Das Problem mit #Prism und #Tempora ist nicht ausschließlich, dass die Anbieter den Geheimdiensten Zugriff auf die Daten geben. Twitter beispielsweise lebt davon, dass Informationen öffentlich geteilt und verbreitet werden. Irgendwer posaunt etwas in die Welt hinaus – und wenn’s anderen gefällt, dann retweeten sie’s. Auf Facebook ist das ähnlich: Will ich möglichst viel Aufmerksamkeit generieren bzw. erreichen, dass meine Beiträge von möglichst vielen Menschen gefunden werden, dann mache ich sie öffentlich und nicht nur für Freunde sichtbar.

Das ist nun aber ein Problem mit der Art und Weise, wie sich Informationen verbreiten. Das ist wie Zettelchen weitergeben in der Schule. Wenn ich eine Party veranstalte und die Einladungen dazu unter der Bank weiterreiche, dann erreiche ich damit eine kleine Gruppe – denn vielleicht wird das Zettelchen an einer Stelle nicht weitergereicht. Wenn ich aber an die Tafel schreibe „Party um 20 Uhr bei mir!“ wissen’s alle und können erscheinen.

Einfach von Twitter und Facebook verschwinden, wie’s der Fefe sich wünscht, würde also nur insofern was bringe, als dass die öffentliche Datenverbreitung auf ein anderes Medium wechselt. Ob es jetzt Twitter, Facebook, App.net, Identi.ca oder wie sie alle heißen sein mag – solange die Tweets/Beiträge öffentlich geteilt werden, kann sie auch ein Geheimdienst aka Staat mitlesen.
Es liegt in unserer aktuellen Kommunikationskultur begründet, dass wir gern Dinge miteinander teilen. Einfach weil wir’s können. Das ist es, wovon das Internet lebt: Inhalte werden verlinkt, vernetzt, verteilt, verbreitet… nicht nur ich kann mich an meinen Blümchenfotos erfreuen, sondern ich kann sie der ganzen Welt zeigen und vielleicht erfreuen sich Menschen in England, Spanien, Mexico oder Japan auch daran? Das ist eine neue Form der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit wird durch ein gemeinsames Diskurs-Thema hergestellt. Das geht über die Massenmedien, wenn sich alle Menschen über DSDS auslassen und es somit als gemeinsame Kommunikationsbasis herhalten muss. Oder es geht über Twitter-Tags wie #Prism, #Tempora, #Aufschrei oder dergleichen. Ich hör schon die Kollegen Soziologen wettern, dass das dann aber nicht anschlussfähig wäre und ja nicht alle von der Kommunikation inkludiert werden könnten… aber das ist beim Fernsehen und der Zeitung ja auch so. Ich hab keinen Fernseher, kein Radio und ich lese keine Zeitung. Ich beziehe alle Informationen aus meiner Online-Filterbubble. Wenn mir meine Offline-Freunde von den neusten musikalischen Ergüssen berichten, irgendwelchen Bands die gerade total in sind oder dergleichen berichten, kann ich nur mit den Schultern zucken und sagen „Nie von gehört. Wer soll das sein?“ – was mir dann ungläubige Blicke einbringt.

Ein verschlüsseltes Netzwerk würde übrigens auch nicht viel bringen, denn dann würde innerhalb dieser sicheren Umgebung alles öffentlich geteilt – und da braucht es nur einen Staatsdiener der sich registriert und schon wäre das Überwachungsproblem wieder in der Welt. Das Reduzieren auf Nicknames ist nur solange Erfolgreich, wie sich die Leute niemals offline treffen. Und letztlich schafft sich jeder eine „eindeutige, virtuelle Identität mit Wiedererkennungswert“. Und einfach nichts mehr öffentlich teilen? Auch blöd, dann könnten wir das Internet gleich wieder einmotten. Menschen wollen sich schließlich vernetzen, zusammenrotten und Dinge miteinander teilen. Und sie wollen für ihre geteilten Dinge gelobt, anerkannt und gemocht werden (nicht umsonst gibt’s „Like-Buttons“ aber keine „Bullshit-Buttons“ – obwohl letztere mir in vielen Fällen angebrachter erscheinen).

Was es also bräuchte, wäre ein Netzwerk wie Facebook aber mit der Möglichkeit einer integrierten, PGP-verschlüsselten, Kommunikation unter den Teilnehmern. Sprich: Teilt alles öffentlich miteinander, was ihr auch mit euren Nachbarn oder Chefs teilen würdet. Und wenn ihr etwas nur mit bestimmten Leuten teilen wollt, dann geht das auch – indem ihr die Schlüssel (die schon bei Registrierung automatisch erzeugt oder vorhandene Schlüssel importiert werden sollten) ausgetauscht werden und die Kommunikation in Echtzeit ver- und entschlüsselt wird. An der Rechenleistung dafür soll’s nicht scheitern, die ist in Massen vorhanden – und das könnte auch auf den Clients passieren.

Das eigentliche Riesenproblem ist: Es braucht einen vertrauenswürdigen, konsistenten Admin des ganzen, der sich nicht bestechen, bedrohen oder irgendwie beeinflussen lässt, damit am Ende doch eine Backdoor geschaffen wird.

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