Unkontrollierbare Technologie?

On 18. August 2013, in Philosophie, Technik, by Ingo

Eben habe ich noch mal einen Film gesehen, der eigentlich einer der maßgeblichen Auslöser dafür war, dass ich anfing, mich mit Computern zu beschäftigen: Wargames aus dem Jahr 1983. Damals wie heute zieht mich dieser Film in seinen Bann. Zum einen, weil er die unkontrollierbare Zerstörungskraft von Atomwaffen demonstriert. Zum anderen, weil er die Fantasie mit selbstlernenden Computern beflügelt.
Nun, was 1983 noch pure Science Fiction war, ist heute Realität: Wir haben selbstlernende Computer. Expertensysteme, die auf neuronalen Netzen basieren und, wenn es ganz pervers wird, mit genetischen Algorithmen betrieben werden.

Wie ich hier nun so in der Dunkelheit sitze und mir den Film noch einmal durch den Kopf gehen lasse, kommt mir ein verwegener Gedanke: Könnte es sein, dass wir mit Computern, speziell mit ihrer Vernetzung, eine unkontrollierbare Technologie geschaffen haben?
Bei Kernwaffen oder Kernenergie liegt die Sache auf der Hand: Sobald sie eingesetzt wird, ist jedes Risiko uneinschätzbar. In Bezug auf die Kernenergie haben wir das an zahlreichen Reaktorkatastrophen in den letzten 30 Jahren sehen können. Ich zumindest kann mich noch an Tagesschau-Sendungen nach der Tschernobyl-Katastrophe erinnern und das Unglück von Fukushima steckt uns auch noch in den Knochen. Kommt es in einem Reaktor zu einem Unglück, entsteht eine unkontrollierbare Situation.
Was nukleare Waffen angeht, halte ich den letzten Satz von „Joshua“ im Film Wargames für genauso markant wie wahr: „Ein seltsames Spiel. Die einzige Möglichkeit zu gewinnen, ist, nicht zu spielen.“ Jeder nukleare Krieg, wäre ein Krieg ohne Sieger. Ein wenig deutlicher wird das mit den 3D-Nukemaps, die Golem kürzlich in einem Artikel erwähnte.

Und was haben jetzt Computer, Kerntechnologie und das Internet miteinander zu tun? Nun… meine Gedanken sind (wie üblich) quer. Wir haben mit Computern und dem Internet eine Technologie geschaffen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Eine Bekannte schrieb eben, dass in den Nachrichten wohl vom Verkauf von Patientendaten durch Apotheker berichtet wurde. Immerhin 42 Millionen Stück. Das wäre mehr als die Hälfte aller Bundesbürger. Aber das ist ja nur ein kleiner Tropfen auf den momentan glühend heißen Stein, wenn es um Daten geht. Die Geheimdienste saugen nach wie vor massenhaft Daten ab und sogar die Erfinder von Verschlüsselungsmethoden sagen, dass es im Grunde sinnlos ist, zu verschlüsseln.
Was haben wir aber sonst noch für Probleme mit Daten? Es kommt immer wieder zu Pannen. Finanzämter, die alte Computer verkaufen und deren Festplatten Finanzdaten enthalten (ungesichert versteht sich), kamen genauso vor, wie Einbrüche in Foren, Kundendatenbanken und ähnliches, bei denen Personendaten dann einfach „verloren“ waren. Das klingt so schön – aber wenn ein Unternehmen Daten „verliert“, dann sind sie ja nicht einfach weg. Irgendjemand hat sie. Jemand, der sie nicht haben sollte. Eine Analogie wäre vermutlich gut: Angenommen, ich schreibe meine Kontakte und meine Termine in einen Buchkalender (früher habe ich das tatsächlich mal gemacht). Wenn ich diesen Kalender jetzt in der Bahn oder dem Bus oder während ich eilig zur nächsten Haltestelle renne aus der Tasche verliere, dann ist er für mich weg. Aber jemand kann ihn finden.

So ist das im Grunde auch mit Daten. Daten sind nicht „aus der Welt“ nur, weil man sie weggibt oder verliert. Im Gegenteil: Sie sind auch deutlich einfacher zu duplizieren, als analoge Medien. Ein analoger Papierkalender müsste ja umständlich fotokopiert oder abgeschrieben werden. Daten lassen sich einfach kopieren.

Können wir Daten überhaupt kontrollieren? Die klare Antwort darauf ist: Nein. Können wir nicht. Daten existieren als elektromagnetische Informationseinheiten. Und als solche können sie über unzählige Arten und Weisen mitgelesen, vervielfältigt und bewegt werden. Wer sagt, dass nicht jemand mit einer großen Antenne draußen steht und jetzt in diesem Moment die Abstrahlung meiner Tastatureingaben abfängt? Oder die Abstrahlung meines Monitors? Vielleicht sogar die aller Rechenoperationen des Prozessors in meinem Computer? Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass jemand so etwas tut – aber es ist möglich.
Genauso ist’s mit allem anderen. Wenn ich an der Kasse bezahle, dann gebe ich nur eine PIN ein – und die Datenleitungen regeln alles andere. Ich habe keine Kontrolle darüber, ob und wie viel Geld nun von meinem Konto abgebucht wird – bis auf eine flimmernde Digitalanzeige vor mir. Und die muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Wem schon mal dank eines „Computerfehlers“ Geld abgebucht wurde, das gar nicht existierte, sodass das Konto ins Minus rutsche, wird verstehen können, was ich meine. Und wer schon mal keinen Kredit bekommen hat, weil das Scoring ergab, dass man leider die falschen Nachbarn, die falsche Lebensgefährtin und das falsche Geschlecht hat, wird sich auch fragen, wer hier noch die Kontrolle über die Daten hat. Dass Arbeitgeber Google benutzen können, ist ein alter Hut und Facebook-Partyfotos sind Schnee von gestern. Die Jugendlichen von heute teilen schon längst nicht mehr alles öffentlich – immerhin lernen wir alle dazu. Aber soziale Netze, über die ständig gelästert wird, sind nur ein klitzekleines Problem.

Wir haben schlicht und ergreifend überhaupt keine echte Kontrolle über Daten. Weder über unsere, noch über die von anderen, sie sie uns anvertrauen. Klar, wir können alles erdenkliche unternehmen um sie irgendwie sicher zu verwahren, sie zu verschlüsseln und uns 4852932145-stellige Passwörter generieren lassen. Und? Computer können ziemlich gut mit Zahlen umgehen. Codes zu knacken ist da nur eine Frage der Zeit und der Rechenleistung. Und selbst wenn ich nicht von Angriffen ausgehe, sondern von den ganz alltäglichen Pannen oder völlig normalen Vorgängen, die nicht mal eine Panne sind: Überweisungen, Verkehrskontrolldaten (Ampelsteuerungen, Weichenstellungen, etc.), Behördenkommunikation, Krankenakten, Adressen und und und… all das liegt mittlerweile nur noch in Form von Daten vor. Wir fassen all das in Daten zusammen, damit Computer uns dabei helfen, unser komplizierter werdendes Leben überhaupt noch zu überschauen. Und all diese Daten können wir nicht wirklich kontrollieren. Der Geheimdienstskandal ist ein perfektes Beispiel dafür.
Aber haben wir mit dem Verlust der Kontrolle über unsere Daten, die unser Leben darstellen, auch die Kontrolle über unser Leben verloren? Noch hat das niemand bemerkt. Noch will das auch niemand wahrhaben. Noch verstehen die wenigstens, dass auch dann, wenn sie selbst nichts mit dem Internet zu tun haben (und womöglich nicht mal einen Computer besitzen), dass es Behörden, Banken, Schulen, Universitäten, Supermärkte und alle anderen Orte, die sie besuchen könnten, sehr wohl Daten über sie haben und diese sehr wohl über das Internet austauschen.

Mit der Ausdrückbarkeit in maschinenlesbare Daten haben wir eine Technologie erfunden, die im Zweifel unkontrollierbar wird. Das ist eines der Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen.

Tagged with:  

One Response to Unkontrollierbare Technologie?

  1. Tom sagt:

    Hab grad mal die Atombombenkarte angesehen. Ist echt erschreckend, was da alles in meiner Region weg und unbewohnbar wäre.Da bräuchte man nicht viel für Deutschland.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: