In letzter Zeit flattern in meiner persönlichen Filterbubble immer mehr Bedrohungsszenarien herum. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass es die Bestrebung seitens der aktuell politisch Mächtigen gibt, uns Angst zu machen. Angst vor Terroranschlägen, Angst vor Muslimen – immer wieder, so scheint es, wird mir eingeredet, ich soll doch nun endlich mal gefälligst Angst haben! Die Welt ist ja schließlich gefährlich und wir hier in Deutschland sind in ganz besonders großer Gefahr. Also mal sehen…

Es ist schon wieder eine Weile her (ich glaube, es war vor zwei Wochen), da las ich einen Artikel, in dem es hieß, es gäbe tausende von islamistischen Dschihad-Kämpfern, die aus den „Kampfgebieten“ im Nahen Osten zurückkämen und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an schweren Straftaten beteiligt waren. Oh – und die alle sind namentlich bekannt und man würde sie im Auge behalten. Nächster Stopp: Google. Wie viele „Gefährder“ es nun tatsächlich in Deutschland gibt, das weiß offenbar niemand so genau. Die Suche spuckt ein paar Artikel aus, in denen von zwischen 130 und 280 Leuten im Jahr 2015 die Rede ist. 120 waren es übrigens schon im August 2013. Und 2014 auch. Also irgendwie scheint da großer Copy&Paste-Journalismus eingesetzt zu haben. Man nimmt einfach die Zahl vom letzten Jahr und fügt sie im aktuellen Jahr ein. Oder rechnet einfach hundert drauf. Merkt ja keiner.

Dann gab es da zur Karnevalszeit Terrordrohungen bei Umzügen in Norddeutschland. Umzüge wurden abgesagt, angeblich kam es zu irgendwelchen Untersuchungen – und weiter hörte man nichts weiter davon (ehrlich gesagt, habe ich mich auch gar nicht weiter damit beschäftigen wollen, schließlich fühle ich mich überhaupt nicht unsicher oder bedroht…).

Oh – und jetzt macht unser lieber Vizekanzler Werbung für die Vorratsdatenspeicherung, die nicht nur vom Bundesverfassungsgericht gekippt wurde, sondern deren Richtlinie auf EU-Ebene vom EuGH einkassiert wurde, weil sie gegen Grundrecht verstößt. „Wir brauchen das“. Ja genau. Wir müssen alle überall und jederzeit lückenlos überwachen, weil wir alle, jederzeit und überall islamistische Terroranschläge verüben könnten.

Ok, fummeln wir die oben erwähnten Medienberichte mal völlig unfachmännisch zusammen (machen diejenigen, die die Artikel zum Thema Terrorismus verbrechen ja scheinbar auch), dann haben wir zwischen 120 und 280 mit Namen und Aufenthaltsort bekannte „Gefährder“ die möglicherweise schwere Straftaten begangen haben oder ihnen zumindest beiwohnten.

Na gut. Wir haben also ein völlig diffus konstruiertes Angstzenarium, auf dessen Basis die Polizei nun von unserem freundlichen Innenminister vermittels einer millionenschweren Finanzspritze mit mehr Munition und Personal ausgestattet werden soll, damit man potenziellen Bedrohungen auch mit ausreichend Waffengewalt entgegentreten kann. Damit sollte man zwischen 120 und 280 Leute, dann eine Weile lang in Schach halten können, denke ich. Und mit der neuen Anti-Terror-Einheit, die da gegründet werden soll, bestimmt auch. Sind ja nicht so viele, als dass es ein langer, komplizierter und vor allem verlustreicher Einsatz werden könnte.

Und was mache ich jetzt mit all diesen Halb-Informationen? Ich würde sagen: nichts. Ich habe nicht vor, mir jetzt unnötige Angst machen zu lassen. Ich habe ehrlich gesagt viel wichtigere Dinge, über die ich jeden Tag nachdenken muss, als über irgendwelche namentlich und mit Aufenthaltsort bekannten Verbrecher, bei denen sich unsere Behörden offenbar weigern, sie einfach festzunehmen. Genauso wenig habe ich nicht vor, mir Angst vor Muslimen machen zu lassen (nö liebe Regierung – da müsstet ihr euch jetzt schon was besseres einfallen lassen, als so diffuse und oberflächliche Meldungen, die über Jahre hinweg voneinander abgeschrieben und abgewandelt werden).

Wovor ich wirklich Angst habe, ist, dass der Rest der Bevölkerung sich von all dem auf Dauer beeindrucken lässt. Ich bemerke in letzter Zeit öfter eine emotional negative Einstellung gegenüber Ausländern. Selbst bei Leuten, bei denen ich das nicht vermutet hätte und bei denen sich eine solche Meinung früher nicht so ausgeprägt hatte. Der große Plan, den Menschen Angst vor „dem Fremden“ zu machen – also noch mehr, als es der psychologisch normal-gepolte Mensch ohnehin schon hat – scheint aufzugehen. Ich hoffe nur, dass sich hier doch noch ein bisschen die Vernunft durchsetzt und wir noch eine Weile lang in Frieden leben können. Das ist meiner Ansicht nach viel besser, als Angst voreinander zu haben.

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Etwa 36 Stunden ist es her, dass ich in Karlsruhe ankam. Es war ein grauer, recht scheußlicher November-Mittag. Ihr wisst schon: Einer dieser Tage, an denen man keinen Hund vor die Tür jagt… 😉
Nachdem ich nun halbwegs angekommen bin, stelle ich doch einige spannende kulturelle Unterschiede fest, an die ich mich erstmal gewöhnen muss. Hier nun also ein ostwestfälischer Reisebericht.

Man sagt uns Ostwestfalen ja nach, wir wären stur, wortkarg und vor allem dauergrummelnd. Begegnet man in Bad Oeynhausen, Vlotho, Herford oder Porta Westfalica jemanden, der breit und freudestrahlend grinst, macht man sich eher Sorgen: Der muss was haben. Vielleicht mal zum Therapeuten schicken. Kann ja nicht ganz richtig sein. Auf jeden Fall Abstand halten. Was der Ostwestfale am besten kann, ist seine Umgebung und vor allem die Leute um sich herum ignorieren. Die sind zwar da – aber mehr als notwendiges Übel, dem man am ehesten aus dem Weg geht und sie nicht weiter beachtet – etwa wie die Pömpel[1] in der Innenstadt, an denen man Fahrräder nicht anschließen darf (und woran es auch keinen Sinn macht, weil man das angeschlossenen Rad ja einfach drüber weg heben kann).

Hier angekommen bekam ich schon nach etwa 24 Stunden Heimweh. Realisieren, dass alle näheren Freunde und Bekannten (also die physikalisch näheren, die im Grunde um die Ecke wohnen), jetzt etwa 480 km weit weg sind, war schon hart. Der gemeine Ostwestfale verlässt nämlich ungern sein Dorf – also die Leute, die er nicht kennt und mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will, weil er sie eh nicht leiden kann. Ich wurde auch direkt vorgewarnt: „De Durlache‘ un de Karlsruhe‘ sin schon a stures Volgg“, hieß es da. Stur? Ok, das kenn ich ja nicht anders. Ich sollte mich also schon mal heimisch fühlen.

Meine erste Exkursion durch die Durlacher Innenstadt verdeutlichte mir allerdings das genaue Gegenteil. Stur? Keineswegs. Im Gegenteil: Die Leute sind eher alle übertrieben nett. Also – nach ostwestfälischen Maßstäben. Ich fühlte mich die ganze Zeit permanent beobachtet. Tatsächlich gucken die Leute sich hier ständig an und sich gegenseitig hinterher. Also: Es scheint so zu sein, als würden sie sich einfach nur beobachten, um zu sehen, ob der oder die andere irgendwas Interessantes an sich hat. Eine für mich schon fast beängstigende Situation: Man kann nämlich auch stundenlang durch Minden oder Bielefeld laufen, ohne auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden. Hier wurde ich ständig von irgendwelchen Leuten beobachtet. Ich bin mir sicher: Ich bin nicht paranoid, ich werde verfolgt.
Als dann kurzfristig die Polizei in Mannschaftsstärke aufschlug, um Radfahrer aus der Stadt zu verbannen und für’s Durchfahren abzukassieren,[2] wurde die Situtation völlig absurd: Die Polizisten begrüßten doch tatsächlich vorbei laufende Passanten und wirkten sogar so, als wären sie für den einen oder anderen freundlichen Spruch gewappnet. Polizei, die nicht genervt wirkt, im Befehlston etwas verlangt oder gar (bis auf die Uniform) etwas Bedrohliches an sich hat? Komplett unvorstellbar – aber hier scheinbar Realität.

Ein besonderes Highlight ist die Karlsruher Infrastruktur. Es gibt ja nicht nur Straßenbahnen, wie es sich für eine Großstadt gehört – man kann die auch recht unkompliziert mit dem Handy bezahlen (Handyticket per PayPal oder Kreditkarte… großartig), bekommt über eine App Auskunft, wann welche Bahn wo abfährt und braucht prinzipiell nur noch einsteigen und losfahren.
Da ich hier dann auch mal „zum shoppen“ losfuhr und abends noch eine Wohnung besichtigte, kann ich aus der Vorbeifahrt nur sagen, dass das hier alles total hübsch ist. Ich meine: Großstädte haben so alle ihren eigenen Charakter. Fährt man mit der Bahn durch Berlin ist das alles eher ein architektonischer Gewaltmarsch. Plattenbau, harte Betonfassaden, grau und trist will die Stadt das letzte bisschen Enthusiasmus aus einem heraus pressen. Und Karlsruhe? Hübsch verzierte Fassaden, Balkone mit Jugendstil-Blütenmuster-Geländern, überall kleine und große Läden, von alt bis modern… eine fast schon ein wenig romantisch anmutende Straßenbeleuchtung. „Putzig“ ist das Wort, das mir am ehesten dazu einfällt. Es ist einfach alles irgendwie auf hübsch getrimmt (hier und da fallen sogar kleine Schlösschen-artige Gebäude mit Zwiebeltürmen auf), wenngleich es natürlich auch hier Plattenbau und heruntergekommene Fassaden gibt. Aber die gibt’s überall.

Besonders spannend war dann die abendliche Rückfahrt ins Hotel nach der Wohnungsbesichtigung. In der Bahn sitzend und die Aussicht bestaunend setzte sich plötzlich ein älterer Mann gegenüber und wirkte ein wenig unkoordiniert. Nach einer Weile fragt er mich, ob ich kurz ein Stück zur Seite rücken könnte – er wollte sich gern selbst in der Scheibe der Bahn fotografieren, weil er dann so einen dicken Kopf hat. Eine Perspektive, die man selten zu sehen bekäme. Klar, mach ich doch glatt. Und wenn er mich schon anspricht, fragte ich direkt, ob er öfter fotografiert. Mit einem Lensbaby kann man auch ganz tolle Effekte erzielen… Wie sich herausstellte, war er Künstler. Malt lieber mit Palette und Leinwand, aber eben so Momentaufnahmen und Sachen, die die meisten Leute gar nicht mehr wahrnehmen – die fotografiert er dann spontan. Leider musste er dann auch schon aussteigen – wäre spannend gewesen, mehr über ihn zu erfahren. Eine Situation, die in Ostwestfalen so nie hätte passieren können. Wenn man da gebeten wird, zur Seite zu gehen, dann höchstens wenn man wirklich im Weg ist. Und selbst dann ist die Chance groß, dass man eher in die Seite geknufft und einfach weggeschoben wird. Warum auch große Worte verschwenden, wenn man doch mit einem gezielten Schubser auch verdeutlichen kann, was man will?
Der nächste Fahrgast machte mir dann aber schon etwas mehr Sorgen. Scheinbar ein junger Mann, der in seiner eigenen kleinen Welt lebte. Mit hektischen Bewegungen und gelblich geränderten Augen zog er (vermutlich frisch gestohlene) Tütensuppen unter seiner Jacke hervor und zog sie sich fast direkt vor die Nasenspitze, um zu lesen, was denn darauf stand. Als er sah, dass ich ihn dabei beobachtete, grinste er völlig debil, gluckste und winkte… „Oha – ok. Also den besser ignorieren… oh, hübsch, Straßenlaternen. Äh, total spannende Straßenlaternen da draußen, ja…“ ging es mir durch den Kopf und ich versuchte krampfhaft, nicht auf den Rotz hochziehenden und offenbar gänzlich von der Wirklichkeit entfernten jungen Mann zu achten.

Aber so insgesamt? Insgesamt frage ich mich gerade, warum ich doch gleich noch mal Heimweh verspürte. Hier gibt’s im Grunde alles, was man so braucht: Infrastruktur, Läden, Unterhaltung (Karlsruhe hat am ZKM ein echtes IMAX-Kino… wooohooo! :D) und dazu auch noch nette Leute. Verstockt und stur sollen sie sein? Nicht die Bohne. Verglichen mit den Ostwestfalen sind die Karlsruher friedlich und freundlich und flauschig. Aber das ist ja nun auch erst nur ein Eindruck nach 36 Stunden. Mal sehen, was die nächsten Wochen und Monate so ergeben.

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  1. Großes, meist stab- oder kegelförmiges Objekt, ähnlich aber nicht gleich einem Pfosten. Nicht zu verwechseln mit einem Pümpel – damit macht man verstopfte Klos frei…
  2. Komischerweise sind aber vor fast jedem Geschäft in der Innenstadt Fahrradständer…
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Paketvoyeurismus

On 13. November 2014, in Gesellschaft, Internet, Persönliches, by Ingo

Ihr kennt das sicher auch: Ihr bestellt etwas, sei es nun ein neues Gadget, Schuhe oder neue Klamotten und freut euch schon bei der Bestellung diebisch darauf, es endlich in die Finger zu bekommen. Dann kommt die erste Mail, mit der das Unheil seinen Lauf nimmt: Eine Tracking-ID für das Paket kommt, um den Paketstatus zu überprüfen. Natürlich klickt ihr direkt drauf, nur um festzustellen, dass das Paket noch nicht im System eingepflegt ist. Ein paar Stunden später versucht ihr es nochmal und siehe da: Es ist auf dem Weg in irgendein Paketzentrum irgendwo in Deutschland. Am nächsten Morgen aktualisiert ihr, immer wieder gepackt von dieser geifernden Vorfreude auf das neue Spielzeug (oder die neuen Schuhe) und seht, dass es „in Zustellung“ ist. Und von da an beginnt, was sich Clickbait-Webseiten nur in feuchten Traumen erdenken können: Minutenlanges aktualisieren, bangen und hoffen, wann denn das Paket endlich vor eurer Haustür ankommen wird. Fast schlimmer wie damals bei eBay-Auktionen, als man für den aktuellen Höchstpreis noch manuell aktualisieren musste.[1] Aber mehr als „In Zustellung“ oder „Im Lieferfahrzeug“ erfahrt ihr nicht.

Heute bekomme ich ein Paket von der DPD. Das ist insofern nichts Ungewöhnliches, ist ja schließlich ein Lieferdienst wie jeder andere. Neu, zumindest für mich, ist das Live-Tracking, mit dem ich jetzt nicht mehr minutenlang aktualisieren muss, sondern mit minütlicher Aktualisierung den GPS-Standort des Lieferfahrzeugs auf einer Google-Karte angezeigt bekomme. Während ich hier also schreibe schiele ich auf das Browserfenster mit dem kleinen Symbol-Auto, dass sich langsam auf mein kleines Symbolhäuschen zu bewegt. Bzw. dass da rumsteht. „Warum fährt der denn nicht los?“ denke ich. „Mach schon! Hopp! Ich kann’s ja jetzt schon kaum erwarten endlich meine kleinen, gierigen Fingerchen um das Paket zu schließen!“

Zeitgleich mit diesen Gedanken überkommt mich ein beklommenes Gefühl. Dass Paketboten miserabel bezahlt werden, weiß ich nicht erst seit gestern. Ein Freund von mir fährt für einen anderen Paketdienst Päckchen durch die Gegend. „Pure Selbstausbeutung“, beschreibt er seinen Job. Pro ausgeliefertem Paket gibt es Centbeträge zuzüglich Kilometergeld, da er mit seinem Privatfahrzeug umherfährt. Das deckt die Spritkosten gerade so; das, was beim Päckchenausliefern so auf dem Konto landet, taugt aber auch gerade so als minimaler Nebenverdienst. Als er mir mal die groben Zahlen genannt hat, beschloss ich direkt: „Dafür würde ich nicht einmal darüber nachdenken, morgens aufzustehen.“
Und jetzt? Jetzt überwache ich einen Paketboten. Auf Schritt und Tritt – oder eben auf die Schritte und Tritte, die er gerade nicht macht, weil er immer noch rumsteht. GPS ist übrigens im Scanner verbaut, mit dem der Bote das Paket an der Haustür scant und auf dem der Empfänger den Empfang quittiert.[2] Während ich warte. Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich so an, als würde ich einen Menschen, der ohnehin schon schlecht bezahlt wird und mit großer Wahrscheinlichkeit überarbeitet ist, auch noch virtuell antreiben. Plötzlich rückt das kleine Auto in greifbare Nähe. „Aha!“ Denke ich, „fährt er also doch!“ Dann plötzlich kann die Position nicht mehr ermittelt werden.[3] Es ist wie ein Krimi. Mit schwitzenden Händen starre ich auf den Monitor und die Aktualisierung und fühle mich, als würde ich etwas besonders Verruchtes tun. Und im Grunde mache ich das ja auch. Ich beobachte Menschen bei der Arbeit. Das allein ist schon verwerflich genug, denn man sollte seiner Arbeit unbeobachtet und frei nachgehen dürfen. Schlimmer wird es, wenn ich über die Konsequenzen nachdenke: Ich starre auf den Bildschirm, weil ich mich wie ein Kind auf mein Paket freue. Aber wir sind hier in OWL. Und der gemeine Ostwestfale ist eher ein unleidlicher Nöselkopp. „Wie oft wurde der arme Paketbote heute schon angepupt, weil er nicht schnell genug geliefert hat? Wie viele Leute haben, so wie ich, jetzt mit weniger Vorfreude und dafür mit mehr Ungeduld auf ihre Pakete gewartet und den armen Lieferfahrer auf Schritt und Tritt verfolgt und ihn dann unfreundlich angeraunzt, weil er ihrer Meinung nach nicht schnell genug geliefert hat?“

Während ich aus dem Fenster schiele und die Straße beobachte, beschließe ich, dass ich den „Fortschritt“ nicht mehr aufhalten kann. Ich kann nicht verhindern, dass Paketlieferdienste ihre Fahrer nicht nur intern überwachen, sondern sie auch von ihren Kunden überwachen lassen. Ich kann auch nicht verhindern, dass es typisch ostwestfälische Nöselköppe gibt, die die armen Paketboten zusätzlich zu ihrem Stress auch noch anmaulen. Heute bin ich nicht darauf vorbereitet – aber für die nächste Lieferung beschließe ich, dass ich dem Opfer meines Live-Tracking-Voyeurismus etwas Gutes tue. Vielleicht einen Schoko-Weihnachtsmann als Dankeschön? Oder, je nach Jahreszeit, einen ähnlichen Osterhasen? Vielleicht backe ich auch mal wieder Kuchen oder Kekse… dagegen kann eigentlich niemand etwas haben, auch wenn ich beispielsweise gehört habe, dass die DHL-Kollegen nichts annehmen dürfen (was das Ganze noch unangenehmer macht). Die Überwachung lässt sich womöglich nur noch durch kollektive Nichtbenutzung ändern. Die Dinge gibt es, weil es einen Markt dafür gibt. Wird es benutzt, bleibt es in der Welt. Ich allein kann das nicht ändern, dazu müssten sich alle Paketdienstkunden und Empfänger von Paketen kollektiv darauf besinnen, eine derartige Überwachung weder zu wollen noch zu nutzen. Das erscheint mir dann doch illusorisch. Aber ich kann dem armen, total überwachten Paketboten das Leben für einen klitzekleinen Moment ein bisschen angenehmer machen. Das hilft dann der Welt im Allgemeinen nicht wirklich weiter, kompensiert aber zumindest mein schlechtes Gewissen und das schmuddelige Gefühl, sich selbst beim Voyeurismus ertappt zu haben.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ja, ich weiß, Opa erzählt vom Kriege…
  2. „Auf Schritt und Tritt“ ist hier also nicht nur einfach eine Metapher.
  3. GPS-Lücken kommen hier in Minden schon mal vor.

#gatekeeping

On 25. Oktober 2014, in Internet, Persönliches, by Ingo

Ich bin genervt. Nein, eigentlich köchelt da eine unterschwellige Wut in mir. Und wie das mit Wut so ist, sollte ihr rechtzeitig ein Ventil gegeben werden, bevor sie die Laune gänzlich verdirbt.

Was mich aktuell sauer macht, sind die vielen #gates, die derzeit so durchs Internet schwappen. #updategate, #bendgate, #gamergate… und all das wird tatsächlich ernst genommen, als hätten die Beteiligten irgendeine sozial bedeutsame Position. Was mich aktuell am meisten aufregt, ist die Debatte um das #gamergate. Und eben genau darum muss ich’s mir von der Seele schreiben.[1]

#gamergate – Spielplatz für moralisch Pervertierte

Ich habe versucht, mich in die Wortschlacht um das #gamergate einzulesen. Versucht, weil ich nach kurzer Zeit einfach abbrechen musste, da mich das Lesen selbst schon wütend machte und Wortschlacht, weil es sich dabei nicht um eine Diskussion handelt, wie es Seitens der Medien fälschlicherweise dargestellt wird.
Bei einer Diskussion geht es darum, Argumente auszutauschen – immer eingedenk des Umstandes, dass die eigenen Argumente möglicherweise falsch sein könnten. Bei einer guten Diskussion muss man sich selbst immer die Möglichkeit geben, die eigene Position zu überdenken, sie möglicherweise für falsch zu erklären und die Argumente des Diskussionsgegners als wahr (oder zumindest besser) zu übernehmen. Im Zweifel kann man sich auch in der Mitte treffen, wenn jeder ein Stück von seiner Position aufgibt und ein Kompromiss angestrebt wird.
#gamergate ist dagegen ein verbaler Vernichtungskrieg. Es geht ganz offensichtlich nicht darum, die eigene Position nur darzustellen und zu diskutieren; vielmehr erscheint es mir, als ginge es nur darum, die Gegenposition zu vernichten – inklusive der Diskussionsteilnehmer.

Ethik, Games und Journalismus? Dass ich nicht lache!

Die Kombattanten aufseiten des #gamergates behaupten steif und fest, dass es um ethische Grundsätze im Gaming-Journalismus gehen würde. Dass dem nicht so ist, wird in einem Beitrag vom Deutschlandfunk [Link] recht deutlich dargestellt. Wenn es aber um Ethik und Moral geht, dann werde ich automatisch hellhörig. Als Philosoph kann ich gar nicht anders. Nachdem ich nun die Beiträge und Medienartikel überflogen habe, stellte sich mir folgende Frage:

„Ihr redet von Ethik und bedroht Menschen, die eurer Meinung widersprechen mit Vergewaltigung und Tod?!? Wie gestört seid ihr eigentlich???“

Es mag sein, dass ich in meinem nicht ganz erfolglos abgeschlossenen Philosophiestudium irgendwas verpasst habe. Vielleicht hatte ich ja in dem entscheidenden Moment, als es um Ethik- und Moralbegründung ging eine Art Sekundenschlaf. Aber:

Niemals. Wirklich absolut niemals ist es eine ethisch (bezogen auf einen Einzelnen) oder moralisch (bezogen auf die Gesamtheit der Menschen) zulässige Methode, einen Menschen mit höchsten Übeln oder dem Tod zu bedrohen, nur um eine Meinung durchzusetzen!

Nicht nur, dass es gar nicht um eine echte Diskussion geht, es wird auch der Begriff der Ethik völlig pervertiert. Die Art und Weise, auf die diese Wortschlacht geführt wird, ist vielmehr vollkommen imoralisch.[2] Manche Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen. Und die #gamergate-Teilnehmer gehören dazu.

Pardon, aber: Ihr seid keine Kämpfer für einen ethischen Journalismus. Ihr seid einfach nur Arschlöcher.

Die Sache mit dem Feminismus

Ich frage mich, woher dieser Hass auf Frauen kommt. Ich verstehe es einfach nicht. Vielleicht ist es eine Art „primitiver Verteidigungsversuch“ gegen feministische Argumentationen. Ich kann ja durchaus verstehen, dass man sich als Mann davon angegriffen fühlen kann. Ging mir auch oft so und ich finde nach wie vor, dass es einige feministische Argumentationen gibt, die für meinen Geschmack übertrieben sind.
Das liegt aber nicht daran, dass die Argumentation falsch wäre. Es liegt viel mehr daran, dass der Ton die Musik macht und der Ton ist nicht selten recht aggressiv. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass der Ton auch aggressiv sein muss. Immer dann, wenn in der Vergangenheit für Freiheitsrechte gekämpft wurde, war der Ton nicht all zu freundlich. Gut, es ging zu Anfang des letzten Jahrhunderts auch nicht gerade unblutig vonstatten. Und hier setzt sich dann einfach ein lange unterdrückter (oder eben schlechter behandelter) Bevölkerungsteil zur Wehr. Und wir können von Glück reden, dass wir im 21. Jahrhundert leben und dieser Freiheitskampf (hoffentlich) unblutig vonstattengeht.

Also: Ich kann verstehen, dass insbesondere Männer sich ärgern. Wie gesagt: Kurzzeitig geht es mir ja genauso, bis ich das Ganze halt mal sacken lassen habe und drüber nachdenke. Ich kann, will und werde niemals verstehen, dass dieser Ärger zu primitivsten Beleidigungen, Erniedrigungen bishin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen führt. Ich kann nicht verstehen, woher all dieser Hass kommt. Wir leben in einer sich für aufgeklärt haltenden Wohlstandsgesellschaft. Es fehlt uns an nichts. Es gibt keine große Konkurrenz zwischen den Geschlechtern, die irgendeinen Mann in seinem Leben bedrohen würde. Nicht mal die Lebensqualität ist von ein wenig Gleichberechtigung bedroht. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern (wobei ich es nicht mit ausreichend Inbrunst verfolgt habe), dass es jemals darum ging, etwaig als sexistisch deklarierte Motive aus Videospielen zu entfernen oder sie zu verbieten. Es soll (meiner Ansicht nach zumindest – aber ich lasse mich gern korrigieren) nur darum gehen, sie aufzuzeigen, damit jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Ein Problem muss schließlich erkannt werden können, damit es behoben werden kann.

#Gamerstolz

Zu guter Letzt möchte ich, nachdem ich mir meinen Ärger von der Seele gebloggt habe, noch ein wenig melancholisch und pathetisch werden.

Ich bin stolz, Gamer zu sein. Nicht zuletzt, bin ich stolz darauf, in all den Jahren so viele tolle Menschen kennen lernen zu dürfen (ja – und dabei sind sogar nicht wenig Frauen). Videospiele begleiten mich jetzt schon seit ich acht Jahre alt war und meinen ersten C64 bekam (also seit jetzt 25 Jahren – herrje, ein Vierteljahrhundert… ich werd alt…). Und in all den Jahren, in denen sich die Games von ihrem „Kellerkind-Image“ bis zur aktuellen Salonfähigkeit entwickelt haben, habe ich in meinem Umfeld niemals so etwas wie Intoleranz erlebt. Niemals habe ich auch nur den Hauch von Sexismus oder Hass gegenüber Frauen (oder „damals“ eben Mädchen) kennen gelernt. Das exakte Gegenteil war der Fall: Frauen wurden immer problemlos integriert, sexuelle Diskriminierung kam nicht vor… im Grunde lebte ich jahrzehntelang in einer schönen heilen Welt, in der uns Probleme wie Sexismus und dergleichen überhaupt nicht bewusst waren. Wir hatten sie einfach nicht. Wir haben alle Spielerinnen und Spieler völlig gleich behandelt und integriert. Aber hey, wir waren jung und sind damit groß geworden.[3]

Lasst uns all das nicht vergessen. Lasst uns nicht vergessen, dass Spiele dazu da sind, Spaß zu haben. Gemeinsam Spaß zu haben. Wo, wenn nicht in den Spielen können wir alle kurz mal hinter uns lassen, woher wir kommen. Wir können unabhängig von unsrem biologischen Geschlecht agieren, denn das lässt sich in den Spielen nach belieben wechseln. Games sind Teil der Unterhaltungskultur – und genau deswegen sollten wir uns diese Unterhaltung nicht von aggressiven, beleidigenden und bedrohlichen Strömungen kaputtmachen lassen. Kaum, dass das Gaming in der Gesellschaft ein wenig positiv gesehen wird, gibt es wenige (ich hoffe inständig, dass es wenige sind), die mediale Aufmerksamkeit durch Beleidigungen und Gewalt bekommen. Pardon, aber: Das darf einfach nicht sein. Es darf nicht sein, dass ein Hobby, das dazu geeignet ist, Menschen zu verbinden, mit einer derartigen Brutalität ins Gegenteil verkehrt wird.

Und zu Guter letzt möchte ich Danke sagen. 🙂 Mein Dank gilt all den bekannten und unbekannten Spielerinnen und Spielern, die mir in den letzten 25 Jahren über den Weg gelaufen sind und die mir Hoffnung machen (obwohl es eine ungültige Einpersonenstatistik ist), dass nicht wenige da draußen wirklich tolerante, intelligente und friedfertige, gern albern-verückte Menschen sind, die ihr Hobby mit Spaß ausüben, ohne negative Hintergedanken dabei zu haben. Ihr seid großartig! Und allein das gibt mir das gute Gefühl, dass die diffuse Menge der „Gaming-Community“ diesen Skandal unbeschadet überstehen wird. Besser noch: Ich denke, es wird uns, uns Spielern von Videospielen, eine Lektion in Toleranz und Demut sein. Wir können nur daraus lernen – vor allem, wie wir in Zukunft mit derartig aggressiven Störungen umgehen wollen. Denn genau darüber gilt es nun zu diskutieren.

So, genug finsteren (und zum Schluss doch noch positiven) Gedanken. Ich geh zocken. 🙂

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich hätte es auch gern in einem Podcast verwurstet – aber meine Aufzeichnungs-App hat das Upgrade auf iOS 8.1 wohl nicht so wirklich gepackt und die sonstige Audioqualität ist mir mittlerweile einfach zu schlecht. Ich warte also auf ein Update – oder eben auf Geld für vernünftiges Equipment. 🙂
  2. Zur (vereinfachten) Erklärung: Amoralische Menschen achten moralische Grundsätze, wie es ihnen passt und brechen andere – so wie Räuber zwar stehlen, aber die Beute untereinander teilen. Imoralische Menschen dagegen ignorieren alle moralischen Regeln – etwa wie der Joker bei Batman.
  3. Und ein Problem ist immer etwas, wie oben schon erwähnt, das sich einem in den Weg stellt und hinderlich wirkt – wenn es einem nicht bewusst ist, dann ist es offensichtlich kein Problem.
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Wenn einer eine Reise macht…

On 2. Oktober 2014, in Persönliches, by Ingo

…dann sollte er dabei am Besten auf die Deutsche Bahn verzichten. Vor allem dann, wenn es darum geht, zu einem festen Termin irgendwo in Deutschland zu erscheinen.

Eigentlich mag ich Bahnfahren ja. Es ist nicht übermäßig kompliziert, Verkehrsunfälle sind relativ selten (auch wenn gerade der Herbst und der Winter naht und die Suizidrate damit auch in die Höhe schnellt) und im Grunde gibt es nicht viel mehr zu tun als zu sitzen und zu warten, bis man am Zielort ankommt. Hin und wieder umsteigen, ankommen, alles gut. Soweit zumindest in der Theorie. Gestern allerdings zeigte sich die Bahn von ihrer schlechtesten Seite – und hat mir damit gehörig den Tag versaut. Oder zumindest meine Stimmung.

Ich wollte zu einem Vorstellungsgespräch nach Karlsruhe fahren. Das ist von klein Minden über fünf Bahn-Stunden entfernt (in der Theorie – in der Praxis werden auch gern sechseinhalb oder sieben daraus, wenn man nicht schnell und flexibel umplanen kann, was mir allerdings doch noch gelungen ist). Angedacht war, dass ich von einem Freund hier um 07:30 Uhr abgeholt werde (der musste ohnehin um etwa diese Uhrzeit hier vorbeifahren) und so stellte ich mich mit gepacktem Rucksack und nicht geringer Nervosität bereit. Um 07:33 Uhr rief ich dann kurz an, um eine Positionsmeldung zu bekommen, da weit und breit nichts von ihm zu sehen war. Leider war er nicht zu erreichen – und so machte ich mich dann um 07:45 Uhr[1] , dem „Point of no Return“ mit voller Notfallgeschwindigkeit mit dem Rad auf den Weg zum Bahnhof. Da kam ich dann im Schweiße meines Angesichts und ziemlich zerzaust an und wusste: Ordentlich, sauber und adrett werde ich da heute nicht ankommen und vermutlich einen extrem miesen ersten Eindruck hinterlassen.

Der Zug sollte dann um 08:08 Uhr hier abfahren – tat er auch, zumindest so ganz grob, denn es gab einen baustellenbedingten Gleiswechsel und ich bekam den ersten Verspätungsalarm des Tages, dass ein Anschlusszug nicht erreicht werden könnte. Via Bahn-Navigator-App und Live-Tracking wuchs die Verspätung dann soweit an, dass sie quasi mit der Umsteigezeit identisch war. Mein Stresslevel nahm von Minute zu Minute zu [2] und ich machte mich darauf gefasst, alternative Verbindungen suchen zu müssen. Wie durch ein Wunder schaffte der Zug es dann aber doch noch, ein paar Minuten aufzuholen, sodass mir noch eine Minute blieb, um in Hannover aus dem Zug zu springen, die Treppe runter zu hetzen, einmal längst den Bahnhof lang (im Slalom durch andere Fahrgäste, die genauso hektisch aus der Gegenrichtung kamen), die Treppe wieder rauf und in den IC der da stand reinzuspringen. Ob das nun der richtige Zug war oder nicht, konnte ich gar nicht mehr groß prüfen – hätte es eine Gleisänderung gegeben, wäre ich also todesmutig einfach in den falschen Zug gesprungen. Glücklicherweise war das aber schon mal der richtige Zug – ein mehr oder weniger heruntergekommen wirkender IC mit scheinbar nicht mehr so ganz funktionierendem Kabinendrucksystem (haben die überhaupt eins?), denn die zahlreichen Tunnel auf der Strecke sorgten für nicht geringe Ohrenschmerzen. Spätestens nach dem fünften Mal Druck auf den Ohren kam ich mir ziemlich betrunken vor und hatte ernsthaftes Mitleid mit dem Zugpersonal, dass die Strecke vermutlich mehrmals täglich fahren musste.

Nächster Umstieg in Kassel, ebenfalls mit massiver Verspätung und Hektik (spätestens hier versagte mein Deo völlig). Grund: Da fuhr eine S-Bahn vor, die einfach nicht die Strecke frei machen wollte, sodass der IC nicht schneller fahren konnte. „Frech“, dachte ich, „wie kann man da nur nicht rechts ranfahren!“ und in meinem Kopfkino ertönte der Ritt der Walküren und ein großer, mächtiger IC jagte hinter einem kleiner kleinen, unschuldigen S-Bahn her.[3] Also auch hier das beliebte „Wir rennen über einen Bahnhof und springen an nöselnden und vor einem her schleichenden Passanten vorbei“-Spiel.

Von Kassel sollte es dann mit dem ICE bis Mannheim weitergehen und von da aus dann bis Karlsruhe, von wo aus dann die letzte Etappe bis Karlsruhe-Durlach die S-Bahn sein sollte. Geplante Ankunft: 13:15 Uhr. Soweit, so gut – ich rief also schon mal ein kleines Taxi-Unternehmen an, das mir als recht günstig empfohlen worden war, um mich dann von da aus zu meinem Zielort zu bringen – denn nochmal 20 Minuten Fußmarsch wollte ich mir nach den Sprinteinlagen des Tages einfach ersparen.

So ein ICE ist ja schon eine gemütliche Sache, wenn alles funktioniert. Als wir dann kurz vor Mannheim waren, kam dann eine neuerliche Ansage: Der Anschlusszug nach Basel [und verschiedenen anderen Orten, die ich mir nicht gemerkt hatte], ICE 505/105 hält heute nicht in Mannheim. Stattdessen wurde der ICE 75, der zehn Minuten später fahren sollte, als Ausweichzug empfohlen. Ok, also neue Panik. In Mannheim angekommen sprang ich aus dem Zug, raste die Treppe runter, wieder quer durch den Bahnhof mit Kurs auf die Information – und wurde von einer Schlange gebremst. Vor mir ein ziemlich unaufmerksamer Rentner, der nicht merkte, dass er an der Reihe war, selbst nachdem ich ihn anstupste und darauf aufmerksam machte; so drängelte ich mich also vor. Ich wollte mir die Gültigkeit meines Tickets bestätigen lassen und dann eine neue Route ausgedruckt bekommen – schließlich brauchte ich ja auch neue Anschlüsse nach Durlach. Nach kurzem Hin und Her war dann klar, dass ich spätestens um 13:32 Uhr ankommen würde und um die verlorenen neun Minuten aufzuholen, raste ich wiederum zurück durch den Bahnhof, die Treppe rauf, zum Gleis des Ersatzzuges, nur um dann festzustellen, dass auch dieser Zug 10 Minuten Verspätung hatte. Damit würde ich auch die neuen Anschlüsse nicht mehr bekommen.

In Gedanken fluchend wollte ich die Taxizentrale anrufen, um ihr mitzuteilen, dass ich nicht mehr bis Durlach fahren würde, sondern dass sie mich am Hauptbahnhof in Karlsruhe einsammeln sollten – allerdings war das Telefon da nur besetzt. Insgesamt etwa 50 Minuten lang (ich hatte es in den zehn zusätzlichen Minuten und in der etwas über einer halben Stunde Fahrt permanent versucht anzurufen – ohne Erfolg), sodass ich annahm, dass deren Telefonanlage abgestürzt sein musste. Nun ja, sowas kann passieren. Dann wollte ich meine Gesprächspartnerin für das Vorstellungsgespräch anrufen und ankündigen, dass ich mich womöglich verspäte, schließlich hatte ich keine Ahnung, wie lang die Fahrt mit einem normalen Taxi vom Hauptbahnhof aus dauern würde – aber auch da konnte ich niemanden erreichen. Also: Volles Risiko und ein neuerlicher kurzer Angstschweißausbruch, der auch im Zug nicht besser wurde, da in dem Ersatz-ICE offenbar die Klimaanlage ausgefallen war. Schon ziemlich erschöpft und genervt kam ich dann doch irgendwann in Karlsruhe an und stapfte erst mal Schnurstraks zum falschen Ende des Bahnhofs (Ok, der Teil ist eigene Trotteligkeit, die einfach nur meiner Erschöpfung zuzuschreiben ist), lief also einmal hinten rum, um festzustellen, dass die Taxis vorn standen und nachdem ich ein solches dann erreicht hatte, kam ich dann doch noch pünktlich zum Termin.

Ich muss völlig verlottert ausgesehen haben und meinte auch, dass ich nach all diesem Chaos schon ziemlich erschöpft wäre. „Merkt man Ihnen aber nicht an“, hieß es – und ich fragte mich, ob das eine höfliche Untertreibung war, oder ob ich wirklich so cool wirken konnte. Meine Performance war dann wohl oder übel aber eher suboptimal und wenn ich den Job tatsächlich kriege, grenzt es an ein Wunder (wobei ich das ziemlich cool fände, denn es ist ja im Großen und Ganzen genau das, was ich eh schon seit Jahren mache – nur eben bezahlt und zum Glück weit, weit weg von der hiesigen Umgebung).

Auf dem Rückweg kehrte ich dann bei der vermutlich grandiosesten Burgerschmiede überhaupt ein – dem American Diner Durlach und verputzte den geilsten Burger, den ich bisher gegessen hab. Definitiv einen Besuch wert.

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Eine Stunde warten, meditieren und unter dem vollen Bauch leiden – schon sollte es dann wieder zurück gehen. Allerdings fuhr die S-Bahn nach Mannheim (von wo aus es dann mit dem ICE weitergehen sollte) mit einer derart atemberaubenden Geschwindigkeit, dass sie von einer durch die Dopingkontrollen gefallenen Wellhornschnecke locker hätte überholt werden können. Das Gedränge, die sich übergebende, extrem übergewichtige Frau, die sich an mir vorbeischob und das Fehlen jedweder Luftbewegung oder Klimatisierung machten meine ohnehin schon vorliegende Erschöpfung nicht besser – und dem neuerlichen Verspätungsalarm mit Hinweis auf mögliches Verpassen des Anschlusszuges nahm ich nur noch mit stummer Resignation auf. Wie durch ein Wunder (manchmal scheinen die Götter mir wohl gesonnen), erreichte ich den Anschluss dann doch noch, ließ mich in ein nicht reserviertes Abteil plumpsen und atmete erst mal die diesmal gut klimatisierte Luft tief ein. Herrlich, wenn alles funktioniert, wie es soll.

Nach einem Fahrgastwechsel stiegen dann zwei Finanzberater zu, die sich dann darüber unterhielten, dass es ja eine Frechheit wäre, dass so kleine Gewerkschaften, wie die GDL streiken könnte und man müsste die alle zerschlagen. Und überhaupt wäre es total illusorisch, fünf Prozent mehr Geld und zwei Stunden weniger arbeiten zu wollen (ich dachte nur: „Ja, total gemein, dass es Menschen gibt, die tatsächlich GELD haben wollen, wenn sie arbeiten. Warum nicht einfach gleich Zwangsarbeit einführen und ihnen Essens- und Wohngutscheine geben? Soll doch reichen, dafür dass sie die große Ehre haben, dem Unternehmen zu mehr Gewinn zu verhelfen…“). Völlig realitätsfremd sei das.
Kurz darauf unterhielten sie sich dann darüber, dass sie ja keine Lust hätte, ständig im Hamsterrad zu laufen und sich liebend gern beim Tennisspielen oder beim Golf auf exklusiven Plätzen „wo nicht die ganzen Arbeitnehmer rumhängen“ entspannen. Da geht man dann doch gern mal gegen 17 Uhr nachhause. Ist ja schließlich auch genug. Immer diese Arbeit und der ganze Stress, nein, das geht ja nun wirklich nicht. Außerdem schienen die beiden auch schon seit über zwanzig Jahren die gleiche Bahnverbindung zu nutzen und kannten fast jeden Passagier beim Vornamen. Verrückt.

Das war dann der Moment, in dem ich die beiden in meiner Fantasie am liebsten so lange mit den Köpfen zusammengeschlagen hätte, bis sie lachten und freiwillig zugaben, dass es andere Leute gibt, die genauso viel Stress hätten, deutlich weniger verdienten und ein verdammtes Recht darauf haben, streiken zu dürfen.

Glücklicherweise musste ich das permanente Gerede nicht auf Dauer ertragen – und die mir gegenübersitzende junge Dame war dann doch eine angenehmere Gesprächspartnerin.

Irgendwann gegen 23 Uhr war ich dann doch wieder zuhause. Und bei meiner nächsten deutschlandweiten Reise zu einem wichtigen Termin plane ich sicherheitshalber eine Übernachtung mit ein – das macht das alles extrem viel entspannter. Oder ich spare mir eine Art „Reisekasse“ an und nehme gleich den Flieger. Soll angeblich mit Check-In und so genauso lange dauern, ist in meiner Fantasie aber immer noch angenehmer, als Verspätungen, Rennerei und Stress durch Unzuverlässigkeit.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Später erfuhr ich, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht kam und mich da einfach vergessen hat – es sei ihm also verziehen…
  2. Ich hatte ohnehin kaum geschlafen – schlechte Grundvoraussetzung für Zeitdruck…
  3. Ich weiß, ich weiß, Züge fahren alle mit gebührendem Abstand hintereinander her und sind in Blöcke eingeteilt, damit sie alle noch rechtzeitig bremsen können, falls doch mal was passiert – das änderte aber auch nichts an der amüsierten Vorstellung in meinem Kopf…

Die iCE-App

On 1. August 2014, in Internet, Persönliches, Technik, by Ingo

Vor einer ganzen Weile kam mir schon die Idee für eine neue, wortwörtlich coole, App. Da ich nun aber überhaupt nicht programmieren kann: Stürzt euch einfach auf die Idee. 🙂

Vor ein paar Jahren traf ich mich mit zwei Freundinnen im lauschigen Bielefeld. Es war Sommer, relativ spät (muss um 20:30 Uhr gewesen sein) und wir dachten uns: Es ist immer noch verdammt warm und jetzt gerade so gemütlich draußen: Wir könnten ja mal Eis essen gehen. Schließlich hatten wir uns lange nicht gesehen und viel zu erzählen… Was gibt’s da besseres, als Eis essen? Gesagt, getan. Die Sache hatte nur den Haken, dass niemand von uns wusste, welche Eisdiele denn noch geöffnet hätte.
Nun gab (und gibt es immer noch) die App AroundMe, mit der man sich Sachen in der Nähe anzeigen lassen kann und heutzutage kann man auch GoogleNow fragen und bekommt vermutlich auch eine Antwort. Damals war das nicht ganz so einfach und im Umkreis von 20 km (wir hatten jetzt nicht die Lust noch groß durch die Stadt zu fahren) gab es noch ein einziges Eiscafé, das tatsächlich bis 22 Uhr geöffnet hatte.

Mittlerweile kam mir dann eine ganz neue Idee zur sommerlichen Eisbestückung, gänzlich frei und mobil und unabhängig von Eisdielen. Nun ja, nicht ganz aber fast. Und die geht so:

Es gibt unglaublich viele Apps die Geolokalisierung nutzen, um Sachen in der Nähe zu finden. MyTaxi, Uber und Co. können Taxis oder Mitfahrgelegenheiten präsentieren, Pizza.de (und vermutlich auch Lieferheld), lassen Pizza an einen (festen) Ort liefern. Warum nutzen wir diese großartigen Möglichkeiten der Lokalisierung und Vernetzung nicht auch dafür, um Eis zu bestellen? Das könnte man sowohl als Lieferdienst einrichten (für Eiswagen, die so umher fahren), als auch für die Angebotsplanung und Reservierung in Eiscafés – und es würde die Welt wieder ein Stück schöner machen. Gehen wir das mal schrittweise durch.

Eiscafés

Ihr kennt das vermutlich auch: Ihr habt eine Lieblingseissorte, die es mal in eurem Lieblingseiscafé gab und wenn ihr gerade mal wieder dort seid und sie bestellen wollt, heißt es „tut uns leid, die ist gerade ausverkauft“. Ärgerlich. Wie schön wäre es dann, vorher zu wissen, welche Eissorten gerade verfügbar sind? Und da könnte dann die App weiterhelfen. Eiscafés müssten über ein Online-Angebot eingebunden werden, die dann ihre jeweils tagesaktuellen (oder auch in Echtzeit) gepflegten Eissorten, Preise und Sonderaktionen präsentieren können. Das ließe sich vermutlich auch automatisieren, indem man Eissorten mit QR-Codes bestückt, die dann von der Händer-Variante der App eingescannt und automatisch in der Datenbank verzeichnet werden. Damit haben die Eisverkäufer dann fast keinen Mehraufwand, sie müssten ja nur einmal ihre Eissorten scannen, dafür wüsste jeder Kunde, der die App benutzt, sofort bescheid, welche Sorten zu welchen Preisen da sind. Aus diesen Daten könnte dann auch eine regelmäßig aktualisierte, digitale Speisekarte generiert werden. Über eine Bestellfunktion könnten Kunden dann ihre Eissorten und die Anzahl der Kugeln, und Zutaten wie Sahne, Soße und Krokant zusammentippen, bestellen – und bekämen direkt eine Rückmeldung, wann sie das bestellte Eis abholen könnten. Da sowas meist recht flott geht (ich habe noch nie an einer Eisdiele länger als zwei Minuten warten müssen), lohnt es sich quasi zu gucken, welche Sorten vorhanden sind, zu bestellen und sich dann ins Auto (oder auf’s Rad) zu setzen, um sich dann instantan auf den Weg zur süßen Erfrischung zu machen. Durch die regelmäßige Aktualisierung von Preisen, Sonderangeboten und Aktionen erhöhen sich auch die Werbemöglichkeiten für die Eiscafés. Und für den Kunden wird es einfacher und transparenter, sich einen Überblick über die örtlichen Eiscafés zu machen. Eine Bewertungsfunktion darf natürlich auch nicht fehlen – genauso wenig wie (selbstverständlich freiwillige), digitale Kundenkarten, mit denen sich Bonuspunkte sammeln ließen.

Mobiler Verkauf am Eiswagen

Angenommen man sitzt gerade gemütlich an einem Fluss (Alsterpromenade, Rheinufer, an der Spree oder Weißdergeier wo sonst noch 😉 ) in der Sonne, liest ein Buch und denkt sich: „Woah, wie geil wäre es doch, jetzt ein Eis zu essen?“ Aber weit und breit ist kein Eiscafé in sicht.

Auch dafür gibt es eine Lösung. Wir leben immerhin im 21. Jahrhundert und warum sollte man die vielen Geolokalisierungsdaten nicht auch mal zu etwas (wortwörtlich) coolem nutzen? Alles was es braucht, ist einen Eiswagenfahrer, der ebenfalls die App auf seinem Smartphone installiert hat. So wie Uber oder MyTaxi das mit Autos macht, könnte man es auch mit Eiswagen machen. Der Warenbestand des Eiswagens wird dann genauso gepflegt wie der des Eiscafès: Der Eisbestand wird per Scan in die Datenbank hochgeladen, die Position des Eiswagens über die App per GPS getracked. Ein Kunde könnte also in seine App gucken, sehen wo der nächstgelegenen Eiswagen gerade rumfährt (die könnten auch ihre Touren und Stopps eintragen, sodass ein Kunde sich nur noch rechtzeitig an die richtige Straße stellen müsste) und was er an Eissorten an Bord hat. Dann kann er sein Eis nach seinen Wünschen zusammenstellen und der Eiswagenfahrer würde eine Mitteilung über die Bestellung bekommen. Die App könnte dann auch automatisch eine individualisierte Tour anhand der eingehenden Bestellungen planen, sodass es nicht mehr der zufälligen Menge an Leuten überlassen ist, die irgendwo an der Straße stehen und Eis kaufen wollen, sondern die Bestellungen neben der eigentlichen Tour effizient aufgenommen und geplant werden können. Wenn das funktioniert, wie ich es mir vorstelle, könnte man hinterher viel mehr Eis verkaufen als vorher. Und das Beste daran: Ein Kunde würde sein Eis direkt an seine Geokoordinaten geliefert bekommen – zuzüglich eines GPS-gestützten Annäherungsalarms, sobald der Eiswagen, bei dem er bestellt hat, in die Nähe kommt. Und natürlich ließe sich das in eine Flotten-Lösung einbauen: Wenn ein Eiscafé groß genug ist, um mehrere Eiswagen zu haben, dann könnte eine allgemeine Bestellung aufgegeben werden und der Eiswagen, der in der Nähe ist und Kapazitäten frei hat, könnte dann den Auftrag automatisch zugewiesen bekommen. Das macht die Lieferung effizienter, spart am Ende Sprit und reduziert die Kosten für die Betreiber der Eiscafés.

Aber das kostet doch bestimmt Unsummen!

Nein, nicht unbedingt. Man könnte das Angebot für die Teilnahme der Eisdielen auf einen geringfügigen Monatsbetrag festlegen, der dazu dient, die Entwicklungskosten zu finanzieren und die Server zu betreiben. Da Server und Speicherplatz nun wirklich nicht mehr die Welt kosten, wird das vermutlich viel günstiger, als die Druckkosten einer Vierfarb-Hochglanz-Speisekarte. Da die App es dem Eiscafé ermöglichen würde, viel effizienter und damit auch kostengünstiger zu arbeiten, würde es sich zudem recht schnell bezahlt machen. Für Kunden die selbst kein Smartphone haben und als „Laufkundschaft“ den Laden betreten, könnte man ein einfaches Tablet (das muss ja nicht viel Leistung haben und auch nicht viel kosten) zur Verfügung stellen, mit dem dann die digitale Speisekarte dargestellt wird.

Und wie macht man damit Gewinn?

Gewinn? Gewinn ist nur etwas für Leute, die sich bereichern wollen. Aber ich denke schon, dass man zumindest „davon leben“ könnte, wenn man die Gratis-Variante für die Kunden mit in-App-Werbung unterstützt. Auch Eiscafés könnten hier als Werbepartner gewonnen werden. Statt Anzeigen in der Zeitung, in sozialen Netzwerken oder auf Schildern könnten sie Werbung und Sonderangebote direkt den Kunden präsentieren, die gerade in der Nähe sind (und die ggf. die gerade passenden, verwerflichen aber in diesem Fall nützlichen Social-Graph-Informationen zu Alter, Geschlecht, Kaufkraft und Co. entsprechen). Gewinn ließe sich also durch Werbung erwirtschaften.

Eine andere Möglichkeit wäre vielleicht eine Beteiligung von 2% pro verkaufter Kugel Eis? Oder wird sowas per Kilo abgerechnet? Ich weiß es nicht – ich kenne auch keine Eiscafé-Betreiber, um sie fragen zu können. 🙂 Der Nachteil daran wäre vermutlich, dass der Aufschlag an die Kunden weitergegeben würde und das ist unbedingt zu verhindern. Eine Kugel Eis für 80 Cent ist die absolute Schmerzgrenze. Alles darüber empfinde ich gelinde gesagt als unverschämt. Es müsste sich allerdings zeigen, ob der Einsatz der App womöglich die Effizienz des Verkaufs soweit steigern kann, dass der Preis dadurch gesenkt werden kann. Damit wäre es eine Win-Win-Situation: Die Eiscafés bekommen einen (wortwörtlich) coolen Service für kleines Geld, die Kunden bekommen eine total flexible, transparente und moderne Lösung für das Problem, der Eisbedürfnisbefriedigung – und insgesamt wird es für alle günstiger, sodass die Eiscafés mehr verkaufen und gut davon leben können, die Kunden günstiges Eis bekommen und sich lecker die Plauze vollschlagen können – na und die Betreiber des App-Dienstes könnten den Dienst nach den Eisdielen auch auf allerlei andere Dienste ausweiten, die entweder schon Lieferdienste anbieten oder aber bei denen man sich schon immer gedacht hat: „Jetzt XYZ frisch geliefert bekommen – das wäre geil!“ (hat schon mal jemand über eine mobile Cocktail-Bar nachgedacht? Nein? Na dann wäre das ein Anfang! 😉 ).

Und wenn ihr jetzt denkt: Jau! Geile Idee! Ich kann programmieren oder kenn Leute, die das können und will das unbedingt machen: Vergesst nicht, mir einen „Platin-Account“ für deutschlandweites all-you-can-carry-gratis-Eis zu schenken. Dann kann ich nämlich in Zukunft mit meinen Freundinnen Eis essen gehen, sie einladen und groß damit rumprollen, was für eine tolle Idee ich da doch hatte. 😀

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Soziale Todeswünsche

On 5. Februar 2014, in Internet, by Ingo

Es ist erstaunlich, wie sehr ich alle einig sein, dass Facebook – mittlerweile 10 Jahre alt – es nicht mehr lange machen wird. Von genervten Usern ist die Rede. Von einer Verwandlung des offenen Internets in eine geschlossene Anstalt. Kein wirkliches soziales Netzwerk, sondern eher eine Art „betreutes Posten“ heißt es. Und Vergleiche mit dem Entstehen und Vergehen von anderen großen IT-Unternehmen lassen sich auch vernehmen.

Ist das nun alles nur journalistischer Futterneid? Ein Schlachtruf könnte so lauten: „Haha! Ihr verdient Milliarden mit den Daten anderer Menschen! Alle sind genervt aber trotzdem abhängig! ceterum censeo facebookinem esse delendam!“

Es ist ja sicher richtig, dass Facebook unglaublich nervtötend ist. So wie alles unglaublich nervtötend ist, wenn man sich all zu lang damit beschäftigt. Menschliches Verhalten zeichnet sich nicht gerade durch all zu viel Varianz aus. Wie sollte es auch, sind alle Menschen doch zumindest sehr ähnlich konfiguriert? Online wirkt sich das so aus, dass alle ungefähr die gleichen nervtötenden Dinge machen. Meist teilen sie Bilder, die sie irgendwo gefunden haben. Um damit irgendwas auszudrücken.

Wenn man es genau nimmt, ist da schon einiges an Kommunikation verloren gegangen. Die Leute drücken ihre Meinung nicht mehr aus – sie teilen ein Bild. Die eigentliche Botschaft stammt also gar nicht mehr von ihnen selbst, sondern äußert sich nur noch in stummer Zustimmung. Dabei kann es zu einiger Verwirrung führen: Manch einer postet ein Bild oder einen Spruch auch einfach nur, weil es ihm gefällt und nicht weil er die Meinung in stummer Übereinkunft übernehmen will. Am Ende kommt dann tatsächlich „Geschnatter“ dabei raus. Kein sozialer Austausch, sondern vielmehr ein Stakkato von Meinungen, Dingen, die gemocht werden, Bildern, unzusammenhängenden Dingen, die irgendwo aufgeschnappt wurden.

Die geschlossene Anstalt

Dass Facebook ein geschlossenes Netz ist, ist nicht weiter merkwürdig. Nur, wenn man die Leute bei der Stange hält, kann ihre Daten auswerten und Werbung verkaufen. Also integriert man alle Dienste aus dem offenen Netz in das geschlossene. Das macht auch nicht nur Facebook allein so. Google+ ist da nicht viel anders (auch wenn schon gefühlt viel, viel cooler ist und mit viel mehr Inhalten aufwartet) und Twitter ist zwar offener, hat aber auch einen entsprechenden Integrationssog.

Soziale Netzwerke, wie wir sie kennen, integrieren durch Exklusionseffekte. Das klingt verwirrend widersprüchlich? Nun, ich will’s erklären: Ich selbst route meinen Blog (also da das, was ich hier schreibe) auch zu Facebook und Google+ und Twitter. Ich stelle entsprechend fest, dass mein „Freundeskreis“ nur dann liest, was ich so von mir gebe, wenn sie es in ihren entsprechenden Accounts vor die Nase gelegt bekommen. Sie kommentieren auch nicht etwa die Blog-Artikel, sondern die Facebook- oder Google+-Einträge, an die sie weitergeleitet wurden. Inklusion durch Exklusion meint hier: Was nicht im System integriert ist, wird ausgeschlossen. Es wird nicht weiter wahrgenommen und führt zu keiner weiteren Reaktion. Und das wiederum löst eine Art „sanfte Gewalt“ (Bourdieu lässt grüßen) aus, die dazu führt, dass man gezwungen wird, Inhalte in die geschlossene Anstalt zu kippen, wenn man will, dass man wahrgenommen wird.

Düstere Prophezeiungen

Was ist nun aber mit all den düsteren Prophezeiungen vom Untergang Facebooks? Es ist das größte der Netzwerke und hat sich geradezu zur digitalen Weltherrschaft aufgeschwungen, verliert aber angeblich auch immer wieder Nutzer. Hochmut und Fall scheinen hier integraler Bestandteil zu sein – und gerade für die Medien ist das gefundenes Fressen, noch eine Runde darauf einzuhacken. „Was kommt danach?“ fragen die einen, „Der König ist tot, es lebe der König!“ rufen die anderen.

Ich frage mich eher: „Gibt es überhaupt ein zurück?“ Wir sind jetzt so von geschlossenen Gesellschaften angefixt worden, dass viele schon verlernt haben, das offene Netz zu nutzen. Überall lauern Logins, drohen PayWalls und locken Integrationsversprechungen, nur um Inhalte dann in ein System zu gießen. Dabei müsste man Inhalte gar nicht vom offenen Internet in ein geschlossenes System schicken, nur um sie mit „den Freunden“ zu teilen, wenn „die Freunde“ einfach die offenen Inhalte lesen würden.

Jedes neue Star-up, das irgendwas mit dem Internet machen will, läuft aktuell darauf hinaus, ein System zu entwickeln, dass irgendwelche Inhalte einsammelt, damit man sie mit Freunden teilen kann. Die dann natürlich auch erst mal in das geschlossene System integriert werden müssen… und so weiter, und so fort.

Nein, ich denke, es wird Zeit, die düsteren Prophezeiungen vom Untergang des sozialen Abendlandes und der großen sozialen Netzwerke sein zu lassen. Außerdem sollten wir das Internet vielleicht wieder so nutzen, wie es „früher mal“ war: Als offene, dezentrale Infrastruktur, bei der einfacher jeder mit jedem anderen jederzeit Inhalte austauschen kann, wenn er will. Ohne, dass diese Inhalte erst von irgendwem integriert, verwaltet und vermarktet werden müssen.

Ja – ich bin der Ansicht, wir müssen das Internet und soziale Netzwerke nicht neu denken. Wir müssen sie alt denken. Einen Schritt zurück machen ist keine Schande. Im Gegenteil: Es führt dazu, dass man einen besseren Überblick darüber bekommt, wohin der Weg geführt hat, den man gegangen ist.

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Nichts zu verbergen haben…

On 28. Januar 2014, in Gesellschaft, by Ingo

Manchmal denke ich, dass die Leute, die sagen, dass sie kein Problem mit Überwachung habe, weil sie ja nichts zu verbergen haben, die gleichen Leute sind, die in einen 100 km entfernten Swingerclub gehen, um dort nicht erkannt zu werden – und dann völlig erstaunt auf ihre Bankberaterin, oder die Lehrerinnen ihrer Kinder treffen, die genau die gleiche Idee hatten… ^^

Update, weil’s gefragt wurde: Nein. Ich gehe nicht in Swingerclubs. Die sind mir zu weit weg. 😉

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Gedanken zum „kaputten Internet“

On 22. Januar 2014, in Philosophie, by Ingo

Seit einigen Wochen treibt mich das Thema „kaputtes Internet“ um. Ich habe ja schon angefangen darüber zu schreiben – aber mittlerweile wird es ein wenig drängender damit. Im Modern-Nerdfare-Team wollen wir alsbald anfangen, das Ganze in einen Podcast zu gießen (eigentlich experimentieren wir nur mit dem Medium „Podcast“ herum, denn vielleicht hören mehr Leute als sie lesen und damit könnte sich der Rezipientenkreis erweitern lassen) und so muss ich erst einmal wieder einen Schritt zurücktreten, Gedanken sortieren und das Problem von verschiedenen Seiten beleuchten.

Meine Art der „Beleuchtung“ nennt David gern „pfennigfuchsen“, weil ich mir halt genau ansehe, welche Begriffe in der Debatte benutzt werden und ob sie überhaupt richtig verwendet werden. Schließlich wollte er eine Nerd-Philosoph-Diskussion podcasten. Nun, das kann er haben. 😉

„Kaputt“ – was soll das überhaupt meinen?

Zunächst einmal wird in der öffentlichen Debatte und im Schlagabtausch zwischen Bloggern, Journalisten und allen dazwischen der Begriff „kaputt“ gleich auf zwei völlig von einander verschiedene Dinge angewandt: Auf das Internet von Sascha Lobo und auf die Menschen von Martin Weigert.

Zu sagen, das Internet sei kaputt ist zwar begrifflich richtig, der Wahrheitswert der Aussage ist jedoch negativ. Zumindest wird der Begriff „kaputt“ hier richtig angewandt, denn nur Artefakte können kaputt gehen. Dinge, die wir selbst geschaffen haben, die technisch sind. Der Wahrheitswert entspricht dem, was Harry Frankfurt als „Bullshit“ bezeichnet hat. Das Internet ist nämlich nicht kaputt. Im Gegenteil: Es funktioniert großartig. Sascha Lobo benutzt also einen Begriff, der auf eine Infuktionalität hinweisen soll und verwendet ihn, weil die Vertraulichkeit der Kommunikation über das Medium Internet beeinträchtigt ist. Zumindest am Anfang sieht er noch ein, dass es rein technisch durchaus noch ganz prima funktioniert – am Ende des Textes ist es dann aber trotzdem der falsche Begriff des „kaputt seins“. Und da er ihn nicht nur falsch verwendet, sondern sich für diese Falschheit gar nicht weiter interessiert, ist das Bullshit im Frankfurtschen Sinne.

Martin Weigert macht das ähnlich. Für ihn sind die Menschen und ihr Sicherheitsbedürfnis kaputt. Nun, Menschen können nicht kaputt gehen. Zwar leben wir in einer recht technisch betrachteten Welt, dennoch werden Menschen krank und sterben allerhöchstens. Kaputtgehen könnten vielleicht die künstlichen Hüftgelenke, die so ein Mensch mit sich herumträgt. Damit ist auch die Aussage, dass die Menschen kaputt seien, die da Internet benutzen, offensichtlicher Bullshit, der die Wahrheitswerte der Aussage schlicht ignoriert.

Ok. Ich will zumindest versuchen, das mediale Bullshit-Level zu verlassen. Wenn das Internet nicht kaputt ist, da es ja offensichtlich noch ganz großartig funktioniert und die Menschen gar nicht kaputt sein können, sondern allerhöchstens krank werden – bleibt die Frage: Was genau geschieht hier eigentlich gerade?

Das Verwenden von Informationen und das Problem der Privatsphäre

Der aktuelle Schock über die Spionage und das massenhafte Sammeln von Daten basiert meiner Ansicht nach auf einen Irrtum, welcher durch das Gefühl ausgelöst wird, dass die Dinge, die wir in unsere Browser-Fenster oder Mailprogramme tippen privat sind und bleiben. Ich will versuchen, dieses irrtümliche Gefühl greifbarer zu machen:

Wenn wir Dinge in unsere Computer oder Smartphones eingeben, dann sind wir die meiste Zeit über allein. Wir sitzen allein vor dem Computer und beim Smartphone ist es noch intimer, denn das haben wir immer in der Hand. Nur selten sieht uns jemand über die Schulter und sieht, was wir tun. Das erzeugt das Gefühl, das wir privat für uns allein wären. Und genau da kommt ein Problem auf uns Internetnutzer zu: Wir glauben, dass wir privat für uns sind und dass die Dokumente, Bilder und Videos, die wir auf die Server von Google, Dropbox und Co. laden auch nur von uns gelesen und bearbeitet werden können. Genau an dieser Stelle machen wir einen Fehlschluss. Wir geben die Daten aus der Hand und glauben, sie lägen nur für uns auf den Servern bereit. Und sind dann schockiert, wenn es Unternehmen oder Geheimdienste gibt, die uns dieser selbsterzeugten Illusion berauben.

Interessant daran ist, dass es nur die „jüngere Generation“ zu treffen scheint. Ein Freund von mir ist mit seinen knapp 53 Jahren schon durchaus ein Dinosaurier – aber schon immer einer, der sich intensiv mit Technik beschäftigt, seine Computer meist selbst baut und früher selbst damit gehandelt hat. Jemand, der die Gründerzeit der IT miterlebt hat, wenn man so will. Und das beste ist: Er traut all den sozialen Netzwerken und Cloud-Speichern nicht.

„Wenn ich Sachen auf meiner externen Festplatte speicher, dann kann ich sie mir in die Schublade oder in den Schrank legen. Dann weiß ich wo die Daten liegen und auch, wer darauf zugreifen kann. Nämlich ich selbst, wenn ich die Platte in Händen halte. Diesem ganzen Cloud-Mist trau ich nicht über den Weg. Ich weiß dann ja nicht einmal genau, wo meine Daten landen. Und wenn ich sie überall zugreifbar haben will, dann nehm‘ ich halt ’nen USB-Stick mit.“

Worte, die veraltet klingen, in Zeiten, in denen alles überall via Internet zugreifbar ist, wir unserer Arbeit, unser Hobbys und unsere Fotos immer und überall abrufbar mitnehmen können und es toll finden, keine Sticks und Festplatten mit uns herumtragen zu müssen. Wenn man aber genau darüber nachdenkt, dann berauben wir uns damit selbst der Kontrolle über unsere Daten. Wir geben sie an andere und nutzen ihre Dienste, um auf unsere (möglicherweise sehr intimen) Daten zuzugreifen. Und weil wir allein sind, während wir sie speichern, glauben wir, dass auch nur wir allein diese Daten sehen können.

Wichtig zu bemerken ist, dass es unsere Entscheidungen sind, die all das erst ermöglichen. Wir entscheiden uns dazu, unsere Daten abzugeben, weil wir den Werbeversprechen glauben, dass das alles ungemein praktisch ist und toll und hip. Dass USB-Sticks oder Festplatten mit sich herumtragen nicht mehr zeitgemäß ist. Und damit entscheiden wir uns dazu, unsere Daten Unternehmen anzuvertrauen und die volle Kontrolle über die Daten aufzugeben. Das ist wichtig: Wir haben die Kontrolle über die Daten nicht etwa verloren; sie ist uns auch nicht entrissen worden. Wir haben sie bewusst aufgegeben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Wurde das Vertrauen in das Internet kaputtgemacht?

In den frühen 90ern glaubten Mediensoziologen noch, dass da Internet die Menschen zusammenführen würde. Differenzen könnten aus der Welt geschafft werden, grenzenlose, schichtübergreifende Kommunikation und Anonymität könnten einen noch nie da gewesenen kulturellen und politischen Austausch ermöglichen.

Knapp 15 Jahre später sahen sie ein, dass sie sich irrten.

Das Internet führt Menschen zusammen – das ist richtig. Aber nur Menschen mit gleichen Interessen und aus den gleichen sozialen Schichten. Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Internet auf nahezu gleiche Art und Weise ab, wie „im echten Leben“.[1] Die Illusion, dass das Internet der verheißungsvolle Garten Eden ist, in dem alle weltlichen Differenzen hinter uns zurückbleiben, zerplatzt in der Wissenschaft also recht schnell. Im Rest der Gesellschaft wollte diese Desillusionierung allerdings nicht recht fruchten. Ich vermute, die Botschaft einfach nicht werbewirksam genug gewesen ist, denn, wenn man die Wissenschaft unter die Leute bringen will, muss man einen Veröffentlichungsweg wählen, den die Menschen verstehen, mögen und auch rezipieren wollen. Wissenschaftliche Abhandlungen sind meist nicht all zu spannend geschrieben – und deswegen wollen die Leute sie meist gar nicht erst lesen.

Ich stelle an dieser Stelle fest: Wir hatten ein gewisses Vertrauen in das Internet – aber es war nicht berechtigt. Die hohen Erwartungshaltungen konnte es nicht erfüllen. Der Glaube daran, dass wir die Kontrolle über unsere Daten behalten, auch wenn wir sie einem anderen anvertrauen, ist schon von Anfang an äußerst fragwürdig. Immerhin geben wir sie ja weg und haben als Garantie dafür, dass sie privat bleiben, nur Vertragsbestimmungen, die sich sowohl ändern als auch von beiden Seiten aufgekündigt werden können. Ich finde, das ist nicht viel.

Das Vertrauen in das Internet war also, sachlich betrachtet, nicht all zu gerechtfertigt. Wie kann etwas, dass ohnehin fragwürdig ist, noch weiter zerstört werden? Eine Frage, die ich zunächst offen lassen will.
Dass die Geheimdienste hier nun alles einsammeln, was sie kriegen können, ist eigentlich nur verständlich. Dazu sind Geheimdienste da. Das ist ihre Kernaufgabe. Und wir haben ihnen dabei große Dienste getan, in dem wir alles brav abgeliefert haben. Immerhin hatten wir, was die Angebote angeht, ja auch einen Nutzen davon: Statt Diaabende zu veranstalten konnten wir Fotos direkt in soziale Netzwerke kippen. Da können wir zwar nicht gemeinsam mit unseren Freunden ein Bier trinken, Chips knabbern, lachen und Erinnerungen teilen – aber wir können Kommentare lesen und schreiben und jeder allein für sich Bier trinken und Chips knabbern. Dann „fühlt es sich zumindest so an“, als würde man etwas mit Freunden erleben, auch wenn man es nur teilt. Teilen ist nämlich nicht gleich erleben. Das ist eine Erfahrung, die eigentlich jeder selbst machen kann. Probiert es mal aus: Trefft euch mit fünf Freunden, einer Kiste Bier und jeder Menge ungesundem Knabberkram auf ein paar Filme. Und dann ladet die gleichen Freunde eine Weile später mal zu einem Hangout mit Lovefilm oder einem der vielen anderen Streaming-Angebote ein. Der Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen ist deutlich.

Meine, recht kritische, Diagnose dazu ist (obgleich sie nicht ganz genau ins Thema passt): Wir sind zu bequem geworden, um zu leben. Wir finden immer neue Ausreden dafür, uns nicht mit unseren Freunden zu treffen. Sie wohnen zu weit weg, man müsste ja erst quer durch die Stadt fahren und überhaupt ist das alles viel zu anstrengend. Wir wollen keine Risiken eingehen. Wir wollen alles schön warm, kuschelig und sicher. Also bloß nicht das Haus verlassen (da passieren trotzdem immer noch die meisten tödlichen Unfälle) und alles über’s Internet teilen. Warum sollten wir Freunde fragen, ob sie zu einem Konzert mit wollen? Wir können ihnen doch Fotos schicken. Die Kehrseite: Romantisches Essengehen zu zweit findet meist in Begleitung vieler Online-Freunde statt, denen wir ja Fotos vom Teller in soziale Netzwerke stellen müssen. Phubbing olé!

Wenn wir nun also feststellen, dass wir die ganze Zeit eine hübsche, digitale Illusion gelebt haben, schockiert aufwachen und uns darüber beklagen, dass die Welt schlecht, gemein und überhaupt menschenunwürdig ist… nun, was soll ich sagen? Vielleicht sollten wir uns erst einmal an die eigene Nase fassen und uns fragen, was uns überhaupt geritten hat, dass wir die Illusion der Wirklichkeit vorziehen. Vielleicht ist das auch nur ein Ausdruck von Realitätsflucht. Früher flüchteten die Menschen in Bücher und spannen sich ihre Geschichten darum zusammen, heute übernimmt das das Internet und gaukelt uns eine schöne heile Welt vor, in der wir alle zusammen sind und tolle Dinge teilen (auch wenn wir sie niemals miteinander erleben können).

Schlussfolgerungen

Das Internet funktioniert prächtig und es macht genau das, wozu es erfunden wurde: Es verteilt Informationen. Die Art und Weise, auf die wir es verwenden, ist jedoch an Hoffnungen geknüpft, die vor allem recht werbewirksam von Unternehmen in die Welt gebracht worden sind. Wir lebten Jahre lang mit einem falschen Gefühl der Privatsphäre und einem falschen Gefühl der Sicherheit und stellten jetzt fest, dass es Institutionen gibt, vor denen wir faktisch nackt sind. Institutionen, die alles über uns wissen und damit noch viel mehr über uns vorhersagen könnten. Das Internet wurde nicht „kaputt gemacht“. Wir haben es nur von Anfang an mit den falschen Vorbedingungen benutzt.

Wenn, dann haben es nicht die Geheimdienste „kaputtgemacht“, sondern wir alle. Jeder Einzelne von uns. Es muss also nicht komplett neu aufgebaut werden. Wir müssen nur unser Verhalten ändern. So ist das Leben nun mal: Es stößt uns nicht einfach zu, wir entscheiden uns für oder gegen etwas. Jetzt müssen wir uns entscheiden, wie wir das Medium, das unsere Informationen beherbergt und verteilt weiter nutzen wollen. Ob wir weiterhin die Kontrolle über unsere Inhalte aufgeben und darauf vertrauen wollen, dass andere sie für uns schon sicher aufbewahren. Wir müssen die Entscheidung treffen, wie viel Macht über unsere Inhalte wir anderen wirklich überlassen wollen.

Und wir müssen uns bewusst machen, dass all diese Entscheidungen sich zunächst nur auf einen klitzekleinen Teil des Internets beziehen werden, nämlich den Teil, den wir alle sehen, lesen und kommentieren können.

Alle anderen Teile – vom Geldtransfer bishin zu Verkehrsleitsystemene – werden Teil anderer Überlegungen.

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. Ich halte den Ausdruck für falsch, denn nur weil etwas über ein Medium vermittelt wird, wird es damit ja noch lange nicht unecht.
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