Facebook und die Luxussorgen

On 21. Mai 2013, in Persönliches, by Ingo

Nachdem ich nun seit etwa einem Jahr Facebook aktiv sabotiere, respektive mich ihm verweigere – tataa, hab ich mich wieder angemeldet. „Opportunisten-Arsch!“ hör‘ ich die Leute jetzt schon brüllen… und das ist vermutlich auch gar nicht so ganz falsch.

Mich überkamen da im Laufe des Jahres verschiedene Erkenntnisse – und es wäre ja schade, wenn ich die nun für mich behalten würde, nicht wahr?

Facebook ist alternativlos

Ich mag ja diesen Neusprech-Begriff von der Alternativlosigkeit nicht. Aber gerade was soziale Netze angeht, scheint das zuzutreffen. Ich habe mich im Laufe der Zeit mit Diaspora, Twitter, App.net und diversen anderen Kleinigkeiten beschäftigt. Messenger laufen bei mir sowieso immer und überall und Mailadressen hab ich im Duzend billiger. Es ist also nicht so das Problem, irgendwie Kontakt zu halten oder das System einfach zu wechseln und ein anderes zu benutzen – oder vielleicht sogar mehrere gleichzeitig, denn hoch lebe die Abwechslung… Erstaunlich daran: Es macht kaum jemand! Total spontan erfuhr ich, dass die einen umgezogen waren, die anderen neue Jobs hatten und die nächsten (wieder) studieren – oder gerade damit fertig waren. Das teilen sie dann über Facebook – aber sonst nirgends.

Sozialstrukturproblem?

Da frage ich mich ernsthaft: Ist das ein Strukturproblem, weil Facebook offenbar omnipräsent ist oder habe ich einfach nur die falschen Bekannten? Oder ist womöglich meine Anspruchshaltung, doch durchaus gern über Neuigkeiten in meinem entfernten Umfeld informiert zu werden irgendwie verfehlt? Könnte ich mir ggf. sogar den Vorwurf gelten lassen „Schließlich bist du ja verschwunden und könntest dich ja auch mal melden!“? Es scheint sich einfach in den Köpfen der Leute als die Anwendung festgesetzt zu haben – und dann ist das halt einfach so. Und wie ich feststellen muss, ist es gar nicht so einfach, die Leutchen per SMS oder Messenger zu erreichen (und wenn sie umziehen und ’ne neue Telefonnummer haben, DAS aber eben nur über das kleine blaue F mitteilen, ist das auch nicht gerade sehr kontaktförderlich). Datenschutz und andere Probleme werden nicht weiter reflektiert – und wer nicht dabei ist, bekommt halt auch nichts mit.

Luxusprobleme und jammern auf hohem Niveau

Joa, ich beklage mich über Dinge, die nun wirklich nicht weltbewegend sind. In Afrika verhungern Kinder, im nahen Osten herrscht Krieg, die Wirtschaft kriselt und kriselt, von Nordkoreas Plänen die Welt in die Luft zu sprengen, ist auch schon lange nichts mehr vermeldet worden – und ich kleiner Wicht jammer rum, weil’s mir so vorkommt, als würde sich die Welt irgendwie an mir vorbei drehen. Ja geht’s noch? Aber klaro! Ich gehe einfach davon aus, dass ich innerhalb meiner soziokulturellen Rahmenbedingungen absolut das Recht dazu habe, rumzunöseln.

Tja. Wie auch immer. Dann bin ich halt wieder da – ihr Torfnasen!

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Vor einer Weile wurde das Tallinn-Manual der NATO veröffentlicht, in dem es hieß, dass Hacker, die sich an Kampfhandlungen beteiligen als legitime Angriffsziele gelten und getötet werden dürfen. Das hat offenbar für einigen Wirbel gesorgt, da nun viele Hacker um ihr Leben fürchten, sollte es mal zu einem irgendwie gearteten Konflikt kommen. Zu Unrecht, wie ich finde, denn diese Furcht basiert auf dem einen oder anderen groben Missverständnis. Ich will versuchen das in verständlichen Worten zu erklären.

Von gerechten Kriegen und ihren Teilnehmern
In der Philosophie gibt es verschiedene Arten, den Krieg zu betrachten. Eine über Jahrhunderte verbreitete Art, war die Weiterentwicklung der „Theorie des gerechten Krieges“. Hier mag der eine oder andere schon stocken und sagen: „Moment! Kriege sind nie gerecht! Es kommt immer zu Missetaten und brutaler Eskalation von Gewalt!“ Das ist grundsätzlich die erste Intuition, die die Leute trifft, wenn sie von „gerechten Kriegen“ hören. Es geht in der besagten Theorie aber nicht (zumindest nicht primär) um „Gerechtigkeit“ sondern um „Rechtfertigung“. Wie schon erwähnt, sind die Gedanken zum gerechten Krieg nicht neu – vielmehr gehen sie auf alte Kirchenväter wie Augustinus und Tomas von Aquin zurück (ja, genau – wir reden hier vom Mittelalter) und wurden im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt. Wichtig zu bedenken ist, dass in der gesamten Theorie nur von Städten, später Ländern und dann Staaten die Rede ist. Asymmetrische Kriege, wie wir sie heute kennen, können mit der Theorie nur schwerlich bedacht werden und genau das ist eins der Probleme – aber dazu später.

Was braucht es nun, um einen gerechten Krieg zu führen? Nun, zum einen gibt es zwei verschiedene Rechte, die betrachtet werden müssen, nämlich das ius ad bello und das ius in bellum (also das Recht Krieg zu führen und das Recht im Krieg, denn entgegen dem Sprichwort schweigen die Gesetze im Krieg nicht – zumindest die moralischen).

1. Um einen Krieg einzuleiten braucht es zunächst eine legitime Autorität, die diesen Krieg erklären darf. Das kann ein Stammesoberhaupt, ein König oder ein demokratisch gewählter Herrscher sein. Wichtig ist, dass die kriegserklärende Autorität als Repräsentant des Landes/Staates da steht, welches den Krieg erklärt.

2. Als Nächstes braucht es einen grechten Grund, um Krieg führen zu dürfen. Als solcher Grund wird gemeinhin ein Vorfall angesehen, der durch keine andere Möglichkeit aus der Welt geschafft werden kann. Klassisches Beispiel: Bürger aus Land A laufen über die Grenze in Land B und vertreiben dessen Bürger von ihren Grundstücken, um sie sie in Besitz zu nehmen. Land B verlangt von Land A, dass das aufhört und verlangt Entschädigungen dafür. Seitens Land A erfolgt nun aber keine oder eine abschlägige Reaktion und da es keinen übergeordneten Gerichtshof gibt, um eine rechtliche Streitigkeit zwischen zwei Ländern zu bereinigen (denn Staaten und Länder genießen Autonomie, es gibt keine Instanz über ihnen, solange sie nicht freiwillig ihre Autonomie teilweise aufgeben – was dann zur kantischen Weltrepublik führen würde), ist Krieg ein legitimes Mittel um diese Streitigkeit zu beseitigen.

3. Wenn die ersten beiden Punkte zutreffen, muss es noch eine gerechte Absicht geben, mit der der Krieg geführt wird. Eine gerecht Absicht liegt dann vor, wenn es ein Übel gibt, das aus der Welt geschafft werden soll (nämlich der in Punkt 2 entstandene Schaden) und das Gute befördert werden. Allein die Bezeichnungen „Gut“ und „Übel“ machen schon die christlich-moralische Herkunft der Theorie klar – aber sie lassen sich auch durchaus in einem modernen, moralischen Kontext anwenden, sodass wir uns daran nicht weiter stören brauchen. Wie auch immer: Es muss durch den Krieg etwas Gutes entstehen – allein das Übel aus der Welt zu schaffen reicht nicht aus.

4. Wenn die Liste bis hier hin abgehakt ist, ist die Frage: Gibt es vielleicht eine ander Möglichkeit, um das Problem aus der Welt zu schaffen? Sind wirklich alle Möglichkeiten durchgespielt worden? Haben die Politiker wirklich alles bedacht? Der Krieg darf nur das letzte Mittel sein, um das Unrecht zu beseitigen. Wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gibt… naja, dann: Feuer frei!

5. Allerdings muss bei der Kriegshandlung immer im Blick bleiben, dass es auf einen Frieden hinauslaufen muss. Einfach so einen Krieg führen, um ein Land zu erobern und das eigene Territorium zu vergrößern gehört also nicht dazu: Da ist dann nämlich niemand mehr übrig, mit dem sich Frieden schließen ließe (und ein gerechter Grund wäre es vermutlich auch nicht). Im Grunde muss schon bevor es überhaupt losgeht klar sein, dass es irgendwann endet. Eine unendlich lange Kriegsführung, wie es ebenfalls bei den asymmetrischen Kriegen der Neuzeit der Fall ist, die nur um ihrer selbst willen geführt werden, darf also zu Beginn der Kampfhandlungen nicht in Betracht gezogen werden.

6. Wenn auf eine Streitigkeit zwischen zwei Staaten mit Krieg reagiert wird, dann muss darauf geachtet werden, dass diese Reaktion auch wirklich angemessen ist. Angenommen Bürger aus Land A siedeln sich einfach so in Land B an – und Land B unternimmt nichts dagegen, um das zu ändern. Es wäre wohl oder übel übertrieben, wenn Land A gegenüber Land B gleich den Krieg erklärt. Die angemessenere Reaktion wäre, die Siedler schlicht und ergreifend wieder zu vertreiben. Es muss also bedacht werden, ob die Reaktion mit Krieg wirklich verhältnismäßig ist.

Es lässt sich nun vortrefflich darüber streiten, ob alle Punkte oder nur ein paar erfüllt werden müssen – aber darauf kommt es für die Betrachtung hier jetzt auch gar nicht an.

Der andere – hier interessantere – Teil der Theorie des gerechten Krieges ist das ius in bellum, also das Recht, im Krieg. Dabei geht es vor allem um zwei Punkte: Die im Krieg angewandten Mittel müssen verhältnismäßig sein und es muss zwischen Soldaten und Zivilisten unterschieden werden.

Das heißt: Wenn sich in einem Dorf, in dem 200 Menschen leben, drei Soldaten versteckt halten, dann ist es grob unverhältnismäßig, das Dorf zu bombardieren. Ebenso dürfen Zivilisten niemals als aktives Ziel ausgewählt werden, um beispielsweise den Feind zu demoralisieren. Wenn nun also ein Staat hergeht und wahllos eine Stadt des Feindes bombardiert um seinen Kampfeswillen zu brechen, dann ist das unrecht – ja geradezu ein terroristischer Akt. Aber: Es gibt durchaus die Möglichkeit, Zivlisten anzugreifen, nämlich dann, wenn sie an Kriegshandlungen beteiligt sind. Und genau hier setzt unser Problem an.

Der Hacker als Kombattant

Im internationalen Völkerrecht, zu dem auch das Kriegsrecht in Form der Genfer Konvention oder der Haager Landkriegsordnung zählt, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie sich Menschen an bewaffneten Konflikten beteiligen können. Die Rede von „bewaffneten Konflikten“ ist heutzutage viel korrekter, denn es wurden schon lange kein echter Krieg mehr erklärt. Wie dem auch sei: Neben echten Soldaten (regulären Truppen), gibt es auch noch Guerilla-Kämpfer, Widerstandskämpfer, Aufständische, Terroristen und vieles andere mehr (irreguläre Truppen). Und: Es gibt Zivilisten, die sich an Kampfhandlungen beteiligen!

Wenn sich nun also ein Zivilist an Kampfhandlungen beteiligt, dann gilt für ihn der Kombattanten-Status und darf angegriffen werden. Er wird vom Schutz vor tödlicher Verletzung von diesem Moment an ausgenommen. An dieser Stelle sollte ich mit einem weit verbreiteten Mythos aufräumen: Soldaten haben kein Recht zu töten. Im Gegenteil: Die Tötung eines gegnerischen Kämpfers gilt als letztes Mittel innerhalb eines bewaffneten Konflikts. Prinzipiell gilt, dass ein Angreifer mit Gewalt zu stoppen ist. Für die Soldaten gilt also, dass sie vom „Schutz vor tödlicher Gewalt“ ausgenommen sind und für an Kampfhandlungen beteiligte Zivilisten gilt das Gleiche.

Aber Moment: Wann beteiligt sich ein Zivilist an Kampfhandlungen? Nun ja, nehmen wir folgendes Beispiel:

Ein Kampfverband marschiert durch ein Feld, um zu einer Position vorzurücken. Ein Ortsansässiger Bauer greift daraufhin zu seiner alten Schrotflinte und will seinen Grund und Boden vor den einmarschierenden Soldaten schützen. In dem Moment, in dem er zu einer scharfen, möglicherweise tötlichen Waffe gegriffen hat und die Absicht verfolgt, die Soldaten anzugreifen, ist er zu einer Gefahrenquelle geworden. Er verliert damit nicht seinen Status als Zivlist, aber den Schutz vor tödlicher Gewalt. Die Soldaten haben das Recht, diese Gefahr abzuwehren. Dabei ist es möglich, dass der Bauer getötet wird. Ich wiederhole nochmals: Die Soldaten haben zu keiner Zeit das Recht den Bauern zu töten. Sie haben lediglich das Recht, die Gefahr, die nunmehr aus einem Zivilisten, für den der Tötungsschutz nicht mehr gilt, auszuschalten.

Dürfen Hacker also innerhalb eines bewaffneten Konfliktes getötet werden?

Ganz klar: Nein! Ein Cyberwar stellt keinen Krieg dar, sondern nur eine Methode der Kriegsführung. Es handelt sich dabei sozusagen um eine Waffengattung. Übertragen wir das Beispiel mit den Soldaten und dem Bauern auf reguläre Truppen und Hacker, wird schnell klar, dass von dem Hacker keine tödliche Gefahr für die Soldaten ausgehen kann. Militärische Cyber-Angriffe dienen zur Störung der Kommandostruktur, dem Ausspähen von Informationen aus feidlichen Netzen und der Unterbrechung von gegnerischen Sensornetzen (Radar, Satellitenüberwachung, Laser-Peilsystemen etc.). Es handelt sich bei Cyber-Waffen somit ganz klar um nicht-tödliche Waffen!

Das heißt im Klartext: Selbst dann, wenn ein ziviler Hacker einen militärischen Hacker mit einer Cyber-Waffe angreift (DDoS), um seinen Server zu schützen, weil der militärische Hacker für seinen Angriff auf ein feindliches Informationsnetzwerk so viel Bandbreite benutzt, dass der zivile Server in Gefahr ist (der Bauer möchte nicht, dass die Soldaten seine Maispflanzen niedertrampeln), werden zu keiner Zeit tödliche Waffen eingesetzt. Der militärische Hacker schwebt nicht in umittelbarer Lebensgefahr. Der zivile Hacker stellt somit keine direkte Gefahrenquelle dar, womit sein Schutz vor tödlicher Gewalt nicht aufgehoben werdend darf.

Einen zivilen Hacker, der sich an Kampfhandlungen beteiligt als legitimes Ziel zu betrachten und ihn vom Schutz vor tödlicher Gewalt auszunehmen verstößt somit in eklatantem Maße gegen das internationale Völkerrecht.

Das ist nun aber auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Wenn nun ein ziviler Hacker hergeht, und aus reinem Patriotismus sein Land verteidigen will, und die gegnerischen Informationsnetze mit Cyber-Waffen angreift, ändert sich die Sachlage minimal – aber wirklich nur ein wenig. Er ist dann durchaus als Beteiligter an Kampfhandlungen zu werten, aber immer noch nicht zu töten. Warum? Recht einfach: das ius in bellum verbietet es! Einen Angreifer, der nicht-tödliche Waffen einsetzt mit tödlichen Waffen anzugreifen ist schlicht und ergreifend unverhältnismäßig. Ich möchte mich weit aus dem Fenster lehnen: Es ist ein Kriegsverbrechen, einen zivilen Hacker mit tödlichen Waffen anzugreifen. Und die Aussage „Hacker dürfen getötet werden“ ist allein schon deswegen falsch, weil es kein Recht zu töten gibt.

Also liebe Hacker: Ihr schwebt nicht in direkter Lebensgefahr, wenn irgendwo ein Konflikt ausbricht und ihr irgendwie darin verwickelt werdet. Völkerrechtlich sollte gegen dieses Tallinn-Manual aber dringend angegangen werden.

Kate Darlings Vortrag auf der Republica 13 schlug erwartungsgemäß hohe Wellen. Wir leben in einer Welt, die mehr und mehr auf Maschinen angewiesen ist. Eine Welt, die Robotern immer mehr vertrauensvolle Aufgaben übertragen will. Nicht nur zum Minensprengen, sondern auch in der Pflege und im Haushalt sollen uns die Maschinen in naher Zukunft unter die Arme greifen. Aber müssen wir unsere eigenen Konstruktionen vor uns selbst schützen? Ich denke nicht.

Darlings Argumentation läuft in etwa so:

Roboter werden vermenschlicht. Ein US-General ließ den Test eines Minen sprengenden Roboters abbrechen, weil er es für unmenschlich empfand, wie sich die Maschine mit nur noch einem von sechs Beinen über das simulierte Schlachtfeld zog. Probanden die einen Spielzeug-Dinosaurier zerstören sollten, reagierten bestürzt, wenn nicht sogar entsetzt, auf diese Anweisung. Sie hatten mittlerweile eine emotionale Bindung zu dem Gerät hergestellt. Und auch von Soldaten, die im Kampfeinsatz einen (ferngesteuerten!) PackBot verlieren, der eine Sprengfalle nicht entschärfen konnte, empfinden Trauer über diesen Verlust. Immerhin hat die Maschine ihnen ja schon mehrfach das Leben gerettet. Weil wir Menschen nun so emotional auf die Maschinen reagieren, die wir bauen, sollte es Gesetze geben, die sie unter Schutz stellt, genauso wie wir Tiere schützen. Letztlich geht es, so Darling, ja nicht darum die Tiere zu schützen, weil sie leiden könnten, sondern weil wir unsere eigene Menschlichkeit erhalten wollen. Denn sonst dürften wir nicht die einen Tiere schützen und die anderen essen, sondern müssten sie alle gleichermaßen schützen – eben weil sie leid empfinden können.

Warum ein wenig gesunder Menschenverstand die Welt zu einem besseren Ort macht

Das Problem an der Argumentation ist, dass es von der falschen Seite aus geht. Wir sollten nicht anfangen, die Dinge, die wir bauen, zu schützen, weil wir einen Verlust an Menschlichkeit fürchten. Wir sollten stattdessen anfangen reflektiert an das Problem heranzugehen. Wir sollten uns klar und deutlich vor Augen führen, dass ein Roboter eine Maschine ist, die wir gebaut haben. Eine Maschine, die nicht in der Lage ist, Leid zu empfinden, kein Selbstbewusstsein hat, ja in der nicht einmal phänomenologisch etwas vorgeht. Selbst ein noch so geschickt und komplex konstruierter Androide wäre etwa das, was David Chalmers als „philosophischen Zombie“ bezeichnen würde. Ein Wesen, dass womöglich funktional mit uns Menschen übereinstimmen könnte, aber keinesfalls über eine phänomenale Repräsentation verfügt. Ein solcher Androide würde womöglich einen Schmerzensschrei äußern, würde er getreten oder geschlagen werden – aber nur, weil das eine Funktion ist, die er in diesem Moment ausführt.

Die Antropomorphismus-Debatte ist ein moralisches Problem – aber von der falschen Seite her. Maschinen werden vermenschlicht und es wird Mitleid empfunden, wenn sie beschädigt werden. Sicher: Wenn es uns Unbehagen bereitet, eine Maschine zu zerstören, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, es zu tun. Genauso wie es für alle anderen Dinge, die uns Unbehagen bereiten, keinen vernünftigen Grund gibt, sie zu tun. Der Vergleich mit dem Tierschutz geht meiner Ansicht nach aber fehl. Selbstverständlich ist es nicht recht, ein Tier zu quälen. Ein Tier ist ein empfindungsfähiges Wesen. Einen Roboter dagegen könnte niemand quälen. Er ist nicht in der Lage etwas wie Qual zu empfinden. Er kann lediglich kaputt gehen. Der Denkfehler liegt dabei in der metaphorischen Übertragung von Eigenschaften. Es wird Mitleid empfunden, wenn eine Maschine zerstört wird, indem ihr einfach unterstellt wird, dass sie etwas empfinden könnte.

Statt nun also Roboterschutz-Gesetze zu erfinden, um unsere sozialen Werte zu schützen, sollten wir alle besser zur Vernunft kommen. Wir sollten reflexiv mit der Technologie umgehen, die wir benutzen. Und genau das ist eine Ebene tiefer, als das Erfinden neuer Gesetze: Wir müssen uns dringend klar machen, dass es falsch ist, Maschinen zu vermenschlichen.

Angenommen, Roboter würden tatsächlich unter Schutz gestellt. Wozu eigentlich? Gibt es einen vernünftigen Grund, einen Maschine absichtlich zu zerstören? Gut, Ok. Es gibt Menschen, die teures Geld für iPhones oder iPads ausgeben und sie in YouTube-Videos verbrennen, beschießen, unter Strom setzen oder mit Vorschlaghämmern malträtieren. Das zeigt, dass Menschen nicht immer einen vernünftigen Grund brauchen, um zu tun, was sie gerade tun. Trotzdem: Es handelt sich bei einem iPhone sicherlich um eine Maschine und noch viel sicherer empfindet es rein gar nichts, wenn es zerstört wird. Es ist allerhöchstens eine Torheit, so viel Geld für etwas auszugeben, dass lediglich zerstört werden soll. Schlussendlich kann aber jeder mit seinem Eigentum verfahren, wie er mag.
Ein anderer Gedanke: Was mache ich mit einem alten Roboter, wenn er unter Schutz steht? Darf ich ihn dann nicht mehr gegen ein neues Modell austauschen? Muss ich ihm dann eine Art digitalen Altenteil zukommen lassen und ihn hegen und pflegen, reparieren und updaten, bis er eines Tages von selbst kaputt geht, weil wichtige Bauteile durchbrennen und nicht mehr nachgekauft werden können? Ich will es mit einem Auto vergleichen: Irgendwann ist ein Auto so alt, dass es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, es zu reparieren. Sicher ist es dann ein liebgewonnener Teil des Alltags und hat seinen den Eigentümer oder seine Eigentümerin in zahlreichen Gelegenheiten sicher, warm und wohlbehütet von A nach B gebracht. Oder es hat einfach nur Spaß gemacht es zu fahren und wahre Glücksgefühle bei 250 auf der Autobahn beschert. Trotzdem ist es irgendwann alt und kaputt und wird verschrottet. Das hindert uns nicht, Tränen zu vergießen, wenn das liebgewonnene Automobil seine letzte Fahrt in die Schrottpresse antritt. Aber leiden wir dann, weil wir denken, dass das Auto Schmerzen empfinden wird, wenn wir es verschrotten? Nein, wir leiden vielmehr darunter, dass ein zuverlässiges Stück Technologie aus unserem Leben verschwindet. Wir leiden darunter, dass die vielen Erlebnisse, die wir mit dem Stück Technologie verbinden, beendet sein werden. Es ist fast, als würde ein Haustier eingeschläfert werden. Das Tier empfindet dabei keine Schmerzen und es leidet auch nicht. Aber wir trauern trotzdem, weil ein liebgewonnener Teil unserer Umwelt nicht mehr ist und nie wieder kommt.

Es mach nicht falsch sein, antropomorphe Betrachtungen von Technologie zu erforschen. Es mag ebenfalls nicht falsch sein, die sprachlichen Mittel zu untersuchen, mit denen wir die Technologie, die wir erfinden und bauen mit Metaphern belegen und versuchen eine emotionale Bindung herzustellen. Es ist aber eindeutig falsch, wirklich eine emotionale Bindung zu dieser Technologie herzustellen und sie wie Menschen oder Tiere behandeln zu wollen. Wir sollten hier vernünftig sein. Wir sollten uns jederzeit klar und deutlich und unmissverständlich und auf einer ganz basalen Ebene klar machen, dass es einen Unterschied zwischen lebenden und nicht lebenden Entitäten gibt.

Wenn wir uns selbst und die Gesellschaft, in der wir leben, schützen wollen, dann kommt es genau darauf an. Wir müssen uns gegenseitig menschlich behandeln. Nicht Maschinen.

Quelle: Zeit

Computerlogbuch des Wells-Klasse Kreuzers USS Quantum Flux

Sternzeit 31208005,3510
Captain Peter Stevens

Unsere Aufklärungmission zur Erkundung des temporalen Verzerrungsfeldes, welches sich kürzlich im Bereich der Erde auftat, ist abgeschlossen. Dieser Abschlussbericht gilt als geheim und ist nur der Kommission für temporale Integrität gegenüber zugänglich.
Empfehlung: Temporale Sprengung der alternativen temporalen Konvergenzfelder, um eine Verseuchung der Zeitlinien zu verhindern. Multiversumweite Wechselwirungen gelten als wahrscheinlich…

… verdammt, ich kann das so nicht. Computer: Pause, neue Aufnahme. Markierung auf ‚persönlicher Bericht“ ändern.


Als der erste Star-Trek-Film von J.J. Abrams über die Kinoleinwand flimmerte, hatte ich gedacht, dass es nicht mehr schlimmer geht. Der Geist von Star Trek unter den brutalen Füßen einer effekthascherischen Materialschlacht zerstampft um übertrieben coole Schauspieler, Sex und Slapstick kombiniert mit Geballer auf den Markt zu werfen. Das Ganze getarnt als „alternative Zeitlinie“.

Ok. Wenn ich jetzt völlig ignoriere, dass vor „Into Darkness“ Star Trek steht und die zahlreichen Plot-Anspielungen aus dem Hirn tilge, dann könnte ich jetzt sagen: „Jau, geiler Film, tolle Effekte, klasse Kopf-aus-Popcorn-Kino.“

Ich bitte an dieser Stelle vielmals um Entschuldigung. Leider ist es mir nicht möglich, mein Hirn soweit runter zu fahren, ohne sofort im Koma zu landen.

Nun ja. Nach einigen technischen Pannen im Kino, in dem gleich beide Filme als Double-Feature-Vorpremiere gezeigt wruden, konnte der neue Film dann endlich beginnen. Technische Pannen im Sinne von: Der erste Film lief von Blue-ray, hatte erst die falsche Tonspur, dann musste offensichtlich der Player neugestartet werden und überhaupt hat der Vorführpraktikant einen ganz schlechten Tag erwischt. Auch beim zweiten Film, diesmal nicht nur in Stereo (warum konnte Blue-ray eigentlich kein Dolby?), sondern in toller Tonqualität versagte er auf ganzer Linie. Die 3-D-Bilder flimmerten erst, waren dann nicht synchron, dann war der Effekt weg – und nachdem wir dann von beiden Filmen etwa vier Mal den Vorspann sahen (beim ersten etwa 3 Mal das Blue-ray-Menü und die Sprachauswahl), war ich ja schon auf einiges vorbereitet. Vor meinem geistigen Auge spielte sich schon der neue Film in der klingonischen Originalfassung mit niederländischem Untertitel und Synchronisationseinblendung für Taubstumme ab… da konnte es dann aber doch losgehen.

Alles fängt damit an, dass Kirk vor einer Horde unbekannter Wilder durch einen in extremen Rottönen gehaltenen Wald flüchtet. Die Bildqualität wirkte insgesamt so, als würde sich ein vollaufgedrehtes Super-AMOLED-Display in gewaltiger Größe direkt auf die Retina brennen. Nur mit zusätzlichem 3-D-Effekt. Aus irgendeinem Grund wird Spock an einem Seil hängend über einem ausbrechenden Vulkan abgeseilt, um eben diesen Vulkan am Ausbrechen zu hindern. Natürlich geht das schief, weil das Shuttle überhitzt, natürlich fällt Spock in den Vulkan und überlebt wie durch ein Wunder und natürlich kann er im letzten Moment gerettet werden. Die Art und Weise ist allerdings bezeichnend.
Die Enterprise ist nämlich nicht etwa im Orbit, wie es sich für ein Sternenflottenraumschiff, welches eine unbekannte Prä-Warp-Zivilisation ausschließlich beobachten sollte, gehört. Nein, nein. Das wäre ja viel zu einfach und hätte gar keinen so tollen Effekt geboten. Statt dessen ist das Schiff unter Wasser, vor der Küste genau der Zivilisation, die gerade gerettet werden soll. Unter Wasser! Ein Schiff diese Größe, welches mit Sicherheit nicht dazu gebaut wurde, um auf einem Planeten zu landen punktgenau versenkt! Besonders unsinnig daran: Bei der Rettung Spocks taucht das Schiff vor den Augen der Ureinwohner auf, die es natürlich sofort wie einen Gott verehren, wodurch ein Verstoß gegen die erste Direktive Kirk direkt sein tolles Kommando kostet. Aber egal, die Föhnwelle hält.
Ich habe mich nur gefragt: Wie haben sie das Schiff überhaupt so unauffällig versenkt? Ich meine, wir reden hier von einem Objekt, dass genug Wasserverdrängung hätte, um schon bei langsamem Absenken größere Übeschwemmungen hervorzurufen. Aber zum Glück ist da ja eine ziemlich hohe Klippe (von der gleich effekthascherisch gesprungen wird), um das größte Überschwappen zu verhindern. Trotzdem haben die tollen Steam-Punk-Raumschiffe der Sternenflotte offensichtlich die magische Fähigkeit sich irgendwie aus dem Wasser zu heben. Schließlich dürften die Manövriertriebwerke mit Sicherheit nicht funktionieren und der Impulsantrieb genug Kraft entwickeln würde, um beim Auftauchen vermutlich direkt einen Tsunami auszulösen. Aber gut. Mr. Abrams macht ja auch den neuen Star-Wars-Film. Vermutlich war die Macht im Spiel. Die kann ja bekanntlich Raumschiffe aus Sümpfen heben (und in Games Sternenzerstörer vom Himmel holen).

Nach dieser Vergewaltigung der Trek-Physik geht’s dann ein wenig emotional weiter: Eine unbekannte Mami und ein unbekannter Papi besuchen ihr Kind, welches offenbar unheilbar krank ist im Krankenhaus und ein großer, finsterer Mann mit tiefer Stimme verkündet mit wissendem Unterton, dass er helfen kann. Darstellerisch eine perfekte Besetzung für den Film – ich konnte das Testosteron geradezu aus der Leinwand fließen spüren. In 3-D versteht sich. Testosteronschwanger ging das Ganze dann auch weiter (fliegender Wechsel zwischen Action, Emotion, Anspielungen auf andere Star-Trek-Filme, zurück zu Action, mehr Action und noch mehr Action, dann wieder Emotion. Und wieder Action und blöde Anspielungen die völlig deplatziert sind… Und so geht das den ganzen Film über…).

Natürlich handelt es sich bei dem Bösewicht mit den Balls of Steel um Khan Noonian Singh – wer denn auch sonst? Immerhin sind wir hier ja in Star Trek 2. Also – der Star-Trek-2-Version eines alternativen Universums. Die übertrieben guten kämpferischen Fähigkeiten werden direkt unter Beweis gestellt, der Bösewicht ergibt sich scheinheilig, wobei die Enterprise natürlich gestrandet ist und entpspannt so einen Handlungsplot der genauso sinnfrei wie an den Haaren herbeigezogen ist, dass Gene Roddenberry eigentlich von den Toten aufertehen müsste, um im Zombe-Modus den guten J.J. zu fressen. Aber bitte bevor er den ersten der neuen Filme macht. Immerhin mus die Zeitlinie gerettet werden.
Bemerkenswert ist die Erwähnung von Abteilung 31 (wir erinnern uns: Die Abteilung, die, für den Fall, dass die Menschheit oder die gesamte Föderation in Gefahr ist, die Autorisation hat, im geheimen zu operieren und alle erforderlichen Mittel – auch ungesetzliche und unmoralische) zu ihrem Schutz einzusetzen) und die Tatsache, dass von eben dieser Abteilung neue Torpedos gebaut wurden (die sich allerdings als Cryo-Kapseln von Kaans Crew herausstellten) und nebenbei noch ein Raumschiff entwickelt, dass dreimal so groß ist, wie alle anderen der Sternenflotte, und große, ausfahrbare XXL-Phaserkanonen hat (wer an dieser Stelle an Phallussymbole denken muss, ist herzlich willkommen) UND außerdem vollautonom fliegt, sodass ggf. ein einziger Pilot an Bord ausreicht, um all das tödliche Waffenarsenal zu bedienen.

Ganz nebenbei findet Pille übrigens heraus, dass Khans Zellen sich unglaublich schnell regenerieren. Er injiziert dessen Blut in einen toten Tribble (wie auch immer der an Bord kam – immerhin gehört er ja eher zu einer verbotenen Spezies), der fast am Ende des Films wieder zum Leben erwacht. Das ist auch dringend notwendig, denn hier kommt die nächste Anspielung auf Star Trek 2. Nicht nur Khan ist mit von der Partie, sondern auch das Schiff respektive der Warpkern muss von jemandem im Alleingang gerettet werden. Diesmal ist es allerdings nicht Spock, der mit bloßen Händen in die Injektorkammer greift, nein, diesmal stirbt Kirk den heldenhaften Strahlentod. Und so kommt es zu einem Rollentausch zwischen Kirk und Spock. Während Kirk die historischen, prägenden, symbolträchtigsten Worte der Filmgeschichte spricht („Ich bin es und werde es immer sein, ihr Freund…“) und stirbt, schreit der weinende (sic!) Spock sich nach KHHHAAAAAANNNNN die Seele aus dem Leib. Es gibt keine Worte, die mein gefühltes Entsetzen in diesem Moment ausdrücken könnten – und allein mein Gefühl für Höflichkeit, die Tatsache, dass ich eingeladen war, nicht selbst gefahren bin und mit diesem Schundwerk mit Star-Trek-Label vermutlich geheime masochistische Fantasien befriedigte, sorgten dafür, dass ich nicht aufstand und das Geld zurückverlangte.

In diesem Moment dachte ich: „Ok. Das gibt dann einen Teil 3: Die Rückkehr von Captain Kirk mit schwangeren Waalen und einer Zeitreise in die gewohnte Zeitlinie…“ – in dem Moment wurde mir aber klar, dass da ja noch ein Tribble mit Khans Blut auf der Krankenstation liegt. Na – und wenn es eine Blutprobe gibt, dann braucht man die ja nur in den dann entstrahlten Kirk injizieren und alles wird gut.

Naja, nicht ganz. Das wäre ja viel zu einfach gewesen. Erst musste das große böse Sternenflottenschiff noch auf die Erde abstürzen, ¼ von San Francisco unter sich begraben und Spock musste in einer fulminanten Verfolgungs- und Prügelszene den Bösewicht einfangen, damit ihm dann das Blut entnommen werden konnte, um ein Serum herzustellen. Eins der anderen 72 genetisch verbesserten Crewmitglieder von Khans Schiff zu nehmen wäre ja auch viel zu einfach gewesen. Hätte locker 20 Minuten Film und jede Menge hopsen und prügeln gespart. Und das geht ja gar nicht, schließlich muss ja so viel Schlägerei wie nur möglich untergebracht werden. Kirk lag dabei übrigens auf Eis in einer Stasiskapsel. Im Gegensatz zum toten Tribble musste Kirks Hirn irgendwie aktiviert gehalten bleiben. Obwohl er ja eigentlich mausetot war. Oder auch nicht. Auf jeden Fall konnte er mit Hilfe dieser Injektion dann wiedererweckt werden. Star Trek hat jetzt also einen Zombie-Mode bekommen – wie schön. 🙂

Hauptsache, das Schiff wurde ein zweites Mal fast total zerbröselt und konnte nach der Restaurierung dann auf seine fünfjährige Forschungsmission gehen, die ja niemals zuvor gemacht wurde. Stimmt genau. Die NX1 war ja schließlich etwa acht Jahre unterwegs – und das sogar noch bevor die Canon-Zeitlinien so eklatant durch Fleischwolf und Mixer gedreht wurden.

Aber naja. Für all diejenigen, die es schaffen zu vergessen, dass der Film irgendwas mit Star Trek zu tun hat, ohne einem sofortigen Hirntod zu erliegen (nein, es ist grade keine Khan-Blutprobe verfügbar), wird der Film ein absolutes SciFi-Baller-und-Prügelfest sein.
Ich für meinen Teil weiß gerade noch nicht ob ich lachen oder weinen soll. Oder ob’s schon so wehtut, dass ich nur noch lachen kann. Sei’s drum. Immerhin gab’s effektreiches Geballer auf großer Leinwand.

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Weltprobleme

On 5. Mai 2013, in Persönliches, Philosophie, by Ingo

Eine junge Dame meinte kürzlich zu mir, sie möge die Philosophie nicht so. Zum Einen wären die Philosophen, die sie kennt, allesamt eher Rechthaberisch und mit Scheuklappendenken ausgestattet – zum Anderen hätte sie gar keine Lust, die Probleme der Welt zu lösen, sondern viel lieber erst mal ihre eigenen. Mich macht das wieder mal nachdenklich. Klar, was sollte ich als Philosoph auch sonst tun? 😉

Rechthaberei und Scheuklappendenken? Ich vermute, das liegt am Handwerkszeug. Mit dem Kopf voll Logik denkt es sich viel leichter in „richtig“ und „falsch“, hinter jeder Ecke lauert ein Fehlschluss und überhaupt will jeder seine Position ja so gut wie möglich verteidigen. Was auch sonst? Wenn es aber so viele sind, die sich so verhalten, dann gibt es da scheinbar ein Problem. Liebe Kollegen… hört doch mal auf, Recht haben zu wollen. „Die Wahrheit“ als begründete Meinung scheint ja ohnehin dasjenige zu sein, worauf sich die meisten einigen können. Immerhin gibt’s ja keine „letzte Begründung“, die noch irgendwie nachvollziehbar wäre.

Aber Weltprobleme lösen? Wir Philosophen? Wir erschaffen sie ja erstmal! Wobei: Eigentlich erschaffen wir nur die Werkzeuge, mit denen dann die Menschen loslaufen und Probleme machen. Wir erfanden die Demokratie – und die Menschen gingen los, führten Kriege und blutige Kämpfe, um die Welt zu demokratisieren. Schon kamen wir wieder ins Spiel und sagten „Moment Freunde, bitte benutzt unsere Werkzeuge doch nicht so!“ – und stellten nebenbei fest, das es für Kriege Regeln geben muss, dass es so etwas wie Gerechtigkeit und Moral gibt, die doch bitte zu beachten sind. Zudem sind Mehrheitsdemokratien auch nicht gerecht, denn sie unterdrücken Minderheiten und schon Seneca wusste, dass viele, die das gleiche behaupten, noch lange nicht die Wahrheit sagen, sondern einfach nur die gleiche Meinung teilen.

Nein, nein…. also – wir Philosophen sind ganz schlechte Problemlöser. Wir sind dafür viel bessere Problemversteher – und so ein Problem verstanden zu haben, ist ja schon mal was. Gelöst wird das Problem dann aber von denjenigen, die sich praktisch damit beschäftigen.

Aber, eine Bitte habe ich dann doch noch: Wenn wir euch demnächst die Weltprobleme erklären und Werkzeuge vorschlagen, mit denen man sie angehen kann – benutzt sie bitte nicht, ohne vorher die Anleitung gelesen und verstanden zu haben. Sonst geht nur mehr kaputt, als nötig wäre.

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