Da flatterte eben ein Video von Anonymous durch meinen Diaspora-Stream, das Position gegen das Leistungsschutzrecht bezog und die „Freiheit des Internet“ in Gefahr sieht. Allerdings ist es argumentativ eher schlecht – ein Grund für eine nähere Analyse, ein paar Gedanken zu Freiheit, Vielfalt und Wissen im Internet.

Wissen ist Vielfalt – oder auch nicht

Fangen wir bei einer Aussage an, die mich sofort ansprang: „Wissen ist Vielfalt.“
Nun, das ist so nicht ganz richtig, bzw. nur eine kleine Teilmenge der Möglichkeiten, was Wissen ist. Und das auch nur dann, wenn man sich pluralistische Wissenschaftstheorien zu Rate zieht, die sämtliche wissenschaftlichen Meinungen gelten lassen wollen. Das ist ist zwar auch nicht schlecht – aber auch diese pluralistischen Theorien müssen ja irgendeinen Gegenstand bedienen, den die Wissenschaft da generiert. Nämlich? Genau! Wissen! Wenn Wissen äquivalent zu Vielfalt wäre, dann wäre alles, was irgendwie vielfältig ist, Wissen. Dazu müsste nun erstmal geklärt, werden, das eigentlich mit Vielfalt gemeint ist. Geht es nur darum, dass ein bestimmtes Ding möglichst viele Teile oder Aspekte vereint? Dann könnte ich einen Legobaukasten nehmen, ihn auf den Teppich schütten und sagen: „Seht her! In diesem Haufen Teile stecken unglaublich vielfältige Möglichkeiten! Das ist Wissen!“
Nun, sicher nicht. Wissen ist per definitionem eine „begründete Überzeugung“. Und, einfach ausgedrückt, sehr viele dieser begründeten Überzeugungen, so man sie alle gelten ließe, führen zu einer Wissenspluralität, ergo zu Vielfalt. Wissen ist also nicht Vielfalt, aber es kann vielfältiges Wissen geben.

Was die Kritik am Leistungsschutzrecht angeht, so geht es darum, dass die Verlage nun auch für Snippets, also die ganz kleinen Textbröckchen, die in Suchmaschinen auftauchen, zur Kasse beten könnten. Könnten! Das heißt nicht, dass sie es tun werden. Es wird also nichts weiter als die Bedingung der Möglichkeit geschaffen, dass eine Zeile Text eine gewisse Gebühr verursacht. Wie die Kollegen von Netzpolitik.org schon richtig bemerkt haben, ist relativ kritisierenswert, dass Google als leidtragendes Unternehmen (und Hüter der Freiheit) dargestellt wird. Sicher ist es richtig, dass Suchmaschinen und Newsaggregatoren das Internet deutlich einfacher zu Bedienen machen. Aber schränkt es die „Freiheit“ des Internet ein, wenn eine Suchmaschine keine Treffer mehr anzeigt, weil diese Treffer plötzlich Geld kosten?

Das Internet – die Freiheit der Einfachheit

Offensichtlich ist an der Verbindung zwischen „Freiheit“ und „Gebühren für Textschnipssel“ irgendetwas falsch. Das Anonymous-Video scheint behaupten zu wollen, dass die Freiheit des Internet dadurch gefährdet wird, dass diese Schnipsel nun in Zukunft eine Gebühr kosten sollen und deswegen bei Suchmaschinen nicht mehr gelistet werden oder von Bloggern nicht mehr verwendet werden könnten. Nun, zum einen wird das Zitatrecht gar nicht berührt, wenn ich das richtig verstehe. Zum anderen ist es ein wirtschaftliches Problem und keins der Freiheit!

Die Freiheit im Internet, sofern es sie überhaupt gibt, wird überhaupt nicht tangiert. Jeder kann immer noch ins Netz stellen, was er gerade produziert. Allein das Auftauchen in Suchmaschinen wird schwieriger, zumal eine gewisse Rechtsunsicherheit darüber besteht, ob eine Seite angezeigt werden darf oder nicht. Das führt nicht etwa dazu, dass irgendjemand unfreier wird, sondern viel mehr dazu, dass möglicherweise Kosten entstehen. Und: Nur weil eine Seite nicht mehr in einer der großen Suchmaschinen auftaucht, ist sie ja noch lange nicht weg! Sie wird nur schwerer gefunden! An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Blick in die Vergangenheit wagen. Könnt ihr euch noch daran erinnern? Damals? Als Google noch winzig klein war und Lycos noch Suchmaschine? Yahoo noch ein Webkatalog war und Microsoft nicht einmal daran dachte, sich mit Internetsuchen zu beschäftigen? Wie hat man denn damals von einer Website Wind bekommen? Genau! Jemand hat sie uns geschickt. Per Mail oder per ICQ (das damals noch zu Mirabilis gehörte). Wir haben den Link gespeichert, weitergeschickt, geteilt…
Wir haben kommuniziert!
Klar. Kommunizieren kann heutzutage kaum noch jemand. Schließlich muss man das ja nicht. Mal jemanden fragen? Nein, wozu denn? Suchmaschinen und Co. listen ja alle auf, was so nötig ist – mit Menschen in Kontakt treten? Das ist oldschool. Pardon – was hier wirkt wie Trollling (ist es im Grunde auch), ist eher eine geharnischte Gesellschaftskritik.
Das Leistungsschutzrecht würde nicht etwa die Freiheit beschränken. Es würde vielmehr auf Grund der Rechtsunsicherheit dazu führen, dass es schwerer wird, Dinge zu finden und die Nutzer zwingen, wieder mehr miteinander zu kommunizieren. In Gefahr ist also nicht die Freiheit des Internet sondern nur die Einfachheit seine Bedienung.

Rechtssicherheit ist übrigens, meiner Ansicht nach, relativ leicht herstellbar: Google listet zwar per se alles, was ihm vor den Crawler kommt – aber der lässt sich auch unterbinden. Einfach über die robots.txt. Ein Verlag, kann Rechtssicherheit dadurch erzeugen, dass es seine Angebote von Crawlern aussperrt. So kann es nicht dazu kommen, dass Suchmaschinen und Aggregatoren plötzlich und unerwartet zur Kasse gebeten werden. Ich sehe hier also die Verlage in der Verantwortung, Rechtssicherheit zu erzeugen. Immerhin sind sie es ja, die Geld für ihre Snippets haben wollen – also sollten sie auch festlegen, ob sie verwendet werden dürfen oder nicht – und zu welchen Konditionen. Der Haken: Verlage wollen gefunden werden! Es wäre also eine große Dummheit nun herzugehen und dafür Geld zu verlangen oder gar sich selbst aus der Suche auszuschließen. Schließlich würden sich die Verlage damit ins eigene Fleisch schneiden.

Halten wir also fest: Wissen ist nicht äquivalent zu Vielfalt, aber es kann vielfältiges Wissen geben. Die Freiheit im Internet ist auch nicht in Gefahr – es kann immer noch jeder machen, was er mag, solange er nicht gegen irgendein Gesetz verstößt oder jemandens Rechte verletzt. Und damit das nicht geschieht, sehe ich diejenigen, die unbedingt ein Leistungsschutzrecht wollen in der Verantwortung, ihre Rechte entsprechend transparent zu machen und zu verwalten. Wer nicht will, dass Inhalte bei Google gelistet werden (oder Geld dafür verlangt), der soll gefälligst auch selbst aktiv werden und sich mit Hilfe der bekannten Sperrmechanismen aus der Suche entfernen. Immerhin kann es ja nicht sein, dass die Verlage, die ihre Rechte gewahrt sehen wollen, dann hergehen und klagen oder riesige Rechnungen schreiben, obwohl sie ihre Rechte mit einem winzigen Eintrag in einer einfachen Textdatei direkt vor Suchmaschinen schützen könnten. Das wäre meiner Ansicht nach journalistisches Raubrittertum.

Virtuelle Kolonialisierung

Raubritter „kolonialisieren“ nun nicht das Internet, sondern überfallen es vielmehr – wenn wir bei der Metapher bleiben wollen. Wie kolonialisiert man eigentlich einen virtuellen Raum? Werden dann demnächst verschiedene IP-Ranges von Verlagen und Unternehmen geflagged und eine Grenze drumherum gezogen? Ich meine – das gibt’s schon! Unternehmen haben jede Menge IPs, die ihnen gehören und die sie verwalten dürfen. Aber Kolonialisieren geht anders. Um eine Kolonie zu gründen, nimmt man sich eine Handvoll Siedler, schickt sie in ein fremdes Land, erobert vielleicht ein Stückchen davon mit Gewalt – und lässt sie dann dort eine Stadt gründen.
Wie zum Teufel gründet man eine Kolonie im Internet? Geht ein Verlag daher, unterwirft eine Serverfarm mit Hilfe eines Cyberwars und deklariert dann einen bestimmten IP-Bereich einfach als neues Eigentum? Na, glücklicherweise gibt es internationale Verträge, die die Vergabe von IPs regeln. Das Internet kolonialsieren dürfte dementsprechend schwer fallen. Mit anderen Worten: Der Begriff ist völliger Blödsinn.

Der einzige Vergleich mit einer Kolonie, der vielleicht funktionieren könnte, ist der, dass die Verlage um ihre Angebote nun Grenzen errichten können. Aber das können sie auch schon mit Hilfe von Paywalls. Die „Kolonien“ existieren also im Grunde schon. Und das schon seit einer ganzen Weile und sogar relativ erfolgreich. Es gibt schließlich nicht wenige Leute, die tatsächlich bereit sind, für gut recherchierte Inhalte zu bezahlen. Und ich kann auch durchaus die Bestrebungen der Verleger und Journalisten verstehen, für ihre Inhalte Geld zu bekommen. Mir wäre auch viel Wohler bei der Sache, wenn ich für meine Inhalte Geld bekäme. 🙂

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