Heute Mittag rief mich eine freundliche junge Dame an, hatte meinen Blog gelesen und fragte sich, wie ich es denn nun genau geschafft hätte, das UnityMedia-Netflix-Problem zu lösen. Wie sich herausstellte, habe ich doch einiges an Nachforschungen angestellt, die für Menschen mit weniger technischem Verständnis nur schwer nachvollziehbar sind – und vor allem habe ich all meine Nachforschungen dazu auch noch gar nicht veröffentlich.

Nun – Zeit, das zu ändern. Ich blogge ohnehin sträflich selten in letzter Zeit. Hier nun also die (hoffentlich für alle) nachvollziehbare Lösungsstrategie, wie man UnityMedia dazu bekommt, den Anschluss auf IPv4 zurückzustellen.

Ich hoffe, dass in Zukunft die großen Dienste komplett auf IPv6 umstellen, damit dieser DSLite-Hinkefuß bald der Vergangenheit angehört. Bis das soweit ist, muss man dafür sorgen, dass die Verbindungen, die man bisher genutzt hat, auch funktionieren.

Das Problem

Seit über 20 Jahren geistert die Spezifikation für IPv6 herum – aber es wird aktuell von erkläglich wenig Diensten effektiv benutzt (jetzt mal von Google und Facebook abgesehen). Aktuell laufen so gut wie alle gewöhnlichen Geräte, die man sich so kaufen kann mit IPv4. Und da mittlerweile der alte Spruch aus den 90’ern „The internet is full, go home!“ langsam aber sicher wahr wird, werden die Geräte und Programme nach und nach von IPv4 auf IPv6 umgestellt. Schließlich gibt es immer mehr und mehr Geräte.

IP? Hab ich schon mal gehört – aber was ist das jetzt eigentlich?

So einfach wie möglich ausgedrückt: So etwas wie eine Telefonnummer, mit der euer Gerät im Internet erreichbar und erkennbar ist
Stellt euch das Internet wie ein gigantisch großes Telefonbuch vor in dem lauter Nummern stehen. In der alten Schreibweise haben die aber viel kürzere Nummern. Ihr erinnert euch sicher noch daran, als ihr das letzte Mal eure Oma angerufen habt, die schon seit über 40 Jahren Telekom-Kundin ist und noch eine vierstellige Telefonnummer hat… in etwa so ist das auch mit den IP-Adressen: Früher hat man nicht damit gerechnet, dass es mal so viele Geräte geben wird, also brauchte man nur kurze Nummer. Mittlerweile sind aber fast alle kurzen Nummern vergeben, somit braucht es eine neue Schreibweise – längere Nummer – mit denen dann wieder neue IP-Adressen vergeben werden können.

DSLite – die Wurzeln allen Übels

Wenn jetzt jemand mit einer alten Nummer jemanden mit einer neuen Nummer anrufen will, hat der für gewöhnlich kein Problem. In der Mitte steht eine Vermittlungsstelle, die das übersetzen kann. Bei IP-Adressen gibt es so etwas auch – das nennt sich „aftr-Router“ und steht beim Internetanbieter herum. Der macht die ganze Zeit nichts anderes, als die IPv6-Adresse des Kunden in eine IPv4-Adresse nach Außen zu übersetzen, damit ein Dienst, der noch kein IPv6 versteht, das entsprechend verarbeiten kann.
Hier gibt es dann nur ein Problem: Der Router weist meist ein paar Tausend Kunden die gleiche IPv4-Adresse zu und der Dienst ist dadurch völlig verwirrt.

Stellt euch vor, ihr würdet am Tag ständig von der gleichen Telefonnummer angerufen werden, aber es ist immer jemand anderes am Apparat. Das macht euch Kopfzerbrechen. Und nicht nur euch – so einem Webserver auch. Ihr wollt ja wissen, wer da anruft – und wenn das immer die gleiche Nummer aber immer jemand anders ist, dann geht ihr irgendwann nicht mehr ans Telefon. Sowas macht der Server dann auch: Er weiß nicht mehr genau, mit wem er spricht und lehnt die Verbindung ab.

Netflix – ein Spezialfall

In diesem Fall hatte ich sowohl zu Technikern von Netflix als auch von UnityMedia Kontakt und habe mehr oder weniger Stille Post gespielt. Dabei kam ich zu folgender Erkenntnis:

Alle Server von Netflix laufen nativ auf IPv6. Es sollte also kein Problem mit UnityMedia geben. Natürlich gibt es ein Fallback auf IPv4 für beispielsweise mobiles Streaming.

Und genau da ist der Haken: Der aftr-Router von UnityMedia spricht mit dem Login-Server von Netzflix. Statt nun aber die native IPv6-Adresse zu nutzen, übersetzt er die des Kunden in eine IPv4-Verbindung (das passiert übrigens auch, wenn man das gesamte private Netzwerk auf IPv6 umgestellt hat – ich hab’s ausprobiert…). Der Login-Server von Netflix kann nun aber den Nutzer nicht mehr korrekt identifizieren – weil es ja mehrere Tausend Leute gibt, die sich hier jetzt eine Adresse teilen. Also weist er die Anmeldung zurück und kommentiert das mit „Fehler NW-2-5“. Man könnte auch sagen: Er knallt genervt den Höher auf die Gabel, weil schon wieder die gleiche Nummer anruft und irgendjemand anders dran ist.

Sowohl bei Netflix als auch bei UnityMedia ist das Problem bekannt. Man sagte mir bei Netflix (die haben übrigens einen absolut grandiosen Kundenservice!) ss gäbe gemeinsame Teams, die hier schon an einer Lösung arbeiteten. Es gäbe nur hin und wieder mal Querelen, weil UnityMedia mit Maxdome ja einen eigenen Streaming-Dienst anböte und die Konkurrenz im eigenen Netz unterstützen – naja, scheinbar finden die das ein wenig uncool und lassen sich Zeit damit. Scheinbar machen die Kunden da auch nicht unbedingt all zu viel Druck. Der Netflix-Kundendienst hat zumindest wöchentlich mit hunderten von UnityMedia-Kunden zu tun, die keine Verbindung bekommen und dene sie immer das gleiche erzählen können: „Tut uns leid, ist nicht unsere Schuld…“

Ein einfacher Beleg, um herauszufinden, dass es am Internetanbieter liegt: Einen Hotspot über das Handy öffnen (das hat aktuell immer IPv4 und es kommt nicht zu Zuordnungsproblemen), den Fernseher über Wifi mit dem Handy verbinden und dann Netflix starten. Wenn das dann problemlos funktioniert: Voilà – Problem erkannt.

Nicht das einzige Verbindungsproblem

Bei meiner Untersuchung habe ich herausgefunden, dass Netflix nicht die einzige App ist, die gestört war. Ihr könnt also untersuchen, was sonst noch in eurem W-LAN gestört ist und was bisher problemlos funktionierte.

In meinem Fall waren folgende Geräte und Apps betroffen:

Withings SmartBody Analyser (Wifi-Waage): Immer wieder Verbindungsprobleme, bishin keine Verbindung/Synchronisation möglich.

Garmin fenix 3 HR (Sport-Smartwatch): Verbindet sich zwar mit dem W-LAN, synchronisiert aber effektiv nur über das Mobilfunknetz.

Smartphone-Apps (verschiedene – als Beispiel hier auch die Withings-App oder MyFitnessPal): Verbindung nicht möglich, keine Synchronisation. Funktioniert tadellos über das Mobilfunknetz, nicht über das W-LAN im UnityMedia-Netz.

Drucker (HP OfficeJet Pro 8620): Seit der Umstellung im Dezember Abstürze, sobald er online geht. Ich musste mir hier eine eigene Fritzbox zulegen, damit das Gerät wieder eine Wifi-Verbindung bekommt und die Online-Dienste fehlerfrei funktionierten

PS3, PS-Vita, Xbox 360 und PS4: Keine Verbindung zu Online-Diensten, Updates schlagen fehl, Downloads sind unmöglich. Einstellungen an den MTU-Größen bei der PS3 ändern daran nicht viel – allein die Verbindung über den eigenen Router versprach ein kleines bisschen Besserung, ständige Verbindungsabbrüche kamen trotzdem vor.

VPN-Verbindungen: Sobald ich eine VPN-Verbindung mit dem Firmen-Netz aufbauen wollte, stürzte der UnityMedia-Router sang- und klanglos ab und startete neu. Noch mal auf die Schnelle wichtige Daten austauschen, die nicht bis zum nächsten Tag im Büro warten können – keine Chance.

Ihr könnt Apps auf folgende Art und Weise testen:

1. W-LAN am Handy abschalten
2. Aus der App im Mobilfunknetz ausloggen
3. W-LAN wieder einschalten
4. In der App einloggen

In meinem Fall kam es dann zu Verbindungs- und Synchronisationsproblemen. Ist das bei euch auch der Fall, schreibt diese Apps und die Verbindungsprobleme auf.

Lösungsfindung mit UnityMedia

Eins muss ich ihnen lassen: Sie sind um eine Lösungsfindung ernsthaft bemüht! Es hat mich ein wenig Zeit und Nerven gekostet alles zu Recherchieren (ich habe Netflix, Sony und UnityMedia über Wochen hinweg mit Anfragen und Hotline-Telefonaten genervt…), aber ich kann nicht sagen, dass ich unzufrieden bin. Im Gegenteil: Wenn man allen Beteiligten alle Informationen zur Verfügung stellt, dann sind sie recht schnell dabei eine konstruktive Lösung zu finden. Auch wenn meine letzte Mail schon sehr genervt war.

1. Störung melden

Über das Kontaktformular im UnityMedia-Kundencenter könnt ihr eine Störung melden. Dort tragt ihr zusammen, welche Apps bei euch gestört sind. Meist ist es übrigens die Netflix-App. Die Website lässt sich grundsätzlich problemlos aufrufen. Darauf solltet ihr euch übrigens nicht einlassen. Weil, mal ehrlich: Wer stellt sich denn schon einen Fernseher im Wert eines Kleinwagens ins Wohnzimmer und guckt dann am „kleinen“ PC-Monitor in schlechterer Auflösung? Genau… niemand. 😉

Wenn ihr dann alle Verbindungsstörungen aufgelistet habt, bittet ihr um eine Umstellung auf IPv4, da sich hiermit die Verbindungsprobleme beheben lassen.
Hilfreiche Links, die ihr dazu noch lesen und ggf. auch mit in die Störungsmeldung einfügen könnt, hättet ihr z. B. hier:

https://www.computerbase.de/forum/showthread.php?t=1548544
http://stadt-bremerhaven.de/netflix-und-unitymedia-ausgesperrt-ohne-vpn/
https://help.netflix.com/de/node/14424

2. Kontakt mit dem Kundendienst

Innerhalb kürzester Zeit bekam ich einen Anruf auf die Fehlermeldung hin, dass man mir einen Techniker schicken wollte. Wie gesagt: Wenn es um Störungsbeseitigung geht, sind die Jungs von UnityMedia echt schnell – da kann man nicht meckern.

Der Techniker wird da nicht viel tun können, da das Problem ja der aftr-Router von UnityMedia ist und nicht in eurem Haus oder an eurer Konfiguration liegt. Aber es kann nicht schaden, ihn kommen zu lassen. In meinem Fall hat er tatsächlich einen Fehler am Kabelverstärker im Keller gefunden. Und wenn er nett ist und ihr auch zu ihm, dann tauscht er euren alten Ubee- oder Technicolor-Router als defekt aus und stellt euch eine Connect-Box hin. Warum das eine gute Idee ist?

Nun ja, weil: http://www.golem.de/news/unitymedia-kritische-sicherheitsluecken-in-zehntausenden-zwangsroutern-1607-122068.html

3. Mir wird eine Horizon-Box angeboten. Soll ich das annehmen?

Ganz klar: Nein! Das ist nur mit einer höheren Monatsgebühr und einer Vertragsverlängerung verbunden. Netflix funktioniert dann, weil die Horizon-Box nur IPv4 kann (euer Anschluss wird dann also automatisch umgestellt) – aber ihr wollt ja nicht mer bezahlen als unbedingt nötig, oder?

4. Die stellen sich quer! Soll ich mit Kündigung drohen?

Das wäre seltsam, denn ich kann wirklich nicht sagen, dass sich UnityMedia tatsächlich weigert das Problem zu lösen. Es hat eine ganze Weile gedauert – aber nachdem ich all meine Informationen in eine zugegebenermaßen nöselige Mail gepackt hatte, rief mich einen Tag später der Second-Level-Support an, verkündete, dass man meinen Anschluss wieder auf IPv4 umstellen würde – und schon am selben Abend, nur ein paar Stunden später, liefen alle Verbindungen wieder genau so, wie ich es erwartete.

Also: Wenn’s denn unbedingt sein muss und ihr wirklich total genervt seid… ich kann euch ja nicht davon abhalten.

5. Ich soll auf IPv4 umgestellt werden – habe ich damit jetzt irgendwo anders ein Problem?

Nein. Im Gegenteil: Die meisten „alten“ Geräte und Programme in eurem Leben werden ohnehin noch IPv4 sprechen. Vermutlich funktionieren dann sogar mehr Sachen als vorher. Und Geschwindigkeitsverluste gibt es auch nicht.

So. Ich hoffe, das hilft all jenen weiter, die erstmal nicht so genau wissen, wo eigentlich das Problem ist und die von einem Kundenservice zum nächsten geschickt werden.

Übrigens: Seid nett zum Kundenservice. Die haben ihre festen Zeitvorgaben, in denen sie Kunden abgefertigt haben müssen, Ablaufprotokolle, nach denen Fehler gesucht werden müssen und jeden Tag haufenweise Stress. Selbst wenn ihr euch gerade ärgert – die können nichts dafür. Fasst die Fehlermeldungen lieber sachlich zusammen und recherchiert ggf. noch mal alle Ursachen und Quellen. Es hilft viel mehr, Daten und Fakten zu liefern, statt sich zu ärgern und den Ärger an anderen auszulassen. 🙂

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3 Responses to UnityMedia vs. Netflix – Selbsthilfe für Nicht-Nerds

  1. Andreas sagt:

    Hallo Ingo,

    danke für diesen Artikel bzw die ganze Artikelserie und die ausführlichen Erläuterungen.

    Habe das gleiche Problem wie Du – einzig bei der Schuldfrage tue ich mich ein wenig schwer.

    Hintergrund: Probleme mit Netflix auf einem FTV 1. Gen, Internet von UM (früher KBW), mindestens seit einem Jahr IPv6 (vermutlich sogar von Beginn an, also seit 3 Jahren, hatte bis jetzt nie Probleme und daher da auch nie wirklich drauf geschaut). Interessant ist: Netflix geht bei mir seit Mitte Juni nicht und das passt vom Zeitpunkt her genau zu einem Update der App auf dem FTV.

    Von daher tue ich mich etwas schwer mit der alleinigen Schuldzuweisung hin zu UM.

    Haben Deine Recherchen dazu evtl. auch etwas ergeben?

    VG
    Andreas

    • Ingo sagt:

      Hi Andreas,

      nun ja – Schuld haben sie nicht, verantwortlich sind sie schon. Das zumindest habe ich nach ziemlich vielen Telefonaten mit sowohl dem Netflix-Kundendienst als auch Unitymedia und Kontakt zu Sony herausgefunden.

      Du hast Recht: Es liegt tatsächlich an der App. Aber im Grunde an jeder App auf jedem Gerät. Die Verbindung über den Browser ist davon unberührt. And here is why:
      Das komplette Netflix-Netzwerk funktioniert und streamt ganz wunderbar über IPv6. Bei den Apps gibt es aber einen anderen Login-Server als für Browser. Warum das so ist, kann ich nur vermuten.
      Wenn du nun versuchst dich über dein Smartphone und LTE bei der App einzuloggen, läuft das meistens über IPv4 (Handynetze haben noch weniger IPv6-Verbreitung als Festnetze…).
      Versuchst du das gleiche mit deinem Fernseher, läuft der auf den gleichen Login-Server (Login über IPv4). Das UnityMedia-Netz ist aber erstmal nativ IPv6 und der aftr-Router setzt das dann in eine IPv4-Adresse um (so wurde es mir vom Second-Level-Support erklärt – leider nur am Telefon…). DSLite, wie es sein sollte. 😉 Das Problem: Tausende von UnityMedia-Kunden bekommen jetzt mehr oder weniger eine IPv4-Adresse und der Netflix-Login-Server kann die nicht mehr alle zuordnen. Und das muss er wohl, damit er diese eID generieren kann (Urheberrechtsschutz sei Dank!).

      Der Netflix-Support sagt also: UnityMedia bekommt das mit der Umsetzung nicht so richtig hin. Und wir haben ja auch eine IPv6-Kanal für die Apps… die müssten den aber auch nutzen und uns keine IPv4-Anfrage schicken.
      Der UnityMedia-Support sagt: Jaaa, wir wissen, dass unser aftr-Router da ein Problem macht, die Techniker sind da schon dran (#dertechnikeristinformiert) und arbeiten an einer Lösung.
      Ich sage: Ich kaufe mir keinen riesigen, teuren Fernseher, um vielleicht noch ein Jahr oder länger auf eine Lösung von einem Techniker zu warten (ganz zu Schweige von den vielen anderen Apps, die ebenfalls keine Verbindung bekamen…).

      Also – sie haben mehr oder weniger zugegeben (wie gesagt, leider nicht per Mail), dass sie da ein Problem haben, dass sie es analysieren und dass es in Arbeit ist.

  2. S sagt:

    Bei mir stellt sich Unitymedia quer, weil ich kein Altkunde bin (nur so ein neuer).
    Angeblich habe ich kein Recht auf eine IPv4.

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