Ein Blog-Beitrag von der Kattascha macht mich ein wenig nachdenklich. Sie will nicht überwacht werden und auch nicht vorgeschrieben bekommen, was ihre digitale Sehhilfe in 40 Jahren einmal für sie sehen kann und was nicht. Wir sollen den Rückbau der Geheimdienste fordern und verlangen, dass die digitale Überwachung ein Ende nimmt. Ich bin wenig optimistisch, dass das funktionieren kann. Wir haben den Leviathan geschaffen – danach ist es nur schwer, ihn wieder aus der Welt zu kriegen. Ich versuche das Mal „Nerd-Kompatibel“ zu formulieren.

Thomas Hobbes und der Leviathan

Hobbes war Vertragstheoretiker. In seiner Zeit herrschte Krieg und Elend, die Menschen waren einander nicht gerade sehr wohlgesonnen – und so hatte er eher ein recht negatives Menschenbild. Die Menschen sind sich gegenseitig Feinde, nur dazu da, sich zu unterwerfen, zu töten und zu bestehlen. Wie Tiere fallen sie übereinander her, denn hier gilt das Recht des Stärkeren – wobei auch der Schwächste noch ausreichend Schaden anrichten kann, wenn er denn nur von seinem Verstand gebrauch macht. Um aus diesem „Naturzustand“ herauszutreten, ersann Hobbes den Gesellschaftsvertrag. Die Idee ist, dass die Menschen endlich in Sicherheit leben wollen und nach Schutz voreinander verlangen. Also suchen sie sich einen aus, der über sie herrschen soll und geben sodann, im Rahmen des Gesellschaftsvertrags, alle ihre Rechte auf Selbstverteidigung und die Anwendung von Gewalt ab. Bis auf diesen einen. Der hat noch alle Rechte und kann damit über die anderen bestimmen und auch gegen sie Gewalt anwenden, um die gesellschaftliche Ordnung sicherzustellen.

Leviathan 2.0

Mit unserer digitalen Revolution haben wir etwas Ähnliches getan. Früher waren Computer keine Selbstverständlichkeit. Sie mussten von Hand gebaut werden. Die Bauteile mussten zusammengelötet werden, die Software entstand durch die Anordnung der Bauteile und erst eine Weile Später konnten die Menschen ihre Computer dann mit Hilfe anderer Computer (die sie auch selbst bauen mussten) programmieren. Programme waren mehr oder weniger in den Leiterbahnen der Chips integeriert, bevor sie dann irgendwann als Quellcode geschrieben werden konnten.
Aber die Menschen waren es Leid, ihre Computer selbst bauen zu müssen. Es war anstrengend, frustrierend, erforderte eine Menge Denkleistung die digitalen Eingeweide der Maschine überhaupt zu verstehen und sie dazu zu bringen, zu tun, was die Menschen wollten. So einen Computer bauen war eine langwierige Aufgabe. Also beschlossen sie irgendwann, es ein paar wenigen zu überlassen, die Maschinen zu bauen, auf dass sie sie nur noch benutzen konnten.

Die Menschen sind stumm übereingekommen und haben ihren Leviathan gewählt. Sie haben ihre Rechte auf die Konstruktion der Hard- und Software aufgegeben, auf dass einer, den sie für kompetent hielten, das für sie übernehmen mochte. Mit wachsendem Fortschritt und weiterer Verbreitung der Technologie bekam der Leviathan mehrere Köpfe. Die Menschen, die schon in der digitalen Gesellschaft aufgewachsen sind, haben noch nie ihren eigenen Computer gebaut. Sie haben nie ihren eigenen E-Mail-Server installiert. Sie haben auch noch nie in die Beschreibungen der Kommunikationsprotokolle geblickt, die sie tagtäglich verwenden. Sie vertrauen darauf, dass der digitale Leviathan das alles für sie schon richten wird. Denn sie haben sich selbst diese Rechte vor langer Zeit entzogen.

Und so lassen wir alle unser digitales Leben administrieren. Von Google, Facebook, Microsoft und Apple. Wir haben keine Schreibrechte auf all die Anwendungen, die da im Hintergrund laufen, denn der Leviathan hält ein parternalistisches Auge darauf geworfen und sagt uns, dass er schon weiß, was gut für uns ist. Schließlich soll ja keine digitale Anarchie ausbrechen, die nur Unfrieden bedeuten würde.

Die Schreibrechte zurückerlangen

Es ist nahezu unmöglich, dass die Menschen nun lernen könnten, all das, was sie jahrzehntelang aufgegeben haben, wieder lernen könnten. Zu schnell war der technische Fortschritt. Computer werden mittlerweile von Computern ersonnen, nicht mehr von Menschen. Die Technik baut sich selbst. Der Leviathan, den wir alle selbst wählten, zieht an den digitalen Fäden unserer Gesellschaft.

Was uns helfen könnte – und da sehe ich eine Chance – ist, wenn wir aufhören uns von der Technik, die wir schufen, benutzen zu lassen. Wir müssen wieder anfangen sie aktiv zu benutzen, statt sie die Entscheidungen für uns treffen zu lassen. Es ist schön, wenn Google oder Apple mein Adressbuch verwalten und mich darauf hinweisen, dass jemand in meinem Bekanntenkreis Geburtstag hat. Aber warum brauche ich eine digitale Gedankenstütze? Sind mir meine Bekannten etwa nicht wichtig genug? Es ist auch schön, wenn mir Google-Now sagt, was gerade in meiner Nähe so los ist. Aber warum gucke ich nicht einfach in die Zeitung (geht ja auch online)?

Es ist aber nicht alles hoffnunglos. Wir müssen – als Gesellschaft – anfangen zu verstehen, wann wir eine Technologie benutzen und wann wir von ihr benutzt werden. Und wir müssen viel bewusster, viel aktiver und viel vernünftiger mit den von uns geschaffenen Technologien umgehen. Wir müssen wieder anfangen zu leben, statt uns leben zu lassen.

Sapere aude.

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