Die Maschine als „Wanton“

On 27. September 2012, in Philosophie, Technik, by Ingo

Harry Frankfurt hat in seinem vielzitierten Essay „Freedom of the will and the concept of a person“ das Konstrukt des „Wanton“ entworfen. Ein Wesen, das nur Wünsche oder Willen erster Ordnung hat. Ich frage mich dabei, ob eine autonome Maschine als ein solcher „Wanton“ gelten könnte – und ob das wirklich so schlimm wäre?

Nun aber mal langsam. Wünsche erster Ordnung? „Wie viele gibt‘s denn da?“ fragt sich vermutlich nun der eine oder andere. Grundlegend: Unendlich viele. Aber es ist, so Frankfurt, nicht wirklich hilfreich mehr als zwei Ebenen anzunehmen. Ein Wunsch erster Ordnung ist dabei etwas wie „Ich wünsche mir Gummibärchen“ oder „Ich wünschte, ich könnte heute Abend ins Kino gehen.“ Die Zweite Ordnung ist dann ein Wunsch der auf einen Wunsch erster Ordnung Bezug nimmt. Also: „Ich wünschte, ich würde mir wünschen, heute Abend ins Kino zu gehen.“[1] Dabei kommt es darauf an, dass ein Wunsch erster Ordnung zwar handlungsmotivierend ist, aber quasi durch einen Wunsch zweiter Ordnung bestätigt werden muss – als rationale Reflexionsebene.
Die zweite Ebene entscheidet darüber, ob ein Wunsch wirklich wünschenswert ist. Also: „Ich wünsche mir Gummibärchen.“ auf der ersten Ebene und „Ich wünschte ich würde mir Gummibärchen wünschen.“ auf der zweiten Ebene. Die zweite Ebene kann aber auch davon abweichen. So kann ich auf der ersten Ebene meinen Gummibärchen-Wunsch ausprägen und auf der zweiten Ebene denken „Ich wünschte, ich wünschte mir Salat, das ist nämlich viel gesünder.“ Für Frankfurt sind nur diejenigen Personen, die ihre Wünsche erster Ordnung mit Wünschen zweiter Ordnung bestätigen können.
Ganz ähnlich verhält es sich dann mit dem Willen. Es geht dann nämlich darum, einen Willen zu wollen, respektive die Frage, ob ich wirklich will, was ich will – also darum, ob ich zwar tun kann, was ich will aber auch wollen kann, was ich will. Wirklich echte Willensfreiheit besteht eben nur dann, wenn ich auch wollen kann, was ich will.

Wenn ich nun aber eine introspektive Selbstanalyse betreibe, dann stelle ich fest: In unglaublich vielen Alltagssituationen bin ich ein „Wanton“. Ich denke nicht darüber nach, ob es nun wirklich begehrenswert ist, Pizza zu bestellen oder Schnitzel zu essen oder ins Kino zu gehen. Ich habe einfach Lust darauf und mache es. Sicherlich wäge ich zwischen diesen Begehren ab (was mich zu einem „rationalen Wanton“ macht), aber so ganz alltäglich verlasse ich die erste Ebene der Wunsch- und Willensbekundungen nicht. Erst dann, wenn es um größere Anschaffungen geht, aber auch dann nur selten, überlege ich, ob es wirklich das ist, was ich will und/oder brauche. Sprich: „Ich will das neue iPhone! => Aber es scheint von der Verarbeitungsqualität her einfach grauenhafter Mist zu sein und ist sowieso nur ein Stück größer und ein bisschen schneller. Will ich das wirklich? Nein…“
Erfahrungsgemäß kann ich also im alltäglichen Leben ohne eine zweite (oder gar noch mehr) Reflexionsebene überleben. Und es tut meinem vernünftigen Umgang mit der Welt auch gar keinen Abbruch.

Das wiederum bringt mich zu den autonomen Maschinen. Wir wollen sie ja als Alltagshelferlein einsetzen. Also als Geräte, die ganz alltägliche Dinge tun sollen. Wäre es ihrer Autonomie abträglich, wenn sie nicht in der Lage sind, eine zweite Reflexionsebene ihres Willens auszuprägen? [2] Ich denke nicht. Es reicht vollkommen aus, wenn sie ihre Handlungen auf erster Ebene koordinieren können. Mehr machen wir Menschen im Alltag auch nicht. Und warum sollten wir von einer Maschine übermenschliche Fähigkeiten verlangen?
Wird die Maschine beispielsweise dazu eingesetzt die Wohnung sauber zu machen und aufzuräumen, dann wären einfache Ausprägungen wie „Ich sauge jetzt Staub.“ völlig ausreichend. Ein „Ich will staubsaugen wollen.“ ist relativ überflüssig, da eine Maschine kaum einen übergeordneten Grund braucht, um sich selbst zur Arbeit zu motivieren. Sie erkennt lediglich einen Handlungsbedarf (der Teppich ist schmutzig) und führt diesen in eine Handlung über (es wird gesogen). Auch eine Abwägung zwischen zwei verschiedenen Handlungen (Staubsaugen oder Abwaschen) kann auf erster Ebene im Rahmen eines statistisch errechneten Dringlichkeitsindexes getroffen werden. Es ist also gar nicht nötig, dass sich unsere autonome Maschine ihrer eigenen Handlungsmotivationen auf einer übergeordneten Ebene versichert. Somit darf sie ein Wanton sein, ohne dass es ihre Autonomie gefährden würde.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ein Gedanke, der womöglich entsteht, wenn es so langweilig ist, dass man so rein gar nichts mit sich selbst anzufangen weiß.
  2. Bei einer Maschine von „Willen“ oder Wünschen zu reden mag hier verwundern, ist aber, auf artifizieller Ebene, durchaus legitim, wie Andreas Matthias in seiner Arbeit „Automaten als Träger von Rechten“ herausgearbeitet hat.
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