Vor gar nicht all zu langer Zeit, faszinierte mich ein kleines neues Internetprojekt, für das ich durchaus gern das eine oder andere Wort verlieren wollte. Allerdings waren genau diese Worte, die ich da verlor, dann doch ein kleines Problem – ein Streitpunkt der für mich zunächst einmal unüberwindbar war. Aktuell ist er das auch – aber ich arbeite daran.

Was war nun das Problem? Nun, es ist nicht so, dass ich völligen Unsinn von mir gab, sachlich falsch lag oder irgendwie thematisch wirres Zeug von mir gab. Das Problem war, dass mir von feministischer Seite vorgehalten wurde, dass ich maskuline Worte benutzte. Dem unbedarften Leser mag das nun überhaupt nicht problematisch vorkommen. Mir kam es auch nicht problematisch vor, im Gegenteil, ich fühlte mich sogar recht wohl damit. Und allein die Tatsache, dass man mich dazu aufforderte, von meiner maskulinen Sprache abzurücken führte zu einer heftigen Gegenreaktion. Ich fühlte mich geradezu angegriffen, sogar fast schon beleidigt, und ging im Geiste zu einer entsprechend heftigen Gegenwehr über. „Was wollt ihr eigentlich von mir? Habt ihr nichts Besseres zu tun, als euch über so einen lächerlichen Kleinkram aufzuregen? Haben wir hier nicht viel wichtigere Dinge zu sagen?“ ging es mir durch den Kopf. Und so suchte ich dann intuitiv, aus der Position der beleidigten Leberwurst heraus, allerlei Argumente um mich mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Schilde hoch! Waffen bereit! Ohne Befehl feuern!

Whait, what? Moment. Nochmal langsam… Nachdem ich nun die eine oder andere Nacht darüber geschlafen habe und grübelte, kam ich zu dem Entschluss, besser mal zuzuhören, statt mich angegriffen und beleidigt zu fühlen. Derart emotionalisierte Situationen sind immerhin keine gute Diskussionsgrundlage – und schon gar keine Grundlage, um sinnvoll nachzudenken. Wenn man sich ohnehin schon beleidigt fühlt, dann neigt man dazu, einfach nicht mehr zuzuhören (mir zumindest geht es so…) und damit geht dann jegliche Sachlichkeit für ein Thema völlig verloren.
Wie auch immer: Ich habe mir dann mal zwei empfohlene Lektüre-Links angesehen und festgestellt, dass ich mit meiner spontanen Abwehrhaltung gar nicht all zu allein war. Schlimmer noch: Ich habe tatsächlich ein Problem, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Auch ich mache anzügliche Witze, ärgere mich über Frauen am Steuer (und habe sogar manchmal Angst, wenn ich bei einer Frau als Beifahrer mitfahre, insbesondere, wenn sie nicht gerade langsam fährt), auch finde durchaus meinen Gefallen an leicht bekleideten Frauen im Sommer und mag die (mal subtile, mal sehr offene) Erotik in der Werbung. Ich hätte das auch niemals als problematisch empfunden und gerade jetzt in diesem Moment fallen mir auch eine ganze Reihe von Argumenten aus der physiologischen Psychologie ein, mit denen ich all das zum Teil rechtfertigen könnte. Aber genau das will ich hier jetzt nicht. Ich will mich gar nicht rechtfertigen, ich will darüber nachdenken, wo das Problem ist, wie schwerwiegend es ist und ob es sich lösen lässt.

Gut, da ich nun vom Feminismus rein überhaupt gar nichts verstehe (und bis dato auch gar nicht verstehen wollte), war ich erst einmal mit der Fragestellung überfordert. Wie nähert man sich dem Themenkomplex am einfachsten? Wen fragen, wie fragen und in welchem Rahmen? Meine erste Anlaufstelle waren die Frauen in meinem nahen und fernen Freundes- und Bekanntenkreis.

So ging ich also hin und fragte ganz einfach, ob sich wirklich jemand ignoriert, unterdrückt, beleidigt oder irgendwie sonst tangiert fühlt, wenn man maskuline Worte in der Alltagssprache verwendet. Die Reaktionen waren durchweg negativ, ja teilweise sogar aggressiv. Ich bekam Antworten wie: „wo haste das jetzt her? lieste mittlerweile frauenzeitschriften?“, „also ich habe schon gehört, dass es leute gibt die wert darauf legen. ich hab genug selbstbewusstsein um damit klar zu kommen“, „welcher männl. sprachgebrauch bitte? Und wenn,trifft nix bei mir zu… Et gibt schon komische menschen/frauen *kopfschüttel“, „Ey, die soll‘n sich doch verpissen und wo anders rumheulen! Die können sich aufregen… was für ein schwachsinn“

In einem ähnlichen, teils sogar noch aggressiverem, Tonfall bewegten sich die meisten Reaktionen. Hier war nun also überhaupt keine Hilfe zu erwarten. Wenn also die Betroffenen sich selbst schon darüber lustig machen, dachte ich, gibt es dann überhaupt ein ernsthaftes Problem? Nach zwei kleinen Lektüreeinheiten stellte ich dann fest: Ja, gibt es. Ein Problem struktureller Natur. Und ich muss wohl oder übel anerkennen, dass ich Teil des Problems bin und weniger Teil der Lösung. Wie komme ich dazu? Gehen wir noch mal ein Level tiefer.

