Soziale Todeswünsche

On 5. Februar 2014, in Internet, by Ingo

Es ist erstaunlich, wie sehr ich alle einig sein, dass Facebook – mittlerweile 10 Jahre alt – es nicht mehr lange machen wird. Von genervten Usern ist die Rede. Von einer Verwandlung des offenen Internets in eine geschlossene Anstalt. Kein wirkliches soziales Netzwerk, sondern eher eine Art „betreutes Posten“ heißt es. Und Vergleiche mit dem Entstehen und Vergehen von anderen großen IT-Unternehmen lassen sich auch vernehmen.

Ist das nun alles nur journalistischer Futterneid? Ein Schlachtruf könnte so lauten: „Haha! Ihr verdient Milliarden mit den Daten anderer Menschen! Alle sind genervt aber trotzdem abhängig! ceterum censeo facebookinem esse delendam!“

Es ist ja sicher richtig, dass Facebook unglaublich nervtötend ist. So wie alles unglaublich nervtötend ist, wenn man sich all zu lang damit beschäftigt. Menschliches Verhalten zeichnet sich nicht gerade durch all zu viel Varianz aus. Wie sollte es auch, sind alle Menschen doch zumindest sehr ähnlich konfiguriert? Online wirkt sich das so aus, dass alle ungefähr die gleichen nervtötenden Dinge machen. Meist teilen sie Bilder, die sie irgendwo gefunden haben. Um damit irgendwas auszudrücken.

Wenn man es genau nimmt, ist da schon einiges an Kommunikation verloren gegangen. Die Leute drücken ihre Meinung nicht mehr aus – sie teilen ein Bild. Die eigentliche Botschaft stammt also gar nicht mehr von ihnen selbst, sondern äußert sich nur noch in stummer Zustimmung. Dabei kann es zu einiger Verwirrung führen: Manch einer postet ein Bild oder einen Spruch auch einfach nur, weil es ihm gefällt und nicht weil er die Meinung in stummer Übereinkunft übernehmen will. Am Ende kommt dann tatsächlich „Geschnatter“ dabei raus. Kein sozialer Austausch, sondern vielmehr ein Stakkato von Meinungen, Dingen, die gemocht werden, Bildern, unzusammenhängenden Dingen, die irgendwo aufgeschnappt wurden.

Die geschlossene Anstalt

Dass Facebook ein geschlossenes Netz ist, ist nicht weiter merkwürdig. Nur, wenn man die Leute bei der Stange hält, kann ihre Daten auswerten und Werbung verkaufen. Also integriert man alle Dienste aus dem offenen Netz in das geschlossene. Das macht auch nicht nur Facebook allein so. Google+ ist da nicht viel anders (auch wenn schon gefühlt viel, viel cooler ist und mit viel mehr Inhalten aufwartet) und Twitter ist zwar offener, hat aber auch einen entsprechenden Integrationssog.

Soziale Netzwerke, wie wir sie kennen, integrieren durch Exklusionseffekte. Das klingt verwirrend widersprüchlich? Nun, ich will’s erklären: Ich selbst route meinen Blog (also da das, was ich hier schreibe) auch zu Facebook und Google+ und Twitter. Ich stelle entsprechend fest, dass mein „Freundeskreis“ nur dann liest, was ich so von mir gebe, wenn sie es in ihren entsprechenden Accounts vor die Nase gelegt bekommen. Sie kommentieren auch nicht etwa die Blog-Artikel, sondern die Facebook- oder Google+-Einträge, an die sie weitergeleitet wurden. Inklusion durch Exklusion meint hier: Was nicht im System integriert ist, wird ausgeschlossen. Es wird nicht weiter wahrgenommen und führt zu keiner weiteren Reaktion. Und das wiederum löst eine Art „sanfte Gewalt“ (Bourdieu lässt grüßen) aus, die dazu führt, dass man gezwungen wird, Inhalte in die geschlossene Anstalt zu kippen, wenn man will, dass man wahrgenommen wird.

Düstere Prophezeiungen

Was ist nun aber mit all den düsteren Prophezeiungen vom Untergang Facebooks? Es ist das größte der Netzwerke und hat sich geradezu zur digitalen Weltherrschaft aufgeschwungen, verliert aber angeblich auch immer wieder Nutzer. Hochmut und Fall scheinen hier integraler Bestandteil zu sein – und gerade für die Medien ist das gefundenes Fressen, noch eine Runde darauf einzuhacken. „Was kommt danach?“ fragen die einen, „Der König ist tot, es lebe der König!“ rufen die anderen.

Ich frage mich eher: „Gibt es überhaupt ein zurück?“ Wir sind jetzt so von geschlossenen Gesellschaften angefixt worden, dass viele schon verlernt haben, das offene Netz zu nutzen. Überall lauern Logins, drohen PayWalls und locken Integrationsversprechungen, nur um Inhalte dann in ein System zu gießen. Dabei müsste man Inhalte gar nicht vom offenen Internet in ein geschlossenes System schicken, nur um sie mit „den Freunden“ zu teilen, wenn „die Freunde“ einfach die offenen Inhalte lesen würden.

Jedes neue Star-up, das irgendwas mit dem Internet machen will, läuft aktuell darauf hinaus, ein System zu entwickeln, dass irgendwelche Inhalte einsammelt, damit man sie mit Freunden teilen kann. Die dann natürlich auch erst mal in das geschlossene System integriert werden müssen… und so weiter, und so fort.

Nein, ich denke, es wird Zeit, die düsteren Prophezeiungen vom Untergang des sozialen Abendlandes und der großen sozialen Netzwerke sein zu lassen. Außerdem sollten wir das Internet vielleicht wieder so nutzen, wie es „früher mal“ war: Als offene, dezentrale Infrastruktur, bei der einfacher jeder mit jedem anderen jederzeit Inhalte austauschen kann, wenn er will. Ohne, dass diese Inhalte erst von irgendwem integriert, verwaltet und vermarktet werden müssen.

Ja – ich bin der Ansicht, wir müssen das Internet und soziale Netzwerke nicht neu denken. Wir müssen sie alt denken. Einen Schritt zurück machen ist keine Schande. Im Gegenteil: Es führt dazu, dass man einen besseren Überblick darüber bekommt, wohin der Weg geführt hat, den man gegangen ist.

Tagged with:  

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: