Küchenzauber

On 13. Oktober 2013, in Persönliches, Philosophie, by Ingo

Kaum habe ich mal Zeit und keinen Stress durch Arbeit und Masterarbeit und Co. werde ich richtig kreativ. Endlich mal Zeit um zu kochen, statt einfach nur ’ne Dose aufzumachen. Und dabei stelle ich fest, dass ich das nicht nur unglaublich gut kann – sondern dass der ganze Aufwand dahinter tatsächlich lohnenswert ist. Derzeit entstehen also verschiedene Kuchen, Eintöpfe aus frischen Zutaten, statt aus der Dose, selbstgemachte Dipps für Gemüse (das ich derzeit recht viel esse), Pizzabrötchen und überhaupt allerlei Dinge, die ich früher entweder bestellt oder einfach aus der Dose gegessen habe. Wirklich erstaunlich, was so ein wenig Zeit und ein freier Kopf so alles zu Stande bringen.

Du bist was du isst? Nein. Du bist wie du isst!

Das bringt mich auch gleich zu einer philosophischen Betrachtung des Essens – und damit des Lebens allgemein. Was Essen mit Leben zu tun hat? Nun: Es ist ein zentraler Punkt. Wir alle müssen essen, um unseren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Das ist nun kein großes Geheimnis und überhaupt keine Neuigkeit. Aber die Art und Weise, auf die wir das tun, bestimmt in weiten Teilen unsere Einstellung zum Leben selbst. Wir können essen, was uns die Industrie liefert – oder wir können es selbst zubereiten. Wir können Fleisch essen oder vegetarisch. Oder Veganer oder Frutarier sein… Was wir essen und wie wir es essen, sagt also schon mal einiges über unsere moralische und ethische Einstellung zum Leben und zur Welt aus.

Ich will zunächst die Zubereitungsform näher betrachten. Also: Ich kann nehmen, was die Industrie liefert oder ich kann es selbst zubereiten. Im ersten Fall kaufe ich ein fertiges Produkt und bringe es einfach nur noch in einen verzehrfertigen Zustand (sofern es das nicht schon ist). Sprich: Ich kippe die Dose in den Topf, schiebe die Tiefkühlpizza in den Backofen oder werfe einen Beutel TK-Fertigfresschen in die Pfanne. Am Ende kommt etwas heraus, das durchaus satt macht, aber eben durch die industrielle Fertigung auch voller künstlicher Geschmacks-, Farb- und Zusatzstoffe ist. Ich will nun kein Pamphlet gegen Zusatzstoffe fabrizieren, nein, nein. Wie sagte es mein Hausarzt mal zu Medikamenten: „Wir kennen nun die Inhaltsstoffe von Pflanzen und können sie synthetisieren, damit sie genau da wirken, wo sie wirken sollen. Das ist vergleichbar mit Rohöl und Benzin. Sie kippen sich ja auch kein Rohöl in den Tank…“ Im Gegenteil. Mir geht es vielmehr um die Lebenseinstellung, die mit dem Industrie-Essen einhergeht (und der ich mich ja nun auch nicht so ganz entziehen kann).

Wir haben eine gefühlte Freiheit, wenn wir aus einer riesigen Palette von Lebensmitteln auswählen können. Und genau das machen wir: Wir wählen aus, stellen unseren Nahrungsplan mit all dem zusammen, was wir so im Supermarkt finden, köcheln es zusammen und glauben damit, ein Stück Individualität zu haben – eben weil wir die Wahl haben. Das Zubereiten von Industrie-Essen ist aber eben genau eines nicht: Tätiges Handeln. Es ist ja schließlich schon alles fertig. Es muss nur noch aufgewärmt und gegessen werden. Ich sage nicht, dass Industrie-Essen nicht schmeckt. Nein, dank der zahlreichen Zusatzstoffe tut’s das ja durchaus. Aber es geht eine deutliche und sehr umfangreiche Erfahrungsqualität verloren – mehr noch, es macht uns ein Stückweit untätig und träge und entzieht uns damit die Befriedigung, etwas erschaffen zu haben, das zudem glücklich macht.

Wie ist das also, wenn alles selbst zubereitet wird? Nun, es ist mit einer gewissen Mühe verbunden. Gemüse muss zunächst geputzt und geschält werden, dann gewürfelt oder in Scheiben geschnitten, gekocht, gebraten und gewürzt… jeder einzelne Zubereitungsschritt muss ausgeführt werden und bei jedem Schritt kann etwas schief gehen – was dann durchaus frustrieren kann. Ich habe heute auch zwei Versuche gebraucht, um Pizzabrötchen zu machen – ich habe schlicht keine wirklich gute Möglichkeit, um Hefeteig irgendwo zum gehen warm zu stellen. Mit ein wenig Trickserei und der Zuhilfenahme eines Heizlüfters gings dann aber doch. 😉
Wie auch immer: Der Prozess, mit dem wir selbst machen, was wir essen wollen, ist ein ursprünglich kreativer (im wahrsten Sinne des Wortes, wird ja etwas kreiert). Man bekommt durch die Arbeit eine viel intensivere Bindung zu dem, was man da kocht. Gefühl, Geruch und Geschmack der Zutaten sind genauso vorhanden, wie letztlich beim fertigen Essen. Es ist von Anfang bis Ende ein Prozess des Tätig seins und wird mit der Befriedigung eines leckeren Essens belohnt.

