Verschlüsselungsverweigerer

On 7. Juli 2013, in Gesellschaft, Internet, by Ingo

Der Skandal um die #NSA  und ihren Ex-Mitarbeiter #Snowden schlägt seit Wochen hohe Wellen und fast könnte ich glauben, dass jetzt endlich ein Bewusstsein für Datenschutz in der Gesellschaft angekommen ist. Das behaupten zumindest die großen Medien: Es wäre eine breite Diskussion im Gange. Und sie veröffentlichen Anleitungen für die E-Mail-Verschlüsselung und für TOR-Router und derlei Dinge. Nahezu im Tagesrhythmus (manchmal sogar mehrmals am Tag) kommen dabei neue Skandal-Häppchen ans Tageslicht und mittlerweile dürfte allgemein klar sein, dass wirklich jedes Land einfach alles ausforscht. Die USA, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, die Schweiz… im Grunde wird überall jegliche Kommunikation überwacht. Und trotzdem weigern sich die Leute, ihre Kommunikation zu sichern.

„Ich installier mir nicht noch extra Sachen auf der Platte oder dem Handy…“

So kündete eine Freundin von mir, als ich ihr ein Dokument schicken wollte, und meinte, sie sollte sich dann mal GPG installieren, damit ich die Mail auch verschlüsseln kann. Sie ist eine intelligente, aufgeklärte Normalbürgerin, die durchaus von den ganzen Skandalen mitbekommen hat. Verschlüsseln will sie trotzdem nicht.

Die Leute, mit denen ich regelmäßig chatte (ich bin so altmodisch und nutze sogar noch ICQ 😉 ), fragte ich kürzlich, ob sie vielleicht nicht viel lieber auf Jabber umsteigen wollten. Das ist immerhin ein offenes Protokoll und über ebenso offene Messenger und dem OTR-Plugin lässt sich auch hier die Privatsphäre bei Unterhaltungen gewährleisten. Nö, auch die wollen nicht. „So spannend ist das ja alles nicht, was ich so schreibe.“ – dabei werden durchaus private Dinge ausgetauscht. Und dann noch eine Software installieren? Und noch einen Dienst nutzen? Und alle andere nutzen das dann doch aber nicht? Und die müssten dann auch erst überzeugt werden, zu wechseln? Nö, das wollen sie dann nicht.

„Das ist doch alles gar nicht so interessant…“

Das zumindest behaupten die meisten, mit denen ich zu tun habe. „Sollen sie doch alle lesen, was ich schreibe. Wenn’s ihnen denn Spaß macht.“ Ich frage mich da: Ist das Understatement? Ist das Selbstverleugnung? Scheinbar fühlen sich die Leute einfach nicht wichtig. Scheinbar messen sie sich selbst keinerlei Bedeutung zu. So wenig, dass doch jeder alles über sie wissen kann. Kein Problem, sollen sie mal alle machen. Dass sie dadurch kontrollierbar, erpressbar oder manipulierbar werden? „Ach, was solls? Kann ja so schlimm nicht sein.“

„Das ist alles viel zu kompliziert.“

Auch das behaupten immer noch die meisten. Stimmt auch. Ich habe es immer noch nicht geschafft, Enigmail unter Windows vernünftig zum Laufen zu bekommen. Es ging mal! Das weiß ich genau! Jetzt zickt es rum. Und wenn ich daran schon scheitere, dann kann der unbedarfte Normalo-User da schon ernsthaft graue Haare bekommen. Unter MacOS läuft es zumindest genau so, wie es zu erwarten ist. Einfach, schnell, schlicht schön. 🙂
Und was den Ruf nach offenen Betriebssystemen angeht, gerate ich auch ins Stocken. Ich hab’s einfach noch nicht geschafft, die derzeit einfach bedienbaren Versionen (Ubuntu/Linux mint) so zum Laufen zu kriegen, dass sie nicht nach 3 Stunden aus Gründen abstürzen, die mir selbst nicht klar sind – einfach weil ich gar nicht verstehe, was das System da meckern, wenn es gerade „irgendwas macht“, was es aber „nicht machen sollte“. Dass die Leute dann lieber bei Windows bleiben, dessen Hintertüren den Geheimdiensten offen sind, ist verständlich.

„Aber meine Freunde sind doch da…“

Soziale Netzwerke überall. Alles mit allem und jede mit jedem vernetzt. Nachdem ich drei Jahre bei Facebook angemeldet war, stellte ich fest, dass fast nur noch Werbung und dumme Sprüche in Form von Bildern gepostet werden. Nach einem Jahr Abstinenz stellte ich fest, dass eine gute Freundin von mir plötzlich umgezogen war, eine neue Telefonnummer hatte und glücklich und zufrieden mit ihrem neuen Freund und in einem neuen Job lebt. Oh – hatte sie ganz vergessen mir zu erzählen. Ja, kann passieren. Verliebt und so. Da kümmert man sich ja weniger um andere. Mhm. Ja! Genau. Und da ich dachte, die Welt hätte sich weitergedreht, nur ich habe davon mal wieder nichts mitbekommen, meldete ich mich mal wieder bei Facebook an. Mal gucken, was es in meinem erweiterten Bekanntenkreis so an Neuigkeiten gibt. Feststellung: Noch viel mehr Werbung und noch viel mehr dumme Sprüche in Form von Bildern. Ansonsten nichts Neues. Naja. Die Lösch-Prozedur ist derweil wieder eingeleitet. 🙂

„Das will keiner, das kostet ja was!“

Da gibt es ganz wunderbare Anwendungen, mit denen man tatsächlich sicher kommunizieren kann. Threema ist eine davon. Damit kann man, wie bei WhatsApp, Nachrichten, Bilder, Videos und dergleichen schreiben – aber es ist vollständig Ende-zu-Ende verschlüsselt und niemand kann zwischendrin mitlesen. Aber: Es kostet im Schnitt 1,60 Euro. Ich habe breit Werbung dafür gemacht… ich habe die App sogar schon verschenkt (zumindest bei iOS geht das, bei GooglePlay ist das offenbar noch nicht vorgesehen), habe mir den Mund fusselig geredet, die Finger wund getippt und den Daumen glatt geswyped. Nein. Ich bin ihnen keine 1,60 € wert. Zum Vergleich: Mal ’nen Kaffee trinken gehen kostet im Schnitt 2,50 €. Und auch die Freunde meiner Freunde sind nicht bereit 1,60 € für private Kommunikation auszugeben. Es kostet was, dann wollen sie nicht. Schon komisch. iPhones für über 700 € können sie aber kaufen. Verkehrte Welt. ^^

„Ich hab doch nichts zu verbergen…“

Nicht? Aha? Joa, also wer das immer noch glaubt, der darf mir gern seine Chatlogs, E-Mails und alle Fotos von den Handys zuschicken. Vor allem die schlüpfrigen, die find‘ ich ja besonders interessant. Ich mache schon mal Platz auf den Platten, um das alles speichern zu können. Oh, wie? Wollt ihr nicht? Warum denn nicht? Habt ihr womöglich doch was zu verbergen? Aber nicht doch, ihr seid doch schließlich so langweilig und uninteressant, dass jeder eure Mails und SMS lesen und eure Bilder jeder sehen kann. Warum denn dann ich nicht? Na los, gebt euch nen Schubs und schickt rüber den Kram. Die Geheimdienste kennen es eh schon – aber die rücken damit nicht raus. Verdammter Datenschutz. xD

It’s too late folks…

Nach all den Jahren, in denen wir uns nun aber schon online rumtreiben und fröhlich Dinge miteinander geteilt und uns ausgetauscht haben, sind jedoch schon massenhafte Datensammlungen entstanden. Das Internet vergisst nichts. Niemals. Aber es ist zum Glück noch ein recht junges Medium – im Sprachgebrauch immer noch als „Neue Medien“ verschrien. Vielleicht können wir in 30 Jahren auf die Zeit heute zurückblicken und es als „Jugendsünde“ abtun. Man macht halt mal Unsinn, wenn man jung ist. Und so wie manch einer volltrunken nackt auf dem Damenklo erwachte und sich an „die wilde Zeit“ erinnert, können wir vermutlich dann unsere blöden Facebook-Kommentare und Bildchen betrachten und uns an eine Zeit erinnern, als wir alle das komische Bedürfnis hatten, uns der ganzen Welt mitteilen zu wollen. Einfach weil’s eben geht und weil wir ja die Hoffnung hatten, die Welt würde ein wenig zusammenwachsen, freundlicher und freier werden, wenn wir uns alle miteinander verständigen würden.

Naja. Das ist vermutlich die jugendliche Naivität eines jungen Mediums.

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4 Responses to Verschlüsselungsverweigerer

  1. Zehbesoft sagt:

    Dein Beitrag ist einfach klasse. Dem ist quasi nichts hinzuzufügen.
    Da ich es nicht besser hätte formulieren können, werde ihn wohl auf meiner Webseite http://www.mizeh.de verlinken müssen – dein Einverständnis vorrausgesetzt 😉

    • Ingo sagt:

      Joa. Kannste machen. 😀 Allerdings wird’s nicht ganz so viel bringen, sich durch Links bei mir nen besseren Google-Rank zu erhoffen. Dazu is mein niedlicher kleiner Blog viel zu irrelevant für Google (und hat auch nur extrem selten mehr als 3 unique users am Tag – behauptet zumindest die WordPress-Statistik). 😀

      • Zehbesoft sagt:

        Das war nicht die Idee. Ich finde deinen Artikel wirklich treffend. So schön hätte ich es nicht formulieren können. Und da ich grundsätzlich nicht einfach abschreibe, verlinke ich lieber 😀
        Kannst ja mal auf meine Seite schauen, dann wirst du sicher merken, dass mir ein Googleranking relativ Wuscht ist *g*

        Und außerdem hat dein niedlicher kleiner Blog eine Verlinkung mehr, auf einer Seite mit maximal einem User pro zwei Tage….

        • Ingo sagt:

          Passt schon. 😀 Darf imho auch einfach kopiert werden. Steht hier alles unter CC-BY-SA. 🙂
          Also alles kopierbar, als Inspirationsquelle nutzbar, verbreitbar… feel free to copy. 😉

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