wenn’s einem so einfach gemacht wird, dann nutzt man diese Plattformen doch gerne.

    Privatsphäre ist IMHO nur eine Illusion. CIA, NSA, BND… machen wir uns doch nichts vor. Die staatlichen Behörden wissen mehr, als wir wahr haben wollen – und die Werbewirtschaft interessiert sich einen Sch… um uns persönlich – denen geht es nur um Normalverteilungen und Statistiken – und wie man das am besten targetten kann. 🙂

    Ich denk da aber nochmal drüber nach.^^

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