Es begab sich zu einer Zeit, da ich in der Endphase des Abiturs verweilte und wir alle in uns gingen, um uns zu fragen, was wir denn im Anschluss tun wollten. Mehr oder weniger klar war: Studieren! Sonst braucht man einfach kein Abitur.

Meine Klassenlehrerin verkündete, was das Studium im Allgemeinen betraf folgende Weisheit:

„Um zu studieren, braucht man eigentlich keine all zu große Intelligenz. Man braucht auch kein superperfektes Abitur. Alles, worauf es wirklich ankommt, sind zwei Sachen: Durchhaltevermögen und am Ende das Prüfungsamt irgendwie von überzeugen, dass man alles richtig gemacht hat.“

Heute weiß ich: Sie hatte Recht!

Früher, damals vor und während des Abitur, hatte ich ab und an Prüfungsangst. Ich hatte mich wochen- und tagelang darauf vorbereitet, allein um alle möglichen Fragen einer Klausur beantworten zu können. Im Abitur wurde das relativiert. Wir lernten im Grunde schon einen Monat vor der eigentlichen Klausur und konnten alle relevanten Daten (und alle irrelevanten Zusammenhänge) in und auswendig. Klar: Alles kann man nicht wissen, aber zumindest das meiste.

Während des Studiums habe ich etwas ganz anderes entwickelt: Prüfungsamtsangst.
Prüfungen selbst machten mir kaum Sorgen. Essays schreiben, Hausarbeiten entwickeln… solange es nicht gerade eine Abschlussarbeit war, hatte ich überhaupt keine großen Sorgen. Prüfungsamtsangst ist auch keine Angst vor Prüfungen, sondern tatsächlich Angst vor dem Prüfungsamt.

In nächtelanger Selbstreflexion bin ich der Prüfungsamtsangst auf der Spur gewesen. Mittlerweile habe ich ungefähr herausgefunden, woher sie kommt. Es liegt an den Leuten, die da Arbeiten. Diese Leute haben zwei Betriebsmodi: „Menschlich“ und „Bürokratisch“. Letzteres überwiegt Ersteres die meiste Zeit über.

Prüfungsamtsangestellte im Bürokratiemodus kennen weder Freund noch Feind. Erbrachte Leistungen sind irrelevant (egal, wie sehr man sich dafür angestrengt hat), solange sie nicht gemeldet wurden. Es ist auch völlig irrelevant, ob es terminliche Überschneidungen gibt, sodass man spontan um die Ecke kommt, weil man eine beliebige Bescheinigung ziemlich dringend (für den nächsten Tag) braucht und von der Wohl und Wehe der eigenen kleinen Existenz abhängen.

Wie der Umgang mit der Punktevergabe ist, ist offenbar tages- und launenabhängig. Hat man einen Kurs besucht, dessen Dozent mittlerweile verschollen ist, so gibt es zwei mögliche Antworten, auf die Frage, wie man denn nun an die Punkte kommen soll: 1.: Man muss sich gefälligst darum kümmern, den Dozenten ausfindig zu machen. Vielleicht hilft die Fakultät dabei. Vielleicht Google. Vielleicht auch nichts. Egal wie: Der Dozent hat die Punkte gefälligst zu melden. So steht’s geschrieben, so hat’s zu geschehen. 2.: Der Dozent ist zwar weg, aber hat bisher bei jeder Rückfrage Punkte einfach so bestätigt und vermeldete für den betreffenden Kurs, dass die Punkte auch einfach eingetragen werden können, ohne dass er es immer wieder für jeden Einzelnen bestätigen will. Das steht nicht in der Studienordnung, in den Modulhandbüchern oder der Prüfungsordnung. Und das ist ein Problem für diejenigen, die im Bürokratie-Modus vor sich hin arbeiten.

Bürokraten halten sich geradezu sklavisch an die Vorschriften. So sehr, dass sie davon ausgehen, dass alles, was nicht in den Vorschrift steht, unzulässig wäre. Dabei ist diese Annahme einfach falsch, denn nur weil es nirgendwo steht, heißt das nicht, dass es unzulässig wäre – es ist nur einfach nicht niedergeschrieben.

Und hier ist der Grund für meine Prüfungsamtsangst: Nach den ersten, schockierenden, Erfahrungen mit der Eintragung von Leistung und der Bestätigung von Prüfungsleistungen, hatte ich immer wieder quälende Angst davor, dass die ganze Arbeit umsonst war. Schließlich kam es nicht darauf an, ob ich gerade eine 1 in einer Hausarbeit geschrieben hatte, sondern darum, dass die Note auch im richtigen Modul mit der richtigen Zuordnung und zur richtigen Zeit zulässig verbucht würde. Und das klappte fast nie.
Und so fürchtete ich jeden Tag, an dem ich wieder mal zum Prüfungsamt musste, um etwas eintragen, nachweisen, nachtragen oder bescheinigen zu lassen. Das ging so weit, dass ich schon Wochen vorher schlaflose Nächte hatte, die sich nur mit Schlaftabletten beheben ließen. Ja, ernsthaft. Diese völlig Ungewissheit, ob ich nun eine Leistung auch tatsächlich bescheinigt bekomme oder nicht, stresste mich ungemein.

Es gibt auch keine Therapie oder Desensibilisierungsmöglichkeit. Das Einzige, was hilft, ist tatsächlich zu versuchen, das Prüfungsamt davon zu überzeugen, dass man alles richtig gemacht hat. Und Alkohol. Damit schafft man es zumindest, auch ohne Schlaftabletten die Prüfungsamtsangst zu ignorieren und zu schlafen.

Und die Moral von der Geschicht‘: Nur weil man eine Leistung absolviert hat, heißt das noch nicht, dass man sie auch bescheinigt bekommt. Hier gilt der zweite Teil des Rates meiner ehemaligen Klassenlehrerin: „Man muss das Prüfungsamt davon überzeugen, dass man alle Leistungen korrekt erbracht hat.“ Und nur, weil man eine Bescheinigung dringend braucht, heißt das nicht, dass man sie auch „mal in fünf Minuten außer der Reihe“ bekommen kann. Egal, ob dann die eigene kleine Welt davon möglicherweise untergeht oder nicht und da hilft der erste Teil ihres Ratschlags weiter: „Durchhalten!“

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: