Dieser Beitrag ist Fake-News

Ich kann es nicht mehr hören. Fake-News, alternative Fakten, Lügenpresse, Propaganda – immer und immer wieder spülen diese Begriffe in meine Filterblasen und gehen mir damit verschärft auf die Nerven. Warum? Weil es sie schlicht nicht gibt.

Es gibt gar keine Fake-News? Aber sie wurden doch schon entlarvt!
Natürlich. Es gibt Medienberichte, die, wie sich herausstellte, auf völlig frei erfundenen Vorfällen beruhten. Das ist schlicht eine kontrafaktische Darstellung der Wirklichkeit. Ich stelle mir da die Frage: Ist es jetzt aber ein Problem, dass über diese frei erfundenen Vorfälle berichtet wurde oder dass die Vorfälle überhaupt erfunden wurden? Ich denke, beides geht Hand in Hand. Um das Problem genau aufzudröseln, muss man verstehen, wie Medien funktionieren.

In der Mediensoziologie gibt es da eine recht simple Wahrheit: Medien produzieren, was sie verkaufen können.
Klar. Wir glauben, Medien und Journalisten wären dazu da, über die Welt zu berichten und uns mit Informationen zu versorgen, die etwas über die Wirklichkeit aussagen. Allein das ist schon ein unglaublich komplexer Sachverhalt. Zum einen sind es tatsächlich nur Infomationen und keine Wahrheiten (für Wahrheiten sind Wissenschaftlicher zuständig, nicht Journalisten). Zum anderen gibt es so viele Informationen auf der Welt, dass es eine Auswahl darüber geben muss, welche davon verbreitet werden und welche nicht.
Mich persönlich interessieren die Wahlergebnisse der Vorstandswahlen eines nordvietnamesischen Taubenzüchtervereins nicht. Was mein persönliches Interesse damit zu tun hat? Nun ja: Ich würde keine Zeitung kaufen, in der darüber berichtet wird. Und was ist, wenn sich kaum jemand für diese Wahlergebnisse interessiert? Nun ja, dann ist es irgendwann teurer, darüber zu berichten und es auf Papier zu drucken, als dass es Leute gibt, die für den Inhalt bezahlen – und schon rentiert es sich nicht mehr. Schließlich wollen Journalisten auch von irgendetwas leben, Druckmaschinen müssen betrieben werde, Papier kostet Geld (Server kosten Strom, Räume die gemietet werden müssen, dazu kommen Organisations- und Verwaltungsaufwand, etc. pp.).
Das System „Medien“ wird also mit einer Fülle an Informationen konfrontiert und muss entscheiden, welche davon rentabel zu veröffentlichen sind und welche nicht. Manche davon mögen interessanter sein, manche weniger interessant – aber es braucht immer eine Zielgruppe, die es rezipiert und die der Information einen entsprechenden Wert beimisst.
Halten wir also fest: Die Rezipientengruppe entscheidet über die Veröffentlichung einer Information.

Und was ist mit „alternativen Fakten“?
Jetzt müssen wir noch weiter differenzieren. Handelt es sich um eine bewusst erfundene Geschichte (wie beispielsweise das „Bowling Green Massacre“) oder einfach um eine abweichende Wirklichkeitskonstruktion (wie beispielsweise die Anzahl der Besucher von Trumps Inauguration)? Im ersten Fall ist es eine frei erfundene Information, die sich eben sehr gut verkauft. „If it bleeds it leads.“ Derart stark emotionalisierende Themen ziehen zahlreiche Menschen an. Zahlreiche Menschen denen man Werbeanzeigen einblenden kann – kurzum: Bares Geld verdienen. Wenn es das jeweilige Medium nicht interessiert, ob der Inhalt der Informationen auf einer Basis von tatsächlich überprüfbaren Fakten basiert (es also Bullshit im Sinne von Harry Frankfurt ist), dann wird es selbstverständlich veröffentlicht. Auf der Ebene desjenigen, der die Informationen liefert, lassen sich andere Motive vermuten: Aufmerksamkeitsbedürfnis, bewusste Polarisierung, Lenkung der Meinung in eine gewünschte Richtung (dann reden wir von Propaganda), etc. pp.
Der zweite Fall ist komplizierter. Hier ist es so, dass es tatsächlich auf den Blickwinkel ankommt. Sieht man die Menschenmenge aus der Perspektive von Trump, dann waren selbstverständlich unfassbar viele Menschen anwesenden. Man kann sich schließlich leicht über Mengen täuschen und aus der Perspektive sieht man nicht alles. Man sieht einfach nur sehr viele Menschen und leitet daraus dann die Menge ab.
Jemand der die Menge von hinten sieht und die vielen leeren Flächen betrachten kann, hat ein völlig anderes Bild. Eine andere Wirklichkeitskonstruktion. Ich mache hier also einen konstruktivistischen Punkt: Was wir über die Welt wissen, ist das, was unsere Hirne aus den Informationen aus unserer Wahrnehmung zusammenbauen. Nicht mehr. Die Inaugurations-Menschenmenge ist ein gutes Beispiel dafür: Zwei Personen sind in der gleichen Situation – sie befinden sich aber in unterschiedlichen Perspektiven. Sie teilen zwar die gleiche Situation aber nicht die gleiche Wirklichkeit. Klingt komisch, ist aber so.
Es kann also eigentlich keine„alternative Fakten“ geben. Denn die „Fakten“ (ich will es mal als „objektive Entitäten in der Welt“ beschreiben, wenngleich sich das jetzt holprig anfühlt), sind zunächst einmal unveränderliche Dinge in der Welt. Sie lassen sich aber aus verschiedenen Perspektiven betrachten – es kann also „alternative Wirklichkeiten“ geben, die aus den gleichen Fakten entstehen.

Aber was ist denn nun wahr?
Wahrheit ist eine begründete Überzeugung. In dieser simplen Erklärung stecken zahlreiche Wahrheitstheorien, die ein paar Regalmeter füllen. Ich versuche es mal ganz, ganz einfach (und auch möglichst humorvoll, um niemanden zu sehr zu langweilen):
Es gibt einen Bericht darüber, dass letzten Sonntag der Südhintertupfinger Kaninchenzüchterverband eine Notstandssitzung abhielt, weil ihre Hasen zu Ostern nicht mehr mit dem Eierverstecken hinterher kommen und dringend mehr Hasen angeschafft werden müssen.
Das ist zunächst mal eine Information. Aber ist sie wahr? Nun, zunächst einmal habe ich die Überzeugung, dass Hasen keine Eier verstecken. Auch nicht zu Ostern. Das ist ein überlieferter Volksglaube, der darauf beruht, dass die Bauern früher im Frühling die Hasen dabei beobachten konnten, wie sie über die Felder liefen und dabei brütende Vogeltiere (Wildhühner und dergleichen) aufschreckten. Da blieben dann natürlich Eier liegen. Und so entstand dann der Glaube an den „Osterhasen“ der Eier versteckt. Nun ja. Zumindest mehr oder weniger. Ob das stimmt kann ich nämlich auch nicht so genau überprüfen.
Ich habe also die begründete Überzeugung, dass Hasen keine Eier verstecken. Damit wäre ein Teil dieser Information über den Südhintertupfinger Hasenzüchterverein schon mal „nicht wahr“. Wie sich zudem nach kurzer Recherche herausstellt, existiert gar kein „Hintertupfingen“ in dem es einen Hasenzüchterverein geben könnte. Das behaupten zumindest verschiedene Quellen und die Mehrheit der Leute, die man fragen kann. Ich kann also hier die Überzeugung ausprägen, dass es einen solchen Ort und damit auch die gesamte Geschichte gar nicht geben kann. Die Begründung dafür wäre dann über die Menge der unabhängigen Quellen hergestellt.
Hier ist allerdings dann auch Vorsicht angeraten: Schon Seneca sagte nämlich, etwas nicht unbedingt wahr sein muss, nur weil es die Mehrheit glaubt. Um es also genau zu wissen, müsste man jetzt die Recherche auf Ortsregister ausweiten und prüfen, ob es den Ort „Hintertupfingen“ wirklich nicht gibt.

Bei der Wahrheit kommt es also im Grunde auf die Begründung der Überzeugung an. Gründe sind dabei grundsätzlich vernünftig, überprüfbar und vor allem logisch konsistent. Und wenn es logisch konsistent aber nicht sinnvoll ist, dann ist es eben auch nicht wahr.
Wahrheit für sich genommen ist ein abstrakter Begriff, der mit Fakten nicht zwangsläufig Hand in Hand geht. Fakten müssen nämlich nicht wahr sein. Einfaches Beispiel: Wenn jetzt p einen Mord begeht und q im Schlaf die Tatwaffe in die Hand drückt, dann sind q’s Fingerabdrücke darauf und die Fakten deuten darauf hin, dass er den Mord begangen hat. Wahr ist das dennoch nicht.

So. So viel bis hier hin. Ich denke (oder hoffe), dass klar wird, warum ich den Begriff „Fake News“ für völlig inflationär verwendet und maximal deplatziert halte. Im Großen und Ganzen tendiere ich dazu, sofort an der Ernsthaftigkeit einer Aussage zu zweifeln, sobald der Begriff fällt. Und ich kann nur hoffen, dass wir diese ganze Debatte bald wieder loswerden.

