Ein Monat ohne

On 24. März 2012, in Gesellschaft, Internet, Persönliches, by Ingo

Wie war das Leben ohne Facebook? Und wie ist es mit? Inspiriert von Albrecht Udes “Eine Woche ohne“-Projekt, bei dem es darum geht, mindestens eine Woche lang ohne Google auszukommen, habe ich beschlossen, einen Monat ohne Facebook zu verbringen. Es ist nun nicht so, als dass ich absolut abhängig vom Zuckerbergschen Netzwerk wäre. Vielmehr erkenne ich nicht mehr all zu viel Nutzen darin. Zudem will ich ich einfach mal die Reaktionen des “sozialen Netzwerks” auf mein spontanes Fehlen beobachten – sofern es überhaupt welche gibt. Aber das ist naürlich längst nicht alles. Hier nun also ein paar Details zu den Gründen, die mich antreiben

Social Spam
Wenn ich mir meinen Facebook-Stream so angucke, dann ist der voller Informationen, die ich nicht will und nicht brauche. Dabei sind eine Menge Dinge, die ich mich selbst eingebrockt habe, wie zum Beispiel die Statusaktualisierungen verschiedener Gaming-Magazine oder Publisher. Klar: Man könnte ja einen Hinweis oder eine wichtige News verpassen. Facebook und Twitter beobachten gehört da einfach zum Job. Allerdings muss ich, zu meiner Ernüchterung, gestehen, dass die Anzahl der wirklich interessanten Neuigkeiten sich dort auf ein Minimum reduziert. Zumeist handelt es sich nur um Mitteilungen, die man eh schon kennt oder um Hinweise darauf, was man denn demnächst für tolle Assesoires kaufen könnte. Die Magazine beschäftigen sich meist mit “User-Kommunikation” – und Nutzen Facebook als eine Art Rückkanal für die Leser. Das ist nicht nur schlecht (ich erkläre später warum), sondern auch unglaublich nervig. Die meiste Zeit über kommt es dann zu inhaltsleerem geplapper oder dem Posten von Bildern, die sonst auch jeder selbst scon bei 9gag gesehen hat. Aber: Sie müssen ja kopiert und auf die Facebook-Seite des Magazins gebracht werden.
Dann sind da die Videos. Nicht einfach nur immer mal wieder ein Video – das wäre ja noch ok. Bevor Facebook so groß wurde, haben wir uns ja auch miteinander unterhalten. Damals eher per ICQ oder einem ähnlichen Messenger – und haben uns auch das eine oder andere Musikvideo bei YouTube zugeschickt. Klar: Mit seinen Freunden teilt man das eine oder andere Lied (erinnert ihr euch noch an die Prä-Internet-Zeit? Da hat man sich zum Musikhören getroffen. Persönlich! Und hat bei einem Glas Wein oder einer Flasche Bier über die Lieder philosophiert…). Was ich in letzter Zeit beobachte ist eine ganze Schwämme von YouTube-Videos, die von den Leuten meistens völlig unkommentiert gepostet werden. Keine Geschmacksäußerung, keine Meinung dazu, keine Frage ob das Lied sonst noch jemandem gefällt. Ganz davon ab, dass das posten von YouTube-Musikvideos urheberrechtlich eine Grauzone darstellt, ist das einfach nur Spam.
Noch mehr Spam flutet durch die, sich für sozial haltenden, Kanäle, wenn Bilder verschiedener Unterhaltungsseiten geteilt werden. Er sagt’s mit Bildern, Sie sagt’s mit Bildern, Bilder sagen’s mit Bildern, Wir sind böse und gemein, Immer ein dummer Spruch auf Lager – und wie sie alle heißen. Bilder, teils einfach nur mit Sprüchen auf farbigem Hintergrund, die manchmal lustig, manchmal zynisch und meistens einfach nur dumm sind breiten sich sintflutartig über den Bildschirm aus, wenn ich nur lange genug runterscrolle.
Wirkliche Inhalte, nämlich die Postings, die darauf hindeuten, was die Leute, die ich zu meinem virtuellen sozialen Umfeld zähle, gerade wirklich machen gehen dabei in der Flut von Nonsens einfach unter. Das liegt nicht daran, dass ich sie nicht beachten würde, sondern vielmehr daran, dass sie prozentual eher einen geringeren Teil einnehmen.

Geschlossene Gesellschaft
Vergleicht man Facebook einmal kurz mit Diaspora, stellt man schnell fest, dass einiges anders ist. Sicher – da kommen auch unglaublich viele Bilder zustande. Aber in den meisten Fällen ist das Kunst. Ja! Kunst! Animationen, Fotos, Bilder die nachdentlich machen, aufwändige Portraits… ich staune immer wieder was für tolle Sachen ich dort finde. Es ist, offen – sofern vieles öffentlich gepostet wird. Und sofern man dem entsprechenden Tag folgt, bekommt man all das angezeigt. Facebook dagegen ist ein geschlossenes Netzwerk. Klar: Man hat kommerzielles Interesse daran, dass die Nutzer auf der Seite bleiben. Um so besser ist es, es geschlossen zu halten. Bedeutend ist, dass man nur das im Stream angezeigt bekommt, was die Leute oder Seiten, mit denen man in Verbindung steht, posten. Es ist das genaue Gegenteil vom offenen Netz (so wie dieser Blog hier offen ist, denn jeder kann ihn lesen, nicht nur meine Freunde). Erstaunlich daran ist, dass man erst einmal sehen muss, wie es auch anders geht, damit man sich bei Facebook wahrhaft eingesperrt fühlt. Ich denke, das ist ein psychologischer Aspekt meiner aktuellen Wahrnehmung: Ich fühle mich bei Facebook eingesperrt. Es ist schön, dass ich sehe, was für Musikvideos die Leute so teilen, welche dummen Sprüche sie posten und was ich als nächstes für eine App kaufen kann. Und sonst? Ist da sonst gar nichts? Doch, da ist jede Menge – ich darf es nur nicht sehen! Eine künstliche Beschränkung, die nicht sein muss. Die ich nicht mehr will!
Alles soziale ist Kommunikation – oder doch nicht?
Zwischen sozialen Systemen läuft Kommunikation. Völlig selbstständig und um ihrer selbst willen. Das jeweilige soziale System wird von der Kommunikation irritiert (wobei sie nicht verstanden werden muss) und reagiert dann entsprechend darauf. Wenn ich jetzt annehme, dass die Mitglieder bei Facebook die sozialen Systeme repräsentieren, dann müssten die Postings die Kommunikation darstellen (kodiert nach dem jeweiligen Verständnis des Systems – also der Ausdrucksweise und/oder den Anspielungen die ein Mensch so äußert). Meiner Beobachtung nach, kommt es allerdings nur selten zu einer solchen “Irritation”. Eine Neuigkeit, ein Foto oder ein Gedankengang, der mir gerade durch den Kopf geht und bei dem ich durchaus gern das eine oder andere Feedback hätte, geht einfach unter und wird gar nicht erst wahrgenommen. Vermutlich leide ich nicht als einziger unter dem Social Spam, sodass es mich auch überhaupt nicht wundert, wenn keine Reaktion erfolgt. Fakt ist einfach: Facebook ist nicht zu dem zu gebrauchen, wozu man ein soziales Netzwerk gebrauchen könnte – nämlich Gedanken, Informationen und änliche Dinge mit seinen Freunden teilen und diskutieren.

Ein Monat ohne
Facebook ist voller Spam, stellt ein hermetisch versiegeltes System dar und erfüllt nicht den Zweck, den es eigentlich haben sollte. Statt dessen fühle ich mich immer unwohler, immer beschränkter in meinen Möglichkeiten und vermisse das soziale an dem sozialen Netzwerk schon länger. Wie hat man sich denn früher organisiert? Statt all seine Inhalte einem großen Konzern zu übereignen, hat man sich E-Mails geschrieben, sich per Messenger verabredet, telefoniert, traf sich… Klar – letzteres wird immer seltener und schwieriger, wenn das Umfeld berufsbedingt (oder einfach aus einer spontanen Veränderung der Lebensverhältnisse heraus), sich über ganz Deutschland verteilt. Mein Drang danach, mich irgendwie zu vernetzten und dabei mit Spam überhäuft zu werden ist mittlerweile allerdings eher gering. Ich werde jetzt also mal einen Monat ohne das größte Werbenetzwerk der Welt leben – und mal gucken, was passiert und wie viel ich so verpasse. Meine Vermutung: Gar nichts. Mal sehen, ob sie sich bestätigt.

 

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