Das Internet, von dem immer alle reden, scheint sich momentan recht gern mit den kleinen aber feinen Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu beschäftigen. Podcasts, Blogs und ab und an auch die Mainstream-Presse beschäftigen sich mit Feminismus, Chauvinismus, Gleichberechtigung und Gleichbehandlung – und irgendwie nervt mich all dies „gendern bis Blut kommt“ derweil ein wenig. Einer der Gründe, warum ich dem generischen Maskulin treu bleibe. 🙂

Erst kürzlich hörte ich in einem Podcast (der Bayern 2 Zündfunk-Generator), dass immer mal wieder Bestrebungen unternommen werden, zu beweisen, dass es da einen Unterschied zwischen Männern und Frauen geben muss. Zuletzt versuchten es wohl die Neuropsychologen, die herausgefunden haben wollen, dass weibliche Gehirne einfach anders funktionieren als männliche. Aber was soll das zeigen? Denken Frauen anders als Männer? Und wie denken Männer? Ich kann über das mentale Innenleben eines Menschen so lange nichts sagen, bis er mir freiwillig davon erzählt. Wahrnehmung, Bewusstsein, Geist – das bleibt wohl noch eine ganze Weile ein „hard problem“.
Aus meiner männlichen Denkperspektive kann ich ja auch nur sagen, wie ich denke, handle und mich für oder gegen irgendetwas entscheide. Aber scheinbar ist das nicht so ganz klar, wer nun welche Perspektive hat und wie denkt. Oder doch? Kürzlich meinte ein guter Freund, als er sich über seine Partnerin ärgerte „typisch Frau“, als sie ohne groß nachzudenken ein paar neue Klamotten kaufte. Sie fand sie einfach schön. „Hm,“ meinte ich, „ich mache das aber auch so. Vielleicht nicht bei Kleidung, aber wenn ich was schön finde und haben will, kauf ich‘s einfach. Und da reden wir jetzt nicht von Sachen unterhalb von 50 Euro, sondern eher etwas in der Klasse eines MacBooks. Bin ich jetzt typisch Frau?“ Er versuchte gar nicht erst, das irgendwie zu rechtfertigen, mich machte das zusätzlich nachdenklich.

Und so trieb ich mich ein wenig herum, um herauszufinden, was denn nun „typisch“ am Frausein oder Mannsein sein soll. Ich trollte in Foren herum, diskutierte in Communities, schrieb die eine oder andere Mail, lauschte Podcasts und fand ganz wundersame Dinge. Vor allem darüber, „wie ein Mann zu sein hat“ und „wie eine Frau sein darf“ und dass es offenbar verschiedene Sichtweisen dazu gibt, je nachdem, ob nun aus männlicher oder weiblicher Perspektive berichtet.

Also, wie hat nun ein Mann gefälligst zu sein? Als erstes stieß ich auf das „Mysterium Alphamännchen“. Offenbar sind damit durchsetzungsfähige Männer gemeint, die ein gewisses Standing haben oder zumindest nach außen hin so wirken, als hätten sie‘s. Die Macher und Entscheider, diejenigen, die den Arsch in der Hose haben. Balls of steel, you know? Wobei auch nicht ganz genau klar wurde, wie man denn nun „Alphamännchen“ wird. Bedarf es eines barbarischen Rangkampfes? Muss der Widersacher verbal oder allein durch Ausstrahlung unterworfen werden? Muss man das größere Auto fahren, das teurere Handy besitzen und die hübschere Freundin haben, um repräsentativ deutlich zu machen, dass man zu den „Machern und Entscheidern“ gehört? Immerhin soll „Alphamännchen“-sein ja eine „Lebenseinstellung“ sein. Noch erstaunlicher: Ist man kein „Alphamännchen“ wird man nicht ernst genommen. Unsicherheiten, die jeden wohl mal überkommen? Selbstzweifel, ob man einer größeren Aufgabe wirklich gewachsen ist? Sensibilität? Nein, das ist nur was für Loser! Sensible Männer, die auch noch intelligent und freundlich sind? „Das ist das, was Hollywood in die Köpfe der Menschen pflanzt, was in der Realität aber nicht funktioniert.“
Interessant daran ist: Die Männer behaupteten, Frauen würden auf „Alphamnännchen“ voll abfahren, weil die ja im Optimalfall große, kräftige, durchsetzungsfähige Beschützer sein könnten. Die Frauen sahen das irgendwie anders (was die Männer nicht in ihrer Argumentation gestört hat). Zwar stimmten sie den oberflächlichen Charakteristika zu (also bitte große, kräftige Beschützer), hielten aber gar nichts davon, jemanden „ertragen“ zu müssen, der immer und ständig das Sagen haben will. So ein „echter Mann“ darf auch gern mal die Klappe halten und einfach mal zuhören. Die „Du hörst mir gar nicht zu“-Problematik wurde dabei all zu deutlich. Charmant und humorvoll dürfen sie dann bitte auch noch sein, gegen Gentleman-Allüren hat niemand was – und wenn dazu noch eine Prise (aber wirklich nur eine Prise) Macho kommt, wär‘s perfekt.

Und wie darf Frau sein? Aus Sicht der Männer darf Frau sich gefälligst beschützen und betüddeln lassen. Schließlich ist man ja ein ganzer Kerl und da man die Hosen anbehalten will, ist man schließlich dazu da, Frau zu umsorgen und so. Hoch lebe das Rollenklischee darf Frau dann auch bitte eine geradezu devote Art an den Tag legen, mit der sie zum Mann aufschaut (nicht nur, weil der mindestens 20 cm größer zu sein hat!) und ihm quasi dankbar für sein „Alphamännchen“-Dasein ist.
Die Frauen sahen das diesmal verblüffend ähnlich (wenn auch nicht alle): Sie wollten zu einem Mann aufsehen können und sich „mal ganz als Frau“ fühlen dürfen.

Nachdem ich nun eine ganze Weile unter Machos und.. äh.. „Beta-Weibchen“ (?) umherstreifte, taten sich mir verwirrte Fragezeichen auf. Wie fühlt man sich denn, wenn man sich „mal ganz als Frau“ fühlt? Bin ich jetzt total unmännlich, weil ich bei traurigen Filmen weinen muss? Und warum gibt es da so intensive, schwer zu überwindende Glaubenssätze darüber, „wie Mann/Frau zu sein hat/sein darf“?
Ich vermute, dass es hier ein übersexualisiertes Problem gibt. Männer und Frauen springen in ihre Rollen, fühlen sich da eine Weile lang ganz wohl und wenn etwas außerhalb des gewohnten Denkrahmens passiert, wird es intensiv bekämpft. Na, wen wunderts? Immerhin ist es einfacher anders zu handeln als anders zu denken. Die eigenen Glaubenssätze und Überzeugungen zu verändern ist schwieriger als manch einer glaubt.

Abseits der übersexualisierten Debatte, wie Mann und Frau gefälligst zu sein haben, frage ich mich all zu oft, wo denn nun genau der Unterschied zwischen Männern und Frauen sein soll. Meine Geschäftspartnerin ist zum Beispiel in einer deutlich dominanteren Rolle (noch ein Mysterium: Das „Alphaweibchen“!). Ich bin unglaublich gut darin, die Leute zu motivieren, zu organisieren, planen, administrieren… aber wenn ich dann mal etwas publiziere, dass nicht so ganz der vereinbarten Firmenphilosophie entspricht, bekomme ich in Windeseile eine „Das kann nicht dein Ernst sein“-Mail. Ich bin auch ganz froh darüber, denn ab und an muss mein spontaner Tatendrang mal ausgebremst werden.
Ähnlich verhält es sich mit meiner neusten Redakteurin. Sie macht seit über 10 Jahren Kampfsport, berichtet von allerlei blutigen Trainingsverletzungen, die ich im Traum nicht über ich ergehen lassen würde und macht Dinge mit Messern, Schwertern und Äxten (auf Distanz auch einem Langbogen), bei denen mir schon beim Zusehen schwindelig wird. Bei einer potenziellen Zombie-Apokalypse stehe ich definitiv zwei Schwertlängen hinter ihr (sieh hält das auch für eine gute Idee 😉 ).

Wie kam ich nun hier unten an? Ah, ja – die Problematik mit der Gleichbehandlung. Nun, es scheint mir tatsächlich, als gäbe es eher ein sexualisiertes Problem, statt einem sexistischen Problem. Was ich damit meine? Na: Sexismus ist die bewusste und gezielte Abwertung eines Menschen auf Grund seines Geschlechts. Das ist aber, denke ich zumindest, eher der Ausgang aus einem sexualisierten Zustand. Jenes wiederum ist, meiner Ansicht nach, eine auf die reine Sexualität zentrierte Denkweise. Um es deutlicher zu machen: Wenn wir aufhören, uns immer und ständig als reine Paarungs-Objekte zu betrachten uns gegenseitig als Menschen ernst nehmen, haben wir eigentlich kein Problem mehr miteinander. Klingt zu einfach? Das Leben ist einfach!

Mein durchforsten des Netzes ergab, dass viele der sexistischen Auf- und Abwertungen letztlich darauf basieren, dass sich die verschiedenen Geschlechter untereinander scheinbar nur imponieren wollen. Die großen, starken Entscheider-Männer wollen mit einem möglichst großen Pfauenrad daherkommen, um ihren Paarungserfolg zu steigern. Die Frauen, die sich selbst eben diesen Männern unterwürfig darbieten haben scheinbar ganz ähnliche Intentionen. Ein Problem entsteht meines Erachtens genau dann, wenn dieses alberne Balzverhalten auf den Rest der Gesellschaft übertragen und unterschwellig mitkommuniziert wird. Dann nämlich hören die Menschen auf, sich gegenseitig als Menschen zu betrachten und fangen an, sich nur noch in Geschlechterrollen zu sehen, die ja gefälligst auf irgendeine Art und Weise zu sein haben.
Ok, ich sehe ein, dass wir auch nicht gänzlich damit aufhören können, uns alle gegenseitig als sexuelle Wesen wahrzunehmen (auch wenn das ein effizientes Mittel gegen die Überbevölkerung wäre 😉 ). Wir sollten aber damit anfangen, darüber nachzudenken, welches der richtige Ort und der richtige Moment dazu ist. Denn wir könnten uns einiges an Diskussion, politischem Zank, linguistischem Pfennigfuchsen und philosophischem Hirnschmalz sparen, wenn wir anfangen würden, Menschen als Menschen ernst zu nehmen – und sie nicht immer und ständig als Männer und Frauen zu betrachten. Vermutlich würden dann einige Forscher, die auf Teufel komm raus Unterschiede festmachen wollen arbeitslos. Aber die könnten sich dann auch einfach damit beschäftigen, festzustellen, dass es eigentlich gar keine all zu großen Unterschiede gibt. Was wir damit erreichen könnten, wäre eine Art Gleichbehandlung auf menschlicher Ebene, statt einer Angleichung der Geschlechterrollen. Das ist meiner Meinung nach auch viel effektiver. Denn klarerweise sind nicht alle Menschen gleich – aber wenn man auf ihre Unterschiede auf menschlicher Ebene eingeht, statt auf Ebene von Geschlechtern, erscheint es mir zumindest viel gerechter. Vielleicht braucht es aber auch erst einmal eine Art „Theorie der Geschlechtergerechtigkeit“, bevor etwas wie globale Gleichbehandlung einsetzen kann. Rawls reloaded. 🙂

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One Response to Typisch Frau! Oder etwa nicht?

  1. Christian sagt:

    Es zeigen sich schon viele Unterschiede auf der Geschlechterebene, allerdings eben nur im Schnitt der Gruppe und es gibt viele Abweichungen. Es ist wichtig in Geschlechterthemen nicht auf einen Essentialismus abzustellen, dass würde ich genauso sehen. Aber dennoch ist es unumgänglich bei der Betrachtung der Gesellschaft und der Bewertung, ob eine Diskriminierung vorliegt, auch die Unterschiede, die über die Gruppe auftreten zu beachten. Wenn man zB meint, dass Frauen beim Gewichtheben diskriminiert werden, ihnen ein besseres Training vorenthalten wird, dann muss man die Wirkung von Testosteron beim Muskelaufbau kennen. Das gilt in anderen Bereichen auch.
    Einfach ausblenden und auf das Individuum abstellen ist insoweit nur bei Einzelpersonen möglich, bei Gruppen bilden sich zwangsläufig Häufungen, die häufig an den Geschlechtern festzumachen sind.

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