Als ich mit dem Studium anfing, hörte ich es aus dem Bekanntenkreis gern mal: „Du bist ja jetzt so’n fauler Student und kannst bis mittags schlafen…“ Spätestens, wenn dieser Satz fiel, war mir klar: Nicht Killerspiele erzeugen Amokläufer. Aber dumme Kommentare von vorurteilsbehafteten Mitmenschen könnten durchaus dazu in der Lage sein. Wie sieht nun aber so ein typischer Studententag aus? Nun, meiner sah, rein exemplarisch, etwa so aus:

Es ist Mitte November, das Wetter draußen ist so freundlich wie ein Klingone von der Steuerprüfung. Die Temperatur beträgt 2 °C, ein leichter Regen wird vom Wind in Wellen über die Straßen getrieben und die Sonne hält auch nicht viel davon, sich wenigstens hinter Wolken zu verstecken…

06:30 Uhr: Das Handy zerfetzt mit einem „Roter Alarm“-Weckton jeden noch so freundlichen Traum. Ich schwinge mich aus dem Bett, schlurfe, an der Küche in der ich die Kaffeemaschine einschalte, ins Bad und fühle mich schon mit der Kloschüssel unter mir gehetzt. Irgendwer musste das erste Seminar auf 08:15 Uhr legen. Der Raum wäre ansonsten nicht frei gewesen. Das hat das Facillity Management so beschlossen, da könnte man nichts machen. Während ich dusche und mir die Zähne putze, denke ich, dass ich spätestens den Zug um 07:28 Uhr bekommen muss. ‚07:28 Uhr‘ dreht es sich in meinem müden Schädel und wird zu einem bedrohlichen, alles ausfüllenden Mantra.

06:59 Uhr: In einer Hand das Brot und in der anderen die Kaffeetasse jongliere ich zurück ins Zimmer. Nochmal schnell Mails lesen – vielleicht fällt ja was aus -, kauen, schlucken mit viel zu heißem Kaffee runterspülen. ‚Deswegen merken die Leute so schnell eine Wirkung vom Kaffee,‘ denke ich, ‚sie erleiden einfach nur innerlich gekochte Magenschleimhäute.‘ Während ich Laptop, die am Vortag gefüllte und im Kühlschrank deponierte Brotdose, eine Wasserflasche und diverse Bücher in meinem Rucksack verstaue, blicke ich aus dem Fenster. Feuchtkalte Finsternis, die nur vereinzelt von Autoscheinwerfern unterbrochen wird, beleidigt meine Augen.

07:12 Uhr: Mit etwa 10 kg zusätzlicher Nutzlast auf dem Rücken rase ich auf meinem Rad dem Bahnhof entgegen. Der Regen bahnt sich seine Weg durch meine Jacke – alles unterhalb der Hüfte fühlt sich an, als wäre es in einen frischgefrästen Eisblock eingefasst worden.

07:20 Uhr: Ich fluche hinter einem Autofahrer her, der völlig unerwartet, ohne zu blinken oder seinen hohlen Schädel zu drehen vor mir rechts abbog. Geschwindigkeit und Zusatzgewicht hätten jeden Bremsvorgang meinerseits zu einem völlig sinnlosen Unterfangen gemacht. Doch statt wie ein Stuntman über eine Motorhaube zu rollen, schaffte ich es noch mit einem wilden schlenker vor dem wild hupenden Auto auszuweichen. Als ob ICH derjenige gewesen wäre, der hier die Augen nicht aufgemacht hat. Arschloch!

07:28 Uhr: Verschwitzt, durchnässt, durchgefroren und überhaupt nicht gut gelaunt sitze ich im Zug. Hechelnd und mit Herzrasen ziehe ich die Mütze aus und stopfe sie in den Rucksack. ‚Gerade noch geschafft,‘ denke ich. „Sehr geehrte Fahrgäste, auf Grund der Überholung durch einen Fernverkehrszug verzögert sich die Abfahrt dieses Zuges um wenige Minuten. Wir bitten um Entschuldung.“
‚NEIN!‘ Denke ich. ‚IHR KÖNNT EUCH EURE ENTSCHULDIGUNG DA HINSTECKEN; WO NIEMAND SIE JEMALS FINDEN WIRD! ICH BIN FAST ÜBERFAHREN WORDEN, HOLE MIR HIER BEI DIESEM MISTWETTER DEN TOD UND QUÄLE MICH ZU UNCHRISTLICHEN ZEITEN DURCH DIE GARSTIGE DUNKELHEIT, NUR UM PÜNKTLICH IN DIESEM SCHEIßZUG ZU SITZEN UND IHR HABT DIE FRECHHEIT EURE DÄMLICHEN FAHRPLÄNE NICHT EINHALTEN ZU KÖNNEN! AAAAAARRRRGGGHHH!‘
Aber das gibt mir ein wenig Zeit, um noch ein wenig zu arbeiten. Da wartet schließlich noch eine Hausarbeit.

07:45 Uhr: Ich habe in verbissener Rekordzeit 10 Seiten geschrieben. Noch drei, dann ist das geforderte Minimum erreicht. Quellenangaben sind in der Datenbank, die müssen nur noch eingefügt werden. In Löhne beschließt eine Schulklasse voller Präpubertierender zuzusteigen. Offenbar wollen sie zu irgendeiner Ausstellung. Der Viererplatz um mich herum füllt sich mit lautstark krakelenden 6. Klässlern. Einer von ihnen sieht mich schreiben und kommentiert es mit „Ey Alta! Mach ma‘ YouPorn an!“ Als ich ihn ignoriere (ich habe gerade noch eine kurze Argumentationslücke auszubügeln – die Hausarbeit soll ja spätestens heute Nachmittag abgeschickt werden), kommentiert er weiter ein „Ey Huuuurensoooohn, alta isch red‘ mid dia!“
Ich packe mir den kleinen Scheißer am Kragen und ramme ihn mit dem Gesicht an die Glasscheibe, bis weder „Alta“ noch etwaige Prostituiertenverwandtschaftsvermutungen aus ihm herauskommen.

Noch während diese Fantasie verblasst speichere ich zufrieden. Der Zug kommt in Bielefeld an, die Hausarbeit ist im Kasten und ich kann in Richtung Uni weiterhetzen.

08:15-08:20 Uhr: Die Kaffeetasse aus dem Rucksack herausfummelnd kracksel ich die große Treppe am Eingang zur Uni-Halle hoch. Ein bisschen Bewegung schadet ja nie. In meinem Hinterkopf macht sich der weitere Tagesplan breit: Ein Seminar, in dem ich nebenher News-Quellen suchen kann, zwei Freistunden, in denen ich sie runterschreiben kann, dann zwei Seminare in Folge – da muss ich zusehen, dass ich während dessen Quellen suche, sie abarbeite und gleichzeitig das Seminar verfolge.[1]

08:23 Uhr: Die Kaffeetasse balancierend schwanke ich zum Fahrstuhl. Dort angekommen steht och ein anderer, offenbar deutlich älterer Studierender. Sein wahres Alter kann ich nur raten (schätzen konnte ich nie gut) und stecke ihn in die „35+-Ecke“.

„Na? Bachelor-Student?“
Mit, damals noch recht pummeliger, aber stolz geschwellter Brust entgegne ich „Ja! Erstes Semester. Und momentan noch nicht ganz wach.“
„Bachelor? Arme Sau. Wenn du einen guten Tipp haben willst: Gewöhn dich an den Gedanken, dass ‚Schlaf‘ oder ‚Ausgeschlafen sein‘ oder auch nur ‚Mal eine Nacht durchschlafen‘ ab jetzt nicht mehr vorkommen wird.“

Ich hasste ihn dafür. Wie ich noch erfahren sollte, hatte er aber Recht damit.

Ich kam nach einer scheinbar ewig dauernden Fahrstuhlfahrt und einem Slalom mit erschwerten Bedingungen (vermittelt durch eine fast volle Kaffeetasse) im Seminarraum an. Das von alten Neonröhren strömende Licht wurde von milchig weißen Tischen reflektiert, auf denen nun schon die scheinbar 6. Generation Studierender gelangweilte oder witzig anmutende Botschaften hinterlassen hat. Ich richte mich häuslich ein, klappe den Laptop auf, fange an Blogs zu lesen, Newsquellen zu markieren, höre mit einem Ohr der Dozentin zu. Der Rest der Studierenden um mich herum schweigt vor sich hin, während ich und noch zwei oder drei andere Kommentare und Nachfragen in den Raum werfen. Ich diskutiere, während ich mit den Übersetzungen der ersten Quellen anfange. Ich bin zwar nur halb konzentriert – der Rest meiner Kommilitonen scheint allerdings im Dauerschlaf zu verharren. Und ganz offensichtlich mögen sie es gar nicht, wenn man ihre Ruhe durch aktive Seminarteilnahme stört. Zumindest höre von Gerüchten, die deutliche Antipathie bekunden. Aber gut, ich war ja auch nicht hier, um Freunde zu finden, sondern um einen Abschluss zu machen.

10:50 Uhr: Ich sitze nach dem Seminar auf der Galerie und mache mich an das Übersetzen und Veröffentlichen von News. Zumindest das, was ich nicht schon währen des Seminars vorbereitet hatte. W-LAN gibt’s zwar überall aber nicht immer gleich stark. Hier konnte ich nun endlich weitermachen. Nach einer Weile setzte sich eine junge Studentin mir gegenüber. Scheinbar verlangte sie ein wenig nach Aufmerksamkeit – und so versuchte sie mit mir über mein MacBook ins Gespräch zu kommen. Ich war für einen kurzen Moment genervt, schließlich musst ich arbeiten. Aber gut. Also erklärte ich ihr allerhand Dinge: Größenvergleiche zu Netbooks, Prozessorgeschwindigkeiten, Speicherbedarf und die Möglichkeiten zur Aufrüstbarkeit, die Nachfolgermodellen fehlt.
Ein paar Tage später, als ich darüber mit meiner besten Freundin diskutierte, kommentierte sie es etwa so: „Du Idiot! Da is ein hübsches Mädel, dass dich scheinbar ganz nett findet und so’n Einstiegsthema sucht und du quatschst sie nur mit Technik zu! Man, man, man…“
Na – das hätte sie mir auch direkt sagen können oder? Außerdem: Ich hatte für so Sachen mit Frauen ohnehin keine Zeit.

13:00 Uhr: Ich mache mich auf den Weg zur Cafeteria. Das Essen da besteht zwar meist aus irgendetwas, dessen Kaloriengehalt den Tagesbedarf eines durchschnittlichen Leistungssportlers doppelt füllen kann – aber immerhin ist es halbwegs bezahlbar. Und, auch wenn es voll ist, habe ich dort nicht das intensive Gefühl der Massenabfertigung, wie es in der Mensa vorkommt.
Nachdem ich meinen Magen mit einer Mischung aus warmgehaltenen Fetten und Kohlenhydraten gefüllt habe, mache ich mich dann auch wieder auf den Weg zum nächsten Seminar-Marathon. Von 14-18 Uhr heißt’s nun diskutieren, lesen, diskutieren, Texte in ihre Bestandteile zerlegen, zum nächsten Seminarraum hetzen und das gleiche Spiel von vorn beginnen lassen. Eine Vorlesung, ein Seminar – beide Räume ohne Fenster und nur mit künstlich gefilterter Luft versorgt. Mein Kaffeeverbrauch stieg innerhalb der vier Stunden auf etwa 1,3 Liter. Während des Diskutierens und Lesens übersetze ich weiter fleißig News.

