Uni-Survivor: Wie alles begann…

On 26. September 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Die Geschichte beginnt im Juni 2007. Die Sommersonne scheint und taucht den Tag in fröhliches Licht. Ich habe gerade mein Abiturzeugnis bekommen und stehe vor quälenden Überlegungen, die in weitreichenden Entscheidungen münden sollen. Diese gedankliche Quälerei verbessert auch der schönste Sommertag nicht. Das Abitur, auf dem zweiten Bildungsweg immerhin mit einem Schnitt von 2,1 absolviert, eröffnete allerlei Türen, der Numerus clausus schlug sie wieder brutal vor der Nase zu. Für mich stand fest: Außer einem Studium kommt nichts anderes in Frage. Einen Beruf erlernt hatte ich schon. Alles entscheidend war nun die Überlegung, was ich denn nun studieren wollte und wie ich das finanziere. Klar, so wie ich das Abitur auch finanziert hatte: Halb mit BAföG, halb mit Arbeit (und als Abiturient bekommt man Jobs vermittelt, bei denen man sich ernsthaft fragt, warum die noch nicht von Maschinen übernommen werden…).

Studieren? Irgendwas mit Sprache…

Die Eingrenzung des Studienfaches war denkbar einfach: Es musste etwas sein, dass nichts mit Mathematik zu tun hatte. Die letzten zwei Semester im Abitur hatte ich im Grunde nur „mit Glück“ überlebt. Ja, tatsächlich: Ich kann mich an Klausuren erinnern, in denen ich gerade so noch mit einer 5 durchkam, weil ich zwar am Anfang zumindest die halbe Punktzahl für den richtigen Rechenweg (aber falsche Ergebnisse) bekam – am Ende dann aber die kompliziertesten Aufgaben (als Einziger im Kurs) richtig löste, einfach weil sie mir logisch erschienen. Ich erinnere mich noch gut an die Randbemerkung „Zufällig richtig? ;)“, als eine dieser letzten Klausuren zurückgegeben wurde. Also nein: Es durfte keinesfalls ein Fach sein, das irgendetwas mit Mathematik zu tun hatte.

Ein Ratschlag (der beste!), den meine Stufenleiterin uns damals auf den Weg gab, war:

„Wenn ihr etwas studieren wollt, dann studiert etwas, was ihr mit Leidenschaft und Herzblut verfolgen könnt. Ziemlich viel am Studium ist einfach nur durchhalten. Ich selbst habe die Intelligentesten scheitern sehen und die weniger intelligenten mit einem Abschluss, weil Letztere einfach durchgehalten haben. Also überlegt euch gut, was ihr studieren wollt.“

Und so saß ich da; bei etwa 27 °C schwitzend in meiner winzigen, schlecht klimatisierten Dachgeschosswohnung (studentenfreundlicher Mietpreis und völlig überproportionale Heizkosten dank Elektro-Deckenheizung und fragwürdiger Isolierung) und überlegte. Linguistik! Was hat mehr mir Sprache zu tun? Philosophie – meine große Leidenschaft. Soziologie! Immerhin hatte ich da eine mündliche Prüfung mit 14 Punkten eingeheimst. Und was wollte ich damit später mal machen? Schließlich endet so ein Studium ja auch mal? Lehrer werden, war die eine Idee, Journalist werden, die andere. Auf jeden Fall etwas, wobei ich Wissen und Erkenntnisse unter die Menschen bringen konnte. Wenn ich das nur mit mir herumtrüge, würde mir das nicht viel bringen. Ich fand, Wissen, das nur einer allein hat, sei ziemlich wertlos. Nein, nein – Erkenntnisse müssen herausposaunt werden. Sie müssen unter die Leute gebracht werden. Und zwar so, dass sie sie auch verstehen können. Also Lehrer? Immerhin wäre das mit relativ gutem Einkommen verbunden. Aber Menschen (z. B. Abiturienten) womöglich Jahrzehnte lang, Tag ein, Tag aus, das Gleiche erzählen? Normiertes Abiturwissen verbreiten? Nichts neues? Ich begann zu zweifeln, ob das nun wirklich die richtige Entscheidung wäre. Ich kannte mich gut: Wenn ich tagtäglich das Gleiche machen müsste, würde mir schnell langweilig werden. Und wenn mir langweilig wird, lässt meine Konzentration arg zu wünschen übrig.

Und wer soll das alles bezahlen?

Ich beschloss, die Entscheidung des Berufsziels zu vertagen. Erst einmal wollte ich studieren. Nur für mich, meinen eigenen, kleinen, egoistischen Erkenntnisdrang. Was ich dann damit machen würde? Na, es blieb ja noch genug Zeit, das zu entscheiden. Viel wichtiger war jetzt erstmal das was, wann und wo – und wovon ich denn während dessen leben sollte. Damals, im Sommer 2007, hatte ich noch einen Rest-Anspruch auf Arbeitslosengeld, da meine Ausbildung noch nicht all zu lang her war, als dass er hätte verfallen können. Ich durfte aber auch eine Kleinigkeit dazuverdienen, sollte ich eine geringfügige Beschäftigung haben. Und da ich nie viel vom Nichtstun hielt (das sollte sich noch ändern), arbeitete ich für ein Mini-Gehalt in meinem alten Job weiter, nutzte den vorhandenen Anspruch auf ALG I – und zahlte nach einer Weile diverse Überschüsse an das Arbeitsamt zurück, weil ich mich wohl mit dem Gehalt und den Summen die angerechnet werden sollten, vertan hatte. So ein Rückforderungsbescheid liest sich recht unfreundlich, ist aber auch nichts, weswegen ich große Bauchschmerzen bekam. Nach einer kurzen (naja, eher recht langen) Rechnung war mir nämlich klar, dass ich mich tatsächlich geirrt hatte und an der Rückforderung nichts Falsches war. Glücklicherweise ließ sich das auch in Raten zahlen. Mit dem Studium konnte ich ja wieder BAföG beantragen (diesmal elternabhängig) und ein wenig mehr dazuverdienen. So ein 400-Euro-Job war schon drin und, wie sich herausstellen sollte, auch bitter nötig. Aber hey, ich war noch nie großartig verwöhnt und die Nebenjobs während des Abitur waren großteils ziemlich mies, aber immerhin konnte ich die Miete bezahlen, hatte Strom, Telefon und zumindest einen halb gefüllten Mini-Kühlschrank.

Nichtsdestotrotz schaffte ich es so drei Monate zu überbrücken, bevor dann im Oktober das Wintersemester an einer Uni beginnen sollte, die genauso wenig feststand wie das Studienfach. Beides sollte sich noch entscheiden – auf mehr oder weniger schicksalsträchtige Art und Weise. Denn wie ich feststellen sollte, konnte man nicht einfach überall alles studieren, sondern bekam bei jeder Universität ein individuelles Studienangebot zusammengeschnürt. Mal mit, mal ohne Nebenfächer, mal mit und ohne Lehrer-Profil… und überhaupt gab es allerlei Profile und Ordnungen und Fächerkombinationen. Manche passten zusammen, andere nicht – und hier und da gab es dann Überschneidungen.

Und so saß ich dann da. Während sich draußen junge Leute vergnügten, Eis schlabberten und sich im Herumlungern gegenseitig übertrafen, stöberte ich auf Universitäts-Webseiten herum.

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