Wenn einer eine Reise macht…

On 2. Oktober 2014, in Persönliches, by Ingo

…dann sollte er dabei am Besten auf die Deutsche Bahn verzichten. Vor allem dann, wenn es darum geht, zu einem festen Termin irgendwo in Deutschland zu erscheinen.

Eigentlich mag ich Bahnfahren ja. Es ist nicht übermäßig kompliziert, Verkehrsunfälle sind relativ selten (auch wenn gerade der Herbst und der Winter naht und die Suizidrate damit auch in die Höhe schnellt) und im Grunde gibt es nicht viel mehr zu tun als zu sitzen und zu warten, bis man am Zielort ankommt. Hin und wieder umsteigen, ankommen, alles gut. Soweit zumindest in der Theorie. Gestern allerdings zeigte sich die Bahn von ihrer schlechtesten Seite – und hat mir damit gehörig den Tag versaut. Oder zumindest meine Stimmung.

Ich wollte zu einem Vorstellungsgespräch nach Karlsruhe fahren. Das ist von klein Minden über fünf Bahn-Stunden entfernt (in der Theorie – in der Praxis werden auch gern sechseinhalb oder sieben daraus, wenn man nicht schnell und flexibel umplanen kann, was mir allerdings doch noch gelungen ist). Angedacht war, dass ich von einem Freund hier um 07:30 Uhr abgeholt werde (der musste ohnehin um etwa diese Uhrzeit hier vorbeifahren) und so stellte ich mich mit gepacktem Rucksack und nicht geringer Nervosität bereit. Um 07:33 Uhr rief ich dann kurz an, um eine Positionsmeldung zu bekommen, da weit und breit nichts von ihm zu sehen war. Leider war er nicht zu erreichen – und so machte ich mich dann um 07:45 Uhr[1] , dem „Point of no Return“ mit voller Notfallgeschwindigkeit mit dem Rad auf den Weg zum Bahnhof. Da kam ich dann im Schweiße meines Angesichts und ziemlich zerzaust an und wusste: Ordentlich, sauber und adrett werde ich da heute nicht ankommen und vermutlich einen extrem miesen ersten Eindruck hinterlassen.

Der Zug sollte dann um 08:08 Uhr hier abfahren – tat er auch, zumindest so ganz grob, denn es gab einen baustellenbedingten Gleiswechsel und ich bekam den ersten Verspätungsalarm des Tages, dass ein Anschlusszug nicht erreicht werden könnte. Via Bahn-Navigator-App und Live-Tracking wuchs die Verspätung dann soweit an, dass sie quasi mit der Umsteigezeit identisch war. Mein Stresslevel nahm von Minute zu Minute zu [2] und ich machte mich darauf gefasst, alternative Verbindungen suchen zu müssen. Wie durch ein Wunder schaffte der Zug es dann aber doch noch, ein paar Minuten aufzuholen, sodass mir noch eine Minute blieb, um in Hannover aus dem Zug zu springen, die Treppe runter zu hetzen, einmal längst den Bahnhof lang (im Slalom durch andere Fahrgäste, die genauso hektisch aus der Gegenrichtung kamen), die Treppe wieder rauf und in den IC der da stand reinzuspringen. Ob das nun der richtige Zug war oder nicht, konnte ich gar nicht mehr groß prüfen – hätte es eine Gleisänderung gegeben, wäre ich also todesmutig einfach in den falschen Zug gesprungen. Glücklicherweise war das aber schon mal der richtige Zug – ein mehr oder weniger heruntergekommen wirkender IC mit scheinbar nicht mehr so ganz funktionierendem Kabinendrucksystem (haben die überhaupt eins?), denn die zahlreichen Tunnel auf der Strecke sorgten für nicht geringe Ohrenschmerzen. Spätestens nach dem fünften Mal Druck auf den Ohren kam ich mir ziemlich betrunken vor und hatte ernsthaftes Mitleid mit dem Zugpersonal, dass die Strecke vermutlich mehrmals täglich fahren musste.

Nächster Umstieg in Kassel, ebenfalls mit massiver Verspätung und Hektik (spätestens hier versagte mein Deo völlig). Grund: Da fuhr eine S-Bahn vor, die einfach nicht die Strecke frei machen wollte, sodass der IC nicht schneller fahren konnte. „Frech“, dachte ich, „wie kann man da nur nicht rechts ranfahren!“ und in meinem Kopfkino ertönte der Ritt der Walküren und ein großer, mächtiger IC jagte hinter einem kleiner kleinen, unschuldigen S-Bahn her.[3] Also auch hier das beliebte „Wir rennen über einen Bahnhof und springen an nöselnden und vor einem her schleichenden Passanten vorbei“-Spiel.

