Kate Darlings Vortrag auf der Republica 13 schlug erwartungsgemäß hohe Wellen. Wir leben in einer Welt, die mehr und mehr auf Maschinen angewiesen ist. Eine Welt, die Robotern immer mehr vertrauensvolle Aufgaben übertragen will. Nicht nur zum Minensprengen, sondern auch in der Pflege und im Haushalt sollen uns die Maschinen in naher Zukunft unter die Arme greifen. Aber müssen wir unsere eigenen Konstruktionen vor uns selbst schützen? Ich denke nicht.

Darlings Argumentation läuft in etwa so:

Roboter werden vermenschlicht. Ein US-General ließ den Test eines Minen sprengenden Roboters abbrechen, weil er es für unmenschlich empfand, wie sich die Maschine mit nur noch einem von sechs Beinen über das simulierte Schlachtfeld zog. Probanden die einen Spielzeug-Dinosaurier zerstören sollten, reagierten bestürzt, wenn nicht sogar entsetzt, auf diese Anweisung. Sie hatten mittlerweile eine emotionale Bindung zu dem Gerät hergestellt. Und auch von Soldaten, die im Kampfeinsatz einen (ferngesteuerten!) PackBot verlieren, der eine Sprengfalle nicht entschärfen konnte, empfinden Trauer über diesen Verlust. Immerhin hat die Maschine ihnen ja schon mehrfach das Leben gerettet. Weil wir Menschen nun so emotional auf die Maschinen reagieren, die wir bauen, sollte es Gesetze geben, die sie unter Schutz stellt, genauso wie wir Tiere schützen. Letztlich geht es, so Darling, ja nicht darum die Tiere zu schützen, weil sie leiden könnten, sondern weil wir unsere eigene Menschlichkeit erhalten wollen. Denn sonst dürften wir nicht die einen Tiere schützen und die anderen essen, sondern müssten sie alle gleichermaßen schützen – eben weil sie leid empfinden können.

Warum ein wenig gesunder Menschenverstand die Welt zu einem besseren Ort macht

Das Problem an der Argumentation ist, dass es von der falschen Seite aus geht. Wir sollten nicht anfangen, die Dinge, die wir bauen, zu schützen, weil wir einen Verlust an Menschlichkeit fürchten. Wir sollten stattdessen anfangen reflektiert an das Problem heranzugehen. Wir sollten uns klar und deutlich vor Augen führen, dass ein Roboter eine Maschine ist, die wir gebaut haben. Eine Maschine, die nicht in der Lage ist, Leid zu empfinden, kein Selbstbewusstsein hat, ja in der nicht einmal phänomenologisch etwas vorgeht. Selbst ein noch so geschickt und komplex konstruierter Androide wäre etwa das, was David Chalmers als „philosophischen Zombie“ bezeichnen würde. Ein Wesen, dass womöglich funktional mit uns Menschen übereinstimmen könnte, aber keinesfalls über eine phänomenale Repräsentation verfügt. Ein solcher Androide würde womöglich einen Schmerzensschrei äußern, würde er getreten oder geschlagen werden – aber nur, weil das eine Funktion ist, die er in diesem Moment ausführt.

Die Antropomorphismus-Debatte ist ein moralisches Problem – aber von der falschen Seite her. Maschinen werden vermenschlicht und es wird Mitleid empfunden, wenn sie beschädigt werden. Sicher: Wenn es uns Unbehagen bereitet, eine Maschine zu zerstören, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, es zu tun. Genauso wie es für alle anderen Dinge, die uns Unbehagen bereiten, keinen vernünftigen Grund gibt, sie zu tun. Der Vergleich mit dem Tierschutz geht meiner Ansicht nach aber fehl. Selbstverständlich ist es nicht recht, ein Tier zu quälen. Ein Tier ist ein empfindungsfähiges Wesen. Einen Roboter dagegen könnte niemand quälen. Er ist nicht in der Lage etwas wie Qual zu empfinden. Er kann lediglich kaputt gehen. Der Denkfehler liegt dabei in der metaphorischen Übertragung von Eigenschaften. Es wird Mitleid empfunden, wenn eine Maschine zerstört wird, indem ihr einfach unterstellt wird, dass sie etwas empfinden könnte.

Statt nun also Roboterschutz-Gesetze zu erfinden, um unsere sozialen Werte zu schützen, sollten wir alle besser zur Vernunft kommen. Wir sollten reflexiv mit der Technologie umgehen, die wir benutzen. Und genau das ist eine Ebene tiefer, als das Erfinden neuer Gesetze: Wir müssen uns dringend klar machen, dass es falsch ist, Maschinen zu vermenschlichen.

Angenommen, Roboter würden tatsächlich unter Schutz gestellt. Wozu eigentlich? Gibt es einen vernünftigen Grund, einen Maschine absichtlich zu zerstören? Gut, Ok. Es gibt Menschen, die teures Geld für iPhones oder iPads ausgeben und sie in YouTube-Videos verbrennen, beschießen, unter Strom setzen oder mit Vorschlaghämmern malträtieren. Das zeigt, dass Menschen nicht immer einen vernünftigen Grund brauchen, um zu tun, was sie gerade tun. Trotzdem: Es handelt sich bei einem iPhone sicherlich um eine Maschine und noch viel sicherer empfindet es rein gar nichts, wenn es zerstört wird. Es ist allerhöchstens eine Torheit, so viel Geld für etwas auszugeben, dass lediglich zerstört werden soll. Schlussendlich kann aber jeder mit seinem Eigentum verfahren, wie er mag.
Ein anderer Gedanke: Was mache ich mit einem alten Roboter, wenn er unter Schutz steht? Darf ich ihn dann nicht mehr gegen ein neues Modell austauschen? Muss ich ihm dann eine Art digitalen Altenteil zukommen lassen und ihn hegen und pflegen, reparieren und updaten, bis er eines Tages von selbst kaputt geht, weil wichtige Bauteile durchbrennen und nicht mehr nachgekauft werden können? Ich will es mit einem Auto vergleichen: Irgendwann ist ein Auto so alt, dass es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, es zu reparieren. Sicher ist es dann ein liebgewonnener Teil des Alltags und hat seinen den Eigentümer oder seine Eigentümerin in zahlreichen Gelegenheiten sicher, warm und wohlbehütet von A nach B gebracht. Oder es hat einfach nur Spaß gemacht es zu fahren und wahre Glücksgefühle bei 250 auf der Autobahn beschert. Trotzdem ist es irgendwann alt und kaputt und wird verschrottet. Das hindert uns nicht, Tränen zu vergießen, wenn das liebgewonnene Automobil seine letzte Fahrt in die Schrottpresse antritt. Aber leiden wir dann, weil wir denken, dass das Auto Schmerzen empfinden wird, wenn wir es verschrotten? Nein, wir leiden vielmehr darunter, dass ein zuverlässiges Stück Technologie aus unserem Leben verschwindet. Wir leiden darunter, dass die vielen Erlebnisse, die wir mit dem Stück Technologie verbinden, beendet sein werden. Es ist fast, als würde ein Haustier eingeschläfert werden. Das Tier empfindet dabei keine Schmerzen und es leidet auch nicht. Aber wir trauern trotzdem, weil ein liebgewonnener Teil unserer Umwelt nicht mehr ist und nie wieder kommt.

Es mach nicht falsch sein, antropomorphe Betrachtungen von Technologie zu erforschen. Es mag ebenfalls nicht falsch sein, die sprachlichen Mittel zu untersuchen, mit denen wir die Technologie, die wir erfinden und bauen mit Metaphern belegen und versuchen eine emotionale Bindung herzustellen. Es ist aber eindeutig falsch, wirklich eine emotionale Bindung zu dieser Technologie herzustellen und sie wie Menschen oder Tiere behandeln zu wollen. Wir sollten hier vernünftig sein. Wir sollten uns jederzeit klar und deutlich und unmissverständlich und auf einer ganz basalen Ebene klar machen, dass es einen Unterschied zwischen lebenden und nicht lebenden Entitäten gibt.

Wenn wir uns selbst und die Gesellschaft, in der wir leben, schützen wollen, dann kommt es genau darauf an. Wir müssen uns gegenseitig menschlich behandeln. Nicht Maschinen.

Quelle: Zeit

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