Urheberrechtsgedanken

On 7. Dezember 2013, in Politik, by Ingo

Die Piraten schreiben in ihrem Parteiprogramm, dass Wissen frei und kostenlos mit allen geteilt werden soll. Wer Kunst oder Gedankengut produziert, der produziert es auf Basis von dem, was es schon gibt – es gibt Vorbilder oder Inspirationsquellen. Damit ist Wissen und Kunst im Grunde Gemeingut und soll jedem zugänglich sein. Soweit so gut. Trotzdem habe ich hier noch einiges zu kritisieren und wälze ein paar Gedanken dazu hin und her, wie man trotzdem im Internet Geld verdienen kann.

Etwas zurückgeben…

Das Argument, dass jemand, der ein Werk schafft (unabhängig, ob es nun Kunst oder Wissenschaft oder ein journalistischer Artikel ist), ja Inspirationsquellen hat, die schon im öffentlichen Raum existieren, greift zu kurz. Schließlich haben diejenigen, die diese Werke, die als Inspiration dienen, geschaffen haben, ja auch irgendwann einmal von etwas gelebt. Sie haben diese geschaffenen Inhalte verkauft (ja, auch an böse Verwertungsgesellschaften und/oder Verlage). Das heißt: Die Inspirationsquellen musste auch irgendwann einmal eingekauft werden, sodass es im Grunde legitim ist, wenn man auch für die daraus entstehenden Werke bezahlt. Klar ist, dass die Art und Weise der Bezahlung eine andere sein muss. Aber dass in irgendeiner Form Geld den Besitzer wechseln muss, ist ein notwendiger Bestandteil des Produzierens von Werken.

Warum auch im Internet bezahlt werden muss

Es liegt meiner Ansicht nach auf der Hand, dass die „Kostenlos-Kultur“ zum einen weder so kostenlos ist, wie sie zu sein scheint. Zum anderen funktioniert sie auch gar nicht. Wenn etwas kostenlos ist, dann wird Werbung geschaltet. Werbung ist immer mit einem großen Fluss an Daten verbunden. Letztlich ist man dann nicht mehr Kunde, sondern eher Produkt – man wird als Konsument des Inhalts an den Werbetreibenden verkauft. Das ist moralisch verwerflich, wird aber gemacht. Ja, auch von mir, somit bekleckere ich mich nicht gerade mit Ruhm, aber ich überlege gerade an einer Lösung dieses Problems. Das andere Problem ist: Selbst wenn jemand sich von anderen, schon vorhandenen Werken inspirieren lässt, investiert er ja eine bestimmte Menge Zeit darin, sein eigenes Werk anzufertigen. So ein Text entsteht nicht einfach aus dem nichts, ein Lied, ein Video, ein Kunstwerk – all das entsteht über eine bestimmte Zeit hinweg. Es kann auch nur entstehen, wenn derjenige, der das Werk anfertigt, einen funktionierenden Stoffwechsel hat. Um den haben zu können, muss er sich von irgendetwas ernähren. Ausgeruht sein hilft ebenfalls ungemein. Mit anderen Worten: Man muss irgendwo wohnen und irgendwas essen. Ganz zu schweigen von den Werkzeugen, die man benutzt, um das Werk anzufertigen. Dieser Text entsteht beispielsweise auf einem Computer, ein Musikstück benötigt Instrumente, Aufzeichnungsgeräte und Schnittsoftware und überhaupt braucht Kreativität ein kostbares Gut, dass immer wieder vergessen wird: Zeit. Wohnung, Nahrung und Werkzeuge kosten Geld. Und das zwangsläufig. In einer Diskussion eben meinte mein Technikredakteur David sinngemäß: „Du kannst ja niemanden zwingen, was dafür zu bezahlen. Wenn die Leute es nicht kostenlos kriegen, nehmen sie’s halt nicht.“ Nun ja, wenn ich meine Wohnung nicht bezahle, dann kann mein Vermieter mich früher oder später dazu zwingen auszuziehen. Und wenn ich meine Stromrechnung nicht bezahle, dann stellt der Stromanbieter den Strom halt irgendwann ab. Das geht aber jedem so. Jeder von uns, wird dazu gezwungen, bestimmte Ausgaben zu haben. Zumindest solange man nicht auf der Straße leben will. Es ist also im Großen und Ganzen normal, für Dinge zu bezahlen, die man nutzt. Warum sollte es dann nicht auch normal sein, für Dinge im Internet, die man nutzt, zu bezahlen?

Wie man bezahlen könnte

Mir gingen nun ein paar Ideen durch den Kopf, wie und wofür bezahlt werden könnte. Erst dachte ich an Dienste wie Flattr. Schöne Idee, funktioniert (für mich) aber nicht. Entweder nutzen meine Leser Flattr einfach nicht – oder sie finden meine Inhalte so schlecht, dass sie mir dafür nicht mal die paar Cent für den Inhalt geben wollen. Schade eigentlich. Flattr scheint aber bei Podcastern ganz groß anzukommen. Da ist durchaus was in Planung, aber ob es wirklich etwas einbringt, wovon ich leben könnte ist fraglich. Ich halte es zumindest für relativ unwahrscheinlich. Spenden-Buttons? Die wirken auf viele Leute eher bettelnd. Und Bettler werden ja eher schlecht angesehen (dabei ist es, meiner Ansicht, nach für jemanden, der nichts hat, durchaus eine legitime Forderung um etwas von jemandem zu bitten, der mehr hat, als er essenziell benötigt, schließlich kann eine Gesellschaft nur dann existieren, wenn alle Mitglieder sich gegenseitig unterstützen). Dann dachte ich an Micropayment-Dienste. Was man aus Computerspielen kennt, auf das Internet übertragen: „Möchtest du diesen Text in pink mit goldglitzerndern Sternen lesen? Dann zahl doch bitte 30 Cent dafür und wir formatieren ihn um. Höherer Kontrast, Druckvorlage, PDF? X Cent und der gewünschte Dienst steht zur Verfügung.“ Ein DLC für die Medienwelt, wenn man so will. Es ist zwar schon im Produkt enthalten, wird aber erst nach Zahlung freigeschaltet. Der Ursprungsinhalt bleibt dabei kostenlos und frei für alle nutzbar online. Will man ihn aber auf eine andere Art und Weise darstellen, exportieren, auf dem Smartphone oder Tablet lesen – dann kostet das einen kleinen Betrag.

Kulturflatrate? Ja! Aber bitte OpenSource…

Der Gedanke an eine Kulturflatrate war dabei umso verlockender. Da stecken dann aber zahlreiche Probleme dahinter, die ich allein kaum lösen kann. Technische, gesetzliche, soziale… aber ich lasse meine Gedanken einfach mal weiter kreisen: Angenommen, jeder (wirklich jeder!) würde 1% seines Einkommens in einen großen Kultur-Topf zahlen. Ein völlig fiktiver Beitrag, der vermutlich überhaupt nicht ausreicht, aber wie hoch das sein muss, um effektiv zu funktionieren, müsste ich noch länger überlegen. Dann kommen die Werkeersteller, melden sich an diesem Topf an und bekommen eine Ausschüttung. Soweit, so gut. Klingt wie GEMA? Nein, nicht ganz. Die ist ja nur für Musik zuständig. So, wie die VG Wort für uns Wörterschmiede zuständig ist, der Beitragsservice von ARD ZDF und Deutschlandfunk, für den Rundfunk zuständig ist und es vermutlich noch zahlreiche andere Verwertungsgesellschaften gibt. Es bräuchte eine Art „Meta-Verwertungsgesellschaft“. Klingt wie Mammut-Unternehmen mit Horror-Verwaltung? Ja, auf den ersten Blick schon. Muss es aber vielleicht gar nicht sein. Wie so etwas verwaltet werden muss, kann ich nicht sagen. Wie gesagt: Es bräuchte Juristen, Wirtschafter und vielleicht auch eine politische Richtlinie, um die Idee überhaupt auf Kurs zu bringen. Das kann ich hier ja nun nicht in einem, in einer Stunde runtergeschriebenen, Gedankensammel-Blogbeitrag ausformulieren.

Nun, diese Meta-Verwertungsgesellschaft sollte so transparent wie möglich gehalten sein. Jeder sollte erfahren können, was eingenommen wird und was ausgezahlt wird. Und, was die Verwaltung so kostet. Schließlich gibt es da eine Menge Infrastruktur und Mitarbeiter, die ja auch Miete bezahlen und essen müssen. Das ganze System sollte also „quelloffen“ sein, sodass jeder jederzeit sehen kann, wer was macht und wie viel Geld von wo nach wo fließt.

Natürlich gibt es hier noch zahlreiche offene Fragen. Zum Beispiel: Wer bekommt wie viel aus dem großen Kulturtopf ausgezahlt? Habe ich als Blogger mit relativ wenig Kosten den gleichen Anspruch, wie ein Podcaster mit teurem Equipment? Oder sollte es gar nicht davon abhängen, welche Werkzeuge benutzt werden, sondern vielmehr davon, was jemand zum Leben braucht? Da wären wir dann in der Nähe eines Grundeinkommens, nur dass es nicht bedingungslos ist, sondern daran geknüpft, dass tatsächlich Inhalte für die Allgemeinheit produziert werden. Hier sollte es, meine Meinung nach, keine Staffelung geben. Also nicht etwa: Podcaster und Leute, die Videos machen bekommen mehr als Blogger, weil letztere ja weniger Aufwand haben. Das wäre eine ungerechte Benachteiligung und würde nur dazu führen, dass viel weniger Textbeiträge entstünden. Und es gibt halt so Leute wie mich, die von sich glauben, dass sie halbwegs unfallfrei schreiben können und allerhöchstens ein Radiogesicht haben, aber für Videos nicht viel übrig haben. Die Idee ist also ein „Staffelungsfreies Grundeinkommen für Medienproduzenten“.

Von der Verwertungsgesellschaft zur globalen Kulturabgabe

Spinne ich den Gedanken also mal zu Ende: Wenn wirklich jeder, unabhängig von seinem Einkommen oder seiner sozialen Bedürftigkeit, 1% seines Einkommens in einen Topf einzahlt und wirklich jeder, der Inhalte produziert und für die Allgemeinheit publiziert davon ein lebensfähiges Einkommen ausbezahlt bekommen würde, wäre vermutlich allen geholfen. Und damit könnte dann auf Werbung verzichtet werden, niemand müsste mehr von Werbetreibenden ausspioniert werden und die produzierten Inhalte könnten von jedem zu allen Zwecken frei und nach Gusto verwendet werden.

Das wird vermutlich niemals klappen, weil für Werbung und Co. Immerhin ein Milliardengeschäft mit starkem Lobbyismus ist. Aber: Auch Leute die Werbung für ein Produkt machen, erstellen Inhalte für die Allgemeinheit. Man müsste diese Meta-Verwertungsgesellschaft also nicht lokal, sondern global denken. Wenn also die gesamte Weltbevölkerung jeweils 1% des Einkommens in den Topf wirft, dann ist genug für alle da, die da Inhalte erstellen und Werbung machen wollen. Denn je größer der Topf ist, desto größer ist auch die Summe, die am Ende an die Inhaltsproduzenten ausgezahlt werden könnte. Das ganze global zu denken rechtfertigt schon die Tatsache, dass wirklich jeder Mensch auf der Welt (gut, es mag wenige Ausnahmen geben) tatsächlich irgendeine Form von Medium konsumiert. Es bräuchte also eine Kooperation aller Verwertungsgesellschaften weltweit, um eine Art „Globale Kultursteuer“ zu erheben. Und das ist auch gar nicht undenkbar, denn wenn jeder Staat seine eigene Meta-Verwertungsgesellschaft gründet, die sich auf die Idee der maximalen Transparenz und der maximalen Gerechtigkeit (also gerechte Zuteilung der Einnahmen, was immer darunter verstanden werden möge), dann wird das System dezentral.

Vielleicht ist das alles eine totale Illusion. Aber ich mag sie. J

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Ich muss mich als anonymer Schokoholiker outen. Ich liebe Schokolade. Man sieht es mir vielleicht nicht unbedingt an – aber das muss ja nichts heißen. Genauso ist Nutella eigentlich schon seit Jahren fester Bestandteil meiner Essgewohnheiten, auch wenn so ein durchschnittliches Glas meist ziemlich lange hält. So lange, dass mir jetzt ein recht interessanter Marketing-Trick aufgefallen ist.

Vor nicht all zu langer Zeit verkaufte man im Supermarkt an der Ecke 500g-Gläser Nutella. 50g Gratis! Dauerhaft mehr Inhalt! 2,29 €… von der Preissteigerung abgeschreckt (der ehemalige Preis lag bei 1,99 € und offenbar wollte niemand für 50g mehr 30 Cent mehr bezahlen – was auch nur verständlich ist), lagen die Gläser bleischwer in den Regalen. Nur knapp eine Woche später senkte man den Preis auf 1,79 € – und ich schlug zu.

Mittlerweile ist der Preis wieder auf 2,29 € geklettert und die Kunden haben offenbar vergessen, dass es für diesen Preis einmal 500g-Gläser hätte geben sollen, die damals schon niemand wollte, weil der Preis unverhältnismäßig hoch war. Womöglich hatten sie auch noch die 1,79 € im Kopf. Ich für meinen Teil hatte gestern beim Einkaufen ganz andere Dinge im Kopf, als mir Gedanken über Preisvergleiche zu machen – ein fataler Fehler. So kaufte ich einfach das 2,29-€-Glas, weil „man gönnt sich ja sonst auch alles“ und war glücklich über die Auffüllung des morgendlichen Schokoladenvorrats.

Die Erkenntnis traf mich dann beim Auspacken der Errungenschaften am Küchentisch:

Leise, still und heimlich reduzierte sich der „dauerhaft mehr Inhalt“ wieder auf 450g (ok, man war es jahrelang gewohnt, dass das klassische Nutella-Glas 400g hat, sodass tatsächlich 50g mehr drin sind). Der Trick liegt auf der Hand: Man vergrößert für einen kurzen Moment den Glasinhalt, hebt den Preis auf ein Niveau, bei dem niemand kaufen will, senkt ihn dann unter den gewohnten Preis, bei dem dann alle zuschlagen, nur um die zuvor „geschenkten“ 50g wieder zu entfernen und zu hoffen, niemand hätte bemerkt, was da vor sich geht. Was bleibt sind zusätzliche 50g Nutella für 30 (in manchen Läden/Bundesländern sogar 40) Cent mehr Geld. Dauerhaft mehr Inhalt bei dauerhaft höherem Preis.

Ok, ich bin auch darauf reingefallen. Demnächst gehe ich dann vielleicht mal mit mehr Zeit einkaufen und bemühe gleichzeitig das Internet um Informationen – denn immerhin hat die Verbraucherzentrale Hamburg eine ganz hübsche Mogelpackungsliste, mit allerlei versteckten Preiserhöhungen.

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Fehlgeleiteter Altruismus

On 20. Juli 2011, in Gesellschaft, Menschen, by Ingo

Vorhin klingelte mein Telefon und eine alte Bekannte – eine ehemalige Mitschülerin – meldete sich. Ich war zunächst erstaunt, als ich den Namen auf dem Display las, denn für gewöhnlich meldet sich die junge Dame nur dann, wenn sie etwas braucht oder haben will. Meine Vermutung bestätigte sich umgehend. Nach einer hastig heruntergebeteten Partitur des Leids fragte sie dann, ob ich ihr nicht ein wenig Geld leihen könnte. Mir fehlten für einen kurzen Moment die Worte.

Nun, die gute Dame habe ich zuletzt vor etwa einem Jahr gesehen. Da brauchte sie Hilfe für den Umzug einer Freundin. Also im Grunde Leute, die anpacken und Schleppen. Etwa zwei bis drei Monate vorher waren wir uns rein zufällig in der Innenstadt über den Weg gelaufen – nachdem wir uns über 5 Jahre lang nicht gesehen (und vermutlich auch nicht im mindesten vermisst) hatten. Damals war man noch der Ansicht, man müsste sich mal bei Zeiten zusammen setzen – immerhin ist ja viel passiert in der Zwischenzeit. Dazu kam es nie. Stattdessen wurde ich zur Hilfe bei besagtem Umzug angefordert – und da ich ja Hilfegesuche grundsätzlich nicht ablehne, schleppte ich diverse Möbel.

Dann wechselte man noch das ein oder andere mehr oder weniger interessante Wort via Facebook – bis dann eine große Schweigsamkeit eintrat und nur noch Spielbenachrichtigungen den Stream vollspamten. Und nach etwa 2-3 weiteren Monaten sortierte ich dann meine Kontaktliste mal wieder aus und löschte all diejenigen, die sich ohnehin nie melden oder nie etwas sagen.

Vor etwa einem halben Jahr dann lief mir die junge Dame wieder über den Weg – wunderte sich ein wenig, dass man bei Facebook ja nichts mehr von mir sehen würde, was ich nur damit kommentierte, dass das auch nicht ginge, denn ich hätte sie ja entfernt. Schade wäre das, sie wollte sich mal wieder melden, müsste mir mal wieder eine Einladung schicken. Es passierte erwartungsgemäß nichts. 🙂

Heute dann, wieder ein halbes, völlig kontaktloses, Jahr später, schien sie von der Not getrieben wieder mal an mich denken zu müssen. Immerhin schlage ich Hilfegesuche so gut wie nie in den Wind. Aber nein, ich habe mit Sicherheit kein Geld übrig, log ich, dass ich verleihen könnte (denn es wäre mit Sicherheit verschenkt gewesen). Ich müsste selbst sehen, wie ich irgendwie über die Runden komme, log ich weiter. So leid mir das nun auch tut, aber ich habe nichts, was ich da teilen könnte.

Es ist sicherlich nicht die feine englische Art zu lügen. Aber es ist ebenfalls keine sonderlich nette Art und Weise jemanden nur als Mittel zum Zweck zu benutzen und ansonsten völlig zu ignorieren. Möglicherweise war meine Aussage, ich hätte die junge Dame aus sämtlichen Kontaktlisten entfernt, weil sie sich ohnehin nie melden würde, nicht deutlich genug.

Nun, bei der nächsten Gelegenheit werde ich eine Grundsatzdiskussion darüber anstimmen, welche Art von respektvollem Umgang man mit einem möglichen, wenn auch völlig vernachlässigten, sozialen Umfeld zu pflegen hat. Denn wenn man schon eine Leistung (und sei es auch nur eine Notleistung) erbittet, dann sollte man den Helfenden zumindest einen minimalen Respekt gegenüber bringen.
Vorzugeben, in irgendeiner Form einen Sozialkontakt dazustellen, sich dann aber eher wie ein Sozialparasit zu verhalten, ist nicht im Ansatz respektvoll.

Es stellt sich die Frage, was hier schief gelaufen ist. Ist es eine von der Gesellschaft verursachte Sozialisation? Gehört es zum Leben dazu, dass man Menschen in seinem entfernten Umfeld ignoriert und sobald man ihrer bedarf ausnutzt? Oder ist es eine Frage der Erziehung? Mir zumindest ist beigebracht worden, dass man Menschen respektvoll behandelt und Kontakte, an denen einem liegt, auch pflegt.

Viel grundsätzlicher frage ich mich, ob es richtig ist, ein Hilfegesuch zurückzuweisen, wenn es von jemandem ausgeht, mit dem man eigentlich nichts zu tu hat. Unter karitativen Gesichtspunkten wäre es sicherlich falsch. Würde es allgemeines Gesetz werden, dass Hilfegesuche von Fremden zurückgewiesen werden dürften, so würden zum Beispiel Rettungsdienste es sich aussuchen können, ob sie einen Patienten retten oder nicht. Abseits davon ist die Frage, ob es Gründe geben kann, aus denen man Hilfsgesuche von Fremden zurückweisen darf. Ich gehe davon aus, dass es durchaus zulässig ist, eine derartige Anfrage zurück zu weisen, wenn aus der Person des Fragenden, den allgemeinen Umständen und der speziellen Situation klar wird, dass ein Zustand vorgetäuscht werden soll, der de facto nicht gegeben ist. In diesem Fall sollte ein Zustand der sozialen Nähe dargestellt werden, obwohl es einen solchen nie gegeben hat und auch nie geben wird. Ich sehe keinen Grund, aus dem ein derartiges Hilfegesuch, das offensichtlich auf einem rein einseitigen Nutzen basiert und zudem auf dem Vortäuschen von Verbundenheit basiert, angenommen werden sollte.

Nun, ich rechne stark damit, dass ich etwa ein halbes bis ganzes Jahr nichts von der jungen Dame hören werde. Ich gehe ebenfalls stark davon aus, dass wenn ich etwas von ihr hören werde, es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein Hilfsgesuch handeln wird. Nun, ich denke ich werde ihr dann wohl oder übel, so freundlich es mir möglich ist, die Aufforderung Götz von Berlichingens rezitieren. Dennoch werde ich noch eine Weile darüber nachdenken müssen, wie es sein kann, dass manche Menschen einander tatsächlich lediglich als Mittel und nicht als Zweck ihrer selbst betrachten.

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Raubkopie?

On 27. Juni 2011, in Philosophie, Technik, by Ingo

In der Spieleindustrie wird heiß darüber diskutiert, was man bloß mit dem Gebrauchtspielemarkt machen soll. Die einen tolerieren es, die anderen wollen ihn am liebsten zerschlagen. Electronic Arts führte den Online-Pass ein, damit man für die Multiplayer-Funktionen in den Spielen zusätzlich 10 Dollar bezahlen muss. Damit soll zwar nicht verhindert weren, dass Spiele gebraucht gekauft werden, aber es soll deutlich unattraktiver gemacht werden. Einige Entwickler messen dem Gebrauchtspielemarkt sogar ein größeres Schadpotenzial zu, als es Raubkopien hätten. Und Capcom zwingt die Spieler nun dazu, Spielstände nicht mehr löschen zu können. Das alles veranlasst mich dazu, einmal darüber nachzudenken, ob der Vergleich mit Raubkopien überhaupt möglich ist – und was an dem Begriff Raubkopie dran ist.

Wenn von einer Raubkopie die Rede ist, dann meint man damit das entgeltlose Kopieren und nutzen von Software, die eigentlich für einen gewissen Preis verkauft wird. Hier in Deutschland wird derartiges über das Urheberrecht sanktioniert, denn Software fällt in den Bereich des geistigen Eigentums. Einfacher ausgedrückt, nutzt man etwas, ohne dafür den Preis zu bezahlen, den der Macher des Werkes dafür verlangt.

Verkauft man nun ein Spiel, das man durchgespielt hat, dann hat man dafür bezahlt. Man entrichtet also den Preis, den der Hersteller verlangt hat, nutzt es auf die vorgesehene Art und Weise und verkauft es dann wieder. Mit Diebstahl oder einem Verstoß gegen Urheberrechte hat das nicht viel zu tun. Auf dieser Ebene ist der Vergleich also schlicht falsch. Nun verdient der Hersteller einer Software, die gebraucht weiterverkauft wird, aber nur einmal an dem Produkt. Der zweite Käufer bezahlt den Preis ja nicht an den Hersteller, sondern an den Zwischenhändler. Somit wird für den Hersteller das Spiel nur einmal verkauft und beim zweiten Handel verdient ein Dritter.

Entsteht dadurch ein Schaden? Der Fairness halber müsste man beide Seiten betrachten.
Zum einen entsteht zwar kein Schaden im strengen Sinne (also etwas, dass sich in gutem Zustand befindet, wird in einen deutlich schlechteren Zustand versetzt), sondern dem Hersteller entgeht Gewinn. Dieser Gewinn wird von dem zweiten Händler gemacht. Auf Herstellerseiten lässt sich nun die folgende Aussage vermuten: „Aha! Da verdient jemand Geld mit meinen Produkten! Aber ich will doch selbst welche verkaufen… das geht so nun wirklich nicht!“ Die Lösung des Problems scheint aktuell darin zu bestehen, einen Versuch zu unternehmen, den Gebrauchtspielehandel möglichst zu erschweren. Möglicherweise wäre es eine viel effektivere Möglichkeit, wenn die Hersteller ihre Spiele selbst ankaufen und gebraucht verkaufen würden. Das würde dann allerdings die Zwischenhändler übergehen und einen kompletten Geschäftszweig vernichten. Das ist also keine Idee, die all zu positiv ist.

Der andere Gedanke in dem Zuammenhang: Was hat es eigentlich mit dem Begriff der Raubkopie auf sich? Wenn etwas geraubt wird, dann wird es gewaltsam entwendet. Kopiert man etwas, dann wird es (meist gewaltlos) verdoppelt. Setzt man beides zusammen, so würde das bedeuten, dass etwas gewaltsam entwendet und verdoppelt wird. Das erscheint wie ein Widerspruch in sich. Kopiert man ein Stück Software, ohne dafür zu bezahlen, dann entgeht dem Hersteller der Gewinn dafür. Aber kann man bei Software überhaupt der Sache nach von Raub oder Diebstahl reden? Im Begriff des Raubs oder des Diebstahls enthalten ist die Tatsache, dass die Sache jemandem gehört und sie ihm weggenommen wird, er also nicht mehr darüber verfügen kann. Wenn man nun hergeht und einen Datenträger aus dem Regal eines Ladens stiehlt, so ist das sicherlich der Fall. Wenn man aber den Datenträger nicht stiehlt, sondern verdoppelt… nun, dann existiert das Stück Software zwei Mal. Das ursprüngliche Dingg exisiert schließlich noch (und wird auch nicht beim Kopiervorgang zerstört). Nun, so lässt sich also schon einmal nicht von Raub reden, denn es wird niemandem Gewalt angetan. Von Diebstahl auch nicht, denn die Sache wird verdoppelt und nicht entwendet. Begrifflich korrekter wäre vermutlich die Rede von einer „unsachgemäßen Benutzung“, denn es ist nicht in der Sache inherent, dass man sie kopieren und kostenlos nutzen soll. Rein begrifflich kann es also gar keine Raubkopien geben. Der Begriff ist nicht nur falsch, er ist zudem sinnlos, denn es werden zwei völlig verschiedene Eigenschaften zusammengebracht, die sich gegenseitig logisch ausschließen und somit zum Widerspruch führen.

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Gedanken zu flattr

On 26. Juni 2011, in Gesellschaft, Philosophie, by Ingo

Flattr gibt es ja nun schon seit einer Weile – und nun probiere auch ich das mal aus. Die Idee dahinter ist an sich gar nicht so schlecht – und es ist auch gar nicht mit so viel Kostenaufwand verbunden. Das spannende an flattr ist, wie ich finde, der philosophische Kern des Bezahlungssystems.

Wann immer man etwas ins Internet stellt, ist es zunächst völlig umsonst. Wortwörtlich, denn selbst die komplexesten und tollsten Gedanken oder Werke sind, abgesehen von den urheberrechtlichen Problemen, die das mit sich bringen könnte, zunächst ein mal für jeden frei und offen zugänglich. Nun möchte man aber vielleicht doch etwas damit verdienen – schließlich kostet die Arbeit, die man in das Erstellen eines Beitrags, eines Bildes oder eines sonstigen Inhaltes gesteckt hat, ja Zeit. Server sind auch nicht kostenlos und Webspace möchte auch bezahlt werden. Das Problem lässt sich über Werbung lösen – aber bis sich das dann wirklich lohnt, vergeht eine ganze lange Zeit. Immerhin müssen die Leute die Werbung nicht nur anzeigen lassen (Werbeblocker eleminieren die Banner meist ja schon im Voraus) – sie müssen dann auch noch darauf klicken. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Das ist nicht unbedingt sehr effektiv.

Nun, flattr geht da einen anderen Weg. Es ermöglicht den Leuten für Inhalte zu bezahlen, wenn sie es wollen. Dabei wird dann zwar eine gewisse Summe, die vorher festgelegt werden muss, auf die entsprechenden Beiträge, die angeklickt wurden aufgeteilt, sodass eher wenig dabei rumkommt – aber das hängt dann auch von dem Bekanntheitsgrad und der Besucherzahl der Internetseite ab, die man betreibt. Es braucht also viele Leute die die Inhalte mögen und bereit sind, zuminest eine Kleinigkeit (pro Klick sind es nur ein paar Cent, tut also eigentlich niemandem weh) für die erstellten Inhalte zu spenden.

Genau das macht das System für mich so spanned. Es ist eben nicht so, dass man einen Inhalt nur für eine bestimmte Summe Geld anbietet. Vielmehr bietet man die Inhalte immer noch frei und kostenlos an und die Nutzer können selbst entscheiden, ob es ihnen Wert ist, eine Kleinigkeit dafür zu geben. Ein System, dass ich dementsprechend einfach mal testen werde – denn es gibt da einige tolle Inhalte, die ich damit nun durchaus ein wenig fördern kann – und wenn es auch nur mit einer Kleinigkeit ist. 🙂

Was mir allerdings kritisch dazu einfällt, ist die Frage, ob allein die Anwesenheit des Flattr-Buttons schon eine Art sozialen Druck auslöst. Könnte es sein, dass die Leser einen solchen Button sehen und ihn als „Zahlungsaufforderung“ verstehen? Wenn das so wäre, dann wäre hier wohl die „symbolische Gewalt“, frei nach Bourdieu am Werke, die dazu führt, dass die Leute geradezu dazu gezwungen werden, zu flattrn und ansonsten ein schlechtes Gewissen haben. Um das genauer herauszufinden, müsste ich allerdings erst eine größere, repräsentative Gruppe von Flattr-Nutzern befragen, ob sie sich wirklich dazu verleitet fühlen, auf einen Button zu klicken „nur weil er da ist“ – oder ob sie wirklich eher nach der Qualität der Beiträge gehen.

Wohlan – experimentieren wir mal ein wenig mit der schönen, neuen Flattr-Welt. Ich bin gespannt, ob es Leute gibt, die meinem Geschreibsel auch ein paar Cent Wert beimessen. Wenn nicht, dann nicht – das System ist auf jeden Fall total spannend. 🙂

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