Beutelscheiße

Zu den Dingen, deren Sinn offenbar an einem Großteil der karlsruher Bevölkerung verschlossen bleibt, gehören Mülltüten für Hundekot.

Eigentlich eine gute Idee: Hundescheiße einsammeln und in den nächsten Mülleimer werfen (oder sogar spezielle Hundekottonnen). Blöd nur, dass scheinbar die meisten Leute dann statt der Scheiße die Tüte liegen lassen.

Das Ergebnis findet sich dann an fast jeder Straßenecke (oder eben doch wieder unter’m Schuh):

Sinn verfehlt… 😉

Kollektive Unsicherheitsvermutung

In letzter Zeit flattern in meiner persönlichen Filterbubble immer mehr Bedrohungsszenarien herum. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es die Bestrebung seitens der aktuell politisch Mächtigen gibt, uns Angst zu machen. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Muslimen – immer wieder, so scheint es, wird mir eingeredet, ich soll doch nun endlich mal gefälligst Angst haben! Die Welt ist ja schließlich gefährlich und wir hier in Deutschland sind in ganz besonders großer Gefahr. Also mal sehen…

Es ist schon wieder eine Weile her (ich glaube, es war vor zwei Wochen), da las ich einen Artikel, in dem es hieß, es gäbe tausende von islamistischen Dschihad-Kämpfern, die aus den „Kampfgebieten“ im Nahen Osten zurückkämen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an schweren Straftaten beteiligt waren. Oh – und die alle sind namentlich bekannt und man würde sie im Auge behalten. Nächster Stopp: Google. Wie viele „Gefährder“ es nun tatsächlich in Deutschland gibt, das weiß offenbar niemand so genau. Die Suche spuckt ein paar Artikel aus, in denen von zwischen 130 und 280 Leuten im Jahr 2015 die Rede ist. 120 waren es übrigens schon im August 2013. Und 2014 auch. Also irgendwie scheint da großer Copy&Paste-Journalismus eingesetzt zu haben. Man nimmt einfach die Zahl vom letzten Jahr und fügt sie im aktuellen Jahr ein. Oder rechnet einfach hundert drauf. Merkt ja keiner.

Dann gab es da zur Karnevalszeit Terrordrohungen bei Umzügen in Norddeutschland. Umzüge wurden abgesagt, angeblich kam es zu irgendwelchen Untersuchungen – und weiter hörte man nichts weiter davon (ehrlich gesagt, habe ich mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen wollen, schließlich fühle ich mich überhaupt nicht unsicher oder bedroht…).

Oh – und jetzt macht unser lieber Vizekanzler Werbung für die Vorratsdatenspeicherung, die nicht nur vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, sondern deren Richtlinie auf EU-Ebene vom EuGH einkassiert wurde, weil sie gegen Grundrecht verstößt. „Wir brauchen das“. Ja genau. Wir müssen alle überall und jederzeit lückenlos überwachen, weil wir alle, jederzeit und überall islamistische Terroranschläge verüben könnten.

Ok, fummeln wir die oben erwähnten Medienberichte mal völlig unfachmännisch zusammen (machen diejenigen, die die Artikel zum Thema Terrorismus verbrechen ja scheinbar auch), dann haben wir zwischen 120 und 280 mit Namen und Aufenthaltsort bekannte „Gefährder“ die möglicherweise schwere Straftaten begangen haben oder ihnen zumindest beiwohnten.

Na gut. Wir haben also ein völlig diffus konstruiertes Angstzenarium, auf dessen Basis die Polizei nun von unserem freundlichen Innenminister vermittels einer millionenschweren Finanzspritze mit mehr Munition und Personal ausgestattet werden soll, damit man potenziellen Bedrohungen auch mit ausreichend Waffengewalt entgegentreten kann. Damit sollte man zwischen 120 und 280 Leute, dann eine Weile lang in Schach halten können, denke ich. Und mit der neuen Anti-Terror-Einheit, die da gegründet werden soll, bestimmt auch. Sind ja nicht so viele, als dass es ein langer, komplizierter und vor allem verlustreicher Einsatz werden könnte.

Und was mache ich jetzt mit all diesen Halb-Informationen? Ich würde sagen: nichts. Ich habe nicht vor, mir jetzt unnötige Angst machen zu lassen. Ich habe ehrlich gesagt viel wichtigere Dinge, über die ich jeden Tag nachdenken muss, als über irgendwelche namentlich und mit Aufenthaltsort bekannten Verbrecher, bei denen sich unsere Behörden offenbar weigern, sie einfach festzunehmen. Genauso wenig habe ich nicht vor, mir Angst vor Muslimen machen zu lassen (nö liebe Regierung – da müsstet ihr euch jetzt schon was besseres einfallen lassen, als so diffuse und oberflächliche Meldungen, die über Jahre hinweg voneinander abgeschrieben und abgewandelt werden).

Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass der Rest der Bevölkerung sich von all dem auf Dauer beeindrucken lässt. Ich bemerke in letzter Zeit öfter eine emotional negative Einstellung gegenüber Ausländern. Selbst bei Leuten, bei denen ich das nicht vermutet hätte und bei denen sich eine solche Meinung früher nicht so ausgeprägt hatte. Der große Plan, den Menschen Angst vor „dem Fremden“ zu machen – also noch mehr, als es der psychologisch normal-gepolte Mensch ohnehin schon hat – scheint aufzugehen. Ich hoffe nur, dass sich hier doch noch ein bisschen die Vernunft durchsetzt und wir noch eine Weile lang in Frieden leben können. Das ist meiner Ansicht nach viel besser, als Angst voreinander zu haben.

Paketvoyeurismus

Ihr kennt das sicher auch: Ihr bestellt etwas, sei es nun ein neues Gadget, Schuhe oder neue Klamotten und freut euch schon bei der Bestellung diebisch darauf, es endlich in die Finger zu bekommen. Dann kommt die erste Mail, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt: Eine Tracking-ID für das Paket kommt, um den Paketstatus zu überprüfen. Natürlich klickt ihr direkt drauf, nur um festzustellen, dass das Paket noch nicht im System eingepflegt ist. Ein paar Stunden später versucht ihr es nochmal und siehe da: Es ist auf dem Weg in irgendein Paketzentrum irgendwo in Deutschland. Am nächsten Morgen aktualisiert ihr, immer wieder gepackt von dieser geifernden Vorfreude auf das neue Spielzeug (oder die neuen Schuhe) und seht, dass es „in Zustellung“ ist. Und von da an beginnt, was sich Clickbait-Webseiten nur in feuchten Traumen erdenken können: Minutenlanges aktualisieren, bangen und hoffen, wann denn das Paket endlich vor eurer Haustür ankommen wird. Fast schlimmer wie damals bei eBay-Auktionen, als man für den aktuellen Höchstpreis noch manuell aktualisieren musste.{{1}}[[1]]Ja, ich weiß, Opa erzählt vom Kriege…[[1]] Aber mehr als „In Zustellung“ oder „Im Lieferfahrzeug“ erfahrt ihr nicht.

Heute bekomme ich ein Paket von der DPD. Das ist insofern nichts Ungewöhnliches, ist ja schließlich ein Lieferdienst wie jeder andere. Neu, zumindest für mich, ist das Live-Tracking, mit dem ich jetzt nicht mehr minutenlang aktualisieren muss, sondern mit minütlicher Aktualisierung den GPS-Standort des Lieferfahrzeugs auf einer Google-Karte angezeigt bekomme. Während ich hier also schreibe schiele ich auf das Browserfenster mit dem kleinen Symbol-Auto, dass sich langsam auf mein kleines Symbolhäuschen zu bewegt. Bzw. dass da rumsteht. „Warum fährt der denn nicht los?“ denke ich. „Mach schon! Hopp! Ich kann’s ja jetzt schon kaum erwarten endlich meine kleinen, gierigen Fingerchen um das Paket zu schließen!“

Zeitgleich mit diesen Gedanken überkommt mich ein beklommenes Gefühl. Dass Paketboten miserabel bezahlt werden, weiß ich nicht erst seit gestern. Ein Freund von mir fährt für einen anderen Paketdienst Päckchen durch die Gegend. „Pure Selbstausbeutung“, beschreibt er seinen Job. Pro ausgeliefertem Paket gibt es Centbeträge zuzüglich Kilometergeld, da er mit seinem Privatfahrzeug umherfährt. Das deckt die Spritkosten gerade so; das, was beim Päckchenausliefern so auf dem Konto landet, taugt aber auch gerade so als minimaler Nebenverdienst. Als er mir mal die groben Zahlen genannt hat, beschloss ich direkt: „Dafür würde ich nicht einmal darüber nachdenken, morgens aufzustehen.“
Und jetzt? Jetzt überwache ich einen Paketboten. Auf Schritt und Tritt – oder eben auf die Schritte und Tritte, die er gerade nicht macht, weil er immer noch rumsteht. GPS ist übrigens im Scanner verbaut, mit dem der Bote das Paket an der Haustür scant und auf dem der Empfänger den Empfang quittiert.{{2}}[[2]]„Auf Schritt und Tritt“ ist hier also nicht nur einfach eine Metapher.[[2]] Während ich warte. Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich so an, als würde ich einen Menschen, der ohnehin schon schlecht bezahlt wird und mit großer Wahrscheinlichkeit überarbeitet ist, auch noch virtuell antreiben. Plötzlich rückt das kleine Auto in greifbare Nähe. „Aha!“ Denke ich, „fährt er also doch!“ Dann plötzlich kann die Position nicht mehr ermittelt werden.{{3}}[[3]]GPS-Lücken kommen hier in Minden schon mal vor.[[3]] Es ist wie ein Krimi. Mit schwitzenden Händen starre ich auf den Monitor und die Aktualisierung und fühle mich, als würde ich etwas besonders Verruchtes tun. Und im Grunde mache ich das ja auch. Ich beobachte Menschen bei der Arbeit. Das allein ist schon verwerflich genug, denn man sollte seiner Arbeit unbeobachtet und frei nachgehen dürfen. Schlimmer wird es, wenn ich über die Konsequenzen nachdenke: Ich starre auf den Bildschirm, weil ich mich wie ein Kind auf mein Paket freue. Aber wir sind hier in OWL. Und der gemeine Ostwestfale ist eher ein unleidlicher Nöselkopp. „Wie oft wurde der arme Paketbote heute schon angepupt, weil er nicht schnell genug geliefert hat? Wie viele Leute haben, so wie ich, jetzt mit weniger Vorfreude und dafür mit mehr Ungeduld auf ihre Pakete gewartet und den armen Lieferfahrer auf Schritt und Tritt verfolgt und ihn dann unfreundlich angeraunzt, weil er ihrer Meinung nach nicht schnell genug geliefert hat?“

Während ich aus dem Fenster schiele und die Straße beobachte, beschließe ich, dass ich den „Fortschritt“ nicht mehr aufhalten kann. Ich kann nicht verhindern, dass Paketlieferdienste ihre Fahrer nicht nur intern überwachen, sondern sie auch von ihren Kunden überwachen lassen. Ich kann auch nicht verhindern, dass es typisch ostwestfälische Nöselköppe gibt, die die armen Paketboten zusätzlich zu ihrem Stress auch noch anmaulen. Heute bin ich nicht darauf vorbereitet – aber für die nächste Lieferung beschließe ich, dass ich dem Opfer meines Live-Tracking-Voyeurismus etwas Gutes tue. Vielleicht einen Schoko-Weihnachtsmann als Dankeschön? Oder, je nach Jahreszeit, einen ähnlichen Osterhasen? Vielleicht backe ich auch mal wieder Kuchen oder Kekse… dagegen kann eigentlich niemand etwas haben, auch wenn ich beispielsweise gehört habe, dass die DHL-Kollegen nichts annehmen dürfen (was das Ganze noch unangenehmer macht). Die Überwachung lässt sich womöglich nur noch durch kollektive Nichtbenutzung ändern. Die Dinge gibt es, weil es einen Markt dafür gibt. Wird es benutzt, bleibt es in der Welt. Ich allein kann das nicht ändern, dazu müssten sich alle Paketdienstkunden und Empfänger von Paketen kollektiv darauf besinnen, eine derartige Überwachung weder zu wollen noch zu nutzen. Das erscheint mir dann doch illusorisch. Aber ich kann dem armen, total überwachten Paketboten das Leben für einen klitzekleinen Moment ein bisschen angenehmer machen. Das hilft dann der Welt im Allgemeinen nicht wirklich weiter, kompensiert aber zumindest mein schlechtes Gewissen und das schmuddelige Gefühl, sich selbst beim Voyeurismus ertappt zu haben.

HACIENDA, ORBs und die juristischen Probleme…

Beim Lesen von Heise-Online komme ich ins Grübeln. Wenn die Geheimdienste jedes System angreifen, dessen sie habhaft werden können (nichts anderes erwartete ich von ihnen), um diese Systeme in ein Netzwerk zur Verschleierung ihrer Angreifer zu nutzen, dann entsteht daraus ein zivilrechtliches Problem: Jeder – wirklich jeder – der ein digitales Gerät sein Eigen nennt, welches in der Lage ist, mit dem Internet zu kommunizieren, könnte in illegale Machenschaften verwickelt werden, ohne dass er davon überhaupt etwas weiß.

Die Geheimdienste bedienen sich der Industriespionage, der Sabotage, der Diskreditierung von Aktivisten, Politikern und unliebsamen Wissenschaftlern, in dem ihnen illegales Material untergeschoben werden kann… und irgendwie muss ein solcher Angriff ja sein Zielobjekt erreichen? Genau: Er wird über diese hübsch verteilten ORBs geleitet, damit die wahre Position des Angreifers nicht festgestellt werden kann.

Statt dessen kann der Angriff dann womöglich auf einen unbeteiligten zurückgeführt werden? Wenn also demnächst bei Oma Erna, die das Internet nur nutzt, um per Skype mit ihrer Enkelin zu reden, die im Ausland studiert, eine Hausdurchsuchung stattfindet, weil ihr System für Industriespionage benutzt wurde, Ausgangspunkt eines DDoS-Angriffs war, die innere Sicherheit durch einen Zugriff auf Regierungssysteme gefährdete oder zur Verbreitung von Kinderpornografie verwendet wurde, würde mich das nicht im Geringsten wundern. Dann gehörte ihr Endgerät leider zum ORB-Netzwerk. Tja, schade.

Letztendlich heißt das nichts anderes, als dass wir alle zu unfreiwilligen Helfern bei illegalen Machenschaften werden.

Jeder von uns könnte damit rein zufällig als „Vermittler“ für einen Angriff auf ein Geheimdienstziel den Kopf hinhalten müssen. Die Argumentation, man selbst wär’s nicht gewesen, dürfte kaum aus der Patsche helfen, denn die illegalen Machenschaften gingen ja vom eigenen Rechner, Smartphone oder Tablet aus. Hinterlässt man dann die passenden Spuren (was ich voraussetze, denn schließlich möchte man ja den Angriff verschleiern – also so tun, als wär’s jemand anders gewesen), dann kann man das ORB-System auch so aussehen lassen, als wäre es wirklich das schuldige. Da fällt es dann schwer zu argumentieren, man wäre nicht derjenige gewesen, der den Hack auf einen Industrieserver durchgeführt hat, wenn auf dem eigenen Rechner dann auch noch die passende Software für einen solchen Angriff gefunden wird. „Ich weiß aucht nicht, wie die da hin kommt?!?“ wird dann vermutlich nicht als gerichtsfeste Argumentation gelten. Und da hier Zero-Day-Lücken ausgenutzt werden, kann man auch so viel patchen wie man will – man hat im Grunde keine Chance nicht zufällig als Mittäter und potenzielles Bauernofper dazustehen.

Politische Lösungen sind, wie man an der Untätigkeit der Bundesregierung sehen kann, offenbar gar nicht gewollt.

Möchte jemand Computer, Festplatten und Co. kaufen? Ich glaub, ich zieh in eine einsame Berghütte.

Google-Play-Kiosk: Für Sie und Ihn

Mit ein wenig Verwunderung betrachte ich den neuen Google-Play-Kiosk, an dem es nun digitale Versionen von Zeitschriften zu kaufen gibt. Was mich daran verwundert? Die klare Geschlechtertrennung. Für Sie und für Ihn.

Für Sie und Ihn

Ok. Und warum genau sollen sich Frauen jetzt nicht für Computer, Videospiele oder Autos interessieren? Und gar nicht wenige von ihnen sind Fußballfans. Diäten sind übrigens auch für Männer ganz interessant (gut, da gibt es weit bessere Quellen, aber es geht ums Prinzip). Genauso wie Kochrezepte oder Fitnesstipps. Oder bin ich jetzt irgendwie unmännlich weil ich gern koche und mich für Fitness interessiere? Und sind die Frauen, die ich kenne, die sich für Technik und Computer begeistern jetzt irgendwie unweiblich?

Liebe Google-Kiosk-Manager: Ihr habt da am Internet was nicht verstanden. Wir sind hier alle online. Egal welches Geschlecht wir haben. Es gibt Interessengemeinschaften, keine Geschlechtsgemeinschaften. So eine Sortierung habt ihr ja auch eingebaut – aber erst weiter unten. Ganz oben und ganz prominent wird man direkt vom der strikten Geschlechtertrennung erschlagen. Eigentlich könntet ihr das doch auch schlicht entfernen und es bei den Sortierungen weiter unten belassen, oder nicht? 🙂

 

Nichts zu verbergen haben…

Manchmal denke ich, dass die Leute, die sagen, dass sie kein Problem mit Überwachung habe, weil sie ja nichts zu verbergen haben, die gleichen Leute sind, die in einen 100 km entfernten Swingerclub gehen, um dort nicht erkannt zu werden – und dann völlig erstaunt auf ihre Bankberaterin, oder die Lehrerinnen ihrer Kinder treffen, die genau die gleiche Idee hatten… ^^

Update, weil’s gefragt wurde: Nein. Ich gehe nicht in Swingerclubs. Die sind mir zu weit weg. 😉

Kommentar: Sexismus hat im Gaming-Journalismus nichts verloren

Eigentlich wollte ich über die gamescom 2013 keine großen Worte verlieren. Ich hatte sogar vor, die Messe mit Missachtung zu strafen, da die Veranstalter der Kölnmesse es fertig gebracht haben, mich zu akkreditieren, aber meine stellvertretende Chefredakteurin nicht. Dabei macht sie ihren Job exzellent und ist diejenige, die bei uns die Hosen anhat. Im Grunde hätte sie den Chef-Posten viel eher verdient, denn ich betreibe die Plattform eigentlich fast nur und kümmere mich um allerlei Organisatorisches. Aber gut, für Institutionen wie die Kölnmesse AG scheint nur der Besitz eines Presseausweises zu zählen. An meiner Meinung, keine weiteren Worte, über die gamescom verlieren zu wollen, hat sich nichts geändert – darum werde ich keinen offiziellen Artikel schreiben, sondern lediglich hier meine Gedanken bloggen.

Games, Sexismus und journalistische Grundsätze

Nachdem ich nun aber einen Artikel las, bei dem es um sexistische Eskapaden der Kollegen von GIGA ging, muss ich das eine oder andere Wort verlieren. Es geht gar nicht anders. Denn ich habe das Gefühl, dass es um die Ehrenrettung des Gaming-Journalismus als Ganzem geht. Glücklicherweise hat GIGA das Video mittlerweile wohl von ihrer Webseite und ihrem YouTube-Kanal gelöscht – die Produzenten des Werks wohl aber noch nicht und ich hoffe, dass es zu Dokumentationszwecken schon republiziert wurde. Das Internet vergisst schließlich nichts.

Games und Sexismus stehen bedauerlicherweise in einer engen Verbindung miteinander. Das liegt zum einen ander Zielgruppe der meisten Spiele (männliche Jugendliche und junge Erwachsene). Zum anderen an der werbepsychologisch schon länger bekannten und ausgenutzten Erkenntnis aus der Neurokognitionsforschung (die ist allerdings recht neu), dass der Anblick von nackter weiblicher Haut für das männliche Gehirn ein enorm starker Reiz ist (Quelle: SZ).
Nicht selten kritisiert werden weibliche Charaktere in Spielen. Lara Croft hat übertrieben große Brüste, weibliche Kriegerinnen in Fantasyspielen (da kann wirklich jedes beliebige herangezogen werden) laufen nicht selten in einer Art verziertem Kampf-Bikini herum (der in einem realistischen Schlachtfeld ungefähr so viel Schutz bietet wie eine schusssichere Weste aus Seidenpapier) und bis auf wenige Ausnahmen sind sie schwach und schutzbedürftig.
Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass wir Männer durchaus auch an Stereotypen in Videospielen leiden können. Wie werden männliche Hauptcharaktere in Spielen dargestellt? Meist als Draufgänger; breitschultrig, unglaublich trainiert und zu sportlichen Höchstleistungen fähig, für die es bei Olympia eigentlich Platin geben müsste. Außerdem haben männliche Charaktere nie Angst, sind grundsätzlich mit einem ganze Arsenal an Waffen ausgestattet und stecken Wehwehchen weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Pardon, aber bei derartig überzogener Plakatierung von Stereotypen könnte ich auch Komplexe kriegen. Ich bin zwar relativ gut trainiert (schließlich zocke ich ja nicht nur) aber trotzdem verhältnismäßig speckig, ich habe in verschiedenen Situationen durchaus Angst, und wenn mir jemand eine Waffe in die Hand drückte, würde ich sie eher möglichst vorsichtig möglichst weit weglegen. Abgesehen davon bin ich auch auch recht empfindlich. Warum gibt es eigentlich keinen Hauptcharakter in Spielen, der so ist, wie du und ich? Haben die Entwickler Angst, so etwas würde sich nicht verkaufen? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall – aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel.
Ich kann aus eigener Erfahrung übrigens sagen, dass „sex sells“ kein großes Gewicht hat. Ich hab’s ausprobiert. Die Klickzahlen wurden davon nicht beeinflusst.

Auf Spielemessen wie der gamescom wird diese stereotype Sexualisierung gern dazu ausgenutzt, Werbung zu machen. Leichtbekleidete (oder zumindest ziemlich herausgeputzte) Messe-Hostessen mit Traum-Maßen präsentieren die Spiele, die eigentlich für sich selbst sprechen könnten. Offenbar sollen sie sich sogar präsentieren. Ich erinnere mich an die Enttäuschung einer Hostes, die ich bat, doch mal aus dem Bild zu gehen, als ich ein Foto von einem Casemod machen wollte. Mich interessierte die Technik – nicht die junge Dame im Bikini.

Und damit komme ich auch direkt zu dem, was im Gaming-Journalismus irgendwie „nicht ganz richtig“ läuft. Ich meine – es gibt da journalistische Grundsätze, die sich jeder schon aus der eigenen Vernunft ableiten kann, ohne dazu direkt Journalismus studiert haben zu müssen. Ich selbst bin von meiner Profession her schließlich auch Philosoph und trotzdem journalistisch tätig.
Grundsätzlich geht es darum, über ein Ereignis zu berichten. Dabei kommt es auf die Zielsetzung des Berichts an: Es kann sich um eine reine Fotodokumentation handeln oder auch um eine Reportage über die Messe selbst oder auch Interviews mit Hardware-Herstellern oder den Spieleentwicklern. Wenn man nun als Journalist zu so einer Messe losgeschickt wird, dann hat man nicht selten einen „Redaktionsauftrag“. Zur Vorstellung der Wii U haben wir beispielsweise unseren Technikredakteur David damit beauftragt, sowohl die Konsole als auch die Spiele einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Wenn ich mir jetzt das Video von GIGA so ansehe, dann frage ich mich, wie der Redaktionsauftrag dazu wohl gelautet haben muss. Immerhin ist das Video ja sogar (kurzzeitig) veröffentlicht worden, sodass ich unterstelle, dass der Auftrag wunschgemäß erfüllt worden ist. Erst nachdem es massive (und durchaus berechtigte) Kritik hagelte, wurde das Video offenbar wieder entfernt.

Nun handelt es sich bei GIGA nicht gerade um eine kleine Seite. Im Gegenteil, sie sind eher „ganz oben“ angesiedelt. Wenn schon so große und bekannte Seiten derartige Inhalte produzieren und veröffentlichen, was für ein Bild wirft das dann wohl auf den Gaming-Journalismus insgesamt? Vor allem, weil ich ja ein eher kleines und beschauliches Magazinchen betreibe, das mit „den Großen“ weder konkurrieren kann noch will. Muss ich jetzt fürchten, dass ich für (pardon) eine perverse Drecksau gehalten werde, wenn ich mich Cosplayerinnen mit einer Kamera nähere, weil ein Kostüm einfach gut gelungen ist oder Gamerinnen interviewen will, weil mich ihre Meinung zu einem Spiel interessiert? Muss ich ab jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich eine reine Fotodokumentation mache und da eben hauptsächlich Frauen abgebildet sind, weil‘s das Mischungsverhältnis halt so hergibt?

Ich meine: Wie die Leute sich nun privat benehmen, kann und will ich nicht beurteilen. Und wenn’s nach mir geht, kann sich privat auch jeder Aufführen wie er will – meinetwegen sich auch in aller Öffentlichkeit zum Affen machen (der Widerspruch zwischen „privat“ und „öffentlich“ ist nur scheinbar – gemeint ist „privat“ und „beruflich“ in der Öffentlichkeit). Das geht mich einfach nichts an. Aber in einem professionellen Umfeld {{1}} [[1]]ich erinnere gern daran, dass der Gaming-Journalismus ernsthafte Arbeit ist, auch wenn es nach Außen hin gern mal so wirkt, als hätte man den ganzen Tag Spaß und würde nur zocken. Sorry, aber das ist nicht so. Und das Zocken für ein Review macht auch überhaupt keinen Spaß.[[1]] erwarte ich einfach auch ein professionelles Verhalten.

Der Guardian, die Geheimdienste und die Pressefreiheit

Kaum lässt der britische Geheimdienst diverse Festplatten beim Guardian vernichten, ist die Aufschreierei im Netz groß. Ich frage mich dabei: Was haben die denn gedacht, was passieren würde? Geheimdienste sind nunmal keine demokratischen Organisationen. Im Gegenteil: Sie sollen die Demokratie mit undemokratischen Maßnahmen schützen. Quasi überpolitisch. Da verschwinden schon mal Menschen. Und Daten. Es ist natürlich bezeichnend, dass die Festplatten zerstört worden sind. Vermutlich haben die Kollegen beim Guardian die Snowden-Daten schon ausgelagert und extern gespeichert.

Blöd wäre, wenn sie die Daten im Internet verteilt haben. Wir erinnern uns: Der britische Geheimdienst zapft das Netz im großen Stil ab. Es ist eine Kleinigkeit, die Daten, die da gerade extern ausgelagert werden sollen, gar nicht an ihrem eigentlichen Zielort zu speichern, sondern den Datenverkehr einfach umzuleiten. Wir erinnern uns, dass eine derartige Technologie schon bei uns in Deutschland bei der Verteilung des Bundestrojaners im Gespräch war. Wenn die Daten also über das vollkontrollierte Internet ausgelagert worden sind, dann ist die Vernichtung der Festplatten völlig verständlich. Dann existiert diese Sicherheitskopie nämlich nicht etwa da, wo die Guardian-Journalisten vermuten, wo sie ist, sondern auf irgendeinem Geheimdienstserver, weil der Datenstrom beim Upload umgeleitet wurde.

Eine Sicherheitskopie zu Hause aufzubewahren wäre genauso sinnlos. Wenn ich ein Geheimdienst wäre, wäre mein erster Schritt eine Überwachung der Wohnungen der Journalisten. In so eine Wohnung einzubrechen und in eine (womöglich unverschlüsselte) Festplatte, ist nun kein großes Problem. Bei dem zerstörten Computer handelte es sich um ein MacBook Pro. Da ist dann die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass die Journalisten auch privat mit Apple-Computern arbeiten. Wir erinnern uns: Apple steht auch auf der Liste derjenigen, die Daten an die NSA ausliefern. Denken wir weiter: Ein Mac lässt sich mit FileVault verschlüsseln. Den Schlüssel dafür berechnet allerdings MacOS. Mit anderen Worten: Apple stellt freundlicherweise einen Schlüssel zur Verfügung und es muss nun darauf vertraut werden, dass der Schlüssel geheim bleibt. Aber da Apple ja mit auf der Liste der Datenlieferanten für die Geheimdienste steht…

Tja. Wie mir scheint, hat die Demokratie verloren. Und scheinbar dreht sich der schon von Platon erdachte kyklos politeia wieder ein Stück weiter.

Freiheit statt Angst – was bedeutet das eigentlich?

Um sich der Frage zu nähern, was „Freiheit statt Angst“ bedeutet, muss zunächst einmal ganz grundsätzlich darauf eingegangen werden, wovon eigentlich die Rede ist, wenn in diesem Kontext von „Freiheit“ oder „Angst“ gesprochen wird. Der Einfachheit halber, fange ich hinten an – nämlich mit der Angst. Angst ist eine emotionale Qualität, die mit einer undifferenzierten Gefahr einhergeht. Im Gegensatz zu Furcht ist Angst nicht zielgerichtet.

Das ist ein sehr deutlicher Unterschied, der hier sehr genau beleuchtet werden muss, um den Satz „Freiheit statt Angst“ besser verstehen zu können.

Ich bin in der Lage mich vor etwas zu fürchten. Zum Beispiel vor dem laut bellenden Hund meiner Nachbarn (hätten diese nicht nur kleinen Spaniel und wäre er tatsächlich laut, wäre er vermutlich wirklich zum Fürchten). Damit ist mein negativer Affekt auf ein Ziel, nämlich den Hund, gerichtet. Ich kann diesem Hund ausweichen, ihn bekämpfen oder vor ihm weglaufen. Furcht macht zielgerichtete Gegenmaßnahmen möglich.

Andererseits kann ich Angst in der Dunkelheit haben (nicht aber Furcht vor der Dunkelheit, gleichwohl es mir möglich wäre, sie mit einer Taschenlampe zu bekämpfen). Meine Angst in der Dunkelheit ist unbestimmt. Sie bezieht sich auf nichts Bestimmtes, sondern auf viele Möglichkeiten, die sich im Bereich der Dunkelheit bewegen könnten. Vielleicht lauern dort ja Monster? Verbrecher? Ein Loch im Boden, in das ich stürzen könnte, weil ich es nicht sehe? „Aber Moment, dann fürchtest du dich ja doch! Nämlich vor Monstern, Verbrechern oder Löchern im Boden!“ Das stimmt. Es zeigt aber auch: Angst ist ein undifferenziertes Gefühl, das mit einer nicht genau bestimmbaren aber immerhin möglichen Gefahr einhergeht.

Der letzte Satz macht noch etwas deutlich: Sowohl Furcht als auch Angst haben als Bezungspunkte eine Gefahr. Er macht ebenso deutlich: Angst haben ist von der Empfindungsqualität her deutlich schlimmer, als sich vor etwas zu fürchten. Denn eine Person, die sich vor etwas fürchtet, kann gegen diese Gefahrenquelle aktiv werden. Sie kann die Gefahr bekämpfen oder sich vor ihr in Sicherheit bringen. Eine Person die Angst hat, hat diese Möglichkeit nicht. Sie ist ihr hilflos ausgeliefert, weil es keinen festen Bezugspunkt gibt, gegen den sie sich richten oder vor dem sie sich in Sicherheit bringen kann. Angst hat hier eine eine lähmende Wirkung. In der Dunkelheit würde ich nicht weglaufen, denn ich könnte in Löcher fallen – und gegen die unbekannten Monster Schattenboxen ist zwar eine Option – aber eine, die im Grunde nur eine Panikreaktion und damit reine Energieverschwendung wäre. Und wenn die Angst sich zu dieser kopflosen Panik aufgeschaukelt hat, kann sie schnell noch unkontrollierbarer und noch schwerer zu beherrschen sein, als sie es inhärent ohnehin schon ist.

Kommen wir zum zweiten Teil, der Freiheit. Auch hier kann es sich nur um die eine Gefühlsqualität handeln (denn sonst könnten Freiheit und Angst hier nicht als Gegensatzpaar mit „statt“ verbunden sein). Hier ist nun die Frage: Wie fühlt sich Freiheit eigentlich an? Ist es einfach nur „das fehlen von Angst“? Nein, ich denke, das wäre zu kurz gegriffen. Das Gefühl der Freiheit lässt sich vermutlich am ehesten mit einem anderen Gefühl beschreiben: Unbeschwertheit. Dabei kann es keine absolute Freiheit geben, sondern nur eine relative in Bezug auf das jeweils grundlegende System. Ich will auch diesen Satz anhand von Beispielen erklären. Ich habe die Freiheit, diese Zeilen in einem Café sitzend zu schreiben. Das System lässt aber nicht zu, dass ich einfach ohne zu bezahlen gehe. Ebenfalls kann ich nicht in den nächsten Jet steigen und losfliegen – dazu fehlen mir sowohl die Kenntnisse als auch die Qualifikation. Meiner Freiheit sind somit, relativ weite, Grenzen gesetzt.

Kommen wir vom allgemeinen zum Speziellen. Natürlich ist mit dem Satz „Freiheit statt Angst“ keine strukturbedingte Einschränkung gemeint. Vielmehr bezieht er sich auf zwei andere, Systeminterne, Bereich nämlich „Überwachung“ und „Terrorismus“.
Auch hier will ich wieder hinten anfangen, nämlich beim Terrorismus. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es mittlerweile über 120 verschiedene Definitionen von Terrorismus (mindestens eine davon von mir selbst 😉 ), von denen ich hier allerdings keine einzige anführen will. Vielmehr will ich auf die Wortbedeutung schauen. Denn es geht um die Verbreitung von Terror – und Terror bedeutet nichts anderes als „Angst“. Eine Person, die Terror verbreitet, hat also die Absicht anderen Menschen das oben beschriebene, undifferenzierte Gefühl von drohender Gefahr zu vermitteln, genauer, die Gefahr vor dem jederzeit drohenden Tod. Der Methode des Terrorismus ist es inhärent, dass nie genau klar wird, wann, wodurch, wer angegriffen und zu Tode kommen wird. Es ist wie mit der Dunkelheit: Es könnten jederzeit überall irgendein Monster aus dem Loch springen. Weglaufen zwecklos.

Wir wird nun dadurch aber das Gefühl von Freiheit bedroht? Nun, hier gibt es einen Zusammenhang zwischen der Information über die vielen möglichen Gefahren. Ich hätte niemals Angst im Dunkeln gehabt, hätte ich keine Horrorfilme gesehen und Gruselgeschichten gehört, in denen mir fortwährend erzählt wurde, welch schreckliche Abscheulichkeiten möglicherweise in der Dunkelheit lauern könnten. Mit Terrorismus verhält es sich ähnlich. Ich will nicht menschenverachtend klingen, aber: Es passieren relativ wenig Anschläge mit relativ wenig Opfern. Durch Erdbeben und Tsunamis kommen jährlich viel mehr Menschen ums Leben als durch Terroranschläge. Und Erdbeben und Tsunamis sind mindestens genauso wenig vorhersehbar. Aber eben diese wenigen Anschläge finden eine möglichst große mediale Verbreitung und mit jedem neuen Gesetz, mit dem mehr Überwachung beschlossen wird, steigt in der Bevölkerung die Angst, dass irgendetwas, irgendwo, passieren könnte. Und zwar jederzeit. Um in der Metaphorik zu bleiben: Es ist so, als würde den Menschen immer wieder gesagt werden: „Passt auf, bald ist es Nacht. Jederzeit könnte plötzlich die Sonne untergehen. Seid auf der Hut. Denn wenn es erst einmal dunkel ist, dann kommen die Monster aus den Löchern. Und dann seid ihr alle verloren.“ Das große Problem daran: Das wird den Menschen mittags bei strahlendem Sonnenschein erzählt.

Genau in dieser Mechanik liegt das Problem. Seitens der Politik wird den Menschen nicht gesagt „Seid vorsichtig, es könnte ein Erdbeben geben. Passt auf, wenn ihr an Küsten lebt, es könnte zu einem Tsunami kommen.“ Vielmehr wird hier der psychologische Effekt ausgenutzt, dass wir Menschen vor den Dingen, die im Grunde am unwahrscheinlichsten sind, am meisten Angst haben. Statt Geld in die Verbesserung der Infrastruktur zu stecken, um die Menschen vor Erdbeben oder Tsunamis möglichst großen Schutz zu bieten (wobei hier, wie in allen Fällen, ultimativer Schutz unmöglich ist), wird vielmehr die Überwachung ausgeweitet.

Diese Überwachung erzeugt noch mehr Angst. Diesmal nicht nur vor einem möglichen Anschlag, sondern auch vor den Mitmenschen. Der Ausgangspunkt der Gefahr wird damit auf die Überwachten verlagert – so wie der Ausgangspunkt der anderen Angst in der Dunkelheit liegt. Mit anderen Worten: Ich habe keine Angst, wenn es hell ist. Und ich habe keine Angst, wenn ich allein bin. Denn die Gefahr geht von der Dunkelheit aus – und von anderen Menschen. Es ist fast so, als würde Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ Wirklichkeit: Die Hölle, das sind die anderen!

Was bedeutet nun „Freiheit statt Angst“? Nicht weniger als: Hört auf, Angst voreinander zu haben! Lasst euch nicht einreden, dass unter euch Menschen lauern, die euch töten wollen! Lasst nicht zu, dass das Gefühl des freien, unbeschwerten Lebens durch ein Übermaß an Überwachung zunichtegemacht wird! Die einzige Angst, die ihr haben müsst, ist die vor der Angst selbst. Denn, wie oben beschrieben, hat Angst einen lähmenden Effekt. Und ein Mensch, ja eine ganze Gesellschaft, die vor Angst gelähmt ist, kann nicht mehr effektiv über sich selbst bestimmen. Im Gegenteil: Sie gibt sich der Fremdgesteuertheit hin, in der Hoffnung, dass „die anderen“, die keine Angst haben, ihr einen Weg aus der Angst heraus weisen können. Dabei vergessen sie aber, dass diese Angst künstlich erzeugt ist und dass diese „anderen“ keineswegs die Absicht haben, die Menschen von ihrer Angst zu befreien, sondern sie vielmehr zu kontrollieren und zu steuern. Dabei wird suggeriert, dass all die ergriffenen Maßnahmen die Sicherheit vor einem Anschlag erhöhen. Das ist ungefähr so, als würden in der Dunkelheit absichtlich alle Lichter abgeschaltet und gesagt: Wenn wir nur alle nackt rausgehen und uns von ein paar wenigen, die Taschenlampen haben, nur genau genug betrachten lassen, kann uns nichts passieren.

Dabei werden diejenigen, die angeleuchtet werden, deutlich hervorgehoben, um den Menschen noch mehr Angst zu machen. Wenn wir aber alle leuchten, muss sich niemand mehr fürchten.

Seid frei! Kauft euch Taschenlampen!

Der digitale Leviathan – Hobbes Reloaded

Ein Blog-Beitrag von der Kattascha macht mich ein wenig nachdenklich. Sie will nicht überwacht werden und auch nicht vorgeschrieben bekommen, was ihre digitale Sehhilfe in 40 Jahren einmal für sie sehen kann und was nicht. Wir sollen den Rückbau der Geheimdienste fordern und verlangen, dass die digitale Überwachung ein Ende nimmt. Ich bin wenig optimistisch, dass das funktionieren kann. Wir haben den Leviathan geschaffen – danach ist es nur schwer, ihn wieder aus der Welt zu kriegen. Ich versuche das Mal „Nerd-Kompatibel“ zu formulieren.

Thomas Hobbes und der Leviathan

Hobbes war Vertragstheoretiker. In seiner Zeit herrschte Krieg und Elend, die Menschen waren einander nicht gerade sehr wohlgesonnen – und so hatte er eher ein recht negatives Menschenbild. Die Menschen sind sich gegenseitig Feinde, nur dazu da, sich zu unterwerfen, zu töten und zu bestehlen. Wie Tiere fallen sie übereinander her, denn hier gilt das Recht des Stärkeren – wobei auch der Schwächste noch ausreichend Schaden anrichten kann, wenn er denn nur von seinem Verstand gebrauch macht. Um aus diesem „Naturzustand“ herauszutreten, ersann Hobbes den Gesellschaftsvertrag. Die Idee ist, dass die Menschen endlich in Sicherheit leben wollen und nach Schutz voreinander verlangen. Also suchen sie sich einen aus, der über sie herrschen soll und geben sodann, im Rahmen des Gesellschaftsvertrags, alle ihre Rechte auf Selbstverteidigung und die Anwendung von Gewalt ab. Bis auf diesen einen. Der hat noch alle Rechte und kann damit über die anderen bestimmen und auch gegen sie Gewalt anwenden, um die gesellschaftliche Ordnung sicherzustellen.

Leviathan 2.0

Mit unserer digitalen Revolution haben wir etwas Ähnliches getan. Früher waren Computer keine Selbstverständlichkeit. Sie mussten von Hand gebaut werden. Die Bauteile mussten zusammengelötet werden, die Software entstand durch die Anordnung der Bauteile und erst eine Weile Später konnten die Menschen ihre Computer dann mit Hilfe anderer Computer (die sie auch selbst bauen mussten) programmieren. Programme waren mehr oder weniger in den Leiterbahnen der Chips integeriert, bevor sie dann irgendwann als Quellcode geschrieben werden konnten.
Aber die Menschen waren es Leid, ihre Computer selbst bauen zu müssen. Es war anstrengend, frustrierend, erforderte eine Menge Denkleistung die digitalen Eingeweide der Maschine überhaupt zu verstehen und sie dazu zu bringen, zu tun, was die Menschen wollten. So einen Computer bauen war eine langwierige Aufgabe. Also beschlossen sie irgendwann, es ein paar wenigen zu überlassen, die Maschinen zu bauen, auf dass sie sie nur noch benutzen konnten.

Die Menschen sind stumm übereingekommen und haben ihren Leviathan gewählt. Sie haben ihre Rechte auf die Konstruktion der Hard- und Software aufgegeben, auf dass einer, den sie für kompetent hielten, das für sie übernehmen mochte. Mit wachsendem Fortschritt und weiterer Verbreitung der Technologie bekam der Leviathan mehrere Köpfe. Die Menschen, die schon in der digitalen Gesellschaft aufgewachsen sind, haben noch nie ihren eigenen Computer gebaut. Sie haben nie ihren eigenen E-Mail-Server installiert. Sie haben auch noch nie in die Beschreibungen der Kommunikationsprotokolle geblickt, die sie tagtäglich verwenden. Sie vertrauen darauf, dass der digitale Leviathan das alles für sie schon richten wird. Denn sie haben sich selbst diese Rechte vor langer Zeit entzogen.

Und so lassen wir alle unser digitales Leben administrieren. Von Google, Facebook, Microsoft und Apple. Wir haben keine Schreibrechte auf all die Anwendungen, die da im Hintergrund laufen, denn der Leviathan hält ein parternalistisches Auge darauf geworfen und sagt uns, dass er schon weiß, was gut für uns ist. Schließlich soll ja keine digitale Anarchie ausbrechen, die nur Unfrieden bedeuten würde.

Die Schreibrechte zurückerlangen

Es ist nahezu unmöglich, dass die Menschen nun lernen könnten, all das, was sie jahrzehntelang aufgegeben haben, wieder lernen könnten. Zu schnell war der technische Fortschritt. Computer werden mittlerweile von Computern ersonnen, nicht mehr von Menschen. Die Technik baut sich selbst. Der Leviathan, den wir alle selbst wählten, zieht an den digitalen Fäden unserer Gesellschaft.

Was uns helfen könnte – und da sehe ich eine Chance – ist, wenn wir aufhören uns von der Technik, die wir schufen, benutzen zu lassen. Wir müssen wieder anfangen sie aktiv zu benutzen, statt sie die Entscheidungen für uns treffen zu lassen. Es ist schön, wenn Google oder Apple mein Adressbuch verwalten und mich darauf hinweisen, dass jemand in meinem Bekanntenkreis Geburtstag hat. Aber warum brauche ich eine digitale Gedankenstütze? Sind mir meine Bekannten etwa nicht wichtig genug? Es ist auch schön, wenn mir Google-Now sagt, was gerade in meiner Nähe so los ist. Aber warum gucke ich nicht einfach in die Zeitung (geht ja auch online)?

Es ist aber nicht alles hoffnunglos. Wir müssen – als Gesellschaft – anfangen zu verstehen, wann wir eine Technologie benutzen und wann wir von ihr benutzt werden. Und wir müssen viel bewusster, viel aktiver und viel vernünftiger mit den von uns geschaffenen Technologien umgehen. Wir müssen wieder anfangen zu leben, statt uns leben zu lassen.

Sapere aude.