2014 ist das Jahr der Wearables. Kleine Geräte, meist Armbänder, die unsere Körperfunktionen aufzeichnen. Wie viele Schritte haben wir gemacht, was haben wir gegessen, welche Puls haben wir gerade, wie lange haben wir mit wie viel Bewegung geschlafen… all das zeichnen diese kleinen Gadgets auf und stellen es als hübsch aufbereitete Graphen dar. Sie melden sich auch zu Wort, wenn sie der Ansicht sind, dass wir uns heute noch nicht genug bewegt hätten. Das Ziel der Übung ist es, den Menschen zur Fitness und zur Gesundheit zu animieren. Und hierüber entbrennt gerade ein Streit – zwischen Frank Schirrmacher auf der einen Seite, der die Technologie als bevormundend ansieht und Florian Schumacher, der meint, dass es sich dabei um eine Möglichkeit der Selbstbefreiung von vermeidbaren Krankheiten handelt. Ich denke: Beide haben auf ihre Weise Recht – aber die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Freiheit durch Bevormundung

Freiheit ist ein unbestreitbar kostbares Gut. Die „Freiheit, frei von vermeidbaren Krankheiten zu leben“ haben zu können, scheint auf den ersten Blick auch nicht unbedingt schlecht zu sein. Ich frage mich an dieser Stelle nur: Zu welchem Preis? In den seltensten Fällen ist Freiheit etwas, das den Menschen „einfach so zufällt“. Meist müssen sie dafür kämpfen und regelmäßig dafür streiten. Freiheit ist in der Verwendung von Herrn Schumacher etwas, bei dem es darum geht, etwas Belastendes nicht zu haben, nämlich eine vermeidbare Krankheit. Wenn ich in Schumachers Sinn frei bin, heißt das also nur, dass mir ein kleiner Teil eines Übels (nämlich eine Krankheit, die ich nicht haben muss), nicht zustößt. Der Preis dafür ist die Aufzeichnung meiner Körperfunktionen und die Unterwerfung unter das Diktat des Computers.
Zweifellos ist da ein Problem: Es gibt keine Sicherheit, dass ich an einer vermeidbaren Krankheit leiden würde, wenn ich mich nicht dem Diktat der Maschine unterwerfe. Genauso wenig gibt es eine Garantie dafür, dass mich nicht doch eine vermeidbare Krankheit ereilt, wenn ich es tue. „Vermeidbare Krankheit“ ist nämlich nicht definiert und viel zu unspezifisch, als dass hieraus eine wahre Aussage abgeleitet werden könnte. Schließlich könnte ich, wenn ich mich nun mehr bewege, eine Gelenkkrankheit vermeiden. Da ich das aber draußen mache, könnte ich mir dort eine Erkältung einfangen. Damit würde ich nun auch nur eine vermeidbare Krankheit gegen eine andere eintauschen. Darum scheint es an dieser Stelle nicht zu gehen – vielmehr scheint es Herrn Schumacher um die Verbreitung von Propaganda der Fitness-Industrie zu gehen.

νῶθι σεαυτόν

Wenn es um Selbsterkenntnis geht, tut sich der Mensch scheinbar immer schwer. Das ist nicht weiter verwunderlich, beschäftigen wir uns doch die meiste Zeit über gar nicht mit uns selbst, sondern sind zwischen Beruf, Familie und Freizeitaktivitäten hin und her gerissen. Auf uns selbst achten? In uns selbst hineinhören und vielleicht mal hinterfragen, ob unser alltägliches Verhalten vielleicht schlecht wäre? Nein, dazu kommt es all zu selten. Meist werden wir eher stressbedingt krank. Und wenn wir dann soweit sind, dass wir stressbedingt krank geworden sind, müssen wir uns von anderen vorhalten lassen, wir wären „zu weich“, „zu schwach“ oder es heißt „Früher hätte man dir einfach nen Schlag in den Nacken gegeben und gesagt ‚Los! Weiter!‘ Heute sind alle so verweichlicht…“ Das Heilsversprechend der Gesundheitsindustrie liegt auf der Hand: Menschen, die ihr Gefühl für sich selbst verloren haben, kann geholfen werden. Es gibt einen „technical fix“: Man benutzt Computer um Körperfunktionen aufzuzeichnen und zu visualisieren. Wer verlernt hat, auf sich selbst zu hören, muss da nicht mehr – das können Maschinen viel besser. Damit einher geht natürlich auch eine Erleichterung, die eigentlich keine ist: Niemand muss mehr auf sich selbst achten, wenn andere das für einen erledigen. Oft werden Fitnessanwendungen damit beworben, dass sie besonders leicht, einfach, schnell und genau wären. Alles so einfach wie möglich, ohne sich genau mit Details beschäftigen zu müssen. Die Nutzer müssen gar nicht mehr genau wissen, was passiert, es reicht, wenn sie die Geräte und Anwendungen einfach benutzen. Kant würde sich vermutlich im Grabe umdrehen – schließlich gibt ein jeder dadurch das auf, was 300 Jahre Aufklärung immer und immer wieder versucht haben, den Menschen zu ermöglichen: Die Fähigkeit, den eigenen Verstand zu benutzen.

Nein, statt selbst zu denken, selbst zu fühlen und selbst die Verantwortung für das eigene Leben zu haben, wird es lieber an die Computer abgegeben. Das ist ungefähr genauso unsinnig, wie Werbevideos (davon gibt’s im Internet eine ganze Menge!), die mit knapp dreißigminütigem um-den-heißen-Brei-Herumgelaber die ultimative Geheimwaffe für einen schlanken, fitten und schönen Körper versprechen. Die einfache, leichte, und völlig ohne jede Anstrengung nachvollziehbare Anleitung für die Ernährung kann man für den absoluten Supersonderpreis von nur 199 Dollar kaufen. Gezeigt werden auf der einen Seite natürlich dicke Frauen als Vorher-Bilder und schlanke Models als Nachher-Bilder. Oder fettleibige Männer und durchtrainierte Kerle mit Sixpack. Das „Nachher-Model“ hat dabei entweder massiv mit Steroiden nachgeholfen oder mindestens 10 Jahre trainiert. Denn ohne Weiteres bekommt man weder ein Sixpack noch dicke Muskelpakete an den Armen. Ich spreche da aus Erfahrung: Ich selbst habe es mit täglichem, völlig übertriebenem um massiv unvernünftigem Training geschafft, 35kg abzuspecken und ein paar ganz ansehnliche Muskeln aufzubauen. Was in Werbevideos allerdings verschwiegen wird, ist der Umstand, dass die Haut, die vormals mit Fett gefüllt war, im Anschluss an so eine radikale Diät, dann wie ein schlapper Luftballon herunterhängt. Man darf mir an dieser Stelle glauben: Stahlharte Bauchmuskeln können sich verdammt gut unter locker hängender Haut verstecken! Und man sieht auch trotzdem immer dicker aus, als man eigentlich ist – denn die Haut ist ja nicht mehr prall und fest gefüllt, sondern formt sich zu kleinen Röllchen zusammen. Insgesamt also kein schöner Anblick – nicht einmal näherungsweise so, wie es ein Werbevideo versprechen würde. Oh, bevor ihr fragt: Nein, ich habe keine teuren Diätanleitungen gekauft. Ich habe mich aber intensiv mit meiner Ernährung und meinen Gewohnheiten auseinandergesetzt und sie radikal geändert. Im Ergebnis bin ich zwar schlanker und muskulöser als je zuvor – dafür hat die ganze Aktion aber auch massive Stresskrankheiten zur Folge gehabt. Also liebe Kinder: Macht das nicht Zuhause nach.

Sich selbst mit Hilfe von Technologie erkennen ist nicht vollkommen schlecht. Es kann eine Stütze sein. An dieser Stelle mag ich Herrn Schirrmacher widersprechen. Wenn ich meine Daten im Austausch für einen Dienst anbiete und mich rational dafür entscheiden kann, dass es genau da ist, was ich will – dann kann ich das problemlos tun. Selbstverständlich lauert hier die Falle des sozialen Drucks. Ich kann schließlich nicht wollen, was ich will – sondern nur das, was mir durch mein Umfeld und die Gesellschaft als Ganze aufsozialisiert wurde. Ich kann aber fest glauben, dass die Entscheidung tatsächlich auf mich selbst zurückzuführen ist, um, zumindest intern, Konsistenz zu erzeugen und mich verantwortlich fühlen zu können (ohne es faktisch zu sein).

Wenn ich eine Anwendung bekäme, die all die Daten sammelt, aber verschlüsselt im Gerät speichert und sie niemals irgendwohin sendet – nun, dann würde ich für so einen Dienst durchaus auch bezahlen. Es ist ja nicht so, als wären hier schon alle Geschäftsmodelle ausgeschöpft.[1] Wie bei jedem wirtschaftlichen Transfer geht es um den Austausch von Gütern. Dienstleistungen gegen Geld – oder eben gegen Daten, die dann zu Geld gemacht werden. Mir kommt es tatsächlich nur auf die aufgeklärte, zwangfreie Entscheidung jedes Einzelnen an, wenn es um Entscheidungen geht.

Freiheit oder Unterwerfung sind eine Frage des Umgangs mit der Technologie

Wenn jemand seinem neuen Fitnesstracker hörig ist und immer dann aufspringt, wenn er es befiehlt, nur noch haargenau die vorgegebene Menge Kalorien isst und ein schlechtes Gewissen bekommt, weil er sich mal weniger bewegt hat – nun, dann ist das ein deutliches Zeichen für eine Unterwerfung unter die Technologie. Und ein Zeichen für den Verlust von Freiheit. Tracking-Technologie einsetzen, um Daten über sich selbst zu sammeln, sie anzuhäufen, zu verwenden und mit anderen zu vergleichen kann ein toller Sport sein. Er führt aber auch nur dazu, dass man das eigene Näschen ein Stück höher tragen kann, weil man „besser ist“ als ein anderer. Problematisch daran ist, dass niemand gesagt hat, dass man besser sein muss. Wird die Technologie eingesetzt, um sich selbst zu verbessern, ist die Frage, die sich jeder dringend stellen muss: Zu welchem Zweck? Will man einfach nur schlank und muskulös sein, um anderen zu gefallen? Ist das den Stress wert, den strikte Diät und hartes Training[2] mit sich bringen? Wenn man wirklich Spaß daran hat zu trainieren und sich mithilfe der gesammelten Daten verbessern will – dann ist der Einsatz wirklich sinnvoll. Wenn man sich aber nur dem sozialen Druck unterwirft, um einem schlanken, schönen Werbeideal zu entsprechend, wie es von den Plakaten und aus den Hochglanzmagazinen herausgrinst, dann erzeugt das nur zusätzlichen Stress.

Am Ende ist man schlank, schön, fit – und unglücklich. Gemäß der WHO-Definition von Gesundheit, ist man damit dann auch nicht gesund. Das ist nämlich „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Sich unglücklich fühlen ist damit eine vermeidbare Krankheit – die man sich durch den exzessiven Gebrauch von Fitnesstrackern durchaus zuziehen kann.

Es gilt hier also, sich weder dem Lobbyismus der Gesundheitsindustrie zu unterwerfen, noch der Kritik der Frankfurter Schule. Vielleicht wäre es besser, sich ein wenig an Kant zu orientieren und sich zu fragen, was man denn selbst eigentlich wirklich will – und vor allem aus welchen Gründen. Gibt es vernünftige, selbstbestimmte, freie Gründe, die für den Einsatz von Fitnesstrackern und die Freigabe von Biodaten sprechen? Sind diese Gründe stärker als die Gefahr, die durch den Datenmissbrauch entstehen kann? Und wenn man schon bei einer derart selbstbesinnlichen Frage angekommen ist, nämlich der Analyse des eigenen Willens, kann man dann nicht auch gleich ein wenig mehr in sich hineinhorchen, um so zu erfahren, wann man sich zu viel oder zu wenig bewegt und wann man zu viel oder zu wenig (oder etwas sinnloses – „leere“ Kalorien wie Chips und Schokolade z. B.) gegessen hat? Womöglich stellt der eine oder andere dabei erstaunliches Fest. Zum Beispiel, dass es gar keinen Technologieeinsatz benötigt, um sich wohler zu fühlen und gesünder zu leben. Sondern einfach nur etwas Zeit für sich selbst. Nehmt sie euch. Ihr habt schließlich nur ein Leben. Und kann aus so viel mehr bestehen, als auch Arbeit, Tracking, Effizienzssteigerung und Selbstoptimierung. Schließlich kommt ihr bei dem ganzen Stress nicht mehr dazu, euer Leben zu leben. 🙂

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Und, liebe Fitness-Industrie: Ich suche gerade einen Job. Ihr dürft mich also gerne für die Entwicklung eines fairen, datenschutzkonformen, Body-Tracking-Systems anheuern.
  2. Einfach und leicht abnehmen und Muskeln aufbauen ist schlicht und ergreifend völlig unmöglich.
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One Response to Wearables zwischen Bevormundung und Selbsterkenntnis

  1. […] auch bezahlen. Es ist ja nicht so, als wären hier schon alle Geschäftsmodelle ausgeschöpft.[1] Wie bei jedem wirtschaftlichen Transfer geht es um den Austausch von Gütern. Dienstleistungen […]

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