18:10 Uhr: Erschöpft schleppe ich mich zur Stadtbahn. Draußen ist es genauso, wie ich es vom Morgen vage in Erinnerung hatte: kalt, dunkel, windig und nass. Die Kälte und die frische Luft beleben zumindest kurz. Wie durch ein Wunder schaffe ich es noch, den Zug um 18:24 Uhr zurück zu bekommen. Von der Rückfahrt bekomme ich nicht viel mit – mich überkommt schlicht der Schlaf.

19:30 Uhr: Nach einer weiteren Radtour durch den nasskalten und dunklen November endlich wieder zu Hause angekommen, werfe ich den einen Rucksack weg und schnalle mir direkt einen leeren auf den Rücken. Ich sollte mal einkaufen. Glücklicherweise haben die Läden ja bis 22 Uhr geöffnet und so hole ich das nötigste – Brot, Wurst, Käse, Margarine… was man eben so braucht. Eigentlich ernähre ich mich hauptsächlich von kalter Küche. Zum Kochen habe ich vielleicht mal am Wochenende Zeit. So ist Samstag der „Es gibt eine warme Mahlzeit“-Tag. Schließlich ist es auch recht teuer, in der Uni zu essen – und das täglich zu machen, hätte mein Budget deutlich gesprengt.

20:23 Uhr: Ich mache mich daran, die Texte für die Seminare am nächsten Tag zu lesen. Vier verschiedene Seminare, jeweils 25-30 Seiten Text zu unterschiedlichen Themen.

23:45 Uhr: Ich kapituliere. In meinen Kopf will kein Text mehr hinein. Die Worte fange ohnehin an, ein sehr seltsames Eigenleben zu führen.

00:32 Uhr: Ich sehe das letzte Mal auf die Uhr und denke ‚Verdammt, du solltest jetzt endlich mal schlafen. Morgen um 7 ist die Nacht wieder vorbei. Nu los! Mach schon! Hör auf über den Tag und die ganzen Sachen nachzudenken! Oh verdammt… hab ich eigentlich die Hausarbeit abgeschickt? Hab ich total vergessen… hab ich? … Ja, hab ich… puh…“
Eine gefühlte Stunde später versank ich in traumlosem Schlaf, der dann pünktlich um 7 mit dem gleichen gemeingefährlichen Alarm zerstört wurde, wie jeden Morgen.

Oh – und die 45-Minuten-Hausarbeit wurde übrigens eine 1,3. Danach beschloss ich, Hausarbeiten nur noch im Zug zu schreiben. Ohne nervende Kinder geht das sogar noch angenehmer.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die völlig naive Idee, es wäre etwas tolles, als Newsredakteur für Online-Magazine zu arbeiten. Klar: Man ist immer auf dem Laufenden aber den Kühlschrank füllt das nicht. Im Gegenteil: Der durch den Aufwand produzierte Stress wird so schlecht bezahlt, dass ich selbst auf Aushilfsputzkräfte neidisch sein konnte. Aber gut, solange man sich einreden kann, dass man etwas total cooles macht, funktioniert das prima. Heute weiß ich: So’n depressiver Zusammenbruch nach Burnout durch dreifachen Stress, ohne wirklich etwas damit zu verdienen, gehört zu den Dingen, die man nur einmal im Leben haben muss. Spätestens nach dem zweiten sollte man aufhören falschen Idealen nachzurennen…
Tagged with:  

One Response to Uni-Survivor: Das Märchen vom faulen Studenten – ein Tagesablauf

  1. Informatik-Student sagt:

    Falscher Studiengang und falscher Wohnort. Ich kann fast jeden Tag bis mittags schlafen. Und nein, ich studiere weder Soziologie noch Landschaftsbaukunde.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: