Computerlogbuch des Wells-Klasse Kreuzers USS Quantum Flux

Sternzeit 31208005,3510
Captain Peter Stevens

Unsere Aufklärungmission zur Erkundung des temporalen Verzerrungsfeldes, welches sich kürzlich im Bereich der Erde auftat, ist abgeschlossen. Dieser Abschlussbericht gilt als geheim und ist nur der Kommission für temporale Integrität gegenüber zugänglich.
Empfehlung: Temporale Sprengung der alternativen temporalen Konvergenzfelder, um eine Verseuchung der Zeitlinien zu verhindern. Multiversumweite Wechselwirungen gelten als wahrscheinlich…

… verdammt, ich kann das so nicht. Computer: Pause, neue Aufnahme. Markierung auf ‚persönlicher Bericht“ ändern.


Als der erste Star-Trek-Film von J.J. Abrams über die Kinoleinwand flimmerte, hatte ich gedacht, dass es nicht mehr schlimmer geht. Der Geist von Star Trek unter den brutalen Füßen einer effekthascherischen Materialschlacht zerstampft um übertrieben coole Schauspieler, Sex und Slapstick kombiniert mit Geballer auf den Markt zu werfen. Das Ganze getarnt als „alternative Zeitlinie“.

Ok. Wenn ich jetzt völlig ignoriere, dass vor „Into Darkness“ Star Trek steht und die zahlreichen Plot-Anspielungen aus dem Hirn tilge, dann könnte ich jetzt sagen: „Jau, geiler Film, tolle Effekte, klasse Kopf-aus-Popcorn-Kino.“

Ich bitte an dieser Stelle vielmals um Entschuldigung. Leider ist es mir nicht möglich, mein Hirn soweit runter zu fahren, ohne sofort im Koma zu landen.

Nun ja. Nach einigen technischen Pannen im Kino, in dem gleich beide Filme als Double-Feature-Vorpremiere gezeigt wruden, konnte der neue Film dann endlich beginnen. Technische Pannen im Sinne von: Der erste Film lief von Blue-ray, hatte erst die falsche Tonspur, dann musste offensichtlich der Player neugestartet werden und überhaupt hat der Vorführpraktikant einen ganz schlechten Tag erwischt. Auch beim zweiten Film, diesmal nicht nur in Stereo (warum konnte Blue-ray eigentlich kein Dolby?), sondern in toller Tonqualität versagte er auf ganzer Linie. Die 3-D-Bilder flimmerten erst, waren dann nicht synchron, dann war der Effekt weg – und nachdem wir dann von beiden Filmen etwa vier Mal den Vorspann sahen (beim ersten etwa 3 Mal das Blue-ray-Menü und die Sprachauswahl), war ich ja schon auf einiges vorbereitet. Vor meinem geistigen Auge spielte sich schon der neue Film in der klingonischen Originalfassung mit niederländischem Untertitel und Synchronisationseinblendung für Taubstumme ab… da konnte es dann aber doch losgehen.

Alles fängt damit an, dass Kirk vor einer Horde unbekannter Wilder durch einen in extremen Rottönen gehaltenen Wald flüchtet. Die Bildqualität wirkte insgesamt so, als würde sich ein vollaufgedrehtes Super-AMOLED-Display in gewaltiger Größe direkt auf die Retina brennen. Nur mit zusätzlichem 3-D-Effekt. Aus irgendeinem Grund wird Spock an einem Seil hängend über einem ausbrechenden Vulkan abgeseilt, um eben diesen Vulkan am Ausbrechen zu hindern. Natürlich geht das schief, weil das Shuttle überhitzt, natürlich fällt Spock in den Vulkan und überlebt wie durch ein Wunder und natürlich kann er im letzten Moment gerettet werden. Die Art und Weise ist allerdings bezeichnend.
Die Enterprise ist nämlich nicht etwa im Orbit, wie es sich für ein Sternenflottenraumschiff, welches eine unbekannte Prä-Warp-Zivilisation ausschließlich beobachten sollte, gehört. Nein, nein. Das wäre ja viel zu einfach und hätte gar keinen so tollen Effekt geboten. Statt dessen ist das Schiff unter Wasser, vor der Küste genau der Zivilisation, die gerade gerettet werden soll. Unter Wasser! Ein Schiff diese Größe, welches mit Sicherheit nicht dazu gebaut wurde, um auf einem Planeten zu landen punktgenau versenkt! Besonders unsinnig daran: Bei der Rettung Spocks taucht das Schiff vor den Augen der Ureinwohner auf, die es natürlich sofort wie einen Gott verehren, wodurch ein Verstoß gegen die erste Direktive Kirk direkt sein tolles Kommando kostet. Aber egal, die Föhnwelle hält.
Ich habe mich nur gefragt: Wie haben sie das Schiff überhaupt so unauffällig versenkt? Ich meine, wir reden hier von einem Objekt, dass genug Wasserverdrängung hätte, um schon bei langsamem Absenken größere Übeschwemmungen hervorzurufen. Aber zum Glück ist da ja eine ziemlich hohe Klippe (von der gleich effekthascherisch gesprungen wird), um das größte Überschwappen zu verhindern. Trotzdem haben die tollen Steam-Punk-Raumschiffe der Sternenflotte offensichtlich die magische Fähigkeit sich irgendwie aus dem Wasser zu heben. Schließlich dürften die Manövriertriebwerke mit Sicherheit nicht funktionieren und der Impulsantrieb genug Kraft entwickeln würde, um beim Auftauchen vermutlich direkt einen Tsunami auszulösen. Aber gut. Mr. Abrams macht ja auch den neuen Star-Wars-Film. Vermutlich war die Macht im Spiel. Die kann ja bekanntlich Raumschiffe aus Sümpfen heben (und in Games Sternenzerstörer vom Himmel holen).

Nach dieser Vergewaltigung der Trek-Physik geht’s dann ein wenig emotional weiter: Eine unbekannte Mami und ein unbekannter Papi besuchen ihr Kind, welches offenbar unheilbar krank ist im Krankenhaus und ein großer, finsterer Mann mit tiefer Stimme verkündet mit wissendem Unterton, dass er helfen kann. Darstellerisch eine perfekte Besetzung für den Film – ich konnte das Testosteron geradezu aus der Leinwand fließen spüren. In 3-D versteht sich. Testosteronschwanger ging das Ganze dann auch weiter (fliegender Wechsel zwischen Action, Emotion, Anspielungen auf andere Star-Trek-Filme, zurück zu Action, mehr Action und noch mehr Action, dann wieder Emotion. Und wieder Action und blöde Anspielungen die völlig deplatziert sind… Und so geht das den ganzen Film über…).

Natürlich handelt es sich bei dem Bösewicht mit den Balls of Steel um Khan Noonian Singh – wer denn auch sonst? Immerhin sind wir hier ja in Star Trek 2. Also – der Star-Trek-2-Version eines alternativen Universums. Die übertrieben guten kämpferischen Fähigkeiten werden direkt unter Beweis gestellt, der Bösewicht ergibt sich scheinheilig, wobei die Enterprise natürlich gestrandet ist und entpspannt so einen Handlungsplot der genauso sinnfrei wie an den Haaren herbeigezogen ist, dass Gene Roddenberry eigentlich von den Toten aufertehen müsste, um im Zombe-Modus den guten J.J. zu fressen. Aber bitte bevor er den ersten der neuen Filme macht. Immerhin mus die Zeitlinie gerettet werden.
Bemerkenswert ist die Erwähnung von Abteilung 31 (wir erinnern uns: Die Abteilung, die, für den Fall, dass die Menschheit oder die gesamte Föderation in Gefahr ist, die Autorisation hat, im geheimen zu operieren und alle erforderlichen Mittel – auch ungesetzliche und unmoralische) zu ihrem Schutz einzusetzen) und die Tatsache, dass von eben dieser Abteilung neue Torpedos gebaut wurden (die sich allerdings als Cryo-Kapseln von Kaans Crew herausstellten) und nebenbei noch ein Raumschiff entwickelt, dass dreimal so groß ist, wie alle anderen der Sternenflotte, und große, ausfahrbare XXL-Phaserkanonen hat (wer an dieser Stelle an Phallussymbole denken muss, ist herzlich willkommen) UND außerdem vollautonom fliegt, sodass ggf. ein einziger Pilot an Bord ausreicht, um all das tödliche Waffenarsenal zu bedienen.

Ganz nebenbei findet Pille übrigens heraus, dass Khans Zellen sich unglaublich schnell regenerieren. Er injiziert dessen Blut in einen toten Tribble (wie auch immer der an Bord kam – immerhin gehört er ja eher zu einer verbotenen Spezies), der fast am Ende des Films wieder zum Leben erwacht. Das ist auch dringend notwendig, denn hier kommt die nächste Anspielung auf Star Trek 2. Nicht nur Khan ist mit von der Partie, sondern auch das Schiff respektive der Warpkern muss von jemandem im Alleingang gerettet werden. Diesmal ist es allerdings nicht Spock, der mit bloßen Händen in die Injektorkammer greift, nein, diesmal stirbt Kirk den heldenhaften Strahlentod. Und so kommt es zu einem Rollentausch zwischen Kirk und Spock. Während Kirk die historischen, prägenden, symbolträchtigsten Worte der Filmgeschichte spricht („Ich bin es und werde es immer sein, ihr Freund…“) und stirbt, schreit der weinende (sic!) Spock sich nach KHHHAAAAAANNNNN die Seele aus dem Leib. Es gibt keine Worte, die mein gefühltes Entsetzen in diesem Moment ausdrücken könnten – und allein mein Gefühl für Höflichkeit, die Tatsache, dass ich eingeladen war, nicht selbst gefahren bin und mit diesem Schundwerk mit Star-Trek-Label vermutlich geheime masochistische Fantasien befriedigte, sorgten dafür, dass ich nicht aufstand und das Geld zurückverlangte.

In diesem Moment dachte ich: „Ok. Das gibt dann einen Teil 3: Die Rückkehr von Captain Kirk mit schwangeren Waalen und einer Zeitreise in die gewohnte Zeitlinie…“ – in dem Moment wurde mir aber klar, dass da ja noch ein Tribble mit Khans Blut auf der Krankenstation liegt. Na – und wenn es eine Blutprobe gibt, dann braucht man die ja nur in den dann entstrahlten Kirk injizieren und alles wird gut.

Naja, nicht ganz. Das wäre ja viel zu einfach gewesen. Erst musste das große böse Sternenflottenschiff noch auf die Erde abstürzen, ¼ von San Francisco unter sich begraben und Spock musste in einer fulminanten Verfolgungs- und Prügelszene den Bösewicht einfangen, damit ihm dann das Blut entnommen werden konnte, um ein Serum herzustellen. Eins der anderen 72 genetisch verbesserten Crewmitglieder von Khans Schiff zu nehmen wäre ja auch viel zu einfach gewesen. Hätte locker 20 Minuten Film und jede Menge hopsen und prügeln gespart. Und das geht ja gar nicht, schließlich muss ja so viel Schlägerei wie nur möglich untergebracht werden. Kirk lag dabei übrigens auf Eis in einer Stasiskapsel. Im Gegensatz zum toten Tribble musste Kirks Hirn irgendwie aktiviert gehalten bleiben. Obwohl er ja eigentlich mausetot war. Oder auch nicht. Auf jeden Fall konnte er mit Hilfe dieser Injektion dann wiedererweckt werden. Star Trek hat jetzt also einen Zombie-Mode bekommen – wie schön. 🙂

Hauptsache, das Schiff wurde ein zweites Mal fast total zerbröselt und konnte nach der Restaurierung dann auf seine fünfjährige Forschungsmission gehen, die ja niemals zuvor gemacht wurde. Stimmt genau. Die NX1 war ja schließlich etwa acht Jahre unterwegs – und das sogar noch bevor die Canon-Zeitlinien so eklatant durch Fleischwolf und Mixer gedreht wurden.

Aber naja. Für all diejenigen, die es schaffen zu vergessen, dass der Film irgendwas mit Star Trek zu tun hat, ohne einem sofortigen Hirntod zu erliegen (nein, es ist grade keine Khan-Blutprobe verfügbar), wird der Film ein absolutes SciFi-Baller-und-Prügelfest sein.
Ich für meinen Teil weiß gerade noch nicht ob ich lachen oder weinen soll. Oder ob’s schon so wehtut, dass ich nur noch lachen kann. Sei’s drum. Immerhin gab’s effektreiches Geballer auf großer Leinwand.

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One Response to Star Trek Into Darkness. Deep, deep, darkness…

  1. David Janicek sagt:

    Grandios! Spricht mir vollständig aus der Seele, besser kann man’s echt nicht ausdrücken! Aufjedenfall vollste Zustimmung dafür…

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