Bei meinen Nachforschungen zum Autonomiebegriff, bin ich wieder einmal auf einen interessanten Nebengedanken gestoßen. Gerald Dworkin ist offenbar der Auffassung, dass eine, wenn auch kurzzeitige, Aufgabe der Autonomie keineswegs schädlich ist. Nach Kant wäre es völlig undenkbar, seine Autonomie in irgendeiner Form aufzugeben oder einzuschränken – ein vernünftiges Wesen könnte etwas Derartiges niemals zum allgemeingültigen Gesetz machen. Für Dworkin ist das durchaus im Rahmen des Möglichen, wie er am Odysseus-Beispiel verdeutlicht:

„Suppose, for example, we consider the classical tale of Odysseus. Not waiting to be lured by the sirens onto the rocks, he commands his men to tie him to the mast and refuse his anticipated later order to be set free. He wants to have his freedom limited so that he can survive.. Under these circumstances why should we regard his autonomy as violated?“[1]

Damit ist es durchaus möglich, sich selbst kurzzeitig der Fähigkeit zu entziehen, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Es scheint hier allerdings darauf anzukommen, dass ein höherwertiges Gut auf dem Spiel stehen muss. Kritisch an dem Beispiel ist, dass Odysseus Leben zu keiner Zeit in Gefahr gewesen wäre, wenn er sich, wie seine anderen Mitstreiter, die Ohren verstopft hätte, um den Gesang der Sirenen nicht zu hören. Er wollte den Gesang aber unbedingt hören. Das Gut, nach dem Odysseus aus war und durch welches die Lebensgefahr erst ausgelöst wurde, war somit ein reiner Lustgewinn. Übertragen wir das Beispiel auf einen moderneren Kontext, dann wäre es durchaus möglich, dass ich mich dazu entscheiden könnte, Heroin zu probieren, obwohl ich sicher weiß, dass es mit überproportional hoher Wahrscheinlichkeit zur Sucht führen würde. Diese Sucht ist therapierbar, aber für den Zeitraum der Sucht wäre ich nicht mehr autonom handlungsfähig, was meinen Willen angeht, kein Heroin zu nehmen.

Nun, ich kann eine solche Entscheidung wirklich treffen. Ich kann sie auch selbst treffen und sie ist offenbar alles andere als vernünftig. Dworkin macht damit definitiv deutlich, dass es für uns autonom Handelnde durchaus möglich ist, Entscheidungen zu treffen, die uns eben dieser Handlungsfähigkeit entziehen. Wir müssen uns nur mit unseren Begehren, Zielen und Werten identifizieren können. Eben hier sehe ich ein Problem: Kann es wirklich sein, dass sich jemand mit dem Wert oder dem Ziel identifizieren kann, ein Lustempfinden zu erlangen, welches in letzter Konsequenz dazu führt, dass weitere freie Entscheidungen nicht mehr (oder zumindest vorübergehend nicht mehr) möglich sein werden? Ist ein solcher, vernünftig strukturierter Wertekanon denkbar? Und wenn er denkbar ist, welche Handlungsoptionen würden sich dadurch dann ergeben? Nun, sofern sich jemand selbst und im Rahmen seines Wertekanons dazu entscheidet, sich für ein kurzfristiges Lustempfinden in eine (zeitlich begrenzte?) Sklaverei zu begeben, scheint es tatsächlich so zu sein, dass es sich dabei um eine selbstbestimmte Handlung dreht. Schließlich sagt ja niemand, dass autonome Handlungen immer vernünftig, rational und logisch sein müssen und nicht auch in Selbstaufgabe resultieren können.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Dworkin, Gerald (1989) The Concept of Autonomy. In: Christman, John (Hrsg.), The Inner Citadel. New York/Oxford: Oxford University Press, S. 60
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