Wearables zwischen Bevormundung und Selbsterkenntnis

2014 ist das Jahr der Wearables. Kleine Geräte, meist Armbänder, die unsere Körperfunktionen aufzeichnen. Wie viele Schritte haben wir gemacht, was haben wir gegessen, welche Puls haben wir gerade, wie lange haben wir mit wie viel Bewegung geschlafen… all das zeichnen diese kleinen Gadgets auf und stellen es als hübsch aufbereitete Graphen dar. Sie melden sich auch zu Wort, wenn sie der Ansicht sind, dass wir uns heute noch nicht genug bewegt hätten. Das Ziel der Übung ist es, den Menschen zur Fitness und zur Gesundheit zu animieren. Und hierüber entbrennt gerade ein Streit – zwischen Frank Schirrmacher auf der einen Seite, der die Technologie als bevormundend ansieht und Florian Schumacher, der meint, dass es sich dabei um eine Möglichkeit der Selbstbefreiung von vermeidbaren Krankheiten handelt. Ich denke: Beide haben auf ihre Weise Recht – aber die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Freiheit durch Bevormundung

Freiheit ist ein unbestreitbar kostbares Gut. Die „Freiheit, frei von vermeidbaren Krankheiten zu leben“ haben zu können, scheint auf den ersten Blick auch nicht unbedingt schlecht zu sein. Ich frage mich an dieser Stelle nur: Zu welchem Preis? In den seltensten Fällen ist Freiheit etwas, das den Menschen „einfach so zufällt“. Meist müssen sie dafür kämpfen und regelmäßig dafür streiten. Freiheit ist in der Verwendung von Herrn Schumacher etwas, bei dem es darum geht, etwas Belastendes nicht zu haben, nämlich eine vermeidbare Krankheit. Wenn ich in Schumachers Sinn frei bin, heißt das also nur, dass mir ein kleiner Teil eines Übels (nämlich eine Krankheit, die ich nicht haben muss), nicht zustößt. Der Preis dafür ist die Aufzeichnung meiner Körperfunktionen und die Unterwerfung unter das Diktat des Computers.
Zweifellos ist da ein Problem: Es gibt keine Sicherheit, dass ich an einer vermeidbaren Krankheit leiden würde, wenn ich mich nicht dem Diktat der Maschine unterwerfe. Genauso wenig gibt es eine Garantie dafür, dass mich nicht doch eine vermeidbare Krankheit ereilt, wenn ich es tue. „Vermeidbare Krankheit“ ist nämlich nicht definiert und viel zu unspezifisch, als dass hieraus eine wahre Aussage abgeleitet werden könnte. Schließlich könnte ich, wenn ich mich nun mehr bewege, eine Gelenkkrankheit vermeiden. Da ich das aber draußen mache, könnte ich mir dort eine Erkältung einfangen. Damit würde ich nun auch nur eine vermeidbare Krankheit gegen eine andere eintauschen. Darum scheint es an dieser Stelle nicht zu gehen – vielmehr scheint es Herrn Schumacher um die Verbreitung von Propaganda der Fitness-Industrie zu gehen.

νῶθι σεαυτόν

Wenn es um Selbsterkenntnis geht, tut sich der Mensch scheinbar immer schwer. Das ist nicht weiter verwunderlich, beschäftigen wir uns doch die meiste Zeit über gar nicht mit uns selbst, sondern sind zwischen Beruf, Familie und Freizeitaktivitäten hin und her gerissen. Auf uns selbst achten? In uns selbst hineinhören und vielleicht mal hinterfragen, ob unser alltägliches Verhalten vielleicht schlecht wäre? Nein, dazu kommt es all zu selten. Meist werden wir eher stressbedingt krank. Und wenn wir dann soweit sind, dass wir stressbedingt krank geworden sind, müssen wir uns von anderen vorhalten lassen, wir wären „zu weich“, „zu schwach“ oder es heißt „Früher hätte man dir einfach nen Schlag in den Nacken gegeben und gesagt ‚Los! Weiter!‘ Heute sind alle so verweichlicht…“ Das Heilsversprechend der Gesundheitsindustrie liegt auf der Hand: Menschen, die ihr Gefühl für sich selbst verloren haben, kann geholfen werden. Es gibt einen „technical fix“: Man benutzt Computer um Körperfunktionen aufzuzeichnen und zu visualisieren. Wer verlernt hat, auf sich selbst zu hören, muss da nicht mehr – das können Maschinen viel besser. Damit einher geht natürlich auch eine Erleichterung, die eigentlich keine ist: Niemand muss mehr auf sich selbst achten, wenn andere das für einen erledigen. Oft werden Fitnessanwendungen damit beworben, dass sie besonders leicht, einfach, schnell und genau wären. Alles so einfach wie möglich, ohne sich genau mit Details beschäftigen zu müssen. Die Nutzer müssen gar nicht mehr genau wissen, was passiert, es reicht, wenn sie die Geräte und Anwendungen einfach benutzen. Kant würde sich vermutlich im Grabe umdrehen – schließlich gibt ein jeder dadurch das auf, was 300 Jahre Aufklärung immer und immer wieder versucht haben, den Menschen zu ermöglichen: Die Fähigkeit, den eigenen Verstand zu benutzen.

Nein, statt selbst zu denken, selbst zu fühlen und selbst die Verantwortung für das eigene Leben zu haben, wird es lieber an die Computer abgegeben. Das ist ungefähr genauso unsinnig, wie Werbevideos (davon gibt’s im Internet eine ganze Menge!), die mit knapp dreißigminütigem um-den-heißen-Brei-Herumgelaber die ultimative Geheimwaffe für einen schlanken, fitten und schönen Körper versprechen. Die einfache, leichte, und völlig ohne jede Anstrengung nachvollziehbare Anleitung für die Ernährung kann man für den absoluten Supersonderpreis von nur 199 Dollar kaufen. Gezeigt werden auf der einen Seite natürlich dicke Frauen als Vorher-Bilder und schlanke Models als Nachher-Bilder. Oder fettleibige Männer und durchtrainierte Kerle mit Sixpack. Das „Nachher-Model“ hat dabei entweder massiv mit Steroiden nachgeholfen oder mindestens 10 Jahre trainiert. Denn ohne Weiteres bekommt man weder ein Sixpack noch dicke Muskelpakete an den Armen. Ich spreche da aus Erfahrung: Ich selbst habe es mit täglichem, völlig übertriebenem um massiv unvernünftigem Training geschafft, 35kg abzuspecken und ein paar ganz ansehnliche Muskeln aufzubauen. Was in Werbevideos allerdings verschwiegen wird, ist der Umstand, dass die Haut, die vormals mit Fett gefüllt war, im Anschluss an so eine radikale Diät, dann wie ein schlapper Luftballon herunterhängt. Man darf mir an dieser Stelle glauben: Stahlharte Bauchmuskeln können sich verdammt gut unter locker hängender Haut verstecken! Und man sieht auch trotzdem immer dicker aus, als man eigentlich ist – denn die Haut ist ja nicht mehr prall und fest gefüllt, sondern formt sich zu kleinen Röllchen zusammen. Insgesamt also kein schöner Anblick – nicht einmal näherungsweise so, wie es ein Werbevideo versprechen würde. Oh, bevor ihr fragt: Nein, ich habe keine teuren Diätanleitungen gekauft. Ich habe mich aber intensiv mit meiner Ernährung und meinen Gewohnheiten auseinandergesetzt und sie radikal geändert. Im Ergebnis bin ich zwar schlanker und muskulöser als je zuvor – dafür hat die ganze Aktion aber auch massive Stresskrankheiten zur Folge gehabt. Also liebe Kinder: Macht das nicht Zuhause nach.

Sich selbst mit Hilfe von Technologie erkennen ist nicht vollkommen schlecht. Es kann eine Stütze sein. An dieser Stelle mag ich Herrn Schirrmacher widersprechen. Wenn ich meine Daten im Austausch für einen Dienst anbiete und mich rational dafür entscheiden kann, dass es genau da ist, was ich will – dann kann ich das problemlos tun. Selbstverständlich lauert hier die Falle des sozialen Drucks. Ich kann schließlich nicht wollen, was ich will – sondern nur das, was mir durch mein Umfeld und die Gesellschaft als Ganze aufsozialisiert wurde. Ich kann aber fest glauben, dass die Entscheidung tatsächlich auf mich selbst zurückzuführen ist, um, zumindest intern, Konsistenz zu erzeugen und mich verantwortlich fühlen zu können (ohne es faktisch zu sein).

Wenn ich eine Anwendung bekäme, die all die Daten sammelt, aber verschlüsselt im Gerät speichert und sie niemals irgendwohin sendet – nun, dann würde ich für so einen Dienst durchaus auch bezahlen. Es ist ja nicht so, als wären hier schon alle Geschäftsmodelle ausgeschöpft.{{1}} [[1]]Und, liebe Fitness-Industrie: Ich suche gerade einen Job. Ihr dürft mich also gerne für die Entwicklung eines fairen, datenschutzkonformen, Body-Tracking-Systems anheuern.[[1]] Wie bei jedem wirtschaftlichen Transfer geht es um den Austausch von Gütern. Dienstleistungen gegen Geld – oder eben gegen Daten, die dann zu Geld gemacht werden. Mir kommt es tatsächlich nur auf die aufgeklärte, zwangfreie Entscheidung jedes Einzelnen an, wenn es um Entscheidungen geht.

Freiheit oder Unterwerfung sind eine Frage des Umgangs mit der Technologie

Wenn jemand seinem neuen Fitnesstracker hörig ist und immer dann aufspringt, wenn er es befiehlt, nur noch haargenau die vorgegebene Menge Kalorien isst und ein schlechtes Gewissen bekommt, weil er sich mal weniger bewegt hat – nun, dann ist das ein deutliches Zeichen für eine Unterwerfung unter die Technologie. Und ein Zeichen für den Verlust von Freiheit. Tracking-Technologie einsetzen, um Daten über sich selbst zu sammeln, sie anzuhäufen, zu verwenden und mit anderen zu vergleichen kann ein toller Sport sein. Er führt aber auch nur dazu, dass man das eigene Näschen ein Stück höher tragen kann, weil man „besser ist“ als ein anderer. Problematisch daran ist, dass niemand gesagt hat, dass man besser sein muss. Wird die Technologie eingesetzt, um sich selbst zu verbessern, ist die Frage, die sich jeder dringend stellen muss: Zu welchem Zweck? Will man einfach nur schlank und muskulös sein, um anderen zu gefallen? Ist das den Stress wert, den strikte Diät und hartes Training{{2}} [[2]]Einfach und leicht abnehmen und Muskeln aufbauen ist schlicht und ergreifend völlig unmöglich.[[2]]mit sich bringen? Wenn man wirklich Spaß daran hat zu trainieren und sich mithilfe der gesammelten Daten verbessern will – dann ist der Einsatz wirklich sinnvoll. Wenn man sich aber nur dem sozialen Druck unterwirft, um einem schlanken, schönen Werbeideal zu entsprechend, wie es von den Plakaten und aus den Hochglanzmagazinen herausgrinst, dann erzeugt das nur zusätzlichen Stress.

Am Ende ist man schlank, schön, fit – und unglücklich. Gemäß der WHO-Definition von Gesundheit, ist man damit dann auch nicht gesund. Das ist nämlich „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Sich unglücklich fühlen ist damit eine vermeidbare Krankheit – die man sich durch den exzessiven Gebrauch von Fitnesstrackern durchaus zuziehen kann.

Es gilt hier also, sich weder dem Lobbyismus der Gesundheitsindustrie zu unterwerfen, noch der Kritik der Frankfurter Schule. Vielleicht wäre es besser, sich ein wenig an Kant zu orientieren und sich zu fragen, was man denn selbst eigentlich wirklich will – und vor allem aus welchen Gründen. Gibt es vernünftige, selbstbestimmte, freie Gründe, die für den Einsatz von Fitnesstrackern und die Freigabe von Biodaten sprechen? Sind diese Gründe stärker als die Gefahr, die durch den Datenmissbrauch entstehen kann? Und wenn man schon bei einer derart selbstbesinnlichen Frage angekommen ist, nämlich der Analyse des eigenen Willens, kann man dann nicht auch gleich ein wenig mehr in sich hineinhorchen, um so zu erfahren, wann man sich zu viel oder zu wenig bewegt und wann man zu viel oder zu wenig (oder etwas sinnloses – „leere“ Kalorien wie Chips und Schokolade z. B.) gegessen hat? Womöglich stellt der eine oder andere dabei erstaunliches Fest. Zum Beispiel, dass es gar keinen Technologieeinsatz benötigt, um sich wohler zu fühlen und gesünder zu leben. Sondern einfach nur etwas Zeit für sich selbst. Nehmt sie euch. Ihr habt schließlich nur ein Leben. Und kann aus so viel mehr bestehen, als auch Arbeit, Tracking, Effizienzssteigerung und Selbstoptimierung. Schließlich kommt ihr bei dem ganzen Stress nicht mehr dazu, euer Leben zu leben. 🙂

Gedanken zum „kaputten Internet“

Seit einigen Wochen treibt mich das Thema „kaputtes Internet“ um. Ich habe ja schon angefangen darüber zu schreiben – aber mittlerweile wird es ein wenig drängender damit. Im Modern-Nerdfare-Team wollen wir alsbald anfangen, das Ganze in einen Podcast zu gießen (eigentlich experimentieren wir nur mit dem Medium „Podcast“ herum, denn vielleicht hören mehr Leute als sie lesen und damit könnte sich der Rezipientenkreis erweitern lassen) und so muss ich erst einmal wieder einen Schritt zurücktreten, Gedanken sortieren und das Problem von verschiedenen Seiten beleuchten.

Meine Art der „Beleuchtung“ nennt David gern „pfennigfuchsen“, weil ich mir halt genau ansehe, welche Begriffe in der Debatte benutzt werden und ob sie überhaupt richtig verwendet werden. Schließlich wollte er eine Nerd-Philosoph-Diskussion podcasten. Nun, das kann er haben. 😉

„Kaputt“ – was soll das überhaupt meinen?

Zunächst einmal wird in der öffentlichen Debatte und im Schlagabtausch zwischen Bloggern, Journalisten und allen dazwischen der Begriff „kaputt“ gleich auf zwei völlig von einander verschiedene Dinge angewandt: Auf das Internet von Sascha Lobo und auf die Menschen von Martin Weigert.

Zu sagen, das Internet sei kaputt ist zwar begrifflich richtig, der Wahrheitswert der Aussage ist jedoch negativ. Zumindest wird der Begriff „kaputt“ hier richtig angewandt, denn nur Artefakte können kaputt gehen. Dinge, die wir selbst geschaffen haben, die technisch sind. Der Wahrheitswert entspricht dem, was Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet hat. Das Internet ist nämlich nicht kaputt. Im Gegenteil: Es funktioniert großartig. Sascha Lobo benutzt also einen Begriff, der auf eine Infuktionalität hinweisen soll und verwendet ihn, weil die Vertraulichkeit der Kommunikation über das Medium Internet beeinträchtigt ist. Zumindest am Anfang sieht er noch ein, dass es rein technisch durchaus noch ganz prima funktioniert – am Ende des Textes ist es dann aber trotzdem der falsche Begriff des „kaputt seins“. Und da er ihn nicht nur falsch verwendet, sondern sich für diese Falschheit gar nicht weiter interessiert, ist das Bullshit im Frankfurtschen Sinne.

Martin Weigert macht das ähnlich. Für ihn sind die Menschen und ihr Sicherheitsbedürfnis kaputt. Nun, Menschen können nicht kaputt gehen. Zwar leben wir in einer recht technisch betrachteten Welt, dennoch werden Menschen krank und sterben allerhöchstens. Kaputtgehen könnten vielleicht die künstlichen Hüftgelenke, die so ein Mensch mit sich herumträgt. Damit ist auch die Aussage, dass die Menschen kaputt seien, die da Internet benutzen, offensichtlicher Bullshit, der die Wahrheitswerte der Aussage schlicht ignoriert.

Ok. Ich will zumindest versuchen, das mediale Bullshit-Level zu verlassen. Wenn das Internet nicht kaputt ist, da es ja offensichtlich noch ganz großartig funktioniert und die Menschen gar nicht kaputt sein können, sondern allerhöchstens krank werden – bleibt die Frage: Was genau geschieht hier eigentlich gerade?

Das Verwenden von Informationen und das Problem der Privatsphäre

Der aktuelle Schock über die Spionage und das massenhafte Sammeln von Daten basiert meiner Ansicht nach auf einen Irrtum, welcher durch das Gefühl ausgelöst wird, dass die Dinge, die wir in unsere Browser-Fenster oder Mailprogramme tippen privat sind und bleiben. Ich will versuchen, dieses irrtümliche Gefühl greifbarer zu machen:

Wenn wir Dinge in unsere Computer oder Smartphones eingeben, dann sind wir die meiste Zeit über allein. Wir sitzen allein vor dem Computer und beim Smartphone ist es noch intimer, denn das haben wir immer in der Hand. Nur selten sieht uns jemand über die Schulter und sieht, was wir tun. Das erzeugt das Gefühl, das wir privat für uns allein wären. Und genau da kommt ein Problem auf uns Internetnutzer zu: Wir glauben, dass wir privat für uns sind und dass die Dokumente, Bilder und Videos, die wir auf die Server von Google, Dropbox und Co. laden auch nur von uns gelesen und bearbeitet werden können. Genau an dieser Stelle machen wir einen Fehlschluss. Wir geben die Daten aus der Hand und glauben, sie lägen nur für uns auf den Servern bereit. Und sind dann schockiert, wenn es Unternehmen oder Geheimdienste gibt, die uns dieser selbsterzeugten Illusion berauben.

Interessant daran ist, dass es nur die „jüngere Generation“ zu treffen scheint. Ein Freund von mir ist mit seinen knapp 53 Jahren schon durchaus ein Dinosaurier – aber schon immer einer, der sich intensiv mit Technik beschäftigt, seine Computer meist selbst baut und früher selbst damit gehandelt hat. Jemand, der die Gründerzeit der IT miterlebt hat, wenn man so will. Und das beste ist: Er traut all den sozialen Netzwerken und Cloud-Speichern nicht.

„Wenn ich Sachen auf meiner externen Festplatte speicher, dann kann ich sie mir in die Schublade oder in den Schrank legen. Dann weiß ich wo die Daten liegen und auch, wer darauf zugreifen kann. Nämlich ich selbst, wenn ich die Platte in Händen halte. Diesem ganzen Cloud-Mist trau ich nicht über den Weg. Ich weiß dann ja nicht einmal genau, wo meine Daten landen. Und wenn ich sie überall zugreifbar haben will, dann nehm‘ ich halt ’nen USB-Stick mit.“

Worte, die veraltet klingen, in Zeiten, in denen alles überall via Internet zugreifbar ist, wir unserer Arbeit, unser Hobbys und unsere Fotos immer und überall abrufbar mitnehmen können und es toll finden, keine Sticks und Festplatten mit uns herumtragen zu müssen. Wenn man aber genau darüber nachdenkt, dann berauben wir uns damit selbst der Kontrolle über unsere Daten. Wir geben sie an andere und nutzen ihre Dienste, um auf unsere (möglicherweise sehr intimen) Daten zuzugreifen. Und weil wir allein sind, während wir sie speichern, glauben wir, dass auch nur wir allein diese Daten sehen können.

Wichtig zu bemerken ist, dass es unsere Entscheidungen sind, die all das erst ermöglichen. Wir entscheiden uns dazu, unsere Daten abzugeben, weil wir den Werbeversprechen glauben, dass das alles ungemein praktisch ist und toll und hip. Dass USB-Sticks oder Festplatten mit sich herumtragen nicht mehr zeitgemäß ist. Und damit entscheiden wir uns dazu, unsere Daten Unternehmen anzuvertrauen und die volle Kontrolle über die Daten aufzugeben. Das ist wichtig: Wir haben die Kontrolle über die Daten nicht etwa verloren; sie ist uns auch nicht entrissen worden. Wir haben sie bewusst aufgegeben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Wurde das Vertrauen in das Internet kaputtgemacht?

In den frühen 90ern glaubten Mediensoziologen noch, dass da Internet die Menschen zusammenführen würde. Differenzen könnten aus der Welt geschafft werden, grenzenlose, schichtübergreifende Kommunikation und Anonymität könnten einen noch nie da gewesenen kulturellen und politischen Austausch ermöglichen.

Knapp 15 Jahre später sahen sie ein, dass sie sich irrten.

Das Internet führt Menschen zusammen – das ist richtig. Aber nur Menschen mit gleichen Interessen und aus den gleichen sozialen Schichten. Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Internet auf nahezu gleiche Art und Weise ab, wie „im echten Leben“.{{1}}[[1]]Ich halte den Ausdruck für falsch, denn nur weil etwas über ein Medium vermittelt wird, wird es damit ja noch lange nicht unecht.[[1]] Die Illusion, dass das Internet der verheißungsvolle Garten Eden ist, in dem alle weltlichen Differenzen hinter uns zurückbleiben, zerplatzt in der Wissenschaft also recht schnell. Im Rest der Gesellschaft wollte diese Desillusionierung allerdings nicht recht fruchten. Ich vermute, die Botschaft einfach nicht werbewirksam genug gewesen ist, denn, wenn man die Wissenschaft unter die Leute bringen will, muss man einen Veröffentlichungsweg wählen, den die Menschen verstehen, mögen und auch rezipieren wollen. Wissenschaftliche Abhandlungen sind meist nicht all zu spannend geschrieben – und deswegen wollen die Leute sie meist gar nicht erst lesen.

Ich stelle an dieser Stelle fest: Wir hatten ein gewisses Vertrauen in das Internet – aber es war nicht berechtigt. Die hohen Erwartungshaltungen konnte es nicht erfüllen. Der Glaube daran, dass wir die Kontrolle über unsere Daten behalten, auch wenn wir sie einem anderen anvertrauen, ist schon von Anfang an äußerst fragwürdig. Immerhin geben wir sie ja weg und haben als Garantie dafür, dass sie privat bleiben, nur Vertragsbestimmungen, die sich sowohl ändern als auch von beiden Seiten aufgekündigt werden können. Ich finde, das ist nicht viel.

Das Vertrauen in das Internet war also, sachlich betrachtet, nicht all zu gerechtfertigt. Wie kann etwas, dass ohnehin fragwürdig ist, noch weiter zerstört werden? Eine Frage, die ich zunächst offen lassen will.
Dass die Geheimdienste hier nun alles einsammeln, was sie kriegen können, ist eigentlich nur verständlich. Dazu sind Geheimdienste da. Das ist ihre Kernaufgabe. Und wir haben ihnen dabei große Dienste getan, in dem wir alles brav abgeliefert haben. Immerhin hatten wir, was die Angebote angeht, ja auch einen Nutzen davon: Statt Diaabende zu veranstalten konnten wir Fotos direkt in soziale Netzwerke kippen. Da können wir zwar nicht gemeinsam mit unseren Freunden ein Bier trinken, Chips knabbern, lachen und Erinnerungen teilen – aber wir können Kommentare lesen und schreiben und jeder allein für sich Bier trinken und Chips knabbern. Dann „fühlt es sich zumindest so an“, als würde man etwas mit Freunden erleben, auch wenn man es nur teilt. Teilen ist nämlich nicht gleich erleben. Das ist eine Erfahrung, die eigentlich jeder selbst machen kann. Probiert es mal aus: Trefft euch mit fünf Freunden, einer Kiste Bier und jeder Menge ungesundem Knabberkram auf ein paar Filme. Und dann ladet die gleichen Freunde eine Weile später mal zu einem Hangout mit Lovefilm oder einem der vielen anderen Streaming-Angebote ein. Der Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen ist deutlich.

Meine, recht kritische, Diagnose dazu ist (obgleich sie nicht ganz genau ins Thema passt): Wir sind zu bequem geworden, um zu leben. Wir finden immer neue Ausreden dafür, uns nicht mit unseren Freunden zu treffen. Sie wohnen zu weit weg, man müsste ja erst quer durch die Stadt fahren und überhaupt ist das alles viel zu anstrengend. Wir wollen keine Risiken eingehen. Wir wollen alles schön warm, kuschelig und sicher. Also bloß nicht das Haus verlassen (da passieren trotzdem immer noch die meisten tödlichen Unfälle) und alles über’s Internet teilen. Warum sollten wir Freunde fragen, ob sie zu einem Konzert mit wollen? Wir können ihnen doch Fotos schicken. Die Kehrseite: Romantisches Essengehen zu zweit findet meist in Begleitung vieler Online-Freunde statt, denen wir ja Fotos vom Teller in soziale Netzwerke stellen müssen. Phubbing olé!

Wenn wir nun also feststellen, dass wir die ganze Zeit eine hübsche, digitale Illusion gelebt haben, schockiert aufwachen und uns darüber beklagen, dass die Welt schlecht, gemein und überhaupt menschenunwürdig ist… nun, was soll ich sagen? Vielleicht sollten wir uns erst einmal an die eigene Nase fassen und uns fragen, was uns überhaupt geritten hat, dass wir die Illusion der Wirklichkeit vorziehen. Vielleicht ist das auch nur ein Ausdruck von Realitätsflucht. Früher flüchteten die Menschen in Bücher und spannen sich ihre Geschichten darum zusammen, heute übernimmt das das Internet und gaukelt uns eine schöne heile Welt vor, in der wir alle zusammen sind und tolle Dinge teilen (auch wenn wir sie niemals miteinander erleben können).

Schlussfolgerungen

Das Internet funktioniert prächtig und es macht genau das, wozu es erfunden wurde: Es verteilt Informationen. Die Art und Weise, auf die wir es verwenden, ist jedoch an Hoffnungen geknüpft, die vor allem recht werbewirksam von Unternehmen in die Welt gebracht worden sind. Wir lebten Jahre lang mit einem falschen Gefühl der Privatsphäre und einem falschen Gefühl der Sicherheit und stellten jetzt fest, dass es Institutionen gibt, vor denen wir faktisch nackt sind. Institutionen, die alles über uns wissen und damit noch viel mehr über uns vorhersagen könnten. Das Internet wurde nicht „kaputt gemacht“. Wir haben es nur von Anfang an mit den falschen Vorbedingungen benutzt.

Wenn, dann haben es nicht die Geheimdienste „kaputtgemacht“, sondern wir alle. Jeder Einzelne von uns. Es muss also nicht komplett neu aufgebaut werden. Wir müssen nur unser Verhalten ändern. So ist das Leben nun mal: Es stößt uns nicht einfach zu, wir entscheiden uns für oder gegen etwas. Jetzt müssen wir uns entscheiden, wie wir das Medium, das unsere Informationen beherbergt und verteilt weiter nutzen wollen. Ob wir weiterhin die Kontrolle über unsere Inhalte aufgeben und darauf vertrauen wollen, dass andere sie für uns schon sicher aufbewahren. Wir müssen die Entscheidung treffen, wie viel Macht über unsere Inhalte wir anderen wirklich überlassen wollen.

Und wir müssen uns bewusst machen, dass all diese Entscheidungen sich zunächst nur auf einen klitzekleinen Teil des Internets beziehen werden, nämlich den Teil, den wir alle sehen, lesen und kommentieren können.

Alle anderen Teile – vom Geldtransfer bishin zu Verkehrsleitsystemene – werden Teil anderer Überlegungen.

Warum das Internet nicht neu erfunden werden muss

In seiner Eröffnungsrede zum 30C3 sagte Tim Pritlove, dass das Internet neu erfunden werden müsste. Die Hacker hätten das Netz so geschaffen, wie es jetzt ist, aber ihre grundlegenden Prinzipien, Vertrauen und Freundschaft, hätten nicht ausgereicht. Nun, hier liegt ein Denkfehler vor, der genauer zu beleuchten gilt. Schließlich will ich versuchen, ein Teil der Lösung zu sein.

Meiner Ansicht nach liegen gleich zwei Irrtümer vor. Der erste: Vertrauen und Freundschaft würden nicht ausreichen, um ein menschenfreundliches Netz zu schaffen. Und der zweite: Es gibt eine technische Lösung für das Problem.

Beide Irrtümer hängen allerdings eng miteinander zusammen. Das fehlende Vertrauen ineinander macht Überwachung überhaupt erst möglich. Selbst wenn im Hintergrund gänzlich andere Interessen stehen (wie z. B. das Streben nach Macht und wirtschaftlichen Vorteilen), so ist es doch die Angst, mit der große Teile der heute vorhandenen Überwachungsmaßnahmen legitimiert wurden. Die Angst war schon immer eine gute (Be-)Herrscherin aber eine schlechte Ratgeberin. Nachdem uns ein Jahrzehnt lang Furcht vor dramatischen Terroranschlägen gemacht und Stück für Stück immer mehr Privatsphäre reduziert wurde, lassen wir uns von unserer Angst beherrschen. An dieser Stelle sei erklärt: Furcht und Angst sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Furcht richtet sich gezielt auf etwa – nämlich den Terroranschlägen, mit denen die Einschränkungen der Privatsphäre gerechtfertigt werden. Angst ist dagegen diffus und nicht so einfach greifbar. Sie schwelt im Hintergrund, richtet sich nicht auf ein bestimmtes Etwas, sondern bleibt ungreifbar und damit nicht rational zu besiegen.

Diese Angst führt dazu, dass unser Vertrauen unterminiert wird. Ob bewusst oder unbewusst: Die ständige mediale Aufmerksamkeit für Dinge, die nur unserer Sicherheit dienen sollen und die uns vor grausamen Anschlägen schützen wollen, vergiftet unser Vertrauen ineinander massiv.

Und genau hier ist der Kern des Problems: Menschen, die einander vertrauen, müssen sich nicht kontrollieren.

Das führt dann auch direkt zu Problem Nummer zwei: Freundschaft basiert auf Vertrauen. Wird das aber durch gezielte Furcht angegriffen, kann das auch die stärkste Freundschaft erschüttern.

Richtige Fragen stellen

Das Netz muss nicht neu erfunden werden. Es funktioniert prächtig. „Wie lässt sich das technisch lösen?“ ist damit einfach die falsche Frage. Es braucht keine technische Lösung, denn die Technik ist nicht das Problem. Es braucht eine gesellschafliche, eine politische Lösung. An dieser Stelle, so denke ich, müssen wir einfach alle zusammenarbeiten und gemeinsam über das Problem nachdenken. Nicht darüber, wie man Überwachung technisch verhindern kann, sondern darüber, wie man sie gesellschaftlich überflüssig macht.

Die bessere Frage ist also: Wie lernen wir, einander wieder zu vertrauen? Denn nur ohne Angst und dafür mit gegenseitigem Vertrauen können wir den Überwachenden die gesellschaftliche Toleranz entziehen.

Worauf ich hinaus will, ist, dass es für das Geheimdienstproblem keine technische Lösung gibt. Es muss eine gesellschaftliche und politische Lösung gefunden werden. Überwachung als solche bedarf einer weitgehenden moralischen Ächtung. Und dazu braucht es eine großflächige Zusammenarbeit zwischen Hackern und Philosophen. Wir haben schließlich viel mehr gemeinsam, als beiden Seiten bewusst ist. Schließlich verstehen wir uns auf formale Sprachen und angewandte Logik. Und wir nehmen Dinge (Argumente, Software, Technik), spielen ein wenig damit herum und setzen sie in einen neuen Kontext.

Wir müssen also nicht die Technik neu erfinden, sondern die Gesellschaft revolutionieren. Wenn das Netz auf den Prinzipien von Vertrauen und Freundschaft aufgebaut wurde, dann ist es spätestens jetzt an der Zeit, auch eine Gesellschaft auf Vertrauen und Freundschaft aufzubauen. Eine Gesellschaft, in der auf Misstrauen, Hass und Gewalt verzichtet werden kann. Klingt utopisch? Nicht utopischer als vor dreißig Jahren etwas wie ein iPad geklungen hätte.

Philosophie, Femen, Feiertage

Ganz putzig ist’s was mir da eben über den Bildschirm scrollt. Spiegel-Online widmet einer Philosophiestudentin und Femen-Aktivistin einen kleinen Artikel – und nach einer kurzen Befragung des heiligen Orakels zu St. Google findet sich auch ein Video dazu.

Ein wenig Hui-Buh zu Weihnachten und ein wenig Nacktprotest. Wenn man das denn Protest nennen will. Ich würde auch keine weiteren Gedanken daran verschwenden, außer vielleicht „Oh, hübsche Brüste…“, wäre da nicht der Hinweis auf das Studienfach Philosophie. Nun, ich habe überhaupt keine Ahnung, wer Josephine Witt ist – außer, dass eine kurze Google-Recherche sie wohl zu so einer Art B-Promi der deutschen Femen-Protestbewegung kennzeichnet. Zumindest wird sie in den meisten Artikeln immer in Verbindung mit anderen, scheinbar weit wichtigeren Protestierenden, genannt. Damit liegt der Schluss nahe: Ist in einer möglichen Hierarchie nicht all zu weit oben, hat es aber geschafft ausreichend medienwirksame Aufmerksamkeit zu generieren um irgendwie wichtig zu erscheinen. Nun, sei’s drum.

