Wie ich schon angekündigt habe, wollte ich mich noch ein wenig detaillierter dazu auslassen, was mich nun endgültig dazu bewog, Facebook den Rücken zu kehren. Da nun aber Facebook allein zu kurz gedacht wäre und es sicherlich andere derartige Netzwerke gibt und geben wird, habe ich mich dazu entschlossen, ganz allgemein über soziale Netzwerke und die Konsequenzen ihrer Nutzung nachzudenken.

So ein soziales Netzwerk ist eine tolle Sache. Immer und überall lässt sich herausfinden, wie es den Freunden wohl gehen mag, was sie gerade treiben. Andersrum lässt sich natürlich auch mitteilen, wie denn das eigene Befinden so ist, zu welcher Party es als Nächstes geht und wie die letzte denn so war. Ab und an werden die Nerven dann doch strapaziert, wenn der Freundeskreis die Ansicht vertritt, haufenweise YouTube-Videos zu posten, Bilder von verschiedenen Gruppen zu teilen oder einfach nur blindlinks jede ganz offensichtlich virenschleudernde App installiert. Aber an und für sich ist es ganz toll, immer mit den Lieben, nahen und fernen Bekannten und Freunden verbunden zu sein. Insbesondere dann, wenn sie sich nach Schule, Ausbildung und Studium über die ganze Welt verteilt haben. Das erzeugt dann ein gewisses Heimatgefühl. Ja, es führt sogar in manchen Fällen dazu, dass sich ein paar Leute über ihre Einsamkeit und ihr Fernweh hinweg selbst belügen. In jedem Fall erzeugt so ein soziales Netzwerk das dringende Bedürfnis danach, es zu behalten und möglichst weiter auszubauen. Die Freunde und Bekannten dürfen ja nicht einfach aus den Augen verloren werden. Früher gab es schließlich auch ein recht enges, wenn nicht sogar inniges Verhältnis. Und so entsteht, recht schnell und unbemerkt, eine gewisse Abhängigkeit von der Plattform, die gerade benutzt wird.

Diese Abhängigkeit nutzt das Netzwerk natürlich für seine eigenen Zwecke. Ich mag es an dieser Stelle „soziale Diktatur“ taufen, was dort vor sich geht. Diktiert wird allerdings nicht aus der sozialen Struktur heraus – vielmehr wird diese Struktur als Machtmittel in die Waagschale geworfen. Wann immer nun also etwas an dem Regelwerk, den Datschutzbestimmungen oder den allgemeinen Nutzungsbedingungen des Netzwerkes geändert werden soll, kann jede angemeldete Person sicherlich dagegen protestieren. Sie kann auch damit drohen, das Netzwerk zu verlassen – und wenn all zu viele damit drohen, dann wären auch die Betreiber letztlich zum Handeln genötigt. Aber passiert das wirklich? Seitens der Betreiber ist ein solches Verhalten kalkulierbar: Der psychologische Druck, der von dem Gefühl ausgelöst wird, dass der Freundeskreis plötzlich unerreichbar wird, ist eine vorhersehbare Größe. Da ja alle Daten vorliegen, wie die Nutzer untereinander kommunizieren, wie eng ihre Bindungen sind und wie loyal sie sich einander gegenüber verhalten, lässt sich schnell eine Statistik errechnen, die dann mit der Wahrscheinlichkeit verknüpft werden kann, ob die Nutzer ihre Drohungen wirklich wahr machen oder nicht. Es ist also vielmehr ein Scheinproblem und lösbar auf einem ganz einfachen Weg: Immer mal wieder werden kleinere Änderungen vorgenommen. Änderungen, die nicht all zu schnell auffallen und die auch keine dramatischen Konsequenzen nach sich ziehen. Ist eine Änderung dann doch mal größer oder fällt sie den Nutzern auf, kommt es dann zu größeren Protesten und sogar Abwanderungen. Diese lassen sich aber schnell kompensieren, schließlich und das lässt sich statistisch ebenso genau berechnen, lässt sich sagen: „Die kommen sowieso wieder!“
Ist so ein soziales Netzwerk also erst einmal aufgebaut, dann läuft es fast von allein, wenn das Angebot nur gut genug ist. Menschen geben ihre Bindungen schließlich nicht einfach leichtfertig auf, wenn sie einmal manifestiert sind – und das wissen auch diejenigen, die so ein Netzwerk betreiben. Im Gegenteil: Die Menschen kämpfen darum, das Netzwerk weiter benutzen zu können – und zwar so, wie sie es gern hätten. Eben das führt dann zu verschiedenen virtuellen Protesten. Dabei ist das, was sich immer öfter in verschiedenen Bereichen des Internets beobachten lässt, ein recht spannendes Phänomen und gar nicht so alltäglich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Immerhin könnten sie ja auch wieder auf althergebrachte Kommunikationswege ausweichen; sie könnten einander anrufen, E-Mails oder gar Briefe schreiben – und die ganz hartgesottenen könnten einander glatt besuchen! Nein, stattdessen polemisieren sie über Menschenrechte, -würde und quengeln an mehr oder weniger heimlich durchgeführten Änderungen in den Nutzungsbedingungen herum. Es erstaunt mich nicht umsonst, wie viel Macht so ein soziales Netzwerk ausüben kann – insbesondere, weil ich bis vor kurzem auch Mitglied eines solchen war.

