#gatekeeping

On 25. Oktober 2014, in Internet, Persönliches, by Ingo

Ich bin genervt. Nein, eigentlich köchelt da eine unterschwellige Wut in mir. Und wie das mit Wut so ist, sollte ihr rechtzeitig ein Ventil gegeben werden, bevor sie die Laune gänzlich verdirbt.

Was mich aktuell sauer macht, sind die vielen #gates, die derzeit so durchs Internet schwappen. #updategate, #bendgate, #gamergate… und all das wird tatsächlich ernst genommen, als hätten die Beteiligten irgendeine sozial bedeutsame Position. Was mich aktuell am meisten aufregt, ist die Debatte um das #gamergate. Und eben genau darum muss ich’s mir von der Seele schreiben.[1]

#gamergate – Spielplatz für moralisch Pervertierte

Ich habe versucht, mich in die Wortschlacht um das #gamergate einzulesen. Versucht, weil ich nach kurzer Zeit einfach abbrechen musste, da mich das Lesen selbst schon wütend machte und Wortschlacht, weil es sich dabei nicht um eine Diskussion handelt, wie es Seitens der Medien fälschlicherweise dargestellt wird.
Bei einer Diskussion geht es darum, Argumente auszutauschen – immer eingedenk des Umstandes, dass die eigenen Argumente möglicherweise falsch sein könnten. Bei einer guten Diskussion muss man sich selbst immer die Möglichkeit geben, die eigene Position zu überdenken, sie möglicherweise für falsch zu erklären und die Argumente des Diskussionsgegners als wahr (oder zumindest besser) zu übernehmen. Im Zweifel kann man sich auch in der Mitte treffen, wenn jeder ein Stück von seiner Position aufgibt und ein Kompromiss angestrebt wird.
#gamergate ist dagegen ein verbaler Vernichtungskrieg. Es geht ganz offensichtlich nicht darum, die eigene Position nur darzustellen und zu diskutieren; vielmehr erscheint es mir, als ginge es nur darum, die Gegenposition zu vernichten – inklusive der Diskussionsteilnehmer.

Ethik, Games und Journalismus? Dass ich nicht lache!

Die Kombattanten aufseiten des #gamergates behaupten steif und fest, dass es um ethische Grundsätze im Gaming-Journalismus gehen würde. Dass dem nicht so ist, wird in einem Beitrag vom Deutschlandfunk [Link] recht deutlich dargestellt. Wenn es aber um Ethik und Moral geht, dann werde ich automatisch hellhörig. Als Philosoph kann ich gar nicht anders. Nachdem ich nun die Beiträge und Medienartikel überflogen habe, stellte sich mir folgende Frage:

„Ihr redet von Ethik und bedroht Menschen, die eurer Meinung widersprechen mit Vergewaltigung und Tod?!? Wie gestört seid ihr eigentlich???“

Es mag sein, dass ich in meinem nicht ganz erfolglos abgeschlossenen Philosophiestudium irgendwas verpasst habe. Vielleicht hatte ich ja in dem entscheidenden Moment, als es um Ethik- und Moralbegründung ging eine Art Sekundenschlaf. Aber:

Niemals. Wirklich absolut niemals ist es eine ethisch (bezogen auf einen Einzelnen) oder moralisch (bezogen auf die Gesamtheit der Menschen) zulässige Methode, einen Menschen mit höchsten Übeln oder dem Tod zu bedrohen, nur um eine Meinung durchzusetzen!

Nicht nur, dass es gar nicht um eine echte Diskussion geht, es wird auch der Begriff der Ethik völlig pervertiert. Die Art und Weise, auf die diese Wortschlacht geführt wird, ist vielmehr vollkommen imoralisch.[2] Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen. Und die #gamergate-Teilnehmer gehören dazu.

Pardon, aber: Ihr seid keine Kämpfer für einen ethischen Journalismus. Ihr seid einfach nur Arschlöcher.

Die Sache mit dem Feminismus

Ich frage mich, woher dieser Hass auf Frauen kommt. Ich verstehe es einfach nicht. Vielleicht ist es eine Art „primitiver Verteidigungsversuch“ gegen feministische Argumentationen. Ich kann ja durchaus verstehen, dass man sich als Mann davon angegriffen fühlen kann. Ging mir auch oft so und ich finde nach wie vor, dass es einige feministische Argumentationen gibt, die für meinen Geschmack übertrieben sind.
Das liegt aber nicht daran, dass die Argumentation falsch wäre. Es liegt viel mehr daran, dass der Ton die Musik macht und der Ton ist nicht selten recht aggressiv. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass der Ton auch aggressiv sein muss. Immer dann, wenn in der Vergangenheit für Freiheitsrechte gekämpft wurde, war der Ton nicht all zu freundlich. Gut, es ging zu Anfang des letzten Jahrhunderts auch nicht gerade unblutig vonstatten. Und hier setzt sich dann einfach ein lange unterdrückter (oder eben schlechter behandelter) Bevölkerungsteil zur Wehr. Und wir können von Glück reden, dass wir im 21. Jahrhundert leben und dieser Freiheitskampf (hoffentlich) unblutig vonstattengeht.

Also: Ich kann verstehen, dass insbesondere Männer sich ärgern. Wie gesagt: Kurzzeitig geht es mir ja genauso, bis ich das Ganze halt mal sacken lassen habe und drüber nachdenke. Ich kann, will und werde niemals verstehen, dass dieser Ärger zu primitivsten Beleidigungen, Erniedrigungen bishin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen führt. Ich kann nicht verstehen, woher all dieser Hass kommt. Wir leben in einer sich für aufgeklärt haltenden Wohlstandsgesellschaft. Es fehlt uns an nichts. Es gibt keine große Konkurrenz zwischen den Geschlechtern, die irgendeinen Mann in seinem Leben bedrohen würde. Nicht mal die Lebensqualität ist von ein wenig Gleichberechtigung bedroht. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern (wobei ich es nicht mit ausreichend Inbrunst verfolgt habe), dass es jemals darum ging, etwaig als sexistisch deklarierte Motive aus Videospielen zu entfernen oder sie zu verbieten. Es soll (meiner Ansicht nach zumindest – aber ich lasse mich gern korrigieren) nur darum gehen, sie aufzuzeigen, damit jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Ein Problem muss schließlich erkannt werden können, damit es behoben werden kann.

#Gamerstolz

Zu guter Letzt möchte ich, nachdem ich mir meinen Ärger von der Seele gebloggt habe, noch ein wenig melancholisch und pathetisch werden.

Ich bin stolz, Gamer zu sein. Nicht zuletzt, bin ich stolz darauf, in all den Jahren so viele tolle Menschen kennen lernen zu dürfen (ja – und dabei sind sogar nicht wenig Frauen). Videospiele begleiten mich jetzt schon seit ich acht Jahre alt war und meinen ersten C64 bekam (also seit jetzt 25 Jahren – herrje, ein Vierteljahrhundert… ich werd alt…). Und in all den Jahren, in denen sich die Games von ihrem „Kellerkind-Image“ bis zur aktuellen Salonfähigkeit entwickelt haben, habe ich in meinem Umfeld niemals so etwas wie Intoleranz erlebt. Niemals habe ich auch nur den Hauch von Sexismus oder Hass gegenüber Frauen (oder „damals“ eben Mädchen) kennen gelernt. Das exakte Gegenteil war der Fall: Frauen wurden immer problemlos integriert, sexuelle Diskriminierung kam nicht vor… im Grunde lebte ich jahrzehntelang in einer schönen heilen Welt, in der uns Probleme wie Sexismus und dergleichen überhaupt nicht bewusst waren. Wir hatten sie einfach nicht. Wir haben alle Spielerinnen und Spieler völlig gleich behandelt und integriert. Aber hey, wir waren jung und sind damit groß geworden.[3]

Lasst uns all das nicht vergessen. Lasst uns nicht vergessen, dass Spiele dazu da sind, Spaß zu haben. Gemeinsam Spaß zu haben. Wo, wenn nicht in den Spielen können wir alle kurz mal hinter uns lassen, woher wir kommen. Wir können unabhängig von unsrem biologischen Geschlecht agieren, denn das lässt sich in den Spielen nach belieben wechseln. Games sind Teil der Unterhaltungskultur – und genau deswegen sollten wir uns diese Unterhaltung nicht von aggressiven, beleidigenden und bedrohlichen Strömungen kaputtmachen lassen. Kaum, dass das Gaming in der Gesellschaft ein wenig positiv gesehen wird, gibt es wenige (ich hoffe inständig, dass es wenige sind), die mediale Aufmerksamkeit durch Beleidigungen und Gewalt bekommen. Pardon, aber: Das darf einfach nicht sein. Es darf nicht sein, dass ein Hobby, das dazu geeignet ist, Menschen zu verbinden, mit einer derartigen Brutalität ins Gegenteil verkehrt wird.

Und zu Guter letzt möchte ich Danke sagen. 🙂 Mein Dank gilt all den bekannten und unbekannten Spielerinnen und Spielern, die mir in den letzten 25 Jahren über den Weg gelaufen sind und die mir Hoffnung machen (obwohl es eine ungültige Einpersonenstatistik ist), dass nicht wenige da draußen wirklich tolerante, intelligente und friedfertige, gern albern-verückte Menschen sind, die ihr Hobby mit Spaß ausüben, ohne negative Hintergedanken dabei zu haben. Ihr seid großartig! Und allein das gibt mir das gute Gefühl, dass die diffuse Menge der „Gaming-Community“ diesen Skandal unbeschadet überstehen wird. Besser noch: Ich denke, es wird uns, uns Spielern von Videospielen, eine Lektion in Toleranz und Demut sein. Wir können nur daraus lernen – vor allem, wie wir in Zukunft mit derartig aggressiven Störungen umgehen wollen. Denn genau darüber gilt es nun zu diskutieren.

So, genug finsteren (und zum Schluss doch noch positiven) Gedanken. Ich geh zocken. 🙂

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hätte es auch gern in einem Podcast verwurstet – aber meine Aufzeichnungs-App hat das Upgrade auf iOS 8.1 wohl nicht so wirklich gepackt und die sonstige Audioqualität ist mir mittlerweile einfach zu schlecht. Ich warte also auf ein Update – oder eben auf Geld für vernünftiges Equipment. 🙂
  2. Zur (vereinfachten) Erklärung: Amoralische Menschen achten moralische Grundsätze, wie es ihnen passt und brechen andere – so wie Räuber zwar stehlen, aber die Beute untereinander teilen. Imoralische Menschen dagegen ignorieren alle moralischen Regeln – etwa wie der Joker bei Batman.
  3. Und ein Problem ist immer etwas, wie oben schon erwähnt, das sich einem in den Weg stellt und hinderlich wirkt – wenn es einem nicht bewusst ist, dann ist es offensichtlich kein Problem.
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