Es ist mal wieder so weit: Ich zweifle am gesunden Menschenverstand meiner Mitmenschen. Nicht, dass ich das nicht regelmäßig täte. Das letzte Mal ist nur schon wieder eine Weile her.

Diesmal grüble ich über die Sexismusdebatte rund um Rainer Brüderle nach. Gut, die von ihm getätigten Aussagen sind, sofern sie überhaupt genau so stattgefunden haben, sicherlich geschmacklos. Daran habe ich nichts auszusetzen. Mir geht da aber ein Kommentar einer Anruferin bei WDR5 durch den Kopf, den ich heute Morgen im Auto hörte. Sinngemäß sagte sie in etwa:

Da schreibt eine unbekannte Journalistin vor einem Jahr einen Artikel, der jetzt ausgegraben wird und medienwirksam stürzen sich Leute wie Alice Schwarzer darauf, die abgedroschene Argumente wiederholen und eine kleine Gruppe von Frauen die Twittert wird zu einem riesigen Skandal aufgebauscht.

Die anwesende feministische Redakteurin wollte das natürlich nicht hören und hat die Argumente glatt ignoriert. Ich fand das äußerst erschreckend. Warum? Nun ja…

Hier werden Frauen politisch instrumentalisiert, um einen Politiker oder eine ganze Partei in den Schmutz zu ziehen. Nun, ich mag die FDP auch nicht – aber Menschen instrumentalisieren ist meiner Ansicht nach immer falsch. Um dem noch eine Krone aufzusetzen: Menschen erst nach Geschlecht zu selektieren und sie dann zu instrumentalisieren ist Sexismus pur. Das, liebe Feministinnen, solltet ihr euch noch mal durch den Kopf gehen lassen. Ihr seid nämlich gerade sexistisch. Ihr instrumentalisiert Menschen auf Grund ihres weiblichen Geschlechts dazu, eine politisch motivierte Situation künstlich hochzukochen. Von Emanzipation und Gleichbehandlung ist das ungefähr so weit weg wie Russland von einer lupenreinen Demokratie. Da haben Journalisten tatsächlich etwas zu befürchten, wenn sie ihre Meinung sagen. Hier zum Glück nicht – sonst würde ich vermutlich auch einfach mal die Klappe halten und mir denken: „Lasse mal alle machen. Wenn genug von den wichtigen Themen des Lebens abgelenkt wurde und die Medien sich wieder beruhigen, ist‘s eh schnell wieder vergessen.“

Aber nicht nur Frauen werden ja sexistisch Instrumentalisiert. Die bösen Männer, die ja ohnehin an allem Schuld sind, dürfen nicht verschont bleiben. Wie war das? Der alte Spruch, dass es psychologisch bewiesen wäre, dass Krawatten Phallussymbole darstellen und genauso sexistisch sind wie Frauen im Dirndel, wurde auch mal wieder ausgegraben. Verdammt. Ich mochte Krawatten noch nie. Was mach ich denn jetzt liebe Frau Schwartzer? Habe ich jetzt ein gestörtes Verhältnis zu meinem Geschlechtsteil? Herrjeh! Sich über Kleidungsstücke a) Gedanken machen und b) der Welt verkünden, wie schrecklich sie doch sind. Gut, dass ich überhaupt gar keine Zeit habe, um im Fernsehen aufzutreten. Ich habe wichtigeres zu tun. Aber vielleicht sollten wir alle in geschlechtsneutralem Sackleinen gekleidet auf die Straße gehen. Am besten im Unisex-Overall. Möglichst weit ausfallen, damit weder Brüste noch Penisse oder sonst irgendein Geschlechtsmerkmal einen Unterschied machen kann. Gleichbehandlung durch Gleichmacherei! Hurra!

Und dann hieß es, es wäre schon lange an der Zeit gewesen, dass all die Frauen ihre Leidensgeschichten twittern. In Großbritannien gäbe es das ja schon lange. Da würde jedes Jahr regelmäßig von Frauen über ihre sexistischen Übergriffe getwittert.

Ja. Finde ich auch. Es war lange überfällig beobachten zu können, mit wie viel Leichtigkeit man ein Thema so aufbauschen kann, dass alle glauben, es wäre ein Skandal.

Versteht mich nicht falsch – ich finde Sexismus durchaus bekämpfenswert. Aber nicht, in dem man ihn mit seinen eigenen Waffen schlägt und Menschen nach ihren Geschlechtern selektiert und instrumentalisiert. Wir sollten da ein Diskussionsniveau erreichen, dass sich nicht nur auf Rollenbilder und Geschlechtsmerkmale fixiert. Das ist in meinen Augen genauso hilfreich wie zu versuchen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Am Ende hat man nämlich nur eine ganze Menge heiße Luft gemacht und Asche übrig.

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