Vom Rechtsruck der Gesellschaft

On 6. Oktober 2015, in Jammern, Persönliches, by Ingo

Ich habe versucht, die aktuelle Problemlage einfach zu ignorieren. Ich dachte mir: „Ist nur so eine Modeerscheinung, wenn die Saure-Gurken-Zeit vorbei ist, kümmern die Leute sich wieder um die Fußball-WM oder DSDS oder was sonst in ihren kleinen Köpfen so herumspukt…“ Immer mal wieder bekam ich dann Nachrichten mit dem bohrenden Zwischenruf „Du als Philosoph musst doch was dazu sagen können…“ Ich wollte nicht. „Als Philosoph“ wäre es unangemessen hierzu etwas zu sagen – vor allem so, dass es diejenigen, die es betrifft auch verstehen. „Wir Philosophen“ versteigen uns ja allzu gern in Zitaten und Belegen und am Ende fragt sich jeder, der nicht so tief in der Materie steckt „Joa, und was interessiert mich jetzt, was Aristoteles vor 2000 Jahren dazu sagte?“ Nein, als Philosoph schweige ich weiter dazu.
Nachdem nun aber mein eigener Freundeskreis von „besorgten Bürgern“ langsam aber sicher infiltriert wird kann und will ich so ganz persönlich nicht mehr schweigen. Bevor ich jetzt einige recht langjährige Freund- und Bekanntschaften beende, muss ich da noch mal ein kurzes „denkt doch noch mal drüber nach“-Zeichen setzen. Gelingt es nicht, die Leute zur Vernunft zu bringen – nun, dann wird zumindest meine kleine Filterblase demnächst kleiner und vor allem ruhiger. Ich muss einfach eine Ist-Analyse vornehmen – für mich, für meine Freunde und für alle anderen denen, es womöglich gerade ähnlich geht wie mir. Ich habe das Gefühl, mir platzt sonst der Kopf. Also gut. Allons-y!

Meine Wahrnehmung der aktuellen Lage

Eigentlich hätte ich nicht geglaubt, dass es wieder soweit kommen kann. Wenn mir meine digitale Filterblase Nachrichtenartikel vorbeispült, dann fühle ich mich in die 90’er zurückversetzt – eine Zeit, die mich als damals Jugendlichen schon erschrocken hat. Wieder einmal herrscht Krieg, wieder einmal fliehen Menschen. Nur diesmal nicht vor einem militärischen Gegner, der es auf einen Sieg abgesehen hat. Diesmal handelt es sich um einen „neuen Krieg“. Ein Krieg, der nur um seiner selbst Willen geführt wird. Mit maximaler Brutalität und Ignoranz jeglicher „rules of engagement“.

Was sehe ich, wenn ich mir die Medienberichte ansehe, unabhängige Blogs lese und Podcasts von und mit Leuten höre, die tatsächlich an der Front waren?

Im Ausland:

  • Menschen, die alles aufgeben und fliehen, bevor sie entweder getötet oder vom IS zwangsrekrutiert werden
  • Menschen, die mitansehen mussten, wie deren Töchter zu Tode vergewaltigt und deren Söhne erschossen wurden, weil sie sich weigerten zu kämpfen – und die auch nur am Leben gelassen wurden, um eben diese Bilder niemals zu vergessen
  • Mangelnde Unterstützung für die die kleinen Gruppen an Peschmerga (wer in kürzester Zeit 400 Quadratkilometer Fläche vom IS befreien kann, dürfte mit vernünftigen Waffen die Situation recht schnell unter Kontrolle bekommen…)
  • Luftschläge, die die falschen treffen („aus Versehen“ wird ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan getroffen…)
  • Staaten im Nahen Osten, die durchaus in der Lage wären, einzugreifen und militärisch gegen den IS vorgehen könnten, aber einfach nichts oder deutlich zu wenig tun
  • Millionen Menschen, die im Jemen in gigantischen Zeltlagern vor sich hin vegetieren

Im Inland:

  • Terroristen, die Flüchtlingslager und Asylantenheime angreifen und niederbrennen
  • Menschen, die zu Zehntausenden mit völlig falschen Prämissen eine logische Schlussfolgerung fabrizieren (patriotisch kann man als Europäer nicht sein, weil Europa kein einzelnes Land ist und islamisiert wird nichts, schon gar nicht das Abendland)
  • Menschen, die in sozialen Netzwerken Hass verbreiten, dass ersichtlich wäre, welchen Grund sie zum Hassen hätten
  • Menschen, die sich tatsächlich Sorgen zu machen scheinen, dass wir als Gesellschaft mit einem größeren Strom Flüchtlingen nicht klarkommen
  • Politiker (Anm.: Auch in der Definitionsmenge „Menschen“ enthalten, aber in exponierter Position), die rassistische Vorurteile kommunizieren und damit wahrlich als geistige Brandstifter angesehen werden können
  • Überforderte Helfer, die tun, was menschenmöglich ist, um diejenigen Flüchtlinge, die es hierher geschafft haben, mit dem nötigsten zu versorgen
  • Allenthalben Jammern auf hohem Niveau, das wir das alles nicht stemmen können, dass das alles zu teuer ist und dass ja gefälligst andere Länder auch mal ein wenig beitragen sollen…

Was ich dazu denke

Immer wenn ich lese oder höre, was Politiker, „Asylkritiker“ und „besorgte Bürger“ an „Asylkritik“, „differenzierter Meinung“ oder „Besorgnis“ äußern, wirkt das auf mich etwa so:

„Liebe Flüchtlinge, wir haben totales Verständnis dafür, dass ihr hier herkommen wollte, weil euch in eurem eigenen Land der Arsch weggeschossen wird, eure eigene Regierung versagt hat und alles was ihr im Moment seht, Krieg, Gewalt und Tod sind. Aber tut uns doch den Gefallen und leidet woanders weiter. Wir möchten von unserem Wohlstand nichts abgeben. Ja, wir können uns grau daran erinnern, dass unser eigenes Land vor gar nicht allzu langer Zeit in Schutt und Asche lag und dass womöglich eure Großeltern dabei geholfen haben, es wieder aufzubauen. So ein kleines bisschen ist uns auch bewusst, dass wir selbst Schuld daran waren, dass es in Schutt und Asche lag… aber was interessiert uns denn unser Geschwätz von Gestern? Jetzt zählt nur noch Leistung und Leistung und – ach ja, Leistung. Und da wir eure Qualifikationen, die ihr womöglich mal hattet nicht anerkennen wollen (schließlich könnt ihr ja nicht mal Deutsch!), könnt ihr ja keine Leistung bringen. Tja, Pecht gehabt, selbst Schuld, was kommt ihr auch hier her? Oh und diese freundlichen Damen und Herren mit den Springerstiefeln und den Brandsätzen dort hinten in der Ecke, da sind wir auch total dagegen! Aber wir machen da jetzt mal nichts. Wir wollen uns schließlich nicht die teuren Anzüge dreckig machen. Aber wir sind sicher, dass ihr euch gut vertragen werdet. Oh, ja, ein paar von uns sind auch total OK. Wenn wir nur lange und ausdauernd genug behaupten, dass diejenigen, die euch hier herzlich Willkommen heißen und euch bei der Orientierung oder auch nur dem nackten Überleben in einem fremden Land helfen, naiv und Kurzsichtig sind, dann werden die Damen und Herren mit den Springerstiefeln und den Brandsätzen die bestimmt auch bald mal besuchen. Nur, um ein wenig zu Plaudern versteht sich. Also macht euch keine Sorgen, wir sind eigentlich ein total nettes Land. Aber euer Problem ist leider nicht unser Problem und diese Sache mit den Menschenrechten ist voll toll (sind wir voll dafür!), solang sie brav auf Papier stehen bleiben (das ist ja Geduldig) und niemand ernsthaft auf die Idee kommt, sie einzufordern oder uns statt nach politischer nach moralischer Verantwortung fragt…“

Ich lese und höre davon, wie wir uns all die vielen Flüchtlinge nicht leisten könnten. Seltsam. Länder wie Dänemark nehmen viel mehr Flüchtlinge auf – und ich habe noch nicht gehört, dass die sich auf irgendwelche Dublin-Abkommen berufen würden, weil es ihnen zu viel wird. Aber vielleicht wird darüber ja auch einfach nicht berichtet? Außerdem können wir zig Milliarden in die Rettung fremder Banken pumpen, aber wenn es um eine humanitäre Katastrophe von historischem Ausmaß geht, dann wird auf eine „schwarze Null“ gepocht? Vielleicht verstehe ich auch einfach nur die Zusammenhänge völlig falsch (oder wir haben einfach zu viel Geld für die Rettung von fremden Banken ausgegeben und haben jetzt nichts mehr übrig) – aber irgendwas stimmt da doch nicht?

Von der Angst davor, dass die Gesellschaft nicht mit vielen männlichen Ausländern klarkommen würde, deren Dominanzgebaren gefährlich sein könnte ist auch immer mal wieder die Rede. Pardon: Hat da jemand irgendwelche Twitterfeministinnen unbeobachtet in die Redaktionen gelassen? Menschen werden durch Sozialisation an eine Gesellschaft angepasst. Es ist also wichtig, das vorzuleben, was wir von anderen erwarten – der Rest ergibt sich dann von ganz allein.

Es wird befürchtet, dass die Ausschreitungen in Flüchtlingslagern überhand nähmen, weil es vereinzelt zu Schlägereien kam. Nun ja, wenn man mit vielen hundert Leuten auf engstem Raum zusammenleben muss, von Krieg und Gewalt traumatisiert ist und dem physischen und psychischen Stress einer tausende Kilometer langen Reise (größtenteils zu Fuß) ausgesetzt ist, dann fühlt man sich vermutlich am Ende des Tages nicht unbedingt friedlich, ausgeglichen und buddhistisch-gleichmütig. Verhindern können wir das nur, durch eine größere Verteilung derer, die hier ankommen. Und das möglichst schnell und unbürokratisch (was ja per se schon mal nicht geht, schließlich sind wir ja in Deutschland und hier geht ja gar nichts, ohne dass es keine Vorschrift, kein Gesetz, keine Arbeitsanweisung oder dergleichen gibt).

Überhaupt fühlen sich viele in ihrem Wohlstand bedroht. Die Forderung wird laut, sich „erstmal um die eigene Leute“ zu kümmern. Warum sollten auch Flüchtlinge von weit weg, Wohnungen bekommen, die sich der kleiner Hartz-IV-Empfänger nicht leisten kann. Ich vermute mal, dass der kleine Hartz-IV-Empfänger nicht gern mit sechs bis acht anderen Leuten zusammenwohnen möchte, quasi in einer WG. Ach, was „die eigenen Leute“ angeht, erinnere ich mich noch ein klein Bisschen an den Geschichtsunterricht. Das aber nur ganz am Rande.
Bedrohung des Wohlstandes? Kann ich nicht ausmachen. Sehe ich nicht mal entfernt. Wodurch denn? Selbst unseren Ärmsten (denjenigen, die auf der Straße leben) geht es noch besser, als denen, die zu uns flüchten. Auf Erstere wird nämlich nur mit verschwindend geringer Häufigkeit geschossen und selbst von dem Wohlstand, den wir wegwerfen, können sie noch leben (was allein schon schlimm genug ist…).

In einer idealen Welt könnten das finanzielle Problem total einfach gelöst werden. Wir werfen pro Kopf (also pro Bundesbürger) 10 Euro in einen Topf (eine Summe, die sich jeder leisten kann) und tadaa: Wir könnten alles finanzieren, was wir wollten. Leider leben wir nicht in einer idealen Welt. Und leider scheint in den Köpfen vieler, die ich derzeit lese, die Bürokratie über der Menschlichkeit zu stehen. Einfach so helfen? Haja, aber bitte schön der Reihe nach, in Ordnung und ein Gesetz braucht es auch. An unsere Gesetze halten müssen sich die Flüchtlinge ja auch, nur erklären will sie ihnen niemand. Ich meine: Wenn ich jetzt aus irgendwelchen Gründen nach Saudi Arabien flüchten müsste (vermutlich werden Leute wich ich in absehbarer Zeit als „Ausländerfreunde“ geächtet und durch die Straßen getrieben – dann habe ich einen Grund zu flüchten…), hätte ich auch keine Ahnung von den Regeln und Gesetzen dort. Und ich verstünde kein Wort. Ich wäre also auf Gedeih und Verderb denen ausgeliefert, die ein wenig Empathie aufbringen können und mir helfen, mich zurecht zu finden.

Und Empathie sehe ich nur sehr, sehr wenig. Fast keine. Im Vordergrund stehen immer nur wirtschaftliche Sorgen, juristische Probleme, Angst vor mangelnder Integration, sozialen Konflikten oder einer Vermischung von Normen und Werten.

Das es zahlreiche Firmengründungen von Menschen mit Migrationshintergrund gibt, die hier eine Ausbildung genosssen haben und entsprechend Arbeitsplätze schaffen, wird gern einfach ignoriert – genauso wie die Beteiligung in der Wissenschaft; die teils chinesisch- und teils arabischstämmigen Dozenten, bei denen ich Seminare haben durfte, empfand ich als extrem kulturell bereichernd. Normen und Werte sind grundsätzlich Verhandlungssache und entstehen im gesellschaftlichen Konsens. Wir müssen einfach damit umgehen, dass so etwas keinen ewigen Bestand hat. Es ist wie immer im Leben: Alles kann sich ändern und genau das macht das Leben aus – Wandel, Wachstum und Anpassung.

Was ich fordere

Hört endlich auf, den Bullshit nachzuplappern, den Politiker oder Medien verbreiten (für ganz Mutige: Kommt mal raus aus eurer Comfort Zone und macht euch selbst ein Bild). Vergesst mal für einen Moment die Bürokratie, die Regeln, die Gesetze, die ach so dramatischen Probleme die da alle irgendwann in der Zukunft mal kommen könnten und besinnt euch auf etwas ganz basal Menschliches: Hilfeleistung in Notfällen. Das, was wir jetzt und hier all denen vorleben, die zu uns flüchten, entscheidet über unser aller Zukunft als Gesellschaft. Nicht die Politik, nicht die Wirtschaft und schon gar nicht die Medien sind hier am Zug. Wir alle können jetzt entscheiden, ob wir eine Gesellschaft mit moralischen Werten sein wollen, die wir vorleben und als Leitlinie betrachten (der kategorische Imperativ ist immer gern gesehen) – oder ob wir unsere Angst und unseren Geiz über das Wohl von Menschen in Not stellen. Wir alle haben die Möglichkeit, jeder für sich und in jeder noch so unbedeutenden Entscheidung, diese Gesellschaft zu formen und den Umgang mit einer globalen humanitären Katastrophe zu lernen und daran zu wachsen. All diese Angst, die uns vor „dem Fremden“ (als abstraktem Begriff) gemacht wird darf nicht unser Denken und Handeln bestimmen. Angst ist ein schlechter Ratgeber (ich spreche da aus Erfahrung) – und wir sollten als aller letztes auf sie hören.

„Aber was soll ich denn tun…?“ Einfach kleine Dinge. Sei da! Niemand ist gezwungen zu spenden (aber wenn man ein paar alte Sachen wegtun will, die eigentlich noch gut sind, die aber schlicht nicht mehr passen oder die man nicht mehr mag… spricht ja nichts dagegen oder?). Aber wenn beispielsweise ein verwirrter Mensch ein wenig hilflos umherirrt, sich nicht auskennt und nur wenig Deutsch spricht könnte es schon helfen, ihm den richtigen Weg zu weisen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das Englisch öfter verstanden wird, als man glaubt. Helfer werden übrigens auch händeringend gesucht. Falls ihr also gerade mal ein freiwilliges soziales Jahr machen wollt, wäre das jetzt die idealste aller Gelegenheiten.

Besonders wichtig dabei ist: Niemand muss aber jeder kann etwas tun. Und hört auf, immer und ständig mit dem Finger auf andere zu zeigen. „Und was machst du denn…“-Polemik hat noch nie jemandem geholfen (ich kann’s nicht mehr hören/lesen…). Auch hier hilft Sozialisation: Vormachen und Vorbild sein, statt mit dem Finger zu zeigen und zu pöbeln.

Wir alle haben hier und jetzt die historische Möglichkeit zu beweisen, dass die Menschenwürde nicht nur auf dem Papier in der Verfassung steht, sondern dass wir alle gemeinsam in der Lage sind, sie auch praktisch umzusetzen. Dabei sage ich weder, dass das schnell geht, noch dass es einfach wird.

Was ich nicht will

Ich will nicht (mehr) in eine Angstgesellschaft leben. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in denen Moral und Tugend als „naiv und dumm“ verstanden werden. Ich will diesen nationalistischen Wandel nicht, der uns hier gerade zu erfassen scheint. Ich will nicht, dass wir die Menschenrechte, für die unsere Vorfahren gekämpft haben jetzt einfach in Vergessenheit geraten, nur weil wir fett, faul und gierig geworden sind und wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund schieben. Ich will mich nicht ständig rechtfertigen müssen, weil mir von Leuten, die selbst nur vorgekaute Meinungen nachplappern Kurzsichtigkeit und Kleingeistigkeit vorgeworfen wird.

So. Nachdem das nun alles mal gesagt (oder besser geschrieben) ist, verkrieche ich mich wieder in meine Höhle, beschäftige mich mit meinen kleinen Sorgen überlasse das Feld wieder den alltäglichen „kritischen“ Sticheleien, die die Leute „ja wohl noch mal sagen dürfen“.

Und ich werde demnächst mal ein wenig aussortieren. Mir fallen einige Sachen ein, die ich locker spenden kann. J

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