Vieles, was hier zu Protest und virtuell geäußerter Aggression führt hat mit etwas zu tun, was ich „digitale Bevormundung“ nennen möchte. In den meisten Nutzungsbedingungen von beliebigen Internetplattformen steht, dass die Betreiber das Angebot jederzeit einstellen können – oder auch ändern – und dass diejenigen, die es nutzen, dann immerhin die Chance haben, ihren Zugang zu kündigen, sofern sie sich nicht mit den Änderungen einverstanden erklären. Häufiger kommt es zu solchen Eskalationen, wenn Dinge verändert werden sollen, die den Nutzerinnen und Nutzern direkt auffallen, wie zum Beispiel ein verändertes Profil-Design. Nun mögen hier Gegenstimmen sein, die lauthals verkünden, dass es kein großes Drama wäre, wenn hier etwas und da ein paar Neuerungen an der Ansicht vorgenommen werden. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen sich nicht so anstellen! Immerhin sei der Dienst ja kostenlos und das, was sich dort verändere, sei ja immerhin auch ganz toll. Statt nun zu meckern, dass alles anders werde und sich darüber zu beklagen, dass die Profile für alle, die lückenlos nachvollziehen wollen, wer wann wo gewesen und was getan hat viel einfacher zu lesen werden, sollte es doch eher ein Grund zu Freude sein, alles immer noch kostenlos nutzen zu dürfen. Immerhin steckt ja auch eine Menge Arbeit dahinter.  Und von Seiten derer, die das Netzwerk betreiben, wurde ja auch schon lange im Voraus angekündigt, was sich verändern wird und wann. Auch wenn sie sich durch einige Proteste haben ausbremsen lassen, so geht doch letztlich das Kalkül auf: Die Leute werden schon nicht gehen, ihr soziales Umfeld und der Spaß den sie haben können, ist ihnen viel zu wichtig. Und wenn sie doch gehen? Na und? Die kommen wieder!

Ich soll mich also nicht so anstellen? Immerhin darf ich einen tollen Dienst ja gratis nutzen.[1] 

Aber Moment. Da wird etwas gegen meinen ausdrücklichen Willen verändert und die einzige Chance, die ich habe, ist, das liebgewonnene System nicht mehr zu nutzen und womöglich den Kontakt zu meinem entfernteren Freundes- und Bekanntenkreis deutlich erschwert zu sehen? Griffe hier nun die Sozial-Diktatur voll durch, so würde ich es mir einfach gefallen lassen. Aber vielleicht vergleiche ich es mit einem anderen Beispiel, das für mache Leserinnen und Leser nachvollziehbarer erscheint:

Ich habe ein Auto.  Das ist soweit nichts ungewöhnliches. Ich mag mein Auto auch sehr – immerhin ist es groß, bequem, komfortabel und bringt mich entspannt auch über weite Strecken ans Ziel. Es hat so seine Macken und verschlingt für die eine oder andere Reparatur mehr, als ich mir überhaupt leisten kann. Aber ich bin bereit so viel Geld auszugeben, denn immerhin will ich nicht auf diese Freiheit an Mobilität verzichten müssen. Mein Einsatz ist also verhältnismäßig hoch und der Nutzen, den ich dafür habe, ist Fahrspaß und die Freiheit schnell und bequem überall und jederzeit hinfahren zu können. Tolle Sache.
Nun bekomme ich aber einen Brief von der Herstellerfirma meines Autos, dass man eine neue Version des Cockpits verfügbar hätte. Sie hätten mir schon einmal Bilder mitgeschickt, wie es denn demnächst aussehen würde. Alles sehr modern und hellblau erleuchtet, aufgeräumt, voller neuer digitaler Anzeigen und Sensoren und überhaupt würden mir die Instrumente viel mehr Informationen bieten, als ich jetzt aktuell verfügbar hätte. Ach ja – und innerhalb der nächsten 6 Monate wird der Wagen dann abgeholt und kostenlos umgebaut. Gehört alles zum Service.

Aber: Ich mag mein Cockpit. Ich mag die Zeigerinstrumente, die Anzeigen sind meines Erachtens völlig zureichend und noch mehr Informationen beim Fahren würden mich nur verwirren. Auch die dunkelrote Beleuchtung sagt mir durchaus zu, denn rein kognitionsphysiologisch ist das eine ideale Farbe für Fahrten im Dunklen.

Nun rückt der Termin näher und die Herstellerfirma kündigt an, meinen Wagen innerhalb der nächsten sieben Tage abschleppen und aufwerten zu lassen. Ob ich will oder nicht. Das wird einfach so gemacht. Hilfsweise hätte ich ja auch die Möglichkeit, mein Auto zu verkaufen. Es gibt ja noch andere Firmen, die Autos bauen, welche mir womöglich eher zusagen könnten.

Die Fälle sind insofern ähnlich, als dass ein Wert in Frage gestellt wird, welcher zum eine eine starke emotionale Bedeutung hat und zum anderen etwas direkt gegen den Willen der Person durchgeführt wird, die hier direkt betroffen ist. Wird also eine derart massive Änderung durchgeführt, die sich gegen den Willen der Person richtet, und wird ihr nur die Möglichkeit gelassen zuzustimmen oder die Nutzung aufzugeben, so ist das zum einen ein Fall von Bevormundung. Diejenigen auf der Angebotsseite, die hier eine Änderung vornehmen, behaupten nämlich von sich selbst, dass sie schon wüssten, was für diejenigen, die hier auf der Nutzen-Seite stehen, das Beste sei. Se wissen es halt besser. Es wird schon stimmen, denn immerhin haben sie ja alles bestens berechnet, vorhergesehen und kennen auch alle Vorlieben und Geschmäcker in und auswendig. Zudem lassen sich ja auch über die Veränderungen noch viel mehr Informationen ablesen, sodass man die Vorlieben und Geschmäcker noch viel besser kennen lernen kann. Zum anderen ist es nichts anderes als Zwang. Wird etwas gegen den Willen einer Person getan und hat sie gar keine andere Wahl als zustimmen oder die Nutzung aufgeben, so muss hier rein formal von Zwang gesprochen werden. Gestützt wird dieser Zwang von einem massiven sozialen Druck, der dadurch entsteht, dass diejenigen, die das System nutzen, es in Zukunft schwerer haben werden, mit ihrem Freundes- und Bekanntenkreis in Kontakt zu bleiben, sofern sie die Nutzung denn aufgäben.

Wenn nun bei manchen Leserinnen und Lesern ein leichtes Unbehagen entstanden ist, dann dürfte das in etwa meinem Gefühl entsprechend, dass ich hatte, als ich kürzlich die Mitteilung bekam, Facebook würde mir nun endlich und endgültig die neue Chronik überstülpen. Sieben Tage hätte ich noch Zeit – dann wäre es so weit und sie würde für alle sichtbar. Bis dahin hätte ich Zeit, um mein Profil noch ein Mal ordentlich aufzuräumen, falls dort Inhalte wären, die nicht jeder sehen sollte. Das allerdings wird durch die immer wieder geänderten Datenschutz- und vor allem Verwaltungsmöglichkeiten gar nicht so einfach. So könnte ich alte Beiträge zwar unsichtbar machen,[2]  aber ob sie dann wirklich weg sind oder nicht, kann ich nicht sagen. Sie sind ja sogar für mich „ausgeblendet“. Und wer weiß, was ich damals alles für einen Unsinn gepostet, geteilt und verbreitet habe? Und so überlegte ich: Sollte ich wirklich meinen entfernten Bekanntenkreis aufgeben? Immerhin ist Facebook für die meisten von ihnen mittlerweile (leider!) eins der Hauptkommunikationsmittel. Mein „Ein Monat ohne“-Experiment zeigte allerdings auch, dass ich überhaupt nichts verpassen würde – und dass ich gar nicht all zu sehr vermisst werde. Das alles insgesamt führt mich zu verschiedenen Überlegungen. Zum einen habe ich mir mal ernsthafte Gedanken über meinen Bekanntenkreis gemacht. All zu eng scheint die Bindung an jenen ja nicht zu sein. Zum anderen, ob Menschen, zu denen ich ohnehin keine all zu enge Bindung habe, es wirklich wert sind, dass ich sowohl mich selbst verkaufe, als auch meine freie Entscheidungsgewalt über die Inhalte meines Profils aufgebe.

Nach kurzer Überlegung war mir klar, dass beides nicht der Fall ist. Diejenigen, zu denen ich dann doch öfter und vor allem besseren Kontakt habe, kann ich dann doch noch über verschiedene Messenger, E-Mail-Adresse oder auch einfach telefonisch erreichen. Und ob sie gerade irgendein Musikvideo bei YouTube mögen, Katzenfotos teilen oder gerade mal wieder Grafiken mit dummen Sprüchen, Hamburger Hafenansichten, kitschiger Küchenpsychologie oder leichtbekleideten Frauen teilen ist dann auch mehr als zweitrangig.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Für mein Verständnis, habe ich mich viel mehr schon für die Nutzung des Dienstes verkauft. Immerhin werden meine Daten zu purem Geld gemacht. Sicherlich weiß ich, dass das passiert und sicherlich will ich das auch, im Gegenzug zu einer kostenlosen Nutzbarkeit. Moralisch einwandfrei ist das allerdings nicht, denn faktisch handelt es sich dabei um eine Form der virtuellen Prostitution. Ich bin meine Daten. Gebe ich meine Daten her, um etwas nutzen zu können, gebe ich mich her. Das ist moralisch sicherlich zweifelhaft. Aber diesen zweifelhaften Fleck auf meiner moralischen Landkarte werde ich in einem anderen Artikel noch näher umkreisen und beleuchten. Immerhin ist es schon starker Tobak, von „virtueller Prostitution“ zu reden – und eine Begründung dessen nimmt mehr Platz ein, als eine Fußnote hergäbe.
  2. Was ich vor einem halben Jahr, als die Funktion eingeführt wurde schon tat.

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