Wenn man heutzutage studiert, dann erwirbt man neuerdings sogenannte „Credits“ oder, auf gut Deutsch „Leistungspunkte“. Diese putzigen kleinen Kerlchen vermehren sich im Laufe eines Studentenlebens und führen nicht selten ein Eigenleben. Mal bekommt man sie für Referate, mal für Ausarbeitungen, hier und da müssen Essays geschrieben werden und die Königsdisziplin, die Hausarbeit, wird mit einer ganzen Horde der kleinen Freunde beglückt. Und über all das, wie Punkte entstehen, vergehen, sich vermehren und einsam im Vorschriftenwald verlaufen, kann ich nicht anders, als eine Satire zu schreiben.

So begibt es sich nicht selten, dass sich unsere Freunde den Gesetzmäßigkeiten (oder Ungesetzmäßigkeiten?) der Quantenphysik unterworfen fühlen. Sie verändern nämlich ihren Zustand, sobald man anfängt sie zu beobachten oder über sie nachzudenken. Ab und an geschieht es dann nämlich, dass Seminare dann „keine Punkte“ einbringen, obwohl man ja an ihnen (mehr oder weniger aktiv) teilnimmt. Solange man nicht darüber nachdenkt, ist das auch alles völlig problemlos. Irgendwann stellte ich dann jedoch fest, dass ich „Dinge“ beantragen muss und irgendwelche Leute fragen danach, was ich denn innerhalb der letzten drei Semester so alles getrieben hätte.  Mit stolzgeschwellter Hühnerbrust präsentiere ich also das heilige Transcript, freue mich schon diebisch auf ein Lob oder zumindest den Hauch einer Anerkennung für all die durchmachten Nächte, die Reisen durch die Republik um an zusätzlichen Seminaren teilnehmen zu können, die vergessenen Freundschaften (weil „Ich hab keine Zeit, ich muss lesen“ finden irgendwie ziemlich viele Leute ungeil) und den noch nicht ganz überstandenen BurnOut…

…da kündet die freundliche Stimme vom anderen Ende des Schreibtischs „Na, da ist ja noch nicht viel passiert“ und reißt mich aus meinen jähen Wunschfantasien. „Wie?“, frage ich „Nichts passiert? Hab ich all die Zeit hier und sonst wo völlig umsonst studiert?“

Offenbar war nichts gemeldet worden, weil es ja auch keine Punkte gab. Nun gab es aber wohl doch welche – oder sollte es zumindest – denn immerhin bestand ja eine Absprache zwischen den Fakultäten und den Prüfungsämtern, dass man Punkte „zumindest symbolisch“ einzutragen hätte, damit das Transcript nicht ganz so leer aussieht. Und so entsandte man mich auf die Suche nach Punkten, die es nicht gibt, für Leistungen, die nicht erbracht werden mussten. Nimmt man die Prüfungsordnung nämlich wirklich haarklein ernst, legt die „Oder-Verknüpfungen“ in der Formulierung auf die analytische Goldwaage und hat dazu noch einen schlechten Tag kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass diese putzigen Punkte wie Nullpunkt-Energie aus dem Nichts entstehen. Ich nenne das den „Studiums-Casimir-Effekt“. Zwischen zwei geladenen Polen (Student und Dozent) die sich innerhalb einer massiven Anziehung (Seminar) befinden entstehen plötzlich und aus dem Nichts Punkte.

Ein Wunder. Außer natürlich es wurde angekündigt, auf welche Weise man eben diese Punkte entstehen lassen kann. Das ist dann eine Art von Magie: Man beschwört Worte (Referate) oder schreibt sie in Formeln nieder (Essays und Hausarbeiten) und eben diese sorgen mit reiner Schöpfungskraft für das Entstehen der Punkte.

Wie schrieb es aber schon der weise Terry Pratchett: Die größte Magie ist die, die man nicht beschwört! Denn, wie oben erwähnt: Eigentlich gibt es ja keine Punkte. Nur symbolisch. Oder so. Also: Sie müssen da sein, ohne da sein zu müssen. Verstanden? Nein? Macht nichts. Denn solange man nicht darüber nachdenkt, oder die Punkte beobachtet, können sie auch ihren Quantenzustand nicht verändern. Heißt: Sie sind da (oder nicht da) weil sie da sein müssen (oder nicht da sein müssen), solange man keine Vermutungen darüber anstellt, wo sie gerade sind…

Wenn man nun aber doch beschließt, die Punkte magisch zu beschwören (alles andere wäre ja auch langweilig, denn wir lernen ja mit der Macht der Worte umzugehen), dann kommt es darauf an die Formeln zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und für die richtigen Leute zu intonieren. Merke: Jede Form von Magie verändert den Rahmen von Raum und Zeit in ihrem Bezug zur Realität. So auch die Magie der Leistungspunkte. Beschwört man die magischen Formeln in nicht im richtigen Seminar, so kann‘s geschehen, dass sie zwischen einer Wirklichkeitsfalte der Formvorschriften verschwinden. Halb existent und halb inexistent fristen sie dann ihr Dasein als „Schrödinger-Punkte“, die eben nur an Substanz gewinnen oder verlieren, wenn man darüber nachdenkt, was sie gerade treiben.

Ein Mysterium beim Erschaffen von Pseudo-Punkten bleibt jedoch, ihre genaue Sortierbarkeit. Hat man herausgefunden, wie man sie erschaffen kann (sei es durch den besagten Casimir-Effekt oder durch das magische Beschwören mit Worten), so ist noch lange nicht klar, wohin sie nun wandern. Die einen wandern in Module, die anderen tummeln sich in Ergänzungsbereichen und wieder andere springen freudig vom einen Bereich in den anderen und die nächsten wollen einfach nicht richtig passen. Tja – auch wenn Punkte traditionell rund sind, so kann es passieren, dass sie einfach nicht in die Spalte kullern wollen, in die sie eigentlich gehören. Wobei es dazu verschiedene Meinungen gibt, die sich gegenseitig a) ausschließen, b) bedingen, c) widersprechen und d) miteinander übereinstimmen. Klingt verwirrend? Mit Nichten…

A sagt, Punkt x kann in Spalte p sortiert werden. B sagt, Punkt x kann in Spalte q sortiert werden. C sagt nun, dass weder p noch q richtig sein können, denn Punkt x existiert ja gar nicht. Hat man nun aber darüber nachgedacht und somit den Punkt zur Existenz verholfen, fragt man D, der sagt, dass x in Spalte p passt und B zückt das Regelwerk für angewandte, praktische Magie und findet keine Anweisung dafür, dass man x in p sortieren kann – also muss er in Spalte q. A findet das seltsam, ist aber trotzdem davon überzeugt, dass er in p kann, weil es ja nirgendwo geschrieben steht, dass solch magische Punkte nun zwingend in Spalte q landen müssen.

Klar oder?

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