Was sagt nun die Art und Weise, wie wir essen über die Lebenseinstellung aus? Nun, ich halte es für einleuchtend. Die Einstellung hinter dem Industrie-Essen ist: Du hast viel Optionen, die du nutzen kannst. Du hast die Freiheit der Wahl, was du in der Welt und mit deinem Leben anfangen kannst.
Und die Einstellung hinter dem selbst zubereiten? Auch das liegt für mich auf der Hand: Nimm dein Leben in die Hand und mach etwas daraus. Ändere dein Leben, ändere die Welt, ganz so, wie es dir gefällt und gut tut. Du hast die Kontrolle und die Verantwortung für jeden Schritt.

Variante 1 ist also nur eine wählende, die auf Basis von vorgegebenen Möglichkeiten handelt. Variante 2 schert sich nicht um Vorgaben, sondern macht selbst und erschafft gänzlich neue Möglichkeiten.

Fest steht: Ab jetzt koche ich selbst. 🙂

Die kleine Küchenethik

Die Wahl der Zutaten und die Art, mit Fehlversuchen umzugehen, sagt auch vieles aus. Ich zum Beispiel esse relativ wenig Fleisch – nur so viel, wie nötig (eingefleischte Vegetarier [Was für ein Wortspiel] würden jetzt vermutlich sagen, dass es gar nicht nötig ist – da bin ich allerdings noch im Zweifel), einfach weil ich zum einen meinen klitzekleinen Teil gegen die Massentierhaltung beitrage – und zum anderen ist übermäßiger Fleischkonsum auch alles andere als Gesund. Ich möchte nicht, dass all zu viel Leid durch meine Handlungen ausgelöst wird – wenn ich also nur wenig Fleisch esse, dann ist mein Anteil am entstandenen Leid entsprechend klein. Dass es dennoch in kleinen Mengen existiert (wenn ich dann doch mal zur Hähnchenbrust greife, denn das Tierchen musste ja auch irgendwann sein Leben aushauchen), nehme ich in Kauf. Wie schon erwähnt, bin ich nicht davon überzeugt, dass vollständiger Fleischverzicht gesund ist. Und was ist mit gescheiterten Versuchen? Nun – solange es nicht völlig verkohlt und angebrannt ist, kann man auch Sachen weiterverwenden – oder einfach anders verwenden – die nicht so geklappt haben wie gedacht. Daraus wird klar: Ich halte nicht viel von Verschwendung. Manchmal geht es nicht anders, aber vieles lässt sich noch retten.

Es ist also eine Frage der Wertschätzung des Lebens und der Welt und damit der Zutaten selbst mit der Art und Weise verbunden, wie gekocht wird. Ich kann für 5 Euro eine Hähnchenbrust kaufen – aber damit ist nichts über den Wert des Lebens des Tieres gesagt. In der Tat lässt sich der nicht in Geld ausdrücken (auch wenn Ökonomen allerlei Werte heranziehen könnten). Wenn ich mir dann Mühe damit gebe, das Essen dann auch möglichst lecker und vor allem nahrhaft zu machen, dann mache ich das nicht, weil ich finde, dass das Fleisch teuer war. Vielmehr ist es für mich ein Ausdruck des Respektes für eben dieses Tier, das sein, für mich nicht in Summen zu fassendes, Leben aushauchen musste, damit ich es essen kann.

Leben ist Veränderung – Veränderung kann in der Küche anfangen

Da essen das essenziellste ist, was wir in unserem Leben tun können – schließlich würden wir ohne Essen einfach sterben -, ist es um so wichtiger, sich genau darüber bewusst zu werden, was man so isst und vor allem wie. Es kann nicht schaden, die alten, gewohnte Pfade zu verlassen und die Art zu Essen zu verändern. Schließlich besteht das ganze Leben aus Veränderung und Wandel und dem stetig neuen und überraschenden, dass hinter jeder Ecke wartet. Wie viele Leute wollen unbedingt abnehmen und schaffen es nie? Wie viele wollen zunehmen? Gesünder leben? Glücklicher sein? Ich denke, der Schlüssel liegt im Essen. In dem, was man für sich tut und die Art und Weise, wie man es für sich tut. Wer mit Achtsamkeit und tätigem Handeln an die Sache herangeht, dürfte deutlich zufriedener leben, als jemand der sich nur aus den fertigen Dinge bedient.

Fazit: Es ist schön, wieder die Zeit gefunden zu haben, das Leben selbst gestalten zu können, statt nur aus den vorgegebenen Optionen zu wählen. 🙂

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