Protestierende Philosophen

Gut, die junge Dame mit den hübschen Brüsten ist erst 20. Geht man von einem gewöhnlichen Werdegang aus, verlässt man mit etwa 19 die Schule und kann, mit etwas Glück, direkt zum Wintersemester in die heiligen Hallen der alles umfassenden Bildung eingelassen. Da sie auch erst im Juni 20 geworden ist, liegt hier der Schluss nahe, dass sie etwa im 2. oder 3. Semester sein dürfte (alles nur Mutmaßungen – aber es ergibt sich zumindest ein schlüssiges Gedankenkonstrukt).

Damit liegt für mich die Hoffnung nahe, dass die gute Frau noch lernt, wie Philosophen protestieren. 😉 Wir springen nicht einfach mal halb nackt umher und gröhlen Parolen. Um ehrlich zu sein: Das würde auch kaum jemand sehen wollen (auch wenn gerade darin womöglich die Energie des Protestes begründet sein könnte). Schließlich sind wir nicht gerade für unsere Sportlichkeit bekannt (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern eher dafür, dass wir stunden-, tage-, ja sogar monatelang über etwas nachdenken können und dann irgendwann einen begründeten Schluss darstellen.
Wir Philosophen protestieren viel mehr auf argumentativer Ebene. Wir sind viel mehr das, was man hier im Internet als „Troll“ bezeichnen würde, nur auf analytische Weise. Unser Anliegen ist es, ein Argument anzugreifen und im besten Falle dafür zu sorgen, dass unsere geistigen Kontrahenten sich selbst widerlegen. Wie das funktioniert, kann man schon bei Sokrates ganz wunderbar nachlesen. Er war der Prototyp des politischen Protestlers, in dem er allen kurzerhand erklärt hat, dass sie eigentlich gar keine Ahnung von dem haben, was sie da machen.

Aber fast nackt auf den Altar des Kölner Doms zu springen? Um gegen „das Machtmonopol der katholischen Kirche“ zu protestieren? Machtmonopol? Vermutlich geht’s wieder um die alte Leier von der bösen patriachalen Gesellschaft und deren religiösem Fundament. Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, worum es geht. Aber ich nehme Menschen, die sich selbst auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale reduzieren auch einfach nicht ernst. Ich kann einfach nicht. Selbst wenn ich’s versuche, frage ich mich immer: „Und wo ist jetzt das Argument?“ Die Argumentation „Uns hört sonst keiner zu“ halte ich zumindest für deplaziert. Uns Philosophen wurde schon immer zugehört. Der Lauf der Geschichte zeigt, dass wir es waren, die die Welt verändert und geformt haben. Es braucht Menschen die denken, keine, die sich halb nackt zum Affen machen (Diogenes und seine Amphore mag eine Ausnahme sein…).

Viva la Revolution?

Es ist ja durchaus schön zu protestieren und zu versuchen die Welt irgendwie „besser“ zu machen. Aber wir Philosophen sind jetzt nicht gerade diejenigen, die loslaufen und Revolutionen anzetteln. Wir liefern dafür nur die Argumente. Das Problem ist dann nur, dass weit weniger kluge Menschen dann meist hergehen, die dargelegten Argumente nicht richtig oder zumindest nur zum Teil verstehen, sie mehr oder weniger entfremden und dann etwas zu wissen glauben, mit dem sie dann ihre Aggression kanalisieren können, um ihren Mitmenschen gar unfreundliche Dinge anzutun. Nicht selten steht Unsereins dann da und denkt sich „Moment, so war das aber nicht gedacht…“ und wundert sich darüber, dass eine theoretische Betrachtung plötzlich zu praktischer Gewalt führt. Aber vermutlich liegt das auch einfach an der Zeit und den kulturellen Umständen. Ich für meinen Teil bin nicht davon überzeugt, dass es für jede gesellschaftliche Veränderung notwendig einen Akt der Gewalt geben muss, um ein System zu stürzen und neu zu errichten. Ich halte es sogar für falsch, etwas zu zerstören und mit den Teilen etwas neues aufzubauen. Warum muss denn immer gleich alles kaputt gemacht werden? Schließlich steckt ja auch viel Zeit und Energie darin. Nein, ich denke vielmehr, dass jede Form der gesellschaftlichen Veränderung mit Vernunft einhergehen muss. Sobald Aggression oder Gewalt die Kontrolle über eine Argumentation übernehmen, verliert sie ihren vernünftigen Boden. Dann reduzieren sich diejenigen, die die Argumentation vorbringen auf Eigenschaften, die mit dem eigentlichen Konstrukt schon nicht mehr zu zu haben, nämlich den Gewaltakt als solchen. Daraus wird eine meiner Kernüberzeugungen deutlich: Der Zweckt heiligt niemals die Mittel.

Also liebe Josephine: Zieh dich wieder an – ist kalt draußen. War eine tolle Show (ich bin schließlich strenggläubiger Atheist; ich glaube ganz fest daran, dass es „den einen Gott“ nicht gibt – aber das sage ich nicht so laut, damit er’s nicht hört, schließlich hab ich keinen guten Blitzableiter am Dach… 😉 ), hübsche Brüste, danke dafür. Was mir fehlt, ist eine Argumentation. Wäre doch eine Idee für eine Hausarbeit in einem Seminar zur Religionsphilosophie oder vielleicht auch der Herrschaftslegitimation (geht ja um ein „Machtmonopol“) oder nicht? Ich helfe auch gern beim Schreiben. Zumindest solang du angezogen bleibst. Ich kann sonst nicht denken. 😀

Vorratsdatenspeicherung Reloaded: Vom Selbstentzug der Freiheit

Ich habe ja schon angekündigt, mir noch weitere Gedanken zur Vorratsdatenspeicherung zu machen. Einer der Kernbegriffe, um den sich immer alles dreht, ist die Freiheit. Und genau mit dieser will ich mich jetzt ein wenig intensiver (wenn auch nicht abschließend) auseinandersetzen.

Der Begriff der Freiheit wird all zu gern instrumentalisiert. Das eine Lager will die Freiheit verteidigen, indem für mehr Sicherheit gesorgt wird – weil man, so behaupten sie, nur dann in Freiheit leben kann, wenn man sich nicht fürchten muss. Dabei werden Stück für Stück Rechte abgebaut, die eigentlich zum Kernbestand der Freiheit gehören – das wird aber gern in Kauf genommen, da diese Einschränkungen ja (so hat es zumindest den Anschein) nicht all zu schwerwiegend sind.

Dann gibt es da das andere Lager, dass eben diese Einschränkungen als Raub der Freiheit empfindet. Hier wird zwar eingestanden, dass es sich zunächst um kleine Einschränkungen handelt, jedoch können daraus um so größere Konsequenzen erwachsen. Auch hier soll die Freiheit verteidigt werden, aber eben nicht mit einer Erhöhung der Sicherheit, sondern mit ihrer Verringerung. 100% Sicherheit gibt es schließlich nicht und eine gewisse Grundgefahr gehört zum Leben einfach dazu.

Beide Positionen haben teils Recht und teils Unrecht mit ihren Argumenten. Zum einen ist es sicher richtig, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise sicher fühlen muss, damit ich mich frei fühlen kann. Wenn ich ständig glaube, dass irgendetwas Schreckliches passieren könnte (wie zum Beispiel ein Terroranschlag), dann werde ich vermutlich nicht mehr das Haus verlassen. Und das, obwohl ich ziemlich sicher weiß, dass die meisten tödlichen Unfälle im Haushalt passieren und die Wahrscheinlichkeit für mein plötzliches Ableben zuhause im Vergleich zu meinem Ableben bei einem Anschlag signifikant höher ist.
Andererseits ist es aber auch richtig, dass Gesetze, die meine Freiheit einschränken dazu führen, dass ich Dinge nicht tun kann, wenn ich sie tun wollte.{{1}}[[1]]Mir fällt dazu kein passendes Beispiel ein, da ich bisher noch nie durch ein Sicherheitsgesetz an irgendeiner Handlung gehindert wurde. Aber ihr dürft mir gerne einen Kommentar hinterlassen, falls euch das schon mal passiert ist.[[1]]

Überwachung und Selbsteinschränkung

Nun gibt es verschiedene Untersuchungen dazu, dass Menschen, die wissen, dass sie überwacht werden, ihr Verhalten ändern. In der Psychologie ist dieses Phänomen als „Hawthorne-Effekt“ bekannt. Wenn jemand weiß, dass er Teilnehmer an einer wissenschaftlichen Studie ist oder gerade beobachtet wird, dann ändert er sein Verhalten. Meist auf eine Weise, von der der Beobachtete ausgeht, dass es dem Beobachtenden gefällig ist.

Philosophisch ist das besonders interessant. Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Menschen treffen die bewusste Entscheidung, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie beobachtet werden.

2. Menschen ändern ihr Verhalten unbewusst, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden.

In beiden Fällen schwebt die Angst vor Sanktionen oder die Erwartung von Belohnung durch den Beobachtenden mit. Gehen wir von der Vorratsdatenspeicherung aus, so ist es wohl eher die Angst vor Sanktionen, die hier eine tragende Rolle spielt.{{2}}[[2]]Das ist eine starke These, für die es aktuell keine bestätigenden Untersuchungen gibt. Es lässt sich allerdings aus einer Forsa-Umfrage schließen, bei der die Teilnehmer auf einen Anruf bei einer Eheberatungsstelle oder einem Psychotherapeuten verzichten würden, wenn sie wüssten, dass ihre Verbindungsdaten gespeichert werden.[[2]] Beide Fälle gehen mit einer Entscheidung einher. Es ist nicht so, dass unser Verhalten völlig fremdbestimmt wäre. Vielmehr reagieren wir auf unsere Umwelt und wählen aus Optionen, die uns gegeben werden. Ich schließe aus diesem Umstand, dass wir uns unserer Freiheit selbst berauben. Wir müssten es nicht tun – aber wir fürchten eine Sanktion oder erwarten eine Belohnung, wenn wir uns auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, von der wir nur annehmen aber niemals sicher wissen, dass es die richtige ist.

Die Waffe gegen den Freiheitsentzug: Bewusstheit!

Wie heißt es so schön: „Der Preis der Freiheit ist, ewige Wachsamkeit.“ Da ist etwas Wahres dran. Die Art und Weise, wie ich dem Hawthorne-Effekt entgegenwirken würde (auch wenn es jetzt vermutlich Psychologen gibt, die das für unmöglich halten), ist die Bewusstmachung der Verhaltensänderung. Sicher zu wissen, dass man beobachtet (oder belauscht) wird, ist eine Sache. Ebenso sicher über das eigene Verhalten bescheid zu wissen und es eben NICHT zu ändern und bewusst so zu leben, wie man es selbst will, ist eine andere. Es gehört schon viel Selbstbewusstsein (im Sinne von „sich seiner eigenen Handlungen bewusst sein“) dazu, das genau so zu leben, aber es ist nicht unmöglich. Fakt ist aber, dass wir, wenn wir beobachtet werden, unser Verhalten selbst ändern. Es wird nicht von außen geändert – wir passen es einem äußeren Affekt an.
Ich zum Beispiel bin mit Überwachungskameras groß geworden. Sie sind für mich nichts Besonderes und meine Eltern haben mir auch nie all zu viel Angst vor ihnen gemacht. Sie sind für mich einfach ein Teil der Umwelt – wie Bäume, Aschenbecher oder Blumenkübel. Ich ignoriere sie die meiste Zeit über. Mein Verhalten ändere ich deswegen nicht. Ich denke, wir sollten hier ansetzen: Wir sollten aufhören, uns selbst einzuschränken. Erst, wenn wir das geschafft haben, können wir uns bewusst und zielstrebig mit dem Überwachungsproblem auseinandersetzen und dagegen ankämpfen. Wichtig ist in erster Linie eins: Wir dürfen uns nicht selbst unserer Freiheit berauben – weder im Geiste noch in unserem Handeln. Wenn wir das geschafft haben, dann können wir frei und sicher gegen die Überwachung kämpfen, um auch die gesetzlichen Grundlagen dieser Freiheitseinschränkung zu überwinden.

Reflexionen zur (neuen?) Vorratsdatenspeicherung

Die große Koalition aus SPD und CDU ist fast beschlossene Sache, der Entwurf des Koalitionsvertrages ist geleaked und Spiegel-Online war so nett, ihn als PDF ins Netz zu stellen (vielen Dank liebe Kollegen). Da das Thema Vorratsdatenspeicherung scheinbar nicht so schnell tot zu kriegen ist und Immer wieder als „sinnvolles Instrument“ bezeichnet wird, will ich an dieser Stelle eine Reflexion des Themas durchführen. Das Problem ist nämlich nicht nur ein juristisches – es ist vor allem ein philosophisches. Meine Betrachtung ist an dieser Stelle auch mehr oder weniger nur ein „oberflächliches Brainstorming“. Dementsprechend ist das nun einfach nur der Fluss meiner Gedanken – und keineswegs ein abschließendes Urteil.

Im Entwurf des Koalitionsvertrags liest sich der Abschnitt zur Vorratsdatenspeicherung so:

„Die EU-Richtlinie über den Abruf und die Nutzung von Telekommunikationsverbindungsdaten werden wir umsetzen. Dabei soll ein Zugriff auf die gespeicherten Daten nur bei schweren Straftaten und nach Genehmigung durch einen Richter sowie zur Abwehr akuter Gefahren für Leib und Leben erfolgen. Die Speicherung der deutschen Telekommunikationsverbindungsdaten, die abgerufen und genutzt werden sollen, haben die Telekommunikationsunternehmen auf Servern in Deutschland vorzunehmen. Auf EU-Ebene werden wir auf eine Verkürzung der Speicherfrist auf drei Monate hinwirken.“

Das Bundesverfassungsgericht hatte die Vorratsdatenspeicherung schon einmal für verfassungswidrig erklärt – und ich sehe hier nicht, warum sich an der Art der erhobenen Daten und der Art und Weise ihrer Speicherung etwas geändert haben sollte – warum diese neue Vorratsdatenspeicherung nunmehr also verfassungskonformer sein sollte, als die alte. Aber ich bin Philosoph, kein Jurist. Ich will hier also keine juristische Würdigung durchführen.

Für mich als Philosophen ist die Speicherung von Verbindungsdaten ein besonderes Problem. Insgesamt ist es sogar so komplex, dass ein kleiner Blog-Beitrag kaum ausreicht, um es in seiner gesamten Tragweite vollumfänglich zu würdigen. Ich will aber trotzdem von verschiedenen Seiten aus auf das Problem blicken.

Nützlichkeit des Instrumentes

Es wird immer wieder betont, dass die Vorratsdatenspeicherung ein nützliches und vor allem unverzichtbares Instrument zur Aufklärung von schweren Straftaten sei. Insbesondere das Bundeskriminalamt und der Bundesinnenminister betonen gern, dass es Straftaten gäbe, die allein nur durch die Speicherung von Vorratsdaten besser aufgeklärt werden könnten. Ein offizielles Gutachten des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages, veröffentlicht in einer Pressemitteilung vom 21.03.2012, ergibt jedoch, dass es keinen messbaren Einfluss der Vorratsdatenspeicherung auf die Aufklärungsquote von Verbrechen gibt.

Damit ist die Aussage, es handele ich um ein wichtiges, unverzichtbares Instrument falsch. Die erhobenen Daten widersprechen der Argumentation, dass die Aufklärungsquote verbessert werden würde. Wenn es faktisch keine Auswirkungen auf die Aufklärungsquote von Verbrechen gibt, dann ist die Sammlung von Verbindungsdaten nicht sinnvoll. Im Gegenteil: Die Provider werden gesetzlich verpflichtet, übermäßig viel Geld in die Speicherung von Daten zu investieren, die nicht den Zweck erfüllen, für den sie erhoben werden. Damit ist die Vorratsdatenspeicherung nicht nur nicht nützlich, sondern sogar (wirtschaftlich) schädlich.

Freiheit

Es wird von Kritikern immer wieder betont, dass die Sammlung von Daten die Freiheit einschränke. Ich sehe das zwiegespalten.
Einerseits ist es mittlerweile gut erforscht, dass Menschen, die sich beobachtet fühlen, ihr Verhalten ändern. Sie passen sich (auch unbewusst) an und handeln entsprechend konformer. Es lastet also ein unbewusster Druck auf ihnen, der verhindert, dass sie frei und offen kommunizieren. Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob das auch zu einem Anstieg von Stress- und Depressionserkrankungen führen kann.

Ich sehe das allerdings kritisch – aber ich bin auch kein Psychologe. Ich will hier also nur von bewussten Entscheidungen ausgehen, die von reflektierten, autonomen Menschen getroffen werden, ausgehen.{{1}}[[1]]Ich weiß, allein das müsste ich jetzt näher erläutern. Das will ich mir aber hier ersparen… [[1]] Die Frage ist also: Wird durch die Speicherung von Verbindungsdaten die Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit eingeschränkt? Ich denke nicht. Das hat einen einfachen Hintergrund: Ich kann mich jederzeit immer noch für oder gegen eine Handlung entscheiden, auch wenn die Verbindungsdaten meiner Kommunikation gespeichert werden. Schließlich gibt es niemanden, der mich einschränkt. Ich habe, was meine Kommunikation angeht, keine Verbote, keine Zwänge, denen ich unterliege. Es wird nur gespeichert, was ich gemacht habe. An dieser Stelle wird meine Freiheit also nicht eingeschränkt.
Ich gestehe ein, dass diese Aussage eine Schwäche hat: Wenn es möglich ist, so viele Daten über mich zu sammeln, dass es möglich wird vorauszuberechnen, was ich tun werde, dann habe ich keine Freiheit mehr über meine Entscheidungen oder Handlungen. Ich bin in der Tat kein Freund der Willensfreiheit (auf Wunsch erkläre ich gerne noch warum). Insofern halte ich es tatsächlich für möglich, dass vorherberechnet werden kann, was Menschen tun werden, wenn man nur ausreichend Daten über sie sammelt. Und sobald es jemand anderen gibt, der weiß, was ich tun werde, kann ich nicht mehr sagen, dass meine Handlung frei und unbestimmt ist. Im Gegenteil: Sie ist dann nicht nur vorherbestimmt (was sie aus meiner physikalistischen Sicht ohnehin ist), sie ist auch vorhersagbar, bestimmbar, berechenbar. Jemand, der so viele Daten über mich hat, könnte meine Wirklichkeit auf eine Weise manipulieren, auf die ich dann Entscheidungen treffe, wie er es gern hätte. Meine Handlungen würden somit nicht nur vorhersagbar, sie würden steuerbar. Und diese Steuerbarkeit ist ein Problem.

Was ich nicht weiß, ist, ob sich allein aus den Verbindungsdaten schon eine Steuerbarkeit des Verhaltens von Menschen ergeben könnte. Gespeichert wird ja schließlich wer mit wem, wann wie lange kommuniziert hat. Und vielleicht auch noch der Ort, von dem aus kommuniziert wurde. Ließe sich damit das Verhalten von Menschen gezielt steuern? Ich weiß es nicht.

Bürger unter Generalverdacht

Ob nun durch die Vorratsdatenspeicherung alle Bürger unter Generalverdacht gestellt werden, lässt sich durch verschiedene Sichtweisen betrachten. Einerseits kann man sagen: Wenn alle Verbindungsdaten von jedem erhoben werden, mit dem Zweck, Möglicherwiese irgendwann einmal eine schwere Straftat, die Leib und Leben eines anderen gefährdet, aufklären zu können, dann wird unterstellt, dass jeder Betroffene potenziell in der Lage ist, eine solche schwere Straftat zu begehen.

Ich sehe an dieser Aussage keinen Fehler. Jeder von uns ist tatsächlich in der Lage, jederzeit eine schwere Straftat gegen Leib und Leben eines anderen zu begehen. Allein unser präfrontaler Kortex bremst uns aus und sorgt dafür, dass wir moralisch auf Kurs bleiben. Die allermeisten Gehirne (die, der Normalverrückten) funktionieren aber ziemlich gut. Würden die allermeisten Gehirne nicht so gut funktionieren, dann würden wir uns alle regelmäßig an die Gurgel gehen und es würde das sprichwörtliche Sodom und Gomorrha herrschen. Blickt man sich auf der Straße um, stellt man fest, dass dem nicht so ist (auch wenn gerade hier in OWL die Leute deutlich verstockter und unfreundlicher sind als sonst wo in Deutschland).

Es ist also richtig, dass wir alle potenziell schwere Straftaten gegen Leib und Leben verüben könnten, die meisten tun es aber einfach nicht. Rechtfertigt also die Tatsache, dass Wenige kriminell werden, die Verdächtigung aller? Ich denke nicht. Es ist ein einfacher, induktiver Schluss (Achtung: Fehlschlussgefahr!): Die meisten Leute waren in der Vergangenheit friedlich. Sie sind aktuell friedlich. Also werden sie auch in Zukunft friedlich sein. Natürlich kann man das nicht sicher wissen – aber ich kann genauso wenig sicher wissen, dass morgen die Sonne aufgehen wird. Ich kann darauf nur schließen, weil ich sie bisher jeden Morgen aufgehen sehen habe. Sicheres Wissen habe ich darüber nicht.

„Aber Moment? Hast du nicht vorhin von der Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens gesprochen?“
Ja, habe ich. Und das soll auch gleich die Verschiedenheit der Argumentationsstrukturen deutlich machen. Für mich ist das Aufgehen der Sonne eine einfache physikalische Tatsache, so wie menschliches Verhalten auf einfachen physikalischen Tatsachen beruht. Für mich sind induktive Schlüsse damit nicht auf das Verhalten von Menschen anwendbar – und damit auch nicht auf das Argument der Verübung von Straftaten. Ich würde eher sagen: Wenn ich genug Informationen über einen Menschen habe, dann kann ich vorherberechnen, wie er sich verhalten wird – und ob er straffällig werden würde oder nicht.

Physikalismus hin oder her, gibt es ein wichtigeres Argument gegen den Generalverdacht: Er ist unmoralisch. Warum? Nun ja…

Wir Menschen als Gesellschaft funktionieren, weil wir einander erst einmal grundsätzlich vertrauen. Wir sind zwar vorsichtig, aber grundsätzlich gehen wir erst einmal nicht davon aus, dass uns jemand Gewalt antun möchte. Wenn wir nun aber einen Generalverdacht erheben und laut und deutlich behaupten, dass unsere Mitmenschen (und sogar wir selbst) potenziell gefährlich sind, dann säht da Zweifel und Zwietracht. Es erzeugt Angst – und das ganz bewusst. Es ist einfach falsch, Menschen absichtlich Angst voreinander zu machen. Es zerstört das gesellschaftliche Miteinander und führt im Großen und Ganzen nur zu noch mehr Angst und damit am Ende tatsächlich zu Gewalt.

Es ist also richtig, dass wir alle in der Lage sind, einander schwer zu schaden. Genauso richtig ist aber, dass solche Schädigungen nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung durchgeführt werden. Es mag die Sicherheit verbessern, wenn einfach alle beobachtet und ihr Verhalten vorausgesagt wird – das kann ich nicht verleugnen. Aber es erzeugt auch ein Gefühl des Misstrauens, der Unzufriedenheit und der Angst – und zwar der Menschen untereinander. Und genau das ist falsch. Es ist falsch, etwas zu tun, von dem man ausgehen kann, dass es Menschen schadet – und ihnen Angst machen kann kaum als unschädlich bezeichnet werden.

Umsetzung der EU-Richtlinie

Nun – für mich wird deutlich, dass das Instrument der Vorratsdatenspeicherung, nicht sinnvoll ist. Es ist offensichtlich nicht zu dem in der Lage, wozu es eigentlich installiert werden soll, nämlich der Verbesserung der Aufklärungsquote von schweren Straftaten. Dafür, dass nichts verbessert wird, werden aber viele negative Dinge in die Wirklichkeit befördert: Nämlich das Sähen von Angst und Zwietracht unter der Bevölkerung und die (möglicherweise unbewusste) Veränderung der Denk- und Verhaltensmuster von Menschen, die wissen, dass ihre Kommunikationsverbindungen überwacht werden.

Statt also auf EU-Ebene auf eine Verkürzung der Speicherfristen hinzuwirken, sollte hier dringend nahegelegt werden, dass die Vorratsdatenspeicherung insgesamt abgeschafft wird. Es geht hier schließlich nicht allein in Deutschland um die Installation eines sinnlosen Instruments, mit dem negative Dinge einhergehen. Es betrifft ganz Europa. Hier ist somit das Europaparlament gefragt, dieses offensichtlich überflüssige, angstverursachende und das Denken und Handeln verändernde Instrument abzuschaffen. Die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung muss, um ein psychisch und moralisch gutes Funktionieren der Gesellschaft gewährleisten zu können, aufgehoben werden.

Küchenzauber

Kaum habe ich mal Zeit und keinen Stress durch Arbeit und Masterarbeit und Co. werde ich richtig kreativ. Endlich mal Zeit um zu kochen, statt einfach nur ’ne Dose aufzumachen. Und dabei stelle ich fest, dass ich das nicht nur unglaublich gut kann – sondern dass der ganze Aufwand dahinter tatsächlich lohnenswert ist. Derzeit entstehen also verschiedene Kuchen, Eintöpfe aus frischen Zutaten, statt aus der Dose, selbstgemachte Dipps für Gemüse (das ich derzeit recht viel esse), Pizzabrötchen und überhaupt allerlei Dinge, die ich früher entweder bestellt oder einfach aus der Dose gegessen habe. Wirklich erstaunlich, was so ein wenig Zeit und ein freier Kopf so alles zu Stande bringen.

Du bist was du isst? Nein. Du bist wie du isst!

Das bringt mich auch gleich zu einer philosophischen Betrachtung des Essens – und damit des Lebens allgemein. Was Essen mit Leben zu tun hat? Nun: Es ist ein zentraler Punkt. Wir alle müssen essen, um unseren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten. Das ist nun kein großes Geheimnis und überhaupt keine Neuigkeit. Aber die Art und Weise, auf die wir das tun, bestimmt in weiten Teilen unsere Einstellung zum Leben selbst. Wir können essen, was uns die Industrie liefert – oder wir können es selbst zubereiten. Wir können Fleisch essen oder vegetarisch. Oder Veganer oder Frutarier sein… Was wir essen und wie wir es essen, sagt also schon mal einiges über unsere moralische und ethische Einstellung zum Leben und zur Welt aus.

Ich will zunächst die Zubereitungsform näher betrachten. Also: Ich kann nehmen, was die Industrie liefert oder ich kann es selbst zubereiten. Im ersten Fall kaufe ich ein fertiges Produkt und bringe es einfach nur noch in einen verzehrfertigen Zustand (sofern es das nicht schon ist). Sprich: Ich kippe die Dose in den Topf, schiebe die Tiefkühlpizza in den Backofen oder werfe einen Beutel TK-Fertigfresschen in die Pfanne. Am Ende kommt etwas heraus, das durchaus satt macht, aber eben durch die industrielle Fertigung auch voller künstlicher Geschmacks-, Farb- und Zusatzstoffe ist. Ich will nun kein Pamphlet gegen Zusatzstoffe fabrizieren, nein, nein. Wie sagte es mein Hausarzt mal zu Medikamenten: „Wir kennen nun die Inhaltsstoffe von Pflanzen und können sie synthetisieren, damit sie genau da wirken, wo sie wirken sollen. Das ist vergleichbar mit Rohöl und Benzin. Sie kippen sich ja auch kein Rohöl in den Tank…“ Im Gegenteil. Mir geht es vielmehr um die Lebenseinstellung, die mit dem Industrie-Essen einhergeht (und der ich mich ja nun auch nicht so ganz entziehen kann).

Wir haben eine gefühlte Freiheit, wenn wir aus einer riesigen Palette von Lebensmitteln auswählen können. Und genau das machen wir: Wir wählen aus, stellen unseren Nahrungsplan mit all dem zusammen, was wir so im Supermarkt finden, köcheln es zusammen und glauben damit, ein Stück Individualität zu haben – eben weil wir die Wahl haben. Das Zubereiten von Industrie-Essen ist aber eben genau eines nicht: Tätiges Handeln. Es ist ja schließlich schon alles fertig. Es muss nur noch aufgewärmt und gegessen werden. Ich sage nicht, dass Industrie-Essen nicht schmeckt. Nein, dank der zahlreichen Zusatzstoffe tut’s das ja durchaus. Aber es geht eine deutliche und sehr umfangreiche Erfahrungsqualität verloren – mehr noch, es macht uns ein Stückweit untätig und träge und entzieht uns damit die Befriedigung, etwas erschaffen zu haben, das zudem glücklich macht.

Wie ist das also, wenn alles selbst zubereitet wird? Nun, es ist mit einer gewissen Mühe verbunden. Gemüse muss zunächst geputzt und geschält werden, dann gewürfelt oder in Scheiben geschnitten, gekocht, gebraten und gewürzt… jeder einzelne Zubereitungsschritt muss ausgeführt werden und bei jedem Schritt kann etwas schief gehen – was dann durchaus frustrieren kann. Ich habe heute auch zwei Versuche gebraucht, um Pizzabrötchen zu machen – ich habe schlicht keine wirklich gute Möglichkeit, um Hefeteig irgendwo zum gehen warm zu stellen. Mit ein wenig Trickserei und der Zuhilfenahme eines Heizlüfters gings dann aber doch. 😉
Wie auch immer: Der Prozess, mit dem wir selbst machen, was wir essen wollen, ist ein ursprünglich kreativer (im wahrsten Sinne des Wortes, wird ja etwas kreiert). Man bekommt durch die Arbeit eine viel intensivere Bindung zu dem, was man da kocht. Gefühl, Geruch und Geschmack der Zutaten sind genauso vorhanden, wie letztlich beim fertigen Essen. Es ist von Anfang bis Ende ein Prozess des Tätig seins und wird mit der Befriedigung eines leckeren Essens belohnt.

Was sagt nun die Art und Weise, wie wir essen über die Lebenseinstellung aus? Nun, ich halte es für einleuchtend. Die Einstellung hinter dem Industrie-Essen ist: Du hast viel Optionen, die du nutzen kannst. Du hast die Freiheit der Wahl, was du in der Welt und mit deinem Leben anfangen kannst.
Und die Einstellung hinter dem selbst zubereiten? Auch das liegt für mich auf der Hand: Nimm dein Leben in die Hand und mach etwas daraus. Ändere dein Leben, ändere die Welt, ganz so, wie es dir gefällt und gut tut. Du hast die Kontrolle und die Verantwortung für jeden Schritt.

Variante 1 ist also nur eine wählende, die auf Basis von vorgegebenen Möglichkeiten handelt. Variante 2 schert sich nicht um Vorgaben, sondern macht selbst und erschafft gänzlich neue Möglichkeiten.

Fest steht: Ab jetzt koche ich selbst. 🙂

Die kleine Küchenethik

Die Wahl der Zutaten und die Art, mit Fehlversuchen umzugehen, sagt auch vieles aus. Ich zum Beispiel esse relativ wenig Fleisch – nur so viel, wie nötig (eingefleischte Vegetarier [Was für ein Wortspiel] würden jetzt vermutlich sagen, dass es gar nicht nötig ist – da bin ich allerdings noch im Zweifel), einfach weil ich zum einen meinen klitzekleinen Teil gegen die Massentierhaltung beitrage – und zum anderen ist übermäßiger Fleischkonsum auch alles andere als Gesund. Ich möchte nicht, dass all zu viel Leid durch meine Handlungen ausgelöst wird – wenn ich also nur wenig Fleisch esse, dann ist mein Anteil am entstandenen Leid entsprechend klein. Dass es dennoch in kleinen Mengen existiert (wenn ich dann doch mal zur Hähnchenbrust greife, denn das Tierchen musste ja auch irgendwann sein Leben aushauchen), nehme ich in Kauf. Wie schon erwähnt, bin ich nicht davon überzeugt, dass vollständiger Fleischverzicht gesund ist. Und was ist mit gescheiterten Versuchen? Nun – solange es nicht völlig verkohlt und angebrannt ist, kann man auch Sachen weiterverwenden – oder einfach anders verwenden – die nicht so geklappt haben wie gedacht. Daraus wird klar: Ich halte nicht viel von Verschwendung. Manchmal geht es nicht anders, aber vieles lässt sich noch retten.

Es ist also eine Frage der Wertschätzung des Lebens und der Welt und damit der Zutaten selbst mit der Art und Weise verbunden, wie gekocht wird. Ich kann für 5 Euro eine Hähnchenbrust kaufen – aber damit ist nichts über den Wert des Lebens des Tieres gesagt. In der Tat lässt sich der nicht in Geld ausdrücken (auch wenn Ökonomen allerlei Werte heranziehen könnten). Wenn ich mir dann Mühe damit gebe, das Essen dann auch möglichst lecker und vor allem nahrhaft zu machen, dann mache ich das nicht, weil ich finde, dass das Fleisch teuer war. Vielmehr ist es für mich ein Ausdruck des Respektes für eben dieses Tier, das sein, für mich nicht in Summen zu fassendes, Leben aushauchen musste, damit ich es essen kann.

Leben ist Veränderung – Veränderung kann in der Küche anfangen

Da essen das essenziellste ist, was wir in unserem Leben tun können – schließlich würden wir ohne Essen einfach sterben -, ist es um so wichtiger, sich genau darüber bewusst zu werden, was man so isst und vor allem wie. Es kann nicht schaden, die alten, gewohnte Pfade zu verlassen und die Art zu Essen zu verändern. Schließlich besteht das ganze Leben aus Veränderung und Wandel und dem stetig neuen und überraschenden, dass hinter jeder Ecke wartet. Wie viele Leute wollen unbedingt abnehmen und schaffen es nie? Wie viele wollen zunehmen? Gesünder leben? Glücklicher sein? Ich denke, der Schlüssel liegt im Essen. In dem, was man für sich tut und die Art und Weise, wie man es für sich tut. Wer mit Achtsamkeit und tätigem Handeln an die Sache herangeht, dürfte deutlich zufriedener leben, als jemand der sich nur aus den fertigen Dinge bedient.

Fazit: Es ist schön, wieder die Zeit gefunden zu haben, das Leben selbst gestalten zu können, statt nur aus den vorgegebenen Optionen zu wählen. 🙂

Unkontrollierbare Technologie?

Eben habe ich noch mal einen Film gesehen, der eigentlich einer der maßgeblichen Auslöser dafür war, dass ich anfing, mich mit Computern zu beschäftigen: Wargames aus dem Jahr 1983. Damals wie heute zieht mich dieser Film in seinen Bann. Zum einen, weil er die unkontrollierbare Zerstörungskraft von Atomwaffen demonstriert. Zum anderen, weil er die Fantasie mit selbstlernenden Computern beflügelt.
Nun, was 1983 noch pure Science Fiction war, ist heute Realität: Wir haben selbstlernende Computer. Expertensysteme, die auf neuronalen Netzen basieren und, wenn es ganz pervers wird, mit genetischen Algorithmen betrieben werden.

Wie ich hier nun so in der Dunkelheit sitze und mir den Film noch einmal durch den Kopf gehen lasse, kommt mir ein verwegener Gedanke: Könnte es sein, dass wir mit Computern, speziell mit ihrer Vernetzung, eine unkontrollierbare Technologie geschaffen haben?
Bei Kernwaffen oder Kernenergie liegt die Sache auf der Hand: Sobald sie eingesetzt wird, ist jedes Risiko uneinschätzbar. In Bezug auf die Kernenergie haben wir das an zahlreichen Reaktorkatastrophen in den letzten 30 Jahren sehen können. Ich zumindest kann mich noch an Tagesschau-Sendungen nach der Tschernobyl-Katastrophe erinnern und das Unglück von Fukushima steckt uns auch noch in den Knochen. Kommt es in einem Reaktor zu einem Unglück, entsteht eine unkontrollierbare Situation.
Was nukleare Waffen angeht, halte ich den letzten Satz von „Joshua“ im Film Wargames für genauso markant wie wahr: „Ein seltsames Spiel. Die einzige Möglichkeit zu gewinnen, ist, nicht zu spielen.“ Jeder nukleare Krieg, wäre ein Krieg ohne Sieger. Ein wenig deutlicher wird das mit den 3D-Nukemaps, die Golem kürzlich in einem Artikel erwähnte.

Und was haben jetzt Computer, Kerntechnologie und das Internet miteinander zu tun? Nun… meine Gedanken sind (wie üblich) quer. Wir haben mit Computern und dem Internet eine Technologie geschaffen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Eine Bekannte schrieb eben, dass in den Nachrichten wohl vom Verkauf von Patientendaten durch Apotheker berichtet wurde. Immerhin 42 Millionen Stück. Das wäre mehr als die Hälfte aller Bundesbürger. Aber das ist ja nur ein kleiner Tropfen auf den momentan glühend heißen Stein, wenn es um Daten geht. Die Geheimdienste saugen nach wie vor massenhaft Daten ab und sogar die Erfinder von Verschlüsselungsmethoden sagen, dass es im Grunde sinnlos ist, zu verschlüsseln.
Was haben wir aber sonst noch für Probleme mit Daten? Es kommt immer wieder zu Pannen. Finanzämter, die alte Computer verkaufen und deren Festplatten Finanzdaten enthalten (ungesichert versteht sich), kamen genauso vor, wie Einbrüche in Foren, Kundendatenbanken und ähnliches, bei denen Personendaten dann einfach „verloren“ waren. Das klingt so schön – aber wenn ein Unternehmen Daten „verliert“, dann sind sie ja nicht einfach weg. Irgendjemand hat sie. Jemand, der sie nicht haben sollte. Eine Analogie wäre vermutlich gut: Angenommen, ich schreibe meine Kontakte und meine Termine in einen Buchkalender (früher habe ich das tatsächlich mal gemacht). Wenn ich diesen Kalender jetzt in der Bahn oder dem Bus oder während ich eilig zur nächsten Haltestelle renne aus der Tasche verliere, dann ist er für mich weg. Aber jemand kann ihn finden.

So ist das im Grunde auch mit Daten. Daten sind nicht „aus der Welt“ nur, weil man sie weggibt oder verliert. Im Gegenteil: Sie sind auch deutlich einfacher zu duplizieren, als analoge Medien. Ein analoger Papierkalender müsste ja umständlich fotokopiert oder abgeschrieben werden. Daten lassen sich einfach kopieren.

Können wir Daten überhaupt kontrollieren? Die klare Antwort darauf ist: Nein. Können wir nicht. Daten existieren als elektromagnetische Informationseinheiten. Und als solche können sie über unzählige Arten und Weisen mitgelesen, vervielfältigt und bewegt werden. Wer sagt, dass nicht jemand mit einer großen Antenne draußen steht und jetzt in diesem Moment die Abstrahlung meiner Tastatureingaben abfängt? Oder die Abstrahlung meines Monitors? Vielleicht sogar die aller Rechenoperationen des Prozessors in meinem Computer? Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass jemand so etwas tut – aber es ist möglich.
Genauso ist’s mit allem anderen. Wenn ich an der Kasse bezahle, dann gebe ich nur eine PIN ein – und die Datenleitungen regeln alles andere. Ich habe keine Kontrolle darüber, ob und wie viel Geld nun von meinem Konto abgebucht wird – bis auf eine flimmernde Digitalanzeige vor mir. Und die muss nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Wem schon mal dank eines „Computerfehlers“ Geld abgebucht wurde, das gar nicht existierte, sodass das Konto ins Minus rutsche, wird verstehen können, was ich meine. Und wer schon mal keinen Kredit bekommen hat, weil das Scoring ergab, dass man leider die falschen Nachbarn, die falsche Lebensgefährtin und das falsche Geschlecht hat, wird sich auch fragen, wer hier noch die Kontrolle über die Daten hat. Dass Arbeitgeber Google benutzen können, ist ein alter Hut und Facebook-Partyfotos sind Schnee von gestern. Die Jugendlichen von heute teilen schon längst nicht mehr alles öffentlich – immerhin lernen wir alle dazu. Aber soziale Netze, über die ständig gelästert wird, sind nur ein klitzekleines Problem.

Wir haben schlicht und ergreifend überhaupt keine echte Kontrolle über Daten. Weder über unsere, noch über die von anderen, sie sie uns anvertrauen. Klar, wir können alles erdenkliche unternehmen um sie irgendwie sicher zu verwahren, sie zu verschlüsseln und uns 4852932145-stellige Passwörter generieren lassen. Und? Computer können ziemlich gut mit Zahlen umgehen. Codes zu knacken ist da nur eine Frage der Zeit und der Rechenleistung. Und selbst wenn ich nicht von Angriffen ausgehe, sondern von den ganz alltäglichen Pannen oder völlig normalen Vorgängen, die nicht mal eine Panne sind: Überweisungen, Verkehrskontrolldaten (Ampelsteuerungen, Weichenstellungen, etc.), Behördenkommunikation, Krankenakten, Adressen und und und… all das liegt mittlerweile nur noch in Form von Daten vor. Wir fassen all das in Daten zusammen, damit Computer uns dabei helfen, unser komplizierter werdendes Leben überhaupt noch zu überschauen. Und all diese Daten können wir nicht wirklich kontrollieren. Der Geheimdienstskandal ist ein perfektes Beispiel dafür.
Aber haben wir mit dem Verlust der Kontrolle über unsere Daten, die unser Leben darstellen, auch die Kontrolle über unser Leben verloren? Noch hat das niemand bemerkt. Noch will das auch niemand wahrhaben. Noch verstehen die wenigstens, dass auch dann, wenn sie selbst nichts mit dem Internet zu tun haben (und womöglich nicht mal einen Computer besitzen), dass es Behörden, Banken, Schulen, Universitäten, Supermärkte und alle anderen Orte, die sie besuchen könnten, sehr wohl Daten über sie haben und diese sehr wohl über das Internet austauschen.

Mit der Ausdrückbarkeit in maschinenlesbare Daten haben wir eine Technologie erfunden, die im Zweifel unkontrollierbar wird. Das ist eines der Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen.