Eigentlich wollte ich über die gamescom 2013 keine großen Worte verlieren. Ich hatte sogar vor, die Messe mit Missachtung zu strafen, da die Veranstalter der Kölnmesse es fertig gebracht haben, mich zu akkreditieren, aber meine stellvertretende Chefredakteurin nicht. Dabei macht sie ihren Job exzellent und ist diejenige, die bei uns die Hosen anhat. Im Grunde hätte sie den Chef-Posten viel eher verdient, denn ich betreibe die Plattform eigentlich fast nur und kümmere mich um allerlei Organisatorisches. Aber gut, für Institutionen wie die Kölnmesse AG scheint nur der Besitz eines Presseausweises zu zählen. An meiner Meinung, keine weiteren Worte, über die gamescom verlieren zu wollen, hat sich nichts geändert – darum werde ich keinen offiziellen Artikel schreiben, sondern lediglich hier meine Gedanken bloggen.

Games, Sexismus und journalistische Grundsätze

Nachdem ich nun aber einen Artikel las, bei dem es um sexistische Eskapaden der Kollegen von GIGA ging, muss ich das eine oder andere Wort verlieren. Es geht gar nicht anders. Denn ich habe das Gefühl, dass es um die Ehrenrettung des Gaming-Journalismus als Ganzem geht. Glücklicherweise hat GIGA das Video mittlerweile wohl von ihrer Webseite und ihrem YouTube-Kanal gelöscht – die Produzenten des Werks wohl aber noch nicht und ich hoffe, dass es zu Dokumentationszwecken schon republiziert wurde. Das Internet vergisst schließlich nichts.

Games und Sexismus stehen bedauerlicherweise in einer engen Verbindung miteinander. Das liegt zum einen ander Zielgruppe der meisten Spiele (männliche Jugendliche und junge Erwachsene). Zum anderen an der werbepsychologisch schon länger bekannten und ausgenutzten Erkenntnis aus der Neurokognitionsforschung (die ist allerdings recht neu), dass der Anblick von nackter weiblicher Haut für das männliche Gehirn ein enorm starker Reiz ist (Quelle: SZ).
Nicht selten kritisiert werden weibliche Charaktere in Spielen. Lara Croft hat übertrieben große Brüste, weibliche Kriegerinnen in Fantasyspielen (da kann wirklich jedes beliebige herangezogen werden) laufen nicht selten in einer Art verziertem Kampf-Bikini herum (der in einem realistischen Schlachtfeld ungefähr so viel Schutz bietet wie eine schusssichere Weste aus Seidenpapier) und bis auf wenige Ausnahmen sind sie schwach und schutzbedürftig.
Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass wir Männer durchaus auch an Stereotypen in Videospielen leiden können. Wie werden männliche Hauptcharaktere in Spielen dargestellt? Meist als Draufgänger; breitschultrig, unglaublich trainiert und zu sportlichen Höchstleistungen fähig, für die es bei Olympia eigentlich Platin geben müsste. Außerdem haben männliche Charaktere nie Angst, sind grundsätzlich mit einem ganze Arsenal an Waffen ausgestattet und stecken Wehwehchen weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Pardon, aber bei derartig überzogener Plakatierung von Stereotypen könnte ich auch Komplexe kriegen. Ich bin zwar relativ gut trainiert (schließlich zocke ich ja nicht nur) aber trotzdem verhältnismäßig speckig, ich habe in verschiedenen Situationen durchaus Angst, und wenn mir jemand eine Waffe in die Hand drückte, würde ich sie eher möglichst vorsichtig möglichst weit weglegen. Abgesehen davon bin ich auch auch recht empfindlich. Warum gibt es eigentlich keinen Hauptcharakter in Spielen, der so ist, wie du und ich? Haben die Entwickler Angst, so etwas würde sich nicht verkaufen? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall – aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel.
Ich kann aus eigener Erfahrung übrigens sagen, dass „sex sells“ kein großes Gewicht hat. Ich hab’s ausprobiert. Die Klickzahlen wurden davon nicht beeinflusst.

Auf Spielemessen wie der gamescom wird diese stereotype Sexualisierung gern dazu ausgenutzt, Werbung zu machen. Leichtbekleidete (oder zumindest ziemlich herausgeputzte) Messe-Hostessen mit Traum-Maßen präsentieren die Spiele, die eigentlich für sich selbst sprechen könnten. Offenbar sollen sie sich sogar präsentieren. Ich erinnere mich an die Enttäuschung einer Hostes, die ich bat, doch mal aus dem Bild zu gehen, als ich ein Foto von einem Casemod machen wollte. Mich interessierte die Technik – nicht die junge Dame im Bikini.

Und damit komme ich auch direkt zu dem, was im Gaming-Journalismus irgendwie „nicht ganz richtig“ läuft. Ich meine – es gibt da journalistische Grundsätze, die sich jeder schon aus der eigenen Vernunft ableiten kann, ohne dazu direkt Journalismus studiert haben zu müssen. Ich selbst bin von meiner Profession her schließlich auch Philosoph und trotzdem journalistisch tätig.
Grundsätzlich geht es darum, über ein Ereignis zu berichten. Dabei kommt es auf die Zielsetzung des Berichts an: Es kann sich um eine reine Fotodokumentation handeln oder auch um eine Reportage über die Messe selbst oder auch Interviews mit Hardware-Herstellern oder den Spieleentwicklern. Wenn man nun als Journalist zu so einer Messe losgeschickt wird, dann hat man nicht selten einen „Redaktionsauftrag“. Zur Vorstellung der Wii U haben wir beispielsweise unseren Technikredakteur David damit beauftragt, sowohl die Konsole als auch die Spiele einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Wenn ich mir jetzt das Video von GIGA so ansehe, dann frage ich mich, wie der Redaktionsauftrag dazu wohl gelautet haben muss. Immerhin ist das Video ja sogar (kurzzeitig) veröffentlicht worden, sodass ich unterstelle, dass der Auftrag wunschgemäß erfüllt worden ist. Erst nachdem es massive (und durchaus berechtigte) Kritik hagelte, wurde das Video offenbar wieder entfernt.

Nun handelt es sich bei GIGA nicht gerade um eine kleine Seite. Im Gegenteil, sie sind eher „ganz oben“ angesiedelt. Wenn schon so große und bekannte Seiten derartige Inhalte produzieren und veröffentlichen, was für ein Bild wirft das dann wohl auf den Gaming-Journalismus insgesamt? Vor allem, weil ich ja ein eher kleines und beschauliches Magazinchen betreibe, das mit „den Großen“ weder konkurrieren kann noch will. Muss ich jetzt fürchten, dass ich für (pardon) eine perverse Drecksau gehalten werde, wenn ich mich Cosplayerinnen mit einer Kamera nähere, weil ein Kostüm einfach gut gelungen ist oder Gamerinnen interviewen will, weil mich ihre Meinung zu einem Spiel interessiert? Muss ich ab jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich eine reine Fotodokumentation mache und da eben hauptsächlich Frauen abgebildet sind, weil‘s das Mischungsverhältnis halt so hergibt?

Ich meine: Wie die Leute sich nun privat benehmen, kann und will ich nicht beurteilen. Und wenn’s nach mir geht, kann sich privat auch jeder Aufführen wie er will – meinetwegen sich auch in aller Öffentlichkeit zum Affen machen (der Widerspruch zwischen „privat“ und „öffentlich“ ist nur scheinbar – gemeint ist „privat“ und „beruflich“ in der Öffentlichkeit). Das geht mich einfach nichts an. Aber in einem professionellen Umfeld [1] erwarte ich einfach auch ein professionelles Verhalten.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. ich erinnere gern daran, dass der Gaming-Journalismus ernsthafte Arbeit ist, auch wenn es nach Außen hin gern mal so wirkt, als hätte man den ganzen Tag Spaß und würde nur zocken. Sorry, aber das ist nicht so. Und das Zocken für ein Review macht auch überhaupt keinen Spaß.
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