Kürzlich habe ich eine Weile mit einem Bekannten über Politik diskutiert. Thematisch ging es um die Regierung, all das, was in der Demokratie schief läuft und wie man das alles so lösen könnte. Er meinte, als Philosoph wäre man doch am ehesten qualifiziert, ein Land zu regieren. Das wäre dann immerhin gerecht. Nun, ich bin kein großer Freund von Platons „Philosophenkönig“ und meinte, dass wir Philosophen dazu viel zu theoretisch angelegt sind. Wir müssten uns erstmal Gedanken darüber machen, welches Regierungssystem denn benötigt würde – und ob es denn brauchbar ist. Daraufhin meinte er „Na dann entwickel doch dein eigenes!“ Daraufhin meinte ich, in Anlehnung an Wiglaf Droste: „Ich habe ein klar umrissenes Verhältnis zur Macht. Ich will sie nicht haben.“ Ich kam zu dem Schluss, dass eine direkte Demokratie zumindest jeden beteiligen würde. Und er kam zu dem Schluss, dass man mit dem Internet durchaus eine Art solche direkte Demokratie ermöglichen könnte. Wir haben dann eine ganze Weile rumgesponnen und überlegt, wie sich das so realisieren lassen könnte. Nun, für ein echtes, physikalisch begrenztes Land wäre das alles ein wenig schwierig. Aber für das Internet selbst? Warum nicht? Da das Internet jetzt offiziell Neuland ist, kann es sich auch selbst eine Regierungsform geben. Na dann will ich mal sehen, wie ich meine kleine Spinnerei in ein wenig Struktur gieße. Und ich muss dazu sagen, dass es zum größten Teil wirklich nur eine Spinnerei am Nachtmittag ist. Ziemlich lückenhaft noch dazu. Was ja nicht heißt, dass es nicht diskutiert werden könnte. 😀

Die „Bürger“ von Neuland

Es ist ja nicht immer ganz einfach zu sagen, wer Bürger eines Landes ist. Hierzulande gilt das ius sanguinis. Einfach erklärt: Jemand, der mit jemandem in der gleichen Blutlinie verwandt ist, der ein Deutscher Bürger ist, hat einen Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft. In Amerika gilt beispielsweise das Geburtsrecht: Jemand, der in Amerika geboren wurde, ist amerikanischer Staatsbürger. Nun können die Bürger auch ihre Staatsbürgerschaft ändern oder eine doppelte Staatsbürgerschaft haben – und das mit den jeweiligen Rechten und Pflichten.

Wie wird man nun aber Bürger oder Bürgerin von Neuland? Nun, recht simpel: Man nimmt teil. Dabei muss es nicht um eine Login bei einem sozialen Netzwerk gehen; es reicht aus, wenn das Internet genutzt wird. Ob nun für E-Mails, Nachrichten oder Suche, spielt dabei keine große Rolle. Während die Rechte und Pflichten von Bürgerinnen und Bürgern in der physikalischen Welt davon abhängen in einem Land geboren worden zu sein oder dort zu leben, hängen die Rechte und Pflichten in Neuland von der Teilnahme ab.

Und wie sieht so ein Neulandsbürger aus? Nun – es gibt keinen grammatisch adäquaten Begriff dafür (falls doch Kommentare sind immer willkommen), aber ich versuche es mal zu beschreiben: Eine „Neulandeinheit“ hat kein Geschlecht, verfügt über keine Rasse, keine Hautfarbe und keine Religion. Sie hat nicht einmal einen festen Namen und müsste nicht einmal ein lebendes Wesen sein. Auch Maschinen können durchaus Neulandseinheiten sein. Und das Beste daran: Jede Einheit ist mit absolut gleichen Rechten ausgestattet. Damit wird sichergestellt, dass keine Einheit Bevor- oder benachteiligt wird.

Einheitenbeteiligung

Wir funktioniert nun aber die Entscheidungsfindung in Neuland? Eine Mehrheitsdemokratie ist ungerecht – denn sie benachteiligt grundsätzlich Minderheiten. Nun, das Schöne an Neuland ist, dass es keine all zu knappen Ressourcen gibt, sofern die Grundlagen der Netzneutralität gewahrt bleiben. Netzneutralität und gegenseitige Rücksichtnahme auf Bandbreitenverteilung könnten beispielsweise in eine Art „Grundgesetz“ von Neuland aufgenommen werden – aber dazu vielleicht ein ander Mal. Nun, ich muss ein Beispiel an den Haaren herbeiziehen, um die Abstimmungsmodalitäten darzustellen. Nehmen wir einmal an, in Neuland soll ein Film veröffentlicht und allen zugänglich gemacht werden. Da der Film dann für jeden, der teilnimmt (also „verbunden“ ist) zugänglich sein wird, könnte nun darüber diskutiert werden, ob er veröffentlicht werden soll oder nicht. Hierzu bedarf es eines Abstimmungssystems, dass ich selbstverständlich nicht entwickelt habe und von dem ich nicht weiß, ob es überhaupt funktionieren könnte. Aber es sollte in etwa so aussehen: Da jede Einheit eine Stimme hat, kann sie für oder gegen die Veröffentlichung stimmen oder sich enthalten. Wichtig ist, dass jede Einheit selbst abstimmt. Eine Übertragung von Stimmen auf eine andere Einheit (wie wir es beispielsweise in einer gewöhnlichen Demokratie handhaben, in der wir diejenigen wählen, von denen wir glauben, dass sie am kompetentesten sind) ist nicht vorgesehen. Da es keine feste Menge der Teilnehmer gibt, sind Entscheidungen grundsätzlich fluide und Können jederzeit einer Revision unterzogen werden. Alle aktuellen Teilnehmer stimmen nun also über das Ereignis ab. Nehmen wir an, dass die Mehrheit dafür ist, dass der Film zugänglich gemacht werden soll, die Minderheit aber dagegen ist. Würde die Mehrheit sich über die Minderheit hinwegsetzen, würde diese grob benachteiligt werden. Da sich jede Einheit in Neuland direkt adressieren lässt, ist es ohne Probleme möglich, die Mehrheit und die Minderheit in Gruppen zusammenzufassen und somit beiden gerecht zu werden, indem der Film der Mehrheit zugänglich gemacht wird und der Minderheit eben nicht. Das klingt nur auf den ersten Blick hanebüchen, macht aber durchaus Sinn: Würde sich die Minderheit durchsetzen, würde die Mehrheit benachteiligt; würde sich die Mehrheit durchsetzen, würde die Minderheit benachteiligt. Wenn aber beide gleichzeitig zu ihrem Recht kommen (was ja problemlos möglich ist, weil es sich eben nicht um ein materielles Ding handelt, das nur einmal auf der Welt existiert und um das sich zwei Gruppen streiten), ist das Problem aus der Welt.
Ich muss dazusagen: Es geht nur um die Nutzbarmachung, nicht um das Eigentum an dem besagten Film. Über Eigentumsrechte muss ich noch einen ganz eigenen Beitrag schreiben. 🙂 Womöglich hält die Minderheit den Film für anstößig und will dementsprechend nicht das er gezeigt wird. Nun – dann hat die Minderheit die Möglichkeit, ihre Vorstellung in dem Sinne durchzusetzen, in dem der Film für ihre Angehörigen nicht zugänglich gemacht wird.

Ich sagte ja, dass die Entscheidungen fluide sind und jederzeit überarbeitet werden können. Angenommen, es kommen neu Einheiten zu Neuland hinzu („mehr Menschen oder Maschinen gehen online“). Damit verändern sich die statistischen Verhältnisse unter den Einheiten. Da nun also mehr Teilnehmer da sind (wobei es unerheblich ist, ob sie neu sind oder alt und „kurz weg“ waren, können sich auch andere Abstimmungsverhältnisse ergeben. Da nun aber nicht jede Entscheidung komplett geändert werden muss, können diese neu hinzugekommenen Einheiten sich dann den jeweiligen Fraktionen anschließen.

Kling unverbindlich? Und irgendwie, als würde jeder Schweinerei Tür und Tor geöffnet, indem einfach jeder machen kann, was er will? Nun, nur dann, wenn sich „Eigentum“ in irgendeiner Form im Streit befindet, ist das ein ernsthaftes Problem. Nehmen wir das Beispiel Einheitenrechte (ist ja gerade aktuell): Wenn es darum geht, ob der Datenverkehr zwischen den Einheiten überwacht werden darf oder nicht, können sich die Einheiten darüber beraten und dafür oder dagegen sein. Diejenigen die dagegen sind, werden dann aus der Überwachung ausgeklammert, diejenige die dafür sind, nicht – solange bis sich ihre Meinungen ändern (was ja durchaus passieren kann).

Autoritäten und Rechtsdurchsetzung

Wenn nun etwas entschieden wurde, wie wird durchgesetzt, dass es auch tatsächlich durchgeführt wird? Und wie werden die Einheiten vor Fremdeinwirkung geschützt? Nun – hier liegt das Vertrauen in der Technik: Es braucht niemanden, „der das Sagen hat“. Schließlich können die Einheiten selbst recht gut entscheiden, was gut und was schlecht für sie ist. Die Entscheidungen, die getroffen werden, werden dementsprechend in quasi-Echtzeit kommuniziert und Änderungen direkt umgesetzt (in dem den jeweils betroffenen Einheiten von Inhalte zugänglich gemacht werden oder eben nicht – was über die DNS-Server kommmuniziert wird). Es ist nicht notwendig, Rechte durchzusetzen. Jeder hat das gleiche Recht auf alles. Ich meine damit etwas wie: Jede Einheit hat das Recht auf Zugang zur Wikipedia. Es braucht keine Autorität, die dieses Recht durchsetzt oder es vor anderen Einheiten schützt – denn die Einheiten brauchen einander die Rechte nicht streitig zu machen. Sie haben sie ja alle zu gleichen Teilen. Mit anderen Worten: In Neuland herrscht Reisefreiheit und Aufenthaltsrecht für jeden. Geht es um Inhalte, die sich in Neuland befinden, so braucht es ebenfalls niemanden, der diese Inhalte jemandem gibt oder nimmt – sie sind einfach da und können nach Belieben vervielfältigt werden.
Alle Änderungen, die in Neuland vorgenommen werden, werden instantan wirksam (über die Veränderung der DNS-Protokolle z. B.) und sind für alle gültig, die sich an der Entscheidung beteiligt haben.

Wirtschaft und Handel

„Aber Moment! Das muss doch irgendwer bezahlen!“ Höre ich es tönen. Warum? Wenn eine Einheit einen Inhalt herstellt (das ist die Voraussetzung) und stellt sie dann allen anderen Neuländer Einheiten zur Verfügung – und profitiert gleichzeitig von den Inhalten die andere Einheiten zur Verfügung gestellt haben, dann ist das kein Prozess, der wirtschaftliche Konsequenzen hat. Es werden einfach nur Inhalte hergestellt, getauscht, vervielfältigt, verbreitet und genutzt. Dabei werden natürlich die meisten Inhalte im Ausland (außerhalb von Neuland) hergestellt und benötigen materielle Ressourcen. Nun – die muss man aber von Neuland als getrennt betrachten. Wenn eine Neulandeinheit einen Inhalt herstellt, dann obliegt es seiner Auslands-Einheit (dem zweibeinigen, zum größten Teil aus Wasser bestehenden, intelligenten Fleischsack vor dem Monitor), für die Herstellung zu sorgen. Sobald es einmal in Neuland hereingebracht worden ist, ist es mit allen zu teilen. Insgesamt basiert das Neuländer Wirtschaftssystem also darauf, dass jeder jedem alles zur Verfügung stellt, was er produziert. Und da das jeder macht und alles frei kopierbar ist, gibt es keinen Grund, für wirtschaftliche Streitigkeiten – schließlich gehört jedem alles und alles ist überall nutzbar – sofern es denn gewollt ist.

So. Soviel erstmal für diesen hitzigen Mittwoch. Nein, ich habe keinen Sonnenstich. Ich habe nur mal meine Fantasie spielen lassen, wie sich das Internet selbst organisieren könnte, wenn es denn nur wollte. Und die Idee ist noch bei weitem nicht perfekt – sondern stellt erstmal das gröbste aller Brainstormings dar. Mir werden mit Sicherheit noch Ideen zur Verfeinerung und Verbesserung kommen – und einige Sachen werde ich vermutlich noch als „völliger Blödsinn“ verwerfen. Letztlich: Ist ja nur ein Gedankenexperiment. 🙂

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