Uni-Survivor: Ersti-Tage

On 5. Oktober 2013, in Uni-Survivor, by Ingo

Das erste Hin und Her der Ein- und Umschreibungen legte sich ein wenig. Ich hatte mich nun mit einer Postkarte im Losverfahren um das Nebenfach Soziologie gemeldet und bis dahin bei den Mathematikern eingeschrieben. Das hatte zur Folge, dass ich nun auch Post von Letzteren bekam und zu, als großartig beworbenen, Einführungsveranstaltungen eingeladen wurde. Ich beschloss recht schnell, sie zu ignorieren. Immerhin würde ich vermutlich ohnehin nur Bahnhof verstehen – auch wenn ich unter den Mathe-Nerds möglicherweise recht gut aufgehoben gewesen wäre.

Die Einladung der philosophischen Fakultät zur Einführungsveranstaltung nahm ich selbstredend an. Immerhin wollte ich ja wissen, was da auf mich zu kommt und wie das alles nun genau ablaufen sollte. Die eine Woche vorher stattfindende Ersti-Party hatte ich geflissentlich ignoriert. Ich war schließlich da, um zu studieren, nicht um zu feiern.

Was das Feiern anging, erinnere ich mich an den verwunderten Ausspruch einer ehemaligen Mitschülerin, die es auch nach Bielefeld verschlagen hatte und die ich, mehr oder minder zufällig, in der Bahn traf. „Ich glaube, die haben hier alle ein Alkoholproblem. Es ist kaum 10 Uhr und die sitzen schon mit Bier in der Vorlesung. Unglaublich…“ Später, viel später, sollte ich herausfinden, dass das noch die harmlose Form der studentischen Stressbekämpfung ist.

Willkommen in der Vault

Die Universitätshalle kannte ich schon von den Ferien, in denen ich mir den Bibliotheksausweis abholte, auf den dann die Semestermarke geklebt werden sollte. Sie hatte, wie meine damalige Freundin zu Recht bemerkte, den Charme einer Flughafen-Abfertigungshalle. Hoch, gläsernes Dach, ein Gumminoppen-Boden, den ich auch in einem Krankenhaus erwartet hätte. Einladend wirkt das Ganze nicht – eher sehr nüchtern. Was die restlichen Räume und Gänge im Gebäude anbelangt, erwartete mich ein Erlebnis der anderen Art.

Das Ersti-Treffen sollte im Raum T8-200 stattfinden. Ein Raum, der mir in den nächsten Jahren noch sehr ans Herz wachsen sollte. T, stand für den Gebäudeteil (die „Zähne“, obwohl sie eher wirken wie gegeneinander laufende, stilisierte DNA-Stränge, wenn man sich den Grundriss der Uni Bielefeld mal ansieht), 8 für das Stockwerk und 200 schließlich für den eigentlichen Raum.
Der erste Gang in die Tiefen des Bielefelder Kaninchenbaus führte mich die Treppe zur Haupthalle hoch, einmal quer hindurch und einen langen, Stahlbeton-Charme verströmenden Gang entlang. Rechts an Schließfächern vorbei, links Feuerschutztüren und Toiletten, direkt voraus wieder eine Feuerschutztür, die sich mit einem Taster öffnen lässt; diffuses Licht das durch die Glastür zur Rechten eindrang und von der fast fensterlosen Dunkelheit gegenüber geschluckt wurde vermittelten mir ein unmissverständliches Gefühl: Ich bin in einer Vault. „Gleich springt irgendwo ein Ghul aus der Tür und ich habe keine StimPacks dabei…“ schoss es mir durch den Kopf. Nachdem ich mich zum Fahrstuhl vorgekämpft hatte, der sich leise rumpelnd in Bewegung setzte mit mir einer fast LCARS-ähnlichen Stimme mitteilte, dass ich nun im 8. Stock wäre, wurde der Vault-Charme immer deutlicher. Nackte Betonwände, kleine Fenster und allein die Aushänge an den Pinnwänden brachten etwas Abwechslung in das triste grau. Allerdings auch nur ein wenig, denn die Philosophie zeichnet sich eher durch gedeckte Farben aus (was sie mir gleich noch ein Stück sympathischer machte).

Der Raum selbst war dann deutlich freundlicher; immerhin gab es hier große Fenster, auch wenn die Jalousie ein wenig schräg in der Luft hing (was den Vault-Charakter noch unterstrich). Sehr erstaunlich war der Kaffeefleck an der Decke hinten links. Wie man einen Kaffeefleck an die Decke bekommt, der dazu auch noch so gut abgegrenzt ist, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Ich bin ein wenig spät dran – die Verspätungen und Streiks der Bahn sollten sich in den nächsten Jahren als nahezu unkalkulierbares Risiko herausstellen. Ich dränge mich also in einen gut gefüllten Raum – und fühle mich alt. Sehr alt. Um mich herum sitzen Jungs und Mädels von gerade mal 19 Jahren – Abi-Überflieger sogar schon mit 16 – und schnattern, wie’s Teenies in dem Alter nun mal tun. Offenbar kannten sich die meisten, kamen von der gleichen Schule, aus den gleichen Stufen. ‚Kein gutes Zeichen,‘ ging es mir durch den Kopf. ‚Aber ich bin ja auch nicht zum Freundschaftenschließen hier…‘

Security by confusion

Und so wartete ich ab, was an Information geboten werden sollte. Den Anfang machte eine kurze Vorstellung davon, was Philosophie eigentlich ist – oder zumindest so grob sein soll. Jede Philosophie beginnt mit dem Staunen über etwas, das ist und einem logischen Erklärungsversuch dessen. Was sich mir dann aber intensiv eingeprägt hat, war Folgendes:

„Wenn Sie auf der Suche nach Sicherheit und klaren Antworten sind, dann sind Sie hier falsch. Wenn Sie hingegen die Unsicherheit mögen, und geradezu als Herausforderung betrachten, keine klaren Antworten suchen, sondern zunächst einmal die Fragen richtig verstehen wollen und sich auf das Ungewisse einlassen können – dann werden Sie hier viel Freude und ein erfolgreiches Studium haben.“

Unsicherheit? Einem Sicherheitsfanatiker wie mir? Das konnte ja was werden… Aber um Sicher zu gehen, erkundigte ich mich noch mal, ob denn Soziologie im Lehramtsprofil Philosophie tatsächlich problemlos funktionieren würde. Joa, hieß es, das sollte so passen. Die Studienberatung hatte Ähnliches verlauten lassen und so nahm ich an, dass es wohl tatsächlich funktionieren sollte. Ein paar Jahre später stellte ich dann fest, dass beide Unrecht hatten (und dass sie es auch gar nicht hätten wissen können, weil es in den Modulhandbüchern und FsB unklar formuliert ist), denn wenn man den Master of Education anschließen lassen will, muss man Sozialwissenschaften im Nebenfach studieren, nicht Soziologie – und auch wenn das in Teilen die gleichen Seminare sind, muss man trotzdem etwa 30 Punkte nachstudieren.

Lerneffekt: Wenn du dich in einer unsicheren Situation befindest: Hör nicht auf andere! Wenn es keine klar strukturierten Informationen gibt – mach einfach, was am wahrscheinlichsten ist.

Volle Fahrt voraus! Kurs… der Nase nach!

Nach diesem fragenaufwerfenden Einführungsteil wurde seitens der Fachschaft noch darauf hingewiesen, dass ja auch noch Ersti-Fahrten, Kneipenabende und dergleichen mehr stattfinden würden. Um sich kennenzulernen. Und Spaß zu haben. Nun ja… sollten die Teenies Spaß haben, ich beschloss, mit all dem nicht viel damit zu tun haben zu wollen. Ich war ja nicht zum Spaß haben da, sondern vom Erkenntnisdrang getrieben. Und so machte ich mich zum Schluss wieder auf den Weg – ohne all zu viel mehr Klarheit gewonnen zu haben, aber immerhin mit dem Gefühl, dass alles schon „irgendwie richtig“ lief.

„Eingangshalle“ verkündete der Turbolift Aufzug, als ich unten ankam. War ich eigentlich der Einzige, der das intensive Bedürfnis hatte, beim Betreten des Aufzugs „Deck Acht!“ zu rufen, statt auf die Taste für den achten Stock zu drücken? Jetzt ging es erst einmal wieder nach Hause. Einen Plan für das Semester zusammenstellen – und das bedeutete, Seminare und Vorlesungen in eine hübsche Reihenfolge zu bringen.

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