Zu studieren heißt in erster Linie, sein Leben zu organisieren. Die große Kunst ist nicht etwa, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu lernen. Die eigentliche Kür besteht darin, herauszufinden, was man in welcher Reihenfolge lernen sollte. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

Natürlich: Es gibt Empfehlungen. So ein klassisches Bachelorstudium ist ein Module eingeteilt, in denen Pro Seminar Punkte für sogenannte SWS vergeben werden. SWS sind „Semesterwochenstunden“ – also die Zeit, von der ausgegangen wird, dass man sie an Stunden im Semester pro Woche damit verbringt, den Stoff zu pauken, der in Seminaren und Vorlesungen vermittelt wird. Was einen übrigens nicht wundern darf, ist, wenn ein Kurs mit 3 SWS angegeben wird, aber eigentlich knapp das Doppelte benötigt. Wie genau diese Semesterwochenstunden berechnet werden, ist mir nach wie vor ein Rätsel (und um ehrlich zu sein, habe ich mir nie die Mühe gemacht, da näher nachzuforschen). Es scheint aber, als würden nur die Stunden veranschlagt, die man tatsächlich im Seminar sitzt (1,5), zuzüglich 1,5 Stunden für das Bearbeiten von Material und das Verfassen von Essays und Co. Nun, wer es zu Hause schafft, in 1,5 Stunden akademische Texte von durchschnittlich 25 Seiten länge (meist auf Englisch) zu lesen, zu verstehen und dann auch noch sinnvoll zu bearbeiten, mag sich Genie schimpfen. Ich gestehe: Ich habe das nie geschafft.

Irrungen und Wirrungen

Die Empfehlungen besagten, welche Module in welchem Semester abgeschlossen werden sollten. Das war zumindest zu meiner Zeit recht einfach. Heutzutage kann man in Bielefeld ja nicht nur Philosophie als Hauptfach oder Nebenfach studieren, sondern auch noch als Kleines Nebenfach und in verschiedenen anderen, verwirrenden, Kombinationen. Kurz bevor ich die neue Fächereinteilung wegklickte, dachte ich nur: „Tall, Grande, Venti – kostet jeweils immer fast das doppelte, hat aber in jedem Becher den gleichen Kaffee…“
Nichtsdestrotrotz lässt sich für den Anfang schon mal gut planen. Zumindest solange man niemanden danach fragt, welche Seminare nun zu welchem Modul gehören und wie man sie denn abschließen soll. Die übliche Antwort darauf ist, dass man ja im Grunde auch einfach alles studieren kann, wie man gerade Lust hat – nur dass es halt Seminare gibt, die mehr oder weniger Vorkenntnisse erfordern. Was die Vorkenntnisse angeht, ist es fast zu vernachlässigen, denn fast jedes Seminar kommt ohne aus. Schließlich geht es meist um einen zentralen Autor und ein zentrales Thema – ob man nun schon andere Autoren und Argumentationen kennt oder nicht, spielt kaum eine Rolle.

Bei der Planung eines solchen Semesterplan kann es entsprechend zu Verwirrungen kommen. Schließlich werden auch nicht alle Seminare jedes Semester angeboten, sodass man vor der Situation stehen kann, aus drei verschiedenen Modulen jeweils 2 Seminare belegen zu müssen – oder auch mal mehr oder weniger – und die dann untereinander auszutauschen. Ich habe nie wirklich verstanden, wie das alles zusammenpasst. Am Ende kann man das Transcript ohnehin so sortieren, dass alle Kurse im richten Modul und mit der richtigen Punktzahl an der richtigen Stelle sitzen.

Mach dein eigenes Ding…

Ich habe die Art und Weise, wie ein perfekter Semesterplan auszusehen hat, nie verstanden. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass ich am Ende viel mehr studiert habe, als es Punkte gab, die hätten angerechnet werden können. Ich habe mir einfach alle interessanten Kurse in den Plan gestopft. Das Gemeine daran ist, dass all die Kurse, die man dann zusätzlich belegt hat, einfach verpuffen. Sie tauchen zwar im Transcript auf – aber das ist am Ende völlig wertlos. Am Ende entscheidet nämlich nur noch, was in die Module passt und alle Leistungen, die man über den individuellen Ergänzungsbereich hinaus studiert hat, fallen einfach weg. Verpuffen wie ein Wassertropfen auf der heißen Herdplatte.
Im Gegensatz zu der Behauptung mancher Kommilitonen kann man aber nicht „zu viel“ studieren. Wenn es einen interessiert, sollte man es auch mitnehmen. Die Gelegenheit bietet sich nur einmal. Die meisten, die meinten, es wäre „zu viel“ und sie würden nur das studieren, was unbedingt für den Abschluss notwendig wäre, habe ich ohnehin nicht wieder gesehen. Vermutlich ist ein eingeschränktes Interesse und eine Leistungsbereitschaft, die nur auf ein ganz genau definiertes Ziel ausgerichtet ist, nicht gerade sehr hilfreich im Studentenalltag.

Wenn man diesen Alltag überleben will, dann sollte man eben nicht darauf gucken, was man braucht, sondern was man will. Das gemeine Studium an sich ist nämlich kein Zuckerschlecken und die „faulen Studenten“ sind meist diejenigen, die unendliche Ressourcen haben und so lange studieren können, wie sie wollen – oder nach kurzer Zeit feststellen, dass doch alles anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Und da ist eins der weiteren kleinen Geheimnisse: Richtet eure Pläne danach aus, was ihr mit Leidenschaft und Herzblut verfolgen könnt. Jedes Seminar, dass ihr nur unwillig und schon mit Bauchschmerzen besucht, ist ein Seminar zu viel. Und wenn das zu viele Seminare werden, auf die ihr so überhaupt keine Lust habt – dann stellt ihr irgendwann fest, dass ihr das falsche Fach studiert.

Also: Achtet beim scheinbar chaotischen System der Seminar- und Modulzuordnungen nicht vor allem darauf, dass ihr in allen Modulen die passende Punktzahl erreicht. Ansonsten: Studiert, was ihr wollt, nicht was ihr zu müssen glaubt. Denn das macht die Individualität und die Fachkompetenz hinterher aus. 🙂

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