#gatekeeping

On 25. Oktober 2014, in Internet, Persönliches, by Ingo

Ich bin genervt. Nein, eigentlich köchelt da eine unterschwellige Wut in mir. Und wie das mit Wut so ist, sollte ihr rechtzeitig ein Ventil gegeben werden, bevor sie die Laune gänzlich verdirbt.

Was mich aktuell sauer macht, sind die vielen #gates, die derzeit so durchs Internet schwappen. #updategate, #bendgate, #gamergate… und all das wird tatsächlich ernst genommen, als hätten die Beteiligten irgendeine sozial bedeutsame Position. Was mich aktuell am meisten aufregt, ist die Debatte um das #gamergate. Und eben genau darum muss ich’s mir von der Seele schreiben.[1]

#gamergate – Spielplatz für moralisch Pervertierte

Ich habe versucht, mich in die Wortschlacht um das #gamergate einzulesen. Versucht, weil ich nach kurzer Zeit einfach abbrechen musste, da mich das Lesen selbst schon wütend machte und Wortschlacht, weil es sich dabei nicht um eine Diskussion handelt, wie es Seitens der Medien fälschlicherweise dargestellt wird.
Bei einer Diskussion geht es darum, Argumente auszutauschen – immer eingedenk des Umstandes, dass die eigenen Argumente möglicherweise falsch sein könnten. Bei einer guten Diskussion muss man sich selbst immer die Möglichkeit geben, die eigene Position zu überdenken, sie möglicherweise für falsch zu erklären und die Argumente des Diskussionsgegners als wahr (oder zumindest besser) zu übernehmen. Im Zweifel kann man sich auch in der Mitte treffen, wenn jeder ein Stück von seiner Position aufgibt und ein Kompromiss angestrebt wird.
#gamergate ist dagegen ein verbaler Vernichtungskrieg. Es geht ganz offensichtlich nicht darum, die eigene Position nur darzustellen und zu diskutieren; vielmehr erscheint es mir, als ginge es nur darum, die Gegenposition zu vernichten – inklusive der Diskussionsteilnehmer.

Ethik, Games und Journalismus? Dass ich nicht lache!

Die Kombattanten aufseiten des #gamergates behaupten steif und fest, dass es um ethische Grundsätze im Gaming-Journalismus gehen würde. Dass dem nicht so ist, wird in einem Beitrag vom Deutschlandfunk [Link] recht deutlich dargestellt. Wenn es aber um Ethik und Moral geht, dann werde ich automatisch hellhörig. Als Philosoph kann ich gar nicht anders. Nachdem ich nun die Beiträge und Medienartikel überflogen habe, stellte sich mir folgende Frage:

„Ihr redet von Ethik und bedroht Menschen, die eurer Meinung widersprechen mit Vergewaltigung und Tod?!? Wie gestört seid ihr eigentlich???“

Es mag sein, dass ich in meinem nicht ganz erfolglos abgeschlossenen Philosophiestudium irgendwas verpasst habe. Vielleicht hatte ich ja in dem entscheidenden Moment, als es um Ethik- und Moralbegründung ging eine Art Sekundenschlaf. Aber:

Niemals. Wirklich absolut niemals ist es eine ethisch (bezogen auf einen Einzelnen) oder moralisch (bezogen auf die Gesamtheit der Menschen) zulässige Methode, einen Menschen mit höchsten Übeln oder dem Tod zu bedrohen, nur um eine Meinung durchzusetzen!

Nicht nur, dass es gar nicht um eine echte Diskussion geht, es wird auch der Begriff der Ethik völlig pervertiert. Die Art und Weise, auf die diese Wortschlacht geführt wird, ist vielmehr vollkommen imoralisch.[2] Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen. Und die #gamergate-Teilnehmer gehören dazu.

Pardon, aber: Ihr seid keine Kämpfer für einen ethischen Journalismus. Ihr seid einfach nur Arschlöcher.

Die Sache mit dem Feminismus

Ich frage mich, woher dieser Hass auf Frauen kommt. Ich verstehe es einfach nicht. Vielleicht ist es eine Art „primitiver Verteidigungsversuch“ gegen feministische Argumentationen. Ich kann ja durchaus verstehen, dass man sich als Mann davon angegriffen fühlen kann. Ging mir auch oft so und ich finde nach wie vor, dass es einige feministische Argumentationen gibt, die für meinen Geschmack übertrieben sind.
Das liegt aber nicht daran, dass die Argumentation falsch wäre. Es liegt viel mehr daran, dass der Ton die Musik macht und der Ton ist nicht selten recht aggressiv. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass der Ton auch aggressiv sein muss. Immer dann, wenn in der Vergangenheit für Freiheitsrechte gekämpft wurde, war der Ton nicht all zu freundlich. Gut, es ging zu Anfang des letzten Jahrhunderts auch nicht gerade unblutig vonstatten. Und hier setzt sich dann einfach ein lange unterdrückter (oder eben schlechter behandelter) Bevölkerungsteil zur Wehr. Und wir können von Glück reden, dass wir im 21. Jahrhundert leben und dieser Freiheitskampf (hoffentlich) unblutig vonstattengeht.

Also: Ich kann verstehen, dass insbesondere Männer sich ärgern. Wie gesagt: Kurzzeitig geht es mir ja genauso, bis ich das Ganze halt mal sacken lassen habe und drüber nachdenke. Ich kann, will und werde niemals verstehen, dass dieser Ärger zu primitivsten Beleidigungen, Erniedrigungen bishin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen führt. Ich kann nicht verstehen, woher all dieser Hass kommt. Wir leben in einer sich für aufgeklärt haltenden Wohlstandsgesellschaft. Es fehlt uns an nichts. Es gibt keine große Konkurrenz zwischen den Geschlechtern, die irgendeinen Mann in seinem Leben bedrohen würde. Nicht mal die Lebensqualität ist von ein wenig Gleichberechtigung bedroht. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern (wobei ich es nicht mit ausreichend Inbrunst verfolgt habe), dass es jemals darum ging, etwaig als sexistisch deklarierte Motive aus Videospielen zu entfernen oder sie zu verbieten. Es soll (meiner Ansicht nach zumindest – aber ich lasse mich gern korrigieren) nur darum gehen, sie aufzuzeigen, damit jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Ein Problem muss schließlich erkannt werden können, damit es behoben werden kann.

#Gamerstolz

Zu guter Letzt möchte ich, nachdem ich mir meinen Ärger von der Seele gebloggt habe, noch ein wenig melancholisch und pathetisch werden.

Ich bin stolz, Gamer zu sein. Nicht zuletzt, bin ich stolz darauf, in all den Jahren so viele tolle Menschen kennen lernen zu dürfen (ja – und dabei sind sogar nicht wenig Frauen). Videospiele begleiten mich jetzt schon seit ich acht Jahre alt war und meinen ersten C64 bekam (also seit jetzt 25 Jahren – herrje, ein Vierteljahrhundert… ich werd alt…). Und in all den Jahren, in denen sich die Games von ihrem „Kellerkind-Image“ bis zur aktuellen Salonfähigkeit entwickelt haben, habe ich in meinem Umfeld niemals so etwas wie Intoleranz erlebt. Niemals habe ich auch nur den Hauch von Sexismus oder Hass gegenüber Frauen (oder „damals“ eben Mädchen) kennen gelernt. Das exakte Gegenteil war der Fall: Frauen wurden immer problemlos integriert, sexuelle Diskriminierung kam nicht vor… im Grunde lebte ich jahrzehntelang in einer schönen heilen Welt, in der uns Probleme wie Sexismus und dergleichen überhaupt nicht bewusst waren. Wir hatten sie einfach nicht. Wir haben alle Spielerinnen und Spieler völlig gleich behandelt und integriert. Aber hey, wir waren jung und sind damit groß geworden.[3]

Lasst uns all das nicht vergessen. Lasst uns nicht vergessen, dass Spiele dazu da sind, Spaß zu haben. Gemeinsam Spaß zu haben. Wo, wenn nicht in den Spielen können wir alle kurz mal hinter uns lassen, woher wir kommen. Wir können unabhängig von unsrem biologischen Geschlecht agieren, denn das lässt sich in den Spielen nach belieben wechseln. Games sind Teil der Unterhaltungskultur – und genau deswegen sollten wir uns diese Unterhaltung nicht von aggressiven, beleidigenden und bedrohlichen Strömungen kaputtmachen lassen. Kaum, dass das Gaming in der Gesellschaft ein wenig positiv gesehen wird, gibt es wenige (ich hoffe inständig, dass es wenige sind), die mediale Aufmerksamkeit durch Beleidigungen und Gewalt bekommen. Pardon, aber: Das darf einfach nicht sein. Es darf nicht sein, dass ein Hobby, das dazu geeignet ist, Menschen zu verbinden, mit einer derartigen Brutalität ins Gegenteil verkehrt wird.

Und zu Guter letzt möchte ich Danke sagen. 🙂 Mein Dank gilt all den bekannten und unbekannten Spielerinnen und Spielern, die mir in den letzten 25 Jahren über den Weg gelaufen sind und die mir Hoffnung machen (obwohl es eine ungültige Einpersonenstatistik ist), dass nicht wenige da draußen wirklich tolerante, intelligente und friedfertige, gern albern-verückte Menschen sind, die ihr Hobby mit Spaß ausüben, ohne negative Hintergedanken dabei zu haben. Ihr seid großartig! Und allein das gibt mir das gute Gefühl, dass die diffuse Menge der „Gaming-Community“ diesen Skandal unbeschadet überstehen wird. Besser noch: Ich denke, es wird uns, uns Spielern von Videospielen, eine Lektion in Toleranz und Demut sein. Wir können nur daraus lernen – vor allem, wie wir in Zukunft mit derartig aggressiven Störungen umgehen wollen. Denn genau darüber gilt es nun zu diskutieren.

So, genug finsteren (und zum Schluss doch noch positiven) Gedanken. Ich geh zocken. 🙂

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hätte es auch gern in einem Podcast verwurstet – aber meine Aufzeichnungs-App hat das Upgrade auf iOS 8.1 wohl nicht so wirklich gepackt und die sonstige Audioqualität ist mir mittlerweile einfach zu schlecht. Ich warte also auf ein Update – oder eben auf Geld für vernünftiges Equipment. 🙂
  2. Zur (vereinfachten) Erklärung: Amoralische Menschen achten moralische Grundsätze, wie es ihnen passt und brechen andere – so wie Räuber zwar stehlen, aber die Beute untereinander teilen. Imoralische Menschen dagegen ignorieren alle moralischen Regeln – etwa wie der Joker bei Batman.
  3. Und ein Problem ist immer etwas, wie oben schon erwähnt, das sich einem in den Weg stellt und hinderlich wirkt – wenn es einem nicht bewusst ist, dann ist es offensichtlich kein Problem.
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Es ist mal wieder so weit: Ich zweifle am gesunden Menschenverstand meiner Mitmenschen. Nicht, dass ich das nicht regelmäßig täte. Das letzte Mal ist nur schon wieder eine Weile her.

Diesmal grüble ich über die Sexismusdebatte rund um Rainer Brüderle nach. Gut, die von ihm getätigten Aussagen sind, sofern sie überhaupt genau so stattgefunden haben, sicherlich geschmacklos. Daran habe ich nichts auszusetzen. Mir geht da aber ein Kommentar einer Anruferin bei WDR5 durch den Kopf, den ich heute Morgen im Auto hörte. Sinngemäß sagte sie in etwa:

Da schreibt eine unbekannte Journalistin vor einem Jahr einen Artikel, der jetzt ausgegraben wird und medienwirksam stürzen sich Leute wie Alice Schwarzer darauf, die abgedroschene Argumente wiederholen und eine kleine Gruppe von Frauen die Twittert wird zu einem riesigen Skandal aufgebauscht.

Die anwesende feministische Redakteurin wollte das natürlich nicht hören und hat die Argumente glatt ignoriert. Ich fand das äußerst erschreckend. Warum? Nun ja…

Hier werden Frauen politisch instrumentalisiert, um einen Politiker oder eine ganze Partei in den Schmutz zu ziehen. Nun, ich mag die FDP auch nicht – aber Menschen instrumentalisieren ist meiner Ansicht nach immer falsch. Um dem noch eine Krone aufzusetzen: Menschen erst nach Geschlecht zu selektieren und sie dann zu instrumentalisieren ist Sexismus pur. Das, liebe Feministinnen, solltet ihr euch noch mal durch den Kopf gehen lassen. Ihr seid nämlich gerade sexistisch. Ihr instrumentalisiert Menschen auf Grund ihres weiblichen Geschlechts dazu, eine politisch motivierte Situation künstlich hochzukochen. Von Emanzipation und Gleichbehandlung ist das ungefähr so weit weg wie Russland von einer lupenreinen Demokratie. Da haben Journalisten tatsächlich etwas zu befürchten, wenn sie ihre Meinung sagen. Hier zum Glück nicht – sonst würde ich vermutlich auch einfach mal die Klappe halten und mir denken: „Lasse mal alle machen. Wenn genug von den wichtigen Themen des Lebens abgelenkt wurde und die Medien sich wieder beruhigen, ist‘s eh schnell wieder vergessen.“

Aber nicht nur Frauen werden ja sexistisch Instrumentalisiert. Die bösen Männer, die ja ohnehin an allem Schuld sind, dürfen nicht verschont bleiben. Wie war das? Der alte Spruch, dass es psychologisch bewiesen wäre, dass Krawatten Phallussymbole darstellen und genauso sexistisch sind wie Frauen im Dirndel, wurde auch mal wieder ausgegraben. Verdammt. Ich mochte Krawatten noch nie. Was mach ich denn jetzt liebe Frau Schwartzer? Habe ich jetzt ein gestörtes Verhältnis zu meinem Geschlechtsteil? Herrjeh! Sich über Kleidungsstücke a) Gedanken machen und b) der Welt verkünden, wie schrecklich sie doch sind. Gut, dass ich überhaupt gar keine Zeit habe, um im Fernsehen aufzutreten. Ich habe wichtigeres zu tun. Aber vielleicht sollten wir alle in geschlechtsneutralem Sackleinen gekleidet auf die Straße gehen. Am besten im Unisex-Overall. Möglichst weit ausfallen, damit weder Brüste noch Penisse oder sonst irgendein Geschlechtsmerkmal einen Unterschied machen kann. Gleichbehandlung durch Gleichmacherei! Hurra!

Und dann hieß es, es wäre schon lange an der Zeit gewesen, dass all die Frauen ihre Leidensgeschichten twittern. In Großbritannien gäbe es das ja schon lange. Da würde jedes Jahr regelmäßig von Frauen über ihre sexistischen Übergriffe getwittert.

Ja. Finde ich auch. Es war lange überfällig beobachten zu können, mit wie viel Leichtigkeit man ein Thema so aufbauschen kann, dass alle glauben, es wäre ein Skandal.

Versteht mich nicht falsch – ich finde Sexismus durchaus bekämpfenswert. Aber nicht, in dem man ihn mit seinen eigenen Waffen schlägt und Menschen nach ihren Geschlechtern selektiert und instrumentalisiert. Wir sollten da ein Diskussionsniveau erreichen, dass sich nicht nur auf Rollenbilder und Geschlechtsmerkmale fixiert. Das ist in meinen Augen genauso hilfreich wie zu versuchen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Am Ende hat man nämlich nur eine ganze Menge heiße Luft gemacht und Asche übrig.

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Das Internet, von dem immer alle reden, scheint sich momentan recht gern mit den kleinen aber feinen Unterschieden zwischen Männern und Frauen zu beschäftigen. Podcasts, Blogs und ab und an auch die Mainstream-Presse beschäftigen sich mit Feminismus, Chauvinismus, Gleichberechtigung und Gleichbehandlung – und irgendwie nervt mich all dies „gendern bis Blut kommt“ derweil ein wenig. Einer der Gründe, warum ich dem generischen Maskulin treu bleibe. 🙂

Erst kürzlich hörte ich in einem Podcast (der Bayern 2 Zündfunk-Generator), dass immer mal wieder Bestrebungen unternommen werden, zu beweisen, dass es da einen Unterschied zwischen Männern und Frauen geben muss. Zuletzt versuchten es wohl die Neuropsychologen, die herausgefunden haben wollen, dass weibliche Gehirne einfach anders funktionieren als männliche. Aber was soll das zeigen? Denken Frauen anders als Männer? Und wie denken Männer? Ich kann über das mentale Innenleben eines Menschen so lange nichts sagen, bis er mir freiwillig davon erzählt. Wahrnehmung, Bewusstsein, Geist – das bleibt wohl noch eine ganze Weile ein „hard problem“.
Aus meiner männlichen Denkperspektive kann ich ja auch nur sagen, wie ich denke, handle und mich für oder gegen irgendetwas entscheide. Aber scheinbar ist das nicht so ganz klar, wer nun welche Perspektive hat und wie denkt. Oder doch? Kürzlich meinte ein guter Freund, als er sich über seine Partnerin ärgerte „typisch Frau“, als sie ohne groß nachzudenken ein paar neue Klamotten kaufte. Sie fand sie einfach schön. „Hm,“ meinte ich, „ich mache das aber auch so. Vielleicht nicht bei Kleidung, aber wenn ich was schön finde und haben will, kauf ich‘s einfach. Und da reden wir jetzt nicht von Sachen unterhalb von 50 Euro, sondern eher etwas in der Klasse eines MacBooks. Bin ich jetzt typisch Frau?“ Er versuchte gar nicht erst, das irgendwie zu rechtfertigen, mich machte das zusätzlich nachdenklich.

Und so trieb ich mich ein wenig herum, um herauszufinden, was denn nun „typisch“ am Frausein oder Mannsein sein soll. Ich trollte in Foren herum, diskutierte in Communities, schrieb die eine oder andere Mail, lauschte Podcasts und fand ganz wundersame Dinge. Vor allem darüber, „wie ein Mann zu sein hat“ und „wie eine Frau sein darf“ und dass es offenbar verschiedene Sichtweisen dazu gibt, je nachdem, ob nun aus männlicher oder weiblicher Perspektive berichtet.

Also, wie hat nun ein Mann gefälligst zu sein? Als erstes stieß ich auf das „Mysterium Alphamännchen“. Offenbar sind damit durchsetzungsfähige Männer gemeint, die ein gewisses Standing haben oder zumindest nach außen hin so wirken, als hätten sie‘s. Die Macher und Entscheider, diejenigen, die den Arsch in der Hose haben. Balls of steel, you know? Wobei auch nicht ganz genau klar wurde, wie man denn nun „Alphamännchen“ wird. Bedarf es eines barbarischen Rangkampfes? Muss der Widersacher verbal oder allein durch Ausstrahlung unterworfen werden? Muss man das größere Auto fahren, das teurere Handy besitzen und die hübschere Freundin haben, um repräsentativ deutlich zu machen, dass man zu den „Machern und Entscheidern“ gehört? Immerhin soll „Alphamännchen“-sein ja eine „Lebenseinstellung“ sein. Noch erstaunlicher: Ist man kein „Alphamännchen“ wird man nicht ernst genommen. Unsicherheiten, die jeden wohl mal überkommen? Selbstzweifel, ob man einer größeren Aufgabe wirklich gewachsen ist? Sensibilität? Nein, das ist nur was für Loser! Sensible Männer, die auch noch intelligent und freundlich sind? „Das ist das, was Hollywood in die Köpfe der Menschen pflanzt, was in der Realität aber nicht funktioniert.“
Interessant daran ist: Die Männer behaupteten, Frauen würden auf „Alphamnännchen“ voll abfahren, weil die ja im Optimalfall große, kräftige, durchsetzungsfähige Beschützer sein könnten. Die Frauen sahen das irgendwie anders (was die Männer nicht in ihrer Argumentation gestört hat). Zwar stimmten sie den oberflächlichen Charakteristika zu (also bitte große, kräftige Beschützer), hielten aber gar nichts davon, jemanden „ertragen“ zu müssen, der immer und ständig das Sagen haben will. So ein „echter Mann“ darf auch gern mal die Klappe halten und einfach mal zuhören. Die „Du hörst mir gar nicht zu“-Problematik wurde dabei all zu deutlich. Charmant und humorvoll dürfen sie dann bitte auch noch sein, gegen Gentleman-Allüren hat niemand was – und wenn dazu noch eine Prise (aber wirklich nur eine Prise) Macho kommt, wär‘s perfekt.

Und wie darf Frau sein? Aus Sicht der Männer darf Frau sich gefälligst beschützen und betüddeln lassen. Schließlich ist man ja ein ganzer Kerl und da man die Hosen anbehalten will, ist man schließlich dazu da, Frau zu umsorgen und so. Hoch lebe das Rollenklischee darf Frau dann auch bitte eine geradezu devote Art an den Tag legen, mit der sie zum Mann aufschaut (nicht nur, weil der mindestens 20 cm größer zu sein hat!) und ihm quasi dankbar für sein „Alphamännchen“-Dasein ist.
Die Frauen sahen das diesmal verblüffend ähnlich (wenn auch nicht alle): Sie wollten zu einem Mann aufsehen können und sich „mal ganz als Frau“ fühlen dürfen.

Nachdem ich nun eine ganze Weile unter Machos und.. äh.. „Beta-Weibchen“ (?) umherstreifte, taten sich mir verwirrte Fragezeichen auf. Wie fühlt man sich denn, wenn man sich „mal ganz als Frau“ fühlt? Bin ich jetzt total unmännlich, weil ich bei traurigen Filmen weinen muss? Und warum gibt es da so intensive, schwer zu überwindende Glaubenssätze darüber, „wie Mann/Frau zu sein hat/sein darf“?
Ich vermute, dass es hier ein übersexualisiertes Problem gibt. Männer und Frauen springen in ihre Rollen, fühlen sich da eine Weile lang ganz wohl und wenn etwas außerhalb des gewohnten Denkrahmens passiert, wird es intensiv bekämpft. Na, wen wunderts? Immerhin ist es einfacher anders zu handeln als anders zu denken. Die eigenen Glaubenssätze und Überzeugungen zu verändern ist schwieriger als manch einer glaubt.

Abseits der übersexualisierten Debatte, wie Mann und Frau gefälligst zu sein haben, frage ich mich all zu oft, wo denn nun genau der Unterschied zwischen Männern und Frauen sein soll. Meine Geschäftspartnerin ist zum Beispiel in einer deutlich dominanteren Rolle (noch ein Mysterium: Das „Alphaweibchen“!). Ich bin unglaublich gut darin, die Leute zu motivieren, zu organisieren, planen, administrieren… aber wenn ich dann mal etwas publiziere, dass nicht so ganz der vereinbarten Firmenphilosophie entspricht, bekomme ich in Windeseile eine „Das kann nicht dein Ernst sein“-Mail. Ich bin auch ganz froh darüber, denn ab und an muss mein spontaner Tatendrang mal ausgebremst werden.
Ähnlich verhält es sich mit meiner neusten Redakteurin. Sie macht seit über 10 Jahren Kampfsport, berichtet von allerlei blutigen Trainingsverletzungen, die ich im Traum nicht über ich ergehen lassen würde und macht Dinge mit Messern, Schwertern und Äxten (auf Distanz auch einem Langbogen), bei denen mir schon beim Zusehen schwindelig wird. Bei einer potenziellen Zombie-Apokalypse stehe ich definitiv zwei Schwertlängen hinter ihr (sieh hält das auch für eine gute Idee 😉 ).

Wie kam ich nun hier unten an? Ah, ja – die Problematik mit der Gleichbehandlung. Nun, es scheint mir tatsächlich, als gäbe es eher ein sexualisiertes Problem, statt einem sexistischen Problem. Was ich damit meine? Na: Sexismus ist die bewusste und gezielte Abwertung eines Menschen auf Grund seines Geschlechts. Das ist aber, denke ich zumindest, eher der Ausgang aus einem sexualisierten Zustand. Jenes wiederum ist, meiner Ansicht nach, eine auf die reine Sexualität zentrierte Denkweise. Um es deutlicher zu machen: Wenn wir aufhören, uns immer und ständig als reine Paarungs-Objekte zu betrachten uns gegenseitig als Menschen ernst nehmen, haben wir eigentlich kein Problem mehr miteinander. Klingt zu einfach? Das Leben ist einfach!

Mein durchforsten des Netzes ergab, dass viele der sexistischen Auf- und Abwertungen letztlich darauf basieren, dass sich die verschiedenen Geschlechter untereinander scheinbar nur imponieren wollen. Die großen, starken Entscheider-Männer wollen mit einem möglichst großen Pfauenrad daherkommen, um ihren Paarungserfolg zu steigern. Die Frauen, die sich selbst eben diesen Männern unterwürfig darbieten haben scheinbar ganz ähnliche Intentionen. Ein Problem entsteht meines Erachtens genau dann, wenn dieses alberne Balzverhalten auf den Rest der Gesellschaft übertragen und unterschwellig mitkommuniziert wird. Dann nämlich hören die Menschen auf, sich gegenseitig als Menschen zu betrachten und fangen an, sich nur noch in Geschlechterrollen zu sehen, die ja gefälligst auf irgendeine Art und Weise zu sein haben.
Ok, ich sehe ein, dass wir auch nicht gänzlich damit aufhören können, uns alle gegenseitig als sexuelle Wesen wahrzunehmen (auch wenn das ein effizientes Mittel gegen die Überbevölkerung wäre 😉 ). Wir sollten aber damit anfangen, darüber nachzudenken, welches der richtige Ort und der richtige Moment dazu ist. Denn wir könnten uns einiges an Diskussion, politischem Zank, linguistischem Pfennigfuchsen und philosophischem Hirnschmalz sparen, wenn wir anfangen würden, Menschen als Menschen ernst zu nehmen – und sie nicht immer und ständig als Männer und Frauen zu betrachten. Vermutlich würden dann einige Forscher, die auf Teufel komm raus Unterschiede festmachen wollen arbeitslos. Aber die könnten sich dann auch einfach damit beschäftigen, festzustellen, dass es eigentlich gar keine all zu großen Unterschiede gibt. Was wir damit erreichen könnten, wäre eine Art Gleichbehandlung auf menschlicher Ebene, statt einer Angleichung der Geschlechterrollen. Das ist meiner Meinung nach auch viel effektiver. Denn klarerweise sind nicht alle Menschen gleich – aber wenn man auf ihre Unterschiede auf menschlicher Ebene eingeht, statt auf Ebene von Geschlechtern, erscheint es mir zumindest viel gerechter. Vielleicht braucht es aber auch erst einmal eine Art „Theorie der Geschlechtergerechtigkeit“, bevor etwas wie globale Gleichbehandlung einsetzen kann. Rawls reloaded. 🙂

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Vor gar nicht all zu langer Zeit, faszinierte mich ein kleines neues Internetprojekt, für das ich durchaus gern das eine oder andere Wort verlieren wollte. Allerdings waren genau diese Worte, die ich da verlor, dann doch ein kleines Problem – ein Streitpunkt der für mich zunächst einmal unüberwindbar war. Aktuell ist er das auch – aber ich arbeite daran.

Was war nun das Problem? Nun, es ist nicht so, dass ich völligen Unsinn von mir gab, sachlich falsch lag oder irgendwie thematisch wirres Zeug von mir gab. Das Problem war, dass mir von feministischer Seite vorgehalten wurde, dass ich maskuline Worte benutzte. Dem unbedarften Leser mag das nun überhaupt nicht problematisch vorkommen. Mir kam es auch nicht problematisch vor, im Gegenteil, ich fühlte mich sogar recht wohl damit. Und allein die Tatsache, dass man mich dazu aufforderte, von meiner maskulinen Sprache abzurücken führte zu einer heftigen Gegenreaktion. Ich fühlte mich geradezu angegriffen, sogar fast schon beleidigt, und ging im Geiste zu einer entsprechend heftigen Gegenwehr über. „Was wollt ihr eigentlich von mir? Habt ihr nichts Besseres zu tun, als euch über so einen lächerlichen Kleinkram aufzuregen? Haben wir hier nicht viel wichtigere Dinge zu sagen?“ ging es mir durch den Kopf. Und so suchte ich dann intuitiv, aus der Position der beleidigten Leberwurst heraus, allerlei Argumente um mich mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Schilde hoch! Waffen bereit! Ohne Befehl feuern!

Whait, what? Moment. Nochmal langsam… Nachdem ich nun die eine oder andere Nacht darüber geschlafen habe und grübelte, kam ich zu dem Entschluss, besser mal zuzuhören, statt mich angegriffen und beleidigt zu fühlen. Derart emotionalisierte Situationen sind immerhin keine gute Diskussionsgrundlage – und schon gar keine Grundlage, um sinnvoll nachzudenken. Wenn man sich ohnehin schon beleidigt fühlt, dann neigt man dazu, einfach nicht mehr zuzuhören (mir zumindest geht es so…) und damit geht dann jegliche Sachlichkeit für ein Thema völlig verloren.
Wie auch immer: Ich habe mir dann mal zwei empfohlene Lektüre-Links angesehen und festgestellt, dass ich mit meiner spontanen Abwehrhaltung gar nicht all zu allein war. Schlimmer noch: Ich habe tatsächlich ein Problem, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Auch ich mache anzügliche Witze, ärgere mich über Frauen am Steuer (und habe sogar manchmal Angst, wenn ich bei einer Frau als Beifahrer mitfahre, insbesondere, wenn sie nicht gerade langsam fährt), auch finde durchaus meinen Gefallen an leicht bekleideten Frauen im Sommer und mag die (mal subtile, mal sehr offene) Erotik in der Werbung. Ich hätte das auch niemals als problematisch empfunden und gerade jetzt in diesem Moment fallen mir auch eine ganze Reihe von Argumenten aus der physiologischen Psychologie ein, mit denen ich all das zum Teil rechtfertigen könnte. Aber genau das will ich hier jetzt nicht. Ich will mich gar nicht rechtfertigen, ich will darüber nachdenken, wo das Problem ist, wie schwerwiegend es ist und ob es sich lösen lässt.

Gut, da ich nun vom Feminismus rein überhaupt gar nichts verstehe (und bis dato auch gar nicht verstehen wollte), war ich erst einmal mit der Fragestellung überfordert. Wie nähert man sich dem Themenkomplex am einfachsten? Wen fragen, wie fragen und in welchem Rahmen? Meine erste Anlaufstelle waren die Frauen in meinem nahen und fernen Freundes- und Bekanntenkreis.

So ging ich also hin und fragte ganz einfach, ob sich wirklich jemand ignoriert, unterdrückt, beleidigt oder irgendwie sonst tangiert fühlt, wenn man maskuline Worte in der Alltagssprache verwendet. Die Reaktionen waren durchweg negativ, ja teilweise sogar aggressiv. Ich bekam Antworten wie: „wo haste das jetzt her? lieste mittlerweile frauenzeitschriften?“, „also ich habe schon gehört, dass es leute gibt die wert darauf legen. ich hab genug selbstbewusstsein um damit klar zu kommen“, „welcher männl. sprachgebrauch bitte? Und wenn,trifft nix bei mir zu… Et gibt schon komische menschen/frauen *kopfschüttel“, „Ey, die soll‘n sich doch verpissen und wo anders rumheulen! Die können sich aufregen… was für ein schwachsinn“

In einem ähnlichen, teils sogar noch aggressiverem, Tonfall bewegten sich die meisten Reaktionen. Hier war nun also überhaupt keine Hilfe zu erwarten. Wenn also die Betroffenen sich selbst schon darüber lustig machen, dachte ich, gibt es dann überhaupt ein ernsthaftes Problem? Nach zwei kleinen Lektüreeinheiten stellte ich dann fest: Ja, gibt es. Ein Problem struktureller Natur. Und ich muss wohl oder übel anerkennen, dass ich Teil des Problems bin und weniger Teil der Lösung. Wie komme ich dazu? Gehen wir noch mal ein Level tiefer.

Ohne Zweifel bewegen sich Männer und Frauen im gleichen gesellschaftlichen Rahmen. Pierre Bourdieu machte das in „Die männliche Herrschaft“ eigentlich schon recht deutlich. Die Gesellschaft ist androzentristisch ausgerichtet und somit nehmen ihre Teilnehmer die Positionen ein, in die sie qua Sozialisation gedrängt werden. Sozialisationseinflüsse sind unglaublich stark und ihnen zu entkommen ist so gut wie unmöglich. Sie beeinflussen das Handeln, Denken, Fühlen – die vollständige Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wenn ich mich also mit meinem sexistischen Verhalten wohl fühle, dann nur, weil mich die Gesellschaft, die mich bisher umgab, positiv konditioniert hat. Man lachte über frauenfeindliche Witze, zusammen mit anderen Männern im Auto fluchte man über „die blöde Kuh da vorn“, die wieder mal an der Ampel den Wagen abgewürgt hat und bei Umzügen dürfen Frauen (auch dann, wenn sie physisch durchaus dazu in der Lage wären), natürlich nicht bei den schweren Möbeln mit anpacken. Da werden dann irritierte Blicke ausgetauscht, wenn ein weiblicher Stammtischgast Pils statt Wein bestellt und überhaupt tendiert man immer öfter zu Sticheleien oder Provokationen, allein um zu zeigen, wer hier die Hosen anhat.
Und was ist mit den Frauen? Die behaupten von sich selbst, sie hätten kein Problem damit. Sie behaupten sogar, dass es Blödsinn wäre, alberner Quatsch, sich darüber Gedanken zu machen. „Die Welt ist halt so.“, kam mir entgegen.

Aber Moment. „Die Welt ist halt so.“ klingt nicht akzeptierend. Es klingt nach Resignation. Es klingt danach, als hätte jemand schon aufgegeben, sich irgendwie zu behaupten. Und ich bin daran Mitschuld.

Nun, am Ende dieser Überlegung wird mir einiges klarer, worüber ich sonst eigentlich nie nachgedacht habe. Trotz aller liberaler Einstellungen, trotz sämtlicher Annehmlichkeiten und Freiheiten und Offenheiten, die ich den Frauen in meinem Umfeld einräume, bin ich wohl oder übel zu einem ziemlichen Sexisten sozialisiert worden. Obwohl ich mich jederzeit darum bemühe, so viel Gerechtigkeit walten zu lassen, wie nur möglich, bin ich doch im Grunde ungerecht. Es scheint auch völlig normal zu sein, sich zunächst einmal angegriffen zu fühlen und seinen Standpunkt, wenn auch total unsachlich, auf jede Weise verteidigen zu wollen. Immerhin kommt ja Gegenwind aus einer Richtung, die, zumindest im Geiste, eher abwertend betrachtet wurde. Eine Abwertung, die weder gerechtfertigt noch logisch begründbar ist, die aber vom größten Teil der Gesellschaft vorgelebt wird und die jederzeit durch Medien, Werbung und Umfeld kommuniziert wird.

Und wie geht‘s jetzt weiter? Ich denke, es wäre am klügsten, es zum einen mit Rüdiger Bittner zu halten, der in seinem (sehr erhellenden) Aufsatz „Is IT Reasonable to Regret Things One Did?“ im Kern davon ausgeht, dass man schlechte Taten nicht bereuen sollte. Das macht die schlechte Tat weder ungeschehen noch besser und man selbst ändert sich auch nicht. Man leidet darunter – aber das führt nur dazu, dass auf eine schlechte Tat eine weitere schlechte Tat folgt.

Nein, ich denke, ich sollte einfach anerkennen, dass ich bis dato schlecht gehandelt habe. Statt ein schlechtes Gewissen zu haben, will ich vielmehr aufhören, schlecht zu handeln. Ein Schritt dahin ist, sicher erst einmal zuzuhören, bevor ich emotionalisiert zu den Waffen greife und meine, mir zufällig zugefallene und überpriviligierte Männlichkeit verteidige. Das wird, wohl oder übel, noch ein recht langer, harter Weg. Immerhin reden wir hier vom Ausbruch aus dem Sozialisationsgefängnis. Etwas, das für Bourdieu unmöglich war, da man seinen Habitus immer und überall mitschleift.

Unmöglich? Erfahrungsgemäß ist etwas nur so lange unmöglich, wie man denen glaubt, die behaupten, dass es so sei. Denn solange man das glaubt, probiert man es gar nicht erst aus.

Ich will kein Feminist werden. Ich will mein Gerechtigkeitsdefizit beheben.

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