Von Kassel sollte es dann mit dem ICE bis Mannheim weitergehen und von da aus dann bis Karlsruhe, von wo aus dann die letzte Etappe bis Karlsruhe-Durlach die S-Bahn sein sollte. Geplante Ankunft: 13:15 Uhr. Soweit, so gut – ich rief also schon mal ein kleines Taxi-Unternehmen an, das mir als recht günstig empfohlen worden war, um mich dann von da aus zu meinem Zielort zu bringen – denn nochmal 20 Minuten Fußmarsch wollte ich mir nach den Sprinteinlagen des Tages einfach ersparen.

So ein ICE ist ja schon eine gemütliche Sache, wenn alles funktioniert. Als wir dann kurz vor Mannheim waren, kam dann eine neuerliche Ansage: Der Anschlusszug nach Basel [und verschiedenen anderen Orten, die ich mir nicht gemerkt hatte], ICE 505/105 hält heute nicht in Mannheim. Stattdessen wurde der ICE 75, der zehn Minuten später fahren sollte, als Ausweichzug empfohlen. Ok, also neue Panik. In Mannheim angekommen sprang ich aus dem Zug, raste die Treppe runter, wieder quer durch den Bahnhof mit Kurs auf die Information – und wurde von einer Schlange gebremst. Vor mir ein ziemlich unaufmerksamer Rentner, der nicht merkte, dass er an der Reihe war, selbst nachdem ich ihn anstupste und darauf aufmerksam machte; so drängelte ich mich also vor. Ich wollte mir die Gültigkeit meines Tickets bestätigen lassen und dann eine neue Route ausgedruckt bekommen – schließlich brauchte ich ja auch neue Anschlüsse nach Durlach. Nach kurzem Hin und Her war dann klar, dass ich spätestens um 13:32 Uhr ankommen würde und um die verlorenen neun Minuten aufzuholen, raste ich wiederum zurück durch den Bahnhof, die Treppe rauf, zum Gleis des Ersatzzuges, nur um dann festzustellen, dass auch dieser Zug 10 Minuten Verspätung hatte. Damit würde ich auch die neuen Anschlüsse nicht mehr bekommen.

In Gedanken fluchend wollte ich die Taxizentrale anrufen, um ihr mitzuteilen, dass ich nicht mehr bis Durlach fahren würde, sondern dass sie mich am Hauptbahnhof in Karlsruhe einsammeln sollten – allerdings war das Telefon da nur besetzt. Insgesamt etwa 50 Minuten lang (ich hatte es in den zehn zusätzlichen Minuten und in der etwas über einer halben Stunde Fahrt permanent versucht anzurufen – ohne Erfolg), sodass ich annahm, dass deren Telefonanlage abgestürzt sein musste. Nun ja, sowas kann passieren. Dann wollte ich meine Gesprächspartnerin für das Vorstellungsgespräch anrufen und ankündigen, dass ich mich womöglich verspäte, schließlich hatte ich keine Ahnung, wie lang die Fahrt mit einem normalen Taxi vom Hauptbahnhof aus dauern würde – aber auch da konnte ich niemanden erreichen. Also: Volles Risiko und ein neuerlicher kurzer Angstschweißausbruch, der auch im Zug nicht besser wurde, da in dem Ersatz-ICE offenbar die Klimaanlage ausgefallen war. Schon ziemlich erschöpft und genervt kam ich dann doch irgendwann in Karlsruhe an und stapfte erst mal Schnurstraks zum falschen Ende des Bahnhofs (Ok, der Teil ist eigene Trotteligkeit, die einfach nur meiner Erschöpfung zuzuschreiben ist), lief also einmal hinten rum, um festzustellen, dass die Taxis vorn standen und nachdem ich ein solches dann erreicht hatte, kam ich dann doch noch pünktlich zum Termin.

Ich muss völlig verlottert ausgesehen haben und meinte auch, dass ich nach all diesem Chaos schon ziemlich erschöpft wäre. „Merkt man Ihnen aber nicht an“, hieß es – und ich fragte mich, ob das eine höfliche Untertreibung war, oder ob ich wirklich so cool wirken konnte. Meine Performance war dann wohl oder übel aber eher suboptimal und wenn ich den Job tatsächlich kriege, grenzt es an ein Wunder (wobei ich das ziemlich cool fände, denn es ist ja im Großen und Ganzen genau das, was ich eh schon seit Jahren mache – nur eben bezahlt und zum Glück weit, weit weg von der hiesigen Umgebung).

Auf dem Rückweg kehrte ich dann bei der vermutlich grandiosesten Burgerschmiede überhaupt ein – dem American Diner Durlach und verputzte den geilsten Burger, den ich bisher gegessen hab. Definitiv einen Besuch wert.

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Eine Stunde warten, meditieren und unter dem vollen Bauch leiden – schon sollte es dann wieder zurück gehen. Allerdings fuhr die S-Bahn nach Mannheim (von wo aus es dann mit dem ICE weitergehen sollte) mit einer derart atemberaubenden Geschwindigkeit, dass sie von einer durch die Dopingkontrollen gefallenen Wellhornschnecke locker hätte überholt werden können. Das Gedränge, die sich übergebende, extrem übergewichtige Frau, die sich an mir vorbeischob und das Fehlen jedweder Luftbewegung oder Klimatisierung machten meine ohnehin schon vorliegende Erschöpfung nicht besser – und dem neuerlichen Verspätungsalarm mit Hinweis auf mögliches Verpassen des Anschlusszuges nahm ich nur noch mit stummer Resignation auf. Wie durch ein Wunder (manchmal scheinen die Götter mir wohl gesonnen), erreichte ich den Anschluss dann doch noch, ließ mich in ein nicht reserviertes Abteil plumpsen und atmete erst mal die diesmal gut klimatisierte Luft tief ein. Herrlich, wenn alles funktioniert, wie es soll.

Nach einem Fahrgastwechsel stiegen dann zwei Finanzberater zu, die sich dann darüber unterhielten, dass es ja eine Frechheit wäre, dass so kleine Gewerkschaften, wie die GDL streiken könnte und man müsste die alle zerschlagen. Und überhaupt wäre es total illusorisch, fünf Prozent mehr Geld und zwei Stunden weniger arbeiten zu wollen (ich dachte nur: „Ja, total gemein, dass es Menschen gibt, die tatsächlich GELD haben wollen, wenn sie arbeiten. Warum nicht einfach gleich Zwangsarbeit einführen und ihnen Essens- und Wohngutscheine geben? Soll doch reichen, dafür dass sie die große Ehre haben, dem Unternehmen zu mehr Gewinn zu verhelfen…“). Völlig realitätsfremd sei das.
Kurz darauf unterhielten sie sich dann darüber, dass sie ja keine Lust hätte, ständig im Hamsterrad zu laufen und sich liebend gern beim Tennisspielen oder beim Golf auf exklusiven Plätzen „wo nicht die ganzen Arbeitnehmer rumhängen“ entspannen. Da geht man dann doch gern mal gegen 17 Uhr nachhause. Ist ja schließlich auch genug. Immer diese Arbeit und der ganze Stress, nein, das geht ja nun wirklich nicht. Außerdem schienen die beiden auch schon seit über zwanzig Jahren die gleiche Bahnverbindung zu nutzen und kannten fast jeden Passagier beim Vornamen. Verrückt.

Das war dann der Moment, in dem ich die beiden in meiner Fantasie am liebsten so lange mit den Köpfen zusammengeschlagen hätte, bis sie lachten und freiwillig zugaben, dass es andere Leute gibt, die genauso viel Stress hätten, deutlich weniger verdienten und ein verdammtes Recht darauf haben, streiken zu dürfen.

Glücklicherweise musste ich das permanente Gerede nicht auf Dauer ertragen – und die mir gegenübersitzende junge Dame war dann doch eine angenehmere Gesprächspartnerin.

Irgendwann gegen 23 Uhr war ich dann doch wieder zuhause. Und bei meiner nächsten deutschlandweiten Reise zu einem wichtigen Termin plane ich sicherheitshalber eine Übernachtung mit ein – das macht das alles extrem viel entspannter. Oder ich spare mir eine Art „Reisekasse“ an und nehme gleich den Flieger. Soll angeblich mit Check-In und so genauso lange dauern, ist in meiner Fantasie aber immer noch angenehmer, als Verspätungen, Rennerei und Stress durch Unzuverlässigkeit.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Später erfuhr ich, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kam und mich da einfach vergessen hat – es sei ihm also verziehen…
  2. Ich hatte ohnehin kaum geschlafen – schlechte Grundvoraussetzung für Zeitdruck…
  3. Ich weiß, ich weiß, Züge fahren alle mit gebührendem Abstand hintereinander her und sind in Blöcke eingeteilt, damit sie alle noch rechtzeitig bremsen können, falls doch mal was passiert – das änderte aber auch nichts an der amüsierten Vorstellung in meinem Kopf…
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