In seiner Eröffnungsrede zum 30C3 sagte Tim Pritlove, dass das Internet neu erfunden werden müsste. Die Hacker hätten das Netz so geschaffen, wie es jetzt ist, aber ihre grundlegenden Prinzipien, Vertrauen und Freundschaft, hätten nicht ausgereicht. Nun, hier liegt ein Denkfehler vor, der genauer zu beleuchten gilt. Schließlich will ich versuchen, ein Teil der Lösung zu sein.

Meiner Ansicht nach liegen gleich zwei Irrtümer vor. Der erste: Vertrauen und Freundschaft würden nicht ausreichen, um ein menschenfreundliches Netz zu schaffen. Und der zweite: Es gibt eine technische Lösung für das Problem.

Beide Irrtümer hängen allerdings eng miteinander zusammen. Das fehlende Vertrauen ineinander macht Überwachung überhaupt erst möglich. Selbst wenn im Hintergrund gänzlich andere Interessen stehen (wie z. B. das Streben nach Macht und wirtschaftlichen Vorteilen), so ist es doch die Angst, mit der große Teile der heute vorhandenen Überwachungsmaßnahmen legitimiert wurden. Die Angst war schon immer eine gute (Be-)Herrscherin aber eine schlechte Ratgeberin. Nachdem uns ein Jahrzehnt lang Furcht vor dramatischen Terroranschlägen gemacht und Stück für Stück immer mehr Privatsphäre reduziert wurde, lassen wir uns von unserer Angst beherrschen. An dieser Stelle sei erklärt: Furcht und Angst sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Furcht richtet sich gezielt auf etwa – nämlich den Terroranschlägen, mit denen die Einschränkungen der Privatsphäre gerechtfertigt werden. Angst ist dagegen diffus und nicht so einfach greifbar. Sie schwelt im Hintergrund, richtet sich nicht auf ein bestimmtes Etwas, sondern bleibt ungreifbar und damit nicht rational zu besiegen.

Diese Angst führt dazu, dass unser Vertrauen unterminiert wird. Ob bewusst oder unbewusst: Die ständige mediale Aufmerksamkeit für Dinge, die nur unserer Sicherheit dienen sollen und die uns vor grausamen Anschlägen schützen wollen, vergiftet unser Vertrauen ineinander massiv.

Und genau hier ist der Kern des Problems: Menschen, die einander vertrauen, müssen sich nicht kontrollieren.

Das führt dann auch direkt zu Problem Nummer zwei: Freundschaft basiert auf Vertrauen. Wird das aber durch gezielte Furcht angegriffen, kann das auch die stärkste Freundschaft erschüttern.

Richtige Fragen stellen

Das Netz muss nicht neu erfunden werden. Es funktioniert prächtig. „Wie lässt sich das technisch lösen?“ ist damit einfach die falsche Frage. Es braucht keine technische Lösung, denn die Technik ist nicht das Problem. Es braucht eine gesellschafliche, eine politische Lösung. An dieser Stelle, so denke ich, müssen wir einfach alle zusammenarbeiten und gemeinsam über das Problem nachdenken. Nicht darüber, wie man Überwachung technisch verhindern kann, sondern darüber, wie man sie gesellschaftlich überflüssig macht.

Die bessere Frage ist also: Wie lernen wir, einander wieder zu vertrauen? Denn nur ohne Angst und dafür mit gegenseitigem Vertrauen können wir den Überwachenden die gesellschaftliche Toleranz entziehen.

Worauf ich hinaus will, ist, dass es für das Geheimdienstproblem keine technische Lösung gibt. Es muss eine gesellschaftliche und politische Lösung gefunden werden. Überwachung als solche bedarf einer weitgehenden moralischen Ächtung. Und dazu braucht es eine großflächige Zusammenarbeit zwischen Hackern und Philosophen. Wir haben schließlich viel mehr gemeinsam, als beiden Seiten bewusst ist. Schließlich verstehen wir uns auf formale Sprachen und angewandte Logik. Und wir nehmen Dinge (Argumente, Software, Technik), spielen ein wenig damit herum und setzen sie in einen neuen Kontext.

Wir müssen also nicht die Technik neu erfinden, sondern die Gesellschaft revolutionieren. Wenn das Netz auf den Prinzipien von Vertrauen und Freundschaft aufgebaut wurde, dann ist es spätestens jetzt an der Zeit, auch eine Gesellschaft auf Vertrauen und Freundschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, in der auf Misstrauen, Hass und Gewalt verzichtet werden kann. Klingt utopisch? Nicht utopischer als vor dreißig Jahren etwas wie ein iPad geklungen hätte.

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