„Das System entscheidet viel schneller als es ein Mensch könnte.“ Sätze wie diesen höre ich immer mal wieder, wenn die Rede von automatischen und autonomen Systemen die Rede ist. Sei es nun das Kollisionsvermeidungssystem im Auto, die Bonitätsprüfung der Bank oder auch nur die Zusammenstellung der Suchtreffer bei Google: Wir haben in unserem Sprachgebrauch die Redewendung von der entscheidenden Maschine aufgenommen.
Ich will diesen Sprachgebrauch untersuchen und vor allem widersprechen. Von den vielen Dingen, die ein Computer für uns leisten kann, ist die Fähigkeit Entscheidungen treffen vermutlich diejenige, die er aktuell noch am schlechtesten beherrscht.

Wie kommen wir dazu, zu glauben, Computer entschieden etwas? Nun, weil das, was Computer so machen, so wirkt, als wäre es eine Entscheidung und einer solchen womöglich auch recht nahe kommt. Um das zu klären, muss ich ganz basal bei der Entscheidung selbst anfangen. Wenn wir Menschen etwas entscheiden, dann denken wir über etwas nach. Wir haben etwas, worüber es eine Entscheidung zu treffen gilt und wir haben Dinge, die mit dem zu Entscheidenden in direktem oder indirektem Zusammenhang stehen sowie die Konsequenzen aus unserer Entscheidung.

Ich muss mich entscheiden, ob ich morgen mit dem Auto oder mit der Bahn zur Uni fahre. Die Bahn wäre die kostengünstigere und vermutlich stressfreiere Wahl. Andererseits habe ich noch ein Treffen für ein Seminar abends in Bielefeld, das recht lang dauern könnte, und will später am Abend noch mit Freunden etwas unternehmen. Da ich nun nicht genau weiß, wie lang das Treffen dauern wird, dafür aber sehr genau weiß, in welcher Taktung die Bahn fährt, ist es für mich sicherer (wenn auch ungleich teurer) das Auto zu nehmen. Die Konsequenz der Überziehung wäre, dass einer meiner Freunde, der sich nun schon seit über einem Monat auf diesen Abend freut, ziemlich enttäuscht sein würde, wenn es ins Wasser fällt.

Klingt nach einer recht übersichtlichen Sache. Ist es aber ganz und gar nicht. Für alle Bestandteile meiner Entscheidung habe ich das Wissen darüber, was die jeweiligen Dinge bedeuten. Ich verstehe was mit „Bahn“, „Treffen“, „Bielefeld“ etc. gemeint ist. Allein „Bahn“ enthält schon wieder unzählige Begriffe mehr, von denen ich intuitiv verstehen kann, was sie meinen. In diesem Fall meint es nämlich nicht „eine Bahn“ – also eine festgelegte Strecke, sondern vielmehr den Zug selbst. Das zumindest ist die gängige Assoziation, die wir in der Alltagskommunikation haben, wenn wir sagen „Ich fahre mit der Bahn.“[1] Und damit weiß ich auch, was es bedeutet, mit der Bahn zu fahren. Nämlich: Mich zum Bahnhof begeben, warten, Gedrängel vor dem Wagon, einsteigen, die Zeit während der Fahrt vertreiben, Verspätungen in Kauf nehmen, damit rechnen dass etwas außerplanmäßiges während der Fahrt passieren könnte und so weiter. Mit anderen Worten: Ich treffe meine Entscheidung auf Basis von Informationspartikeln, deren inneren und äußeren Zusammenhang ich verstehen kann.
Wie nun aber Searl mit seinem berühmten Chinese-Room-Gedankenexperiment gezeigt hat, geht einem Computer das Verständnis über die Dinge ab. Er kann Symbole verarbeiten und rein logisch anhand eines Anweisungssets (das er, so behauptet Searl, verstehen kann) miteinander verknüpfen und ein Ergebnis liefern. Wirklich verstehen kann der Computer weder die eingehenden noch die ausgehenden Informationen – geschweige denn, die Gründe dafür, warum er die Verknüpfungen auf eine bestimmte Art und Weise vornimmt. Alles was er macht, ist die Anweisungen dafür abarbeiten, wie die Symbole zusammengehören.[2]

Was nun die Entscheidung angeht, so ist es notwendige Bedingung, dass der Entscheidende zumindest minimales Verständnis davon hat, worüber er entscheidet und welche Konsequenzen es hat. Einem Computer fehlt diese notwendige Bedingung. Er kann somit keine Entscheidungen treffen. Alle anderen Handlungen wären wohl im Bereich des reagierens oder des Affektes einzuordnen. Selbst wenn ich etwas sehr spontan und ohne viel Nachdenken entscheide, dann bleibt es immer noch beim Verständnis dessen, was ich tue. Selbst dann, wenn ich von falschen Tatsachen ausgehe oder über die Inhalte meiner Entscheidung getäuscht werde, bzw. mir nicht klar sein kann, welche Konsequenzen eintreten, so liegt dennoch ein Verständnisversuch vor, der nur einfach fehlschlägt oder zu falschen Ergebnisssen in Bezug auf die Konsequenzen führt.

Was aber macht ein Computer stattdessen? Nun, ich denke, es wäre korrekt, von einer Reaktion zu sprechen. Er kann auf verschiedene Dinge, die von außen auf ihn zu laufen, reagieren. Ähnlich wie ein Reflex, bei dem ein Reiz direkt und unreflektiert zu Reaktion führt, führen Eingaben direkt und unreflektiert zu Ausgaben. Mir ist natürlich klar, dass die Situation ungleich komplexer ist und dass moderne Computerprogramme allerlei Logik enthalten. Am Ende sind es aber nur Operationen, die aus Eingaben, Ausgaben und einem dazwischen stattfindenden, automatisierten Ablauf mit hoher Komplexität beruhen.

Links: The Chineese Room

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Wäre die andere Bedeutungsebene gemeint, so würde die korrekte Aussage lauten „Ich fahre eine Bahn entlang.“
  2. Ich würde ebenfalls bestreiten, dass der Computer das Anweisungsset verstehen kann. Vielmehr ist es nur ein automatischer Ablauf von Aktionen und Reaktionen, die eingehende Symbole in ausgehende Symbole umsetzt. An welcher Stelle das Verstehen der Anweisung auftritt, ist mir unklar.

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