Ohne Zweifel bewegen sich Männer und Frauen im gleichen gesellschaftlichen Rahmen. Pierre Bourdieu machte das in „Die männliche Herrschaft“ eigentlich schon recht deutlich. Die Gesellschaft ist androzentristisch ausgerichtet und somit nehmen ihre Teilnehmer die Positionen ein, in die sie qua Sozialisation gedrängt werden. Sozialisationseinflüsse sind unglaublich stark und ihnen zu entkommen ist so gut wie unmöglich. Sie beeinflussen das Handeln, Denken, Fühlen – die vollständige Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wenn ich mich also mit meinem sexistischen Verhalten wohl fühle, dann nur, weil mich die Gesellschaft, die mich bisher umgab, positiv konditioniert hat. Man lachte über frauenfeindliche Witze, zusammen mit anderen Männern im Auto fluchte man über „die blöde Kuh da vorn“, die wieder mal an der Ampel den Wagen abgewürgt hat und bei Umzügen dürfen Frauen (auch dann, wenn sie physisch durchaus dazu in der Lage wären), natürlich nicht bei den schweren Möbeln mit anpacken. Da werden dann irritierte Blicke ausgetauscht, wenn ein weiblicher Stammtischgast Pils statt Wein bestellt und überhaupt tendiert man immer öfter zu Sticheleien oder Provokationen, allein um zu zeigen, wer hier die Hosen anhat.
Und was ist mit den Frauen? Die behaupten von sich selbst, sie hätten kein Problem damit. Sie behaupten sogar, dass es Blödsinn wäre, alberner Quatsch, sich darüber Gedanken zu machen. „Die Welt ist halt so.“, kam mir entgegen.

Aber Moment. „Die Welt ist halt so.“ klingt nicht akzeptierend. Es klingt nach Resignation. Es klingt danach, als hätte jemand schon aufgegeben, sich irgendwie zu behaupten. Und ich bin daran Mitschuld.

Nun, am Ende dieser Überlegung wird mir einiges klarer, worüber ich sonst eigentlich nie nachgedacht habe. Trotz aller liberaler Einstellungen, trotz sämtlicher Annehmlichkeiten und Freiheiten und Offenheiten, die ich den Frauen in meinem Umfeld einräume, bin ich wohl oder übel zu einem ziemlichen Sexisten sozialisiert worden. Obwohl ich mich jederzeit darum bemühe, so viel Gerechtigkeit walten zu lassen, wie nur möglich, bin ich doch im Grunde ungerecht. Es scheint auch völlig normal zu sein, sich zunächst einmal angegriffen zu fühlen und seinen Standpunkt, wenn auch total unsachlich, auf jede Weise verteidigen zu wollen. Immerhin kommt ja Gegenwind aus einer Richtung, die, zumindest im Geiste, eher abwertend betrachtet wurde. Eine Abwertung, die weder gerechtfertigt noch logisch begründbar ist, die aber vom größten Teil der Gesellschaft vorgelebt wird und die jederzeit durch Medien, Werbung und Umfeld kommuniziert wird.

Und wie geht‘s jetzt weiter? Ich denke, es wäre am klügsten, es zum einen mit Rüdiger Bittner zu halten, der in seinem (sehr erhellenden) Aufsatz „Is IT Reasonable to Regret Things One Did?“ im Kern davon ausgeht, dass man schlechte Taten nicht bereuen sollte. Das macht die schlechte Tat weder ungeschehen noch besser und man selbst ändert sich auch nicht. Man leidet darunter – aber das führt nur dazu, dass auf eine schlechte Tat eine weitere schlechte Tat folgt.

Nein, ich denke, ich sollte einfach anerkennen, dass ich bis dato schlecht gehandelt habe. Statt ein schlechtes Gewissen zu haben, will ich vielmehr aufhören, schlecht zu handeln. Ein Schritt dahin ist, sicher erst einmal zuzuhören, bevor ich emotionalisiert zu den Waffen greife und meine, mir zufällig zugefallene und überpriviligierte Männlichkeit verteidige. Das wird, wohl oder übel, noch ein recht langer, harter Weg. Immerhin reden wir hier vom Ausbruch aus dem Sozialisationsgefängnis. Etwas, das für Bourdieu unmöglich war, da man seinen Habitus immer und überall mitschleift.

Unmöglich? Erfahrungsgemäß ist etwas nur so lange unmöglich, wie man denen glaubt, die behaupten, dass es so sei. Denn solange man das glaubt, probiert man es gar nicht erst aus.

Ich will kein Feminist werden. Ich will mein Gerechtigkeitsdefizit beheben.

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One Response to Ein sexistischer Fleck auf der moralischen Landkarte

  1. Christian sagt:

    „Gut, da ich nun vom Feminismus rein überhaupt gar nichts verstehe (und bis dato auch gar nicht verstehen wollte), war ich erst einmal mit der Fragestellung überfordert. “

    Ich würde es ja so machen, dass ich mir die Texte aber auch die Kritik daran durchlese. Denn eine einseitige Darstellung zu lesen ist meist ein schlechter Weg um sich ein objektives Bild zu machen.

    Vielleicht interessiert dich unter diesem Gesichtspunkt ja auch meine Kritik an dem „Feminism for Dudes“-Artikel:
    http://allesevolution.wordpress.com/2012/08/10/feminismus-fur-kerle-von-einem-kerl/

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