Philosophie, Femen, Feiertage

On 26. Dezember 2013, in Philosophie, by Ingo

Ganz putzig ist’s was mir da eben über den Bildschirm scrollt. Spiegel-Online widmet einer Philosophiestudentin und Femen-Aktivistin einen kleinen Artikel – und nach einer kurzen Befragung des heiligen Orakels zu St. Google findet sich auch ein Video dazu.

Ein wenig Hui-Buh zu Weihnachten und ein wenig Nacktprotest. Wenn man das denn Protest nennen will. Ich würde auch keine weiteren Gedanken daran verschwenden, außer vielleicht „Oh, hübsche Brüste…“, wäre da nicht der Hinweis auf das Studienfach Philosophie. Nun, ich habe überhaupt keine Ahnung, wer Josephine Witt ist – außer, dass eine kurze Google-Recherche sie wohl zu so einer Art B-Promi der deutschen Femen-Protestbewegung kennzeichnet. Zumindest wird sie in den meisten Artikeln immer in Verbindung mit anderen, scheinbar weit wichtigeren Protestierenden, genannt. Damit liegt der Schluss nahe: Ist in einer möglichen Hierarchie nicht all zu weit oben, hat es aber geschafft ausreichend medienwirksame Aufmerksamkeit zu generieren um irgendwie wichtig zu erscheinen. Nun, sei’s drum.

Protestierende Philosophen

Gut, die junge Dame mit den hübschen Brüsten ist erst 20. Geht man von einem gewöhnlichen Werdegang aus, verlässt man mit etwa 19 die Schule und kann, mit etwas Glück, direkt zum Wintersemester in die heiligen Hallen der alles umfassenden Bildung eingelassen. Da sie auch erst im Juni 20 geworden ist, liegt hier der Schluss nahe, dass sie etwa im 2. oder 3. Semester sein dürfte (alles nur Mutmaßungen – aber es ergibt sich zumindest ein schlüssiges Gedankenkonstrukt).

Damit liegt für mich die Hoffnung nahe, dass die gute Frau noch lernt, wie Philosophen protestieren. 😉 Wir springen nicht einfach mal halb nackt umher und gröhlen Parolen. Um ehrlich zu sein: Das würde auch kaum jemand sehen wollen (auch wenn gerade darin womöglich die Energie des Protestes begründet sein könnte). Schließlich sind wir nicht gerade für unsere Sportlichkeit bekannt (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern eher dafür, dass wir stunden-, tage-, ja sogar monatelang über etwas nachdenken können und dann irgendwann einen begründeten Schluss darstellen.
Wir Philosophen protestieren viel mehr auf argumentativer Ebene. Wir sind viel mehr das, was man hier im Internet als „Troll“ bezeichnen würde, nur auf analytische Weise. Unser Anliegen ist es, ein Argument anzugreifen und im besten Falle dafür zu sorgen, dass unsere geistigen Kontrahenten sich selbst widerlegen. Wie das funktioniert, kann man schon bei Sokrates ganz wunderbar nachlesen. Er war der Prototyp des politischen Protestlers, in dem er allen kurzerhand erklärt hat, dass sie eigentlich gar keine Ahnung von dem haben, was sie da machen.

Aber fast nackt auf den Altar des Kölner Doms zu springen? Um gegen „das Machtmonopol der katholischen Kirche“ zu protestieren? Machtmonopol? Vermutlich geht’s wieder um die alte Leier von der bösen patriachalen Gesellschaft und deren religiösem Fundament. Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, worum es geht. Aber ich nehme Menschen, die sich selbst auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale reduzieren auch einfach nicht ernst. Ich kann einfach nicht. Selbst wenn ich’s versuche, frage ich mich immer: „Und wo ist jetzt das Argument?“ Die Argumentation „Uns hört sonst keiner zu“ halte ich zumindest für deplaziert. Uns Philosophen wurde schon immer zugehört. Der Lauf der Geschichte zeigt, dass wir es waren, die die Welt verändert und geformt haben. Es braucht Menschen die denken, keine, die sich halb nackt zum Affen machen (Diogenes und seine Amphore mag eine Ausnahme sein…).

Viva la Revolution?

Es ist ja durchaus schön zu protestieren und zu versuchen die Welt irgendwie „besser“ zu machen. Aber wir Philosophen sind jetzt nicht gerade diejenigen, die loslaufen und Revolutionen anzetteln. Wir liefern dafür nur die Argumente. Das Problem ist dann nur, dass weit weniger kluge Menschen dann meist hergehen, die dargelegten Argumente nicht richtig oder zumindest nur zum Teil verstehen, sie mehr oder weniger entfremden und dann etwas zu wissen glauben, mit dem sie dann ihre Aggression kanalisieren können, um ihren Mitmenschen gar unfreundliche Dinge anzutun. Nicht selten steht Unsereins dann da und denkt sich „Moment, so war das aber nicht gedacht…“ und wundert sich darüber, dass eine theoretische Betrachtung plötzlich zu praktischer Gewalt führt. Aber vermutlich liegt das auch einfach an der Zeit und den kulturellen Umständen. Ich für meinen Teil bin nicht davon überzeugt, dass es für jede gesellschaftliche Veränderung notwendig einen Akt der Gewalt geben muss, um ein System zu stürzen und neu zu errichten. Ich halte es sogar für falsch, etwas zu zerstören und mit den Teilen etwas neues aufzubauen. Warum muss denn immer gleich alles kaputt gemacht werden? Schließlich steckt ja auch viel Zeit und Energie darin. Nein, ich denke vielmehr, dass jede Form der gesellschaftlichen Veränderung mit Vernunft einhergehen muss. Sobald Aggression oder Gewalt die Kontrolle über eine Argumentation übernehmen, verliert sie ihren vernünftigen Boden. Dann reduzieren sich diejenigen, die die Argumentation vorbringen auf Eigenschaften, die mit dem eigentlichen Konstrukt schon nicht mehr zu zu haben, nämlich den Gewaltakt als solchen. Daraus wird eine meiner Kernüberzeugungen deutlich: Der Zweckt heiligt niemals die Mittel.

Also liebe Josephine: Zieh dich wieder an – ist kalt draußen. War eine tolle Show (ich bin schließlich strenggläubiger Atheist; ich glaube ganz fest daran, dass es „den einen Gott“ nicht gibt – aber das sage ich nicht so laut, damit er’s nicht hört, schließlich hab ich keinen guten Blitzableiter am Dach… 😉 ), hübsche Brüste, danke dafür. Was mir fehlt, ist eine Argumentation. Wäre doch eine Idee für eine Hausarbeit in einem Seminar zur Religionsphilosophie oder vielleicht auch der Herrschaftslegitimation (geht ja um ein „Machtmonopol“) oder nicht? Ich helfe auch gern beim Schreiben. Zumindest solang du angezogen bleibst. Ich kann sonst nicht denken. 😀

Tagged with:  

One Response to Philosophie, Femen, Feiertage

  1. altermann sagt:

    Sehr schön geschrieben. Deshalb habe ich mir auch erlaubt, bei mir auf diese Ausführungen von Dir hinzuweisen.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: