Ich kann es nicht mehr hören. Fake-News, alternative Fakten, Lügenpresse, Propaganda – immer und immer wieder spülen diese Begriffe in meine Filterblasen und gehen mir damit verschärft auf die Nerven. Warum? Weil es sie schlicht nicht gibt.

Es gibt gar keine Fake-News? Aber sie wurden doch schon entlarvt!
Natürlich. Es gibt Medienberichte, die, wie sich herausstellte, auf völlig frei erfundenen Vorfällen beruhten. Das ist schlicht eine kontrafaktische Darstellung der Wirklichkeit. Ich stelle mir da die Frage: Ist es jetzt aber ein Problem, dass über diese frei erfundenen Vorfälle berichtet wurde oder dass die Vorfälle überhaupt erfunden wurden? Ich denke, beides geht Hand in Hand. Um das Problem genau aufzudröseln, muss man verstehen, wie Medien funktionieren.

In der Mediensoziologie gibt es da eine recht simple Wahrheit: Medien produzieren, was sie verkaufen können.
Klar. Wir glauben, Medien und Journalisten wären dazu da, über die Welt zu berichten und uns mit Informationen zu versorgen, die etwas über die Wirklichkeit aussagen. Allein das ist schon ein unglaublich komplexer Sachverhalt. Zum einen sind es tatsächlich nur Infomationen und keine Wahrheiten (für Wahrheiten sind Wissenschaftlicher zuständig, nicht Journalisten). Zum anderen gibt es so viele Informationen auf der Welt, dass es eine Auswahl darüber geben muss, welche davon verbreitet werden und welche nicht.
Mich persönlich interessieren die Wahlergebnisse der Vorstandswahlen eines nordvietnamesischen Taubenzüchtervereins nicht. Was mein persönliches Interesse damit zu tun hat? Nun ja: Ich würde keine Zeitung kaufen, in der darüber berichtet wird. Und was ist, wenn sich kaum jemand für diese Wahlergebnisse interessiert? Nun ja, dann ist es irgendwann teurer, darüber zu berichten und es auf Papier zu drucken, als dass es Leute gibt, die für den Inhalt bezahlen – und schon rentiert es sich nicht mehr. Schließlich wollen Journalisten auch von irgendetwas leben, Druckmaschinen müssen betrieben werde, Papier kostet Geld (Server kosten Strom, Räume die gemietet werden müssen, dazu kommen Organisations- und Verwaltungsaufwand, etc. pp.).
Das System „Medien“ wird also mit einer Fülle an Informationen konfrontiert und muss entscheiden, welche davon rentabel zu veröffentlichen sind und welche nicht. Manche davon mögen interessanter sein, manche weniger interessant – aber es braucht immer eine Zielgruppe, die es rezipiert und die der Information einen entsprechenden Wert beimisst.
Halten wir also fest: Die Rezipientengruppe entscheidet über die Veröffentlichung einer Information.

Und was ist mit „alternativen Fakten“?
Jetzt müssen wir noch weiter differenzieren. Handelt es sich um eine bewusst erfundene Geschichte (wie beispielsweise das „Bowling Green Massacre“) oder einfach um eine abweichende Wirklichkeitskonstruktion (wie beispielsweise die Anzahl der Besucher von Trumps Inauguration)? Im ersten Fall ist es eine frei erfundene Information, die sich eben sehr gut verkauft. „If it bleeds it leads.“ Derart stark emotionalisierende Themen ziehen zahlreiche Menschen an. Zahlreiche Menschen denen man Werbeanzeigen einblenden kann – kurzum: Bares Geld verdienen. Wenn es das jeweilige Medium nicht interessiert, ob der Inhalt der Informationen auf einer Basis von tatsächlich überprüfbaren Fakten basiert (es also Bullshit im Sinne von Harry Frankfurt ist), dann wird es selbstverständlich veröffentlicht. Auf der Ebene desjenigen, der die Informationen liefert, lassen sich andere Motive vermuten: Aufmerksamkeitsbedürfnis, bewusste Polarisierung, Lenkung der Meinung in eine gewünschte Richtung (dann reden wir von Propaganda), etc. pp.
Der zweite Fall ist komplizierter. Hier ist es so, dass es tatsächlich auf den Blickwinkel ankommt. Sieht man die Menschenmenge aus der Perspektive von Trump, dann waren selbstverständlich unfassbar viele Menschen anwesenden. Man kann sich schließlich leicht über Mengen täuschen und aus der Perspektive sieht man nicht alles. Man sieht einfach nur sehr viele Menschen und leitet daraus dann die Menge ab.
Jemand der die Menge von hinten sieht und die vielen leeren Flächen betrachten kann, hat ein völlig anderes Bild. Eine andere Wirklichkeitskonstruktion. Ich mache hier also einen konstruktivistischen Punkt: Was wir über die Welt wissen, ist das, was unsere Hirne aus den Informationen aus unserer Wahrnehmung zusammenbauen. Nicht mehr. Die Inaugurations-Menschenmenge ist ein gutes Beispiel dafür: Zwei Personen sind in der gleichen Situation – sie befinden sich aber in unterschiedlichen Perspektiven. Sie teilen zwar die gleiche Situation aber nicht die gleiche Wirklichkeit. Klingt komisch, ist aber so.
Es kann also eigentlich keine„alternative Fakten“ geben. Denn die „Fakten“ (ich will es mal als „objektive Entitäten in der Welt“ beschreiben, wenngleich sich das jetzt holprig anfühlt), sind zunächst einmal unveränderliche Dinge in der Welt. Sie lassen sich aber aus verschiedenen Perspektiven betrachten – es kann also „alternative Wirklichkeiten“ geben, die aus den gleichen Fakten entstehen.

Aber was ist denn nun wahr?
Wahrheit ist eine begründete Überzeugung. In dieser simplen Erklärung stecken zahlreiche Wahrheitstheorien, die ein paar Regalmeter füllen. Ich versuche es mal ganz, ganz einfach (und auch möglichst humorvoll, um niemanden zu sehr zu langweilen):
Es gibt einen Bericht darüber, dass letzten Sonntag der Südhintertupfinger Kaninchenzüchterverband eine Notstandssitzung abhielt, weil ihre Hasen zu Ostern nicht mehr mit dem Eierverstecken hinterher kommen und dringend mehr Hasen angeschafft werden müssen.
Das ist zunächst mal eine Information. Aber ist sie wahr? Nun, zunächst einmal habe ich die Überzeugung, dass Hasen keine Eier verstecken. Auch nicht zu Ostern. Das ist ein überlieferter Volksglaube, der darauf beruht, dass die Bauern früher im Frühling die Hasen dabei beobachten konnten, wie sie über die Felder liefen und dabei brütende Vogeltiere (Wildhühner und dergleichen) aufschreckten. Da blieben dann natürlich Eier liegen. Und so entstand dann der Glaube an den „Osterhasen“ der Eier versteckt. Nun ja. Zumindest mehr oder weniger. Ob das stimmt kann ich nämlich auch nicht so genau überprüfen.
Ich habe also die begründete Überzeugung, dass Hasen keine Eier verstecken. Damit wäre ein Teil dieser Information über den Südhintertupfinger Hasenzüchterverein schon mal „nicht wahr“. Wie sich zudem nach kurzer Recherche herausstellt, existiert gar kein „Hintertupfingen“ in dem es einen Hasenzüchterverein geben könnte. Das behaupten zumindest verschiedene Quellen und die Mehrheit der Leute, die man fragen kann. Ich kann also hier die Überzeugung ausprägen, dass es einen solchen Ort und damit auch die gesamte Geschichte gar nicht geben kann. Die Begründung dafür wäre dann über die Menge der unabhängigen Quellen hergestellt.
Hier ist allerdings dann auch Vorsicht angeraten: Schon Seneca sagte nämlich, etwas nicht unbedingt wahr sein muss, nur weil es die Mehrheit glaubt. Um es also genau zu wissen, müsste man jetzt die Recherche auf Ortsregister ausweiten und prüfen, ob es den Ort „Hintertupfingen“ wirklich nicht gibt.

Bei der Wahrheit kommt es also im Grunde auf die Begründung der Überzeugung an. Gründe sind dabei grundsätzlich vernünftig, überprüfbar und vor allem logisch konsistent. Und wenn es logisch konsistent aber nicht sinnvoll ist, dann ist es eben auch nicht wahr.
Wahrheit für sich genommen ist ein abstrakter Begriff, der mit Fakten nicht zwangsläufig Hand in Hand geht. Fakten müssen nämlich nicht wahr sein. Einfaches Beispiel: Wenn jetzt p einen Mord begeht und q im Schlaf die Tatwaffe in die Hand drückt, dann sind q’s Fingerabdrücke darauf und die Fakten deuten darauf hin, dass er den Mord begangen hat. Wahr ist das dennoch nicht.

So. So viel bis hier hin. Ich denke (oder hoffe), dass klar wird, warum ich den Begriff „Fake News“ für völlig inflationär verwendet und maximal deplatziert halte. Im Großen und Ganzen tendiere ich dazu, sofort an der Ernsthaftigkeit einer Aussage zu zweifeln, sobald der Begriff fällt. Und ich kann nur hoffen, dass wir diese ganze Debatte bald wieder loswerden.

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