Das Leiden der Worte

On 13. August 2012, in Gesellschaft, Philosophie, by Ingo

Was mir keine Ruhe lässt, ist derweil die Frage, ob man jemandem durch den Gebrauch (oder den Nichtgebrauch) von Worten schädigen kann. Sicherlich wenn wir von Beleidigungen reden. Immerhin sind das ja Worte, die direkten Bezug auf eine Person und ihre Eigenschaften nehmen, respektive ihr Eigenschaften hinzufügen oder entziehen, die sie ansonsten hätte oder eben nicht hätte.

Wenn ich nun jemanden als „dummes Arschloch“ bezeichne, mache ich gleich zwei Dinge mit ihm: Zum einen bezeichne ich ihn als dumm und nehme ihm damit die Intelligenz. Mehr noch, ich behaupte von ihm, er würde auch dann nichts vernünftiges machen können wenn er wollte. Dummheit ist schließlich ein Zustand der Borniertheit – des „nicht lernen wollens“. Zum anderen bringe ich ihn mit der Enddarmöffnung in Verbindung, aus der, nun ja, nur Scheiße rauskommt.

Jemanden beleidigen ist ein aktiver Vorgang, der an einen Willen gebunden ist. Ich will jemanden beleidigen und ich weiß, dass die Worte, die ich dazu wähle, dazu geeignet sind, eben genau das zu erreichen. Selbst wenn ich nicht genau weiß, womit ich jemanden beleidige, dann kann ich doch mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, welcher Art von Wortgebrauch am ehesten dazu geeignet ist, eine entsprechende Reaktion hervorzurufen. Dabei kann ich durchaus von meinem eigenen Empfinden ausgehen, auch dann, wenn es möglich ist, dass verschiedene Leute, verschiedene Reizschwellen haben, was das Beleidigtsein angeht. Meine Reizschwelle ist da relativ gering – ich neige dazu, recht schnell in die Luft zu gehen. 😉

Da eine Beleidigung durchaus ein negatives Gefühl ist, ist die Bezeichnung als „Schädigung“ durchaus gerechtfertigt. Ich füge jemandem einen Schaden zu, wenn ich ihn beleidige, einfach dadurch, dass er sich dann schlechter fühlt als vorher. Zudem handelt es sich um einen bewusst erzeugten Schädigungsvorgang. Ich will ja schließlich schaden.

Fall 1: Bewusste und unbewusste Gruppendiskriminierung

Aber wie verhält es sich mit einer mehr oder weniger unbewussten Wortwahl, die etwas nicht erwähnt? Angenommen, ich schreibe nun einen Text über die gesellschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Bundesrepublik Deutschland, in dem ich sage, dass die Bevölkerung hauptsächlich aus hellhäutigen Mitteleuropäern besteht.
Habe ich dann den dunkelhäutigen Mitbürgern, die von außerhalb Europas kommen einen Schaden zugefügt? Zugestanden: Einen Schaden zufügen kann auch ein ungewollte, ja sogar unbewusster Vorgang sein. Wenn ich beim Autofahren nicht aufpasse und einen Auffahrunfall verursache, dann war das mit Sicherheit nicht mein Wille und unbedingt bewusst habe ich mein Auto auch nicht in das Fahrzeug vor mir gelenkt. Ist das Nichterwähnen von dunkelhäutigen Nichteuropäern vergleichbar mit einem Unfall? Schwer zu sagen. Sicher: Ich hätte besser aufpassen können. Immerhin habe ich damit einen großen Bevölkerungsteil einfach unbewusst unterschlagen. Das kann man vermeiden, wenn man richtig hinguckt. Interessanter ist die Frage: Ist dadurch ein Schaden entstanden?

Kann ich jemanden schädigen, in dem ich seine Existenz nicht erwähne? Prima facie nicht. Womöglich könnten die, die unerwähnt bleiben, den Text lesen und sich übergangen fühlen. Gestehe ich nun also den, in meinem kleinen fiktiven Fallbeispiel erdachten, dunkelhäutigen Nichteuropäern das Gefühl zu, übergangen worden zu sein, dann ist das ja immerhin ein negatives Gefühl. Insofern kann man durchaus von einem Schaden ausgehen, der dann von mir unbewusst und unwillentlich erzeugt worden ist. Das ist aber dann und nur dann der Fall, wenn wirklich jemand ein derartig negatives Gefühl hegt.

Erweitern wir den Fall ein wenig. Angenommen, es ist gang und gäbe, dass in Texten über die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ausschließlich von hellhäutigen Mitteleuropäern geschrieben wird. Nehmen wir weiter an, dass diese Praxis auch von den dunkelhäutigen Nichteuropäern geteilt wird. Sie wird akzeptiert und, zumindest vom allergrößten Teil der dunkelhäutigen Nichteuropäer, als vollkommen normal empfunden. Würde ich dann meinen Text schreiben, so würde niemand ernsthaft auf die Idee kommen, sich schlecht zu fühlen, weil er als dunkelhäutiger Nichteuropäer nicht erwähnt worden ist.
Entsteht hier ein Schaden? Ich denke nicht. Die Vorgehensweise wird von allen beteiligten akzeptiert und erzeugt keine negativen Gefühle. Es wird also niemand, nicht einmal unbewusst, geschädigt. Sachlich wäre es nach wie vor ein Problem, denn nur einen Bevölkerungsteil zu erwähnen und einen anderen zu unterschlagen wäre unwissenschaftlich, denn die Datenlage gibt es ja durchaus her. Arbeitet man sauber, dann muss man schon alles zumindest erwähnen, wenn auch nicht zwingen darauf eingehen, sofern man sich nicht vorher direkt darauf festgelegt hat, sich ausschließlich auf eine Art und Weise mit dem zu Grunde liegenden Thema zu beschäftigen. Thematische Eingrenzungen sind ja nun auch nicht verkehrt.

Erweitern wir den Fall noch ein drittes Mal. Gehen wir davon aus, dass es gang und gäbe ist, in Texten über die Bundesrepublik Deutschland ausschließlich über hellhäutige Mitteleuropäer zu schreiben. Diese Praxis wird auch von den dunkelhäutigen Nichteuropäern geteilt, akzeptiert und von den meisten als vollkommen normal empfunden. Nun gibt es aber eine kleine Gruppe, die die Ansicht vertritt, dass es diskriminierend (im wertenden Sinne) und unrecht wäre, wenn man die dunkelhäutigen Nichteuropäer einfach unterschlägt (ganz davon abgesehen, dass es sachlich falsch ist). Selbst unter ihrer eigenen Bevölkerungsgruppe erzeugt diese Bewegung stark gemischte Gefühle: Die einen stimmen vollkommen zu und entwickeln nunmehr ein negatives Gefühl des „sich ignoriert Fühlens“, die anderen halten es für vollkommen lächerlich, sich an etwas derartig normalem zu stören.
Entsteht hier ein Schaden? Sicherlich entsteht er, sobald die Gruppe derer, die die Ignoranzbehauptung hochhalten den dunkelhäutigen Nichteuropäern das schlechte Gefühl vermitteln, indem sie die Ansicht vertreten, es wäre diskriminieren (im wertenden Sinne) und unrecht wäre, wenn man sie einfach unterschlüge. Aber ist diese kleine Gruppe damit Verursacher des Schadens?

Vermutlich nicht. Ausgehend von einer Sozialstruktur, die eine bestimmte Art und Weise des Denkens vorgibt, prägt und vermittelt, führen Denkweisen, die nicht dem vorgegebenen Muster entsprechen im besten Fall zu Ignoranz, im schlechtesten Fall zu aktivem Widerstand. Diejenigen, die die neue Denkweise annehmen, fühlen sich dann ebenfalls verständlicherweise schlecht – zumindest dann, wenn sie davon ausgehen, dass sie (wie behauptet), aktiv und bewusst unerwähnt bleiben.
Geht man nun aber davon aus, dass es sich um einen lang eingeschliffenen gesellschaftlichen Konsens handelt, von dem die Allgemeinheit gar nicht so genau weiß, wie er überhaupt entstanden ist und die Nichterwähnung von dunkelhäutigen Nichteuropäern somit auch nicht absichtlich als Akt der bewussten Ignoranz geschieht, ist fraglich, ob es jemanden gibt, der als Verursacher in Frage kommt.
Die Frage ist, ob man als Verursacher eines Schadens verantwortlich ist, wenn man sich an einen gesellschaftlichen Konsens gehalten hat. Prima facie sehe ich hier zunächst keinen Grund dafür. Ich gestehe ein, dass es sich um die Verursachung eines Unfallschadens handeln könnte, zumal ja nicht bewusst und auch nicht mit Absicht auf eine Weise gehandelt wurde, die geeignet war, einen Schaden zu erzeugen.

Fall 2: Der vergessene Freund

Nehmen wir an, ich schreibe ein Online-Reisetagebuch über eine Reise, die ich zusammen mit meinen Freunden Peter, Johanna, Ferdinand und Silke gemacht habe. Nun schreibe ich über allerlei Urlaubserlebnis und -freuden, erwähne aber Peters Anwesenheit lediglich einmal kurz, gehe aber auf die Dinge, die er so erlebt hat, nicht weiter ein. Peter beschwert sich aber auch mit keiner Silbe, ob der Tatsache, dass ich ihn gar nicht erwähne. Im Gegenteil: Er nimmt weiterhin quietschvergnügt an der Reise teil.

Auch hier kann ich nicht sehen, dass Peter ein Schaden zugefügt worden wäre. Sein emotionaler Zustand ist nicht beeinflusst durch die Tatsache seiner Nichterwähnung. Da es sich um ein wenig wissenschaftliches Werk handelt, könnte man mir allerhöchstens ein wenig Schludrigkeit vorwerfen, nicht jedoch unsaubere Arbeit.

Erweitern wir den Fall auch hier: In meinem Online-Reisetagebuch werden die Erlebnisse von Peter nicht erwähnt, aber er beklagt sich darüber, dass er vergessen wurde. Hier könnte dann schon eher davon ausgegangen werden, dass Peter ein Schaden zugefügt wurde, immerhin ist er ja beleidigt. Wie sieht es aber mit meiner Verantwortung dafür aus? Das, so denke ich, hängt von den Ursachen meiner Nichterwähnung ab.

Nehmen wir an, ich wäre ein notorischer Peter-Hasser. Ich kann Peters einfach nicht ausstehen. Allein der Name erzeugt schon Unbehagen und dass er überhaupt mit auf die Reise gehen durfte, hat er allein Johanna zu verdanken, die nicht ohne ihn fahren wollte. Meine Nichterwähnung basiert insofern auf Ablehnung und ist damit durchaus gezielt, bewusst und gewollt. Ich will ihn nicht erwähnen und ich will das er sich damit schlecht fühlt. In diesem Fall läge die Verantwortung sicherlich bei mir und der Schaden würde mir auch mit Sicherheit zugerechnet werden können. Nur, welche Gründe gibt es dafür, dass ich Peter-Hasser bin? Nun, schon damals im Kindergarten haben mir Peters immer das Spielzeug weggenommen und die Lutscher gestohlen, dann in der Schule wurde ich von jedem Peter, der mir begegnete verprügelt und zu guter Letzt wird mir regelmäßig von einem Peter die Freundin ausgespannt. Ja – so ein Peter hat es grundsätzlich verdient, gehasst zu werden. Ich denke, damit habe ich ausreichend Gründe, um Peters grundsätzlich nicht zu mögen. Da lässt sich nichts machen.

Nehmen wir einen anderen Grund an: Ich gehöre zu einer sehr großen Bevölkerungsgruppe mit einer angeborenen (oder auch anerzogene) Peter-Schwäche. Wenn ein Peter in meiner Nähe ist, dann kann ich ohne Probleme mit ihm umgehen, aber sobald er weggeht, vergesse ich ihn nahezu sofort. Spricht man mich darauf an, dass ich Peter ja gar nicht erwähnt habe, zucke ich nur mit den Schultern und weiß gar nicht, was daran nun so schlimm ist. Peter selbst weiß um das Problem und macht sich darum keinen Kopf. Menschen mit Peter-Schwäche kommen vor sind etwas vollkommen Normales. Er würde es sogar für albern halten, wenn man ihn plötzlich erwähnte.
Kürzlich meldete sich dann auch der Anti-Peter-Schwächen-Verband. Es gäbe ja nun eine Möglichkeit, das zu therapieren und es wäre ja auch völlig unfair gegenüber allen Peters dieser Welt (zufällig heißt mindestens jeder 2. Mensch Peter), wenn man ein solches Verfahren nicht nutzen würde – auch dann, wenn die Peters der Welt sich ja nun schon lange daran gewöhnt hätten, dass eine Peterschwäche wohl oder übel weit verbreitet ist.

Was die Verantwortung für die den entstandenen Schaden angeht, so ist im Falle meines Peter-Hasses klar, dass dieser zwar gewachsen ist (ich habe mir also nicht ausgesucht, Peter-Hasser zu werden), ich aber durchaus die Verantwortung dafür trage. Immerhin könnte ich meinen Peter-Hass überwinden, in dem ich den Peters die Chance gebe zu zeigen, dass sie nicht alle böse sind.

Im Falle meiner Peter-Schwäche ist mir gar nicht bewusst, dass ein Schaden ausgelöst wird und da es ein weitverbreitetes, geradezu normales, Phänomen ist, halten alle Beteiligten, außer der Anti-Peter-Schwächen-Verband es für unsinnig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Auch den Peters geht es ja gar nicht schlecht, obwohl sie regelmäßig übersehen werden.

Schaden Worte?

Abschließend kann ich sagen, dass Worte durchaus in der Lage sind, einen bestimmten Schaden zu verursachen. Es hängt aber davon ab, mit welcher Intention sie geäußert wurden und wie sie im Nachhinein interpretiert werden. Letztlich kann man auch, unabhängig von der Intention eine schädliche Wirkung interpretieren, die eigentlich gar nicht da ist.

Ich habe gezeigt, dass das Nichterwähnen von Gruppen oder Einzelpersonen durchaus einen Schaden auslösen kann, sofern die Betroffenen sich darunter tatsächlich negativ beeinflusst fühlen. Geschieht diese Nichterwähnung bewusst, so muss man sich durchaus der Verantwortung stellen. Geschieht sie unbewusst und ungewollt, könnte man es mit einem Unfall vergleichen; man verursacht dann sicherlich auch einen Schaden, ist aber nicht verantwortlich (wohlweißlich der Tatsache, dass es keinerlei Versicherung gegen Ignoranz gibt). Das schließt nicht aus, dass Ignoranz künstlich erzeugt werden und sich so manifestieren kann, als wäre sie völlig normal und als gäbe es gar keinen Zweifel daran, dass es genau so richtig wäre. Agnotology wäre ein abschließender Lesetipp dafür.

Es kann also sowohl durch aktives Verwenden von Beleidigungen als auch durch passives Nichterwähnen ein bestimmtes Leid ausgelöst werden – welches aber in beiden Fällen interpretationsbedürftig ist. Im zweiten Fall muss es denen, die da nicht erwähnt werden allerdings erst einmal bewusst sein, dass ihnen einen Schaden zugefügt wird. Halten sie den Zustand für völlig normal, leiden nicht darunter und gehen auch nicht davon aus, dass es ein Problem ist, dann fällt es schwer zu sagen, dass sie in irgendeiner Form geschädigt werden. Leid ist immerhin etwas, das aktiv empfunden werden muss – man leidet immer an etwas. Ist es nicht gegeben, dass eine bestimmte Unzufriedenheit bewusst wird, kann auch nicht von Leid oder Schaden gesprochen werden. Das schließt nicht aus, dass man denen, die da nicht leiden durchaus ein gewisses Maß an Leid einreden kann, indem man ihnen erklärt, dass sie doch gefälligst zu leiden hätten, weil ein bestimmter Zustand durchaus in der Lage wäre, solcherlei Gefühle zu